Alzheimer: Das Leben geht weiter
Demenz gilt als eine Erkrankung des höheren Alters. Es kann aber auch jüngere Menschen treffen, die mitten im Leben stehen. Die Diagnose ist für sie ein besonders großer Schock, doch das Leben geht weiter. Zwei Erfahrungsberichte.
Lesedauer ca. 8 Minuten
Andrea S. war 53 Jahre alt und hatte eine eigene Firma, als Alzheimer Demenz bei ihr diagnostiziert wurde:
Im Oktober 2020 nach einer Covid-Erkrankung hatte ich plötzlich Gedächtnisstörungen, Wortfindungsstörungen und Orientierungsprobleme. Ich habe mich darauf versteift, dass ich Long Covid habe. Demenz kam mir gar nicht in den Sinn. Damit hatte ich bis dato keine Berührung, das hatte es in unserer Familie nicht gegeben. Auch die Ärzte konnten mir nicht sagen, was mit mir los war. Erst in der dritten Klinik wurde die Alzheimer Demenz diagnostiziert. Den Moment werde ich nie vergessen, das war ganz schlimm. Ich hatte eine Freundin dabei. Wir waren beide geschockt und haben geweint. Mit Long Covid hätte ich die Hoffnung gehabt, dass es irgendwann wieder besser wird, aber mit Demenz?
Die Diagnose hat mich sehr verunsichert und mir meine positive Einstellung genommen. Das schwebt jetzt immer über mir und bestimmt meine Gedanken. Sobald ich etwas vergesse, denke ich, dass es wieder schlimmer wird. Früher hätte ich das gar nicht hinterfragt, dann wäre es halt so gewesen. Manchmal glaube ich, es wäre besser, wenn ich gar nicht wüsste, dass ich Alzheimer habe. Es ist im Prinzip wie nach einer Knie-OP: Der Arzt sagt, dass man wieder auftreten und laufen kann, aber man hat Angst, dass es noch wehtut. Die Diagnose war so ein Schlag. Man ist nicht mehr gesund und traut sich nicht mehr zu ‚laufen‘.
Im Alltag muss ich jetzt vor allem aufpassen, dass ich keinen Stress habe. Solange ich alles in Ruhe machen kann, ist es in Ordnung. Aber wenn Stress aufkommt, funktioniert der Kopf nicht mehr. Dann ist irgendwie alles weg. Mein Neuropsychologe sagt immer, ich solle das tun, was mir gut tut. Das muss man erst mal verinnerlichen. Normalerweise denken wir ja immer daran, was wir alles leisten müssen. Und wenn wir müde sind, müssen wir halt einen Kaffee trinken. Ich war selbständig und hatte eine Hausverwaltung, da arbeitet man rund um die Uhr. Souverän habe ich die Eigentümerversammlungen geleitet. Wenn es da Fragen gab, hatte ich alles im Kopf, die entsprechenden Gesetze und solche Sachen. Und das war plötzlich weg. Die Firma musste ich nach der Diagnose aufgeben. Das war wirklich schlimm für mich, damit muss man erstmal lernen umzugehen.
Es kommt tatsächlich vor, dass ich eine Woche lang nicht dusche, weil ich es einfach vergesse. Da braucht man Hilfsmittel: Ich schreibe mir jetzt in meinem Handy immer auf, wenn ich geduscht habe. Ich sorge dafür, dass ich nur einen Termin pro Tag habe. Ich habe ein Buch, in das ich alles reinschreibe, was ich nicht vergessen darf. Und ich habe mein Handy. Alexa hat einiges übernommen, zum Beispiel sage ich ihr, was fehlt, und sie erstellt meine Einkaufsliste. Im Auto liegt ein laminiertes Bild von einem Schlüssel, damit ich ihn mitnehme, wenn ich aussteige. An unserer Haustür erinnert mich ein Zettel daran, den Haustürschlüssel einzustecken. Mein Mann hat vorgeschlagen, dass ich mir im Bad einen Duschplan aufhänge, den ich abhaken kann. Aber das wäre mir peinlich, wenn jemand zu Besuch kommt und sieht, dass ich einen Merkzettel zum Duschen brauche.
"Sag mal, hast Du Demenz?"
Mit meinem Mann kam es am Anfang oft zu Streit. Weil ich manche Sachen dreimal frage und gleich wieder vergesse. Oder weil ich etwas ganz Einfaches nicht verstehe. Da ist er manchmal ungeduldig geworden. Er hatte früher eine megatoughe Frau, mit eigner Firma und fünf Angestellten, die alles irgendwie gemanagt und sich auch um die Familie gekümmert hat. Die Veränderung war schwierig für ihn. Inzwischen begleitet er mich, wenn ich in die Klinik nach Bonn fahre. Er hat mit meiner Ärztin gesprochen und mehr Verständnis für die Krankheit.
Mit einer Freundin wäre der Kontakt fast abgebrochen. Sie hatte sich zurückgezogen. Sie wollte für mich da sein, wusste aber einfach nicht, wie sie mit mir umgehen sollte. Das hat sie völlig überfordert. Vielleicht weil ich immer diejenige war, die sie unterstützt hat, und nicht umgekehrt. Bis wir dann drüber gesprochen haben und ich ihr erklärt habe, dass sie mich behandeln soll wie immer, dass sich nichts verändert hat. Eine andere Freundin ist dagegen meine große Stütze. Sie liest viel über Alzheimer und versteht es, wenn ich anrufe und weine. Als ich ihr von meiner Angst erzählt habe und dass ich das Gefühl habe, dass mich alles erschlägt und ich gar nicht mehr klar denken kann, da hat sie mich zum Beispiel daran erinnert, dass ich mir doch so eine Handpan kaufen will, um damit Musik zu machen. Sie hört mir zu und ist eine ganz große Hilfe.
»Ich kann verstehen, dass die Leute sauer werden. Man kann sich nicht mehr auf mich verlassen.«
In der Klinik wurde mir gesagt, dass ich mit der Diagnose offen umgehen und es jedem sagen soll. Wir wohnen in einem Ort mit 950 Einwohnern. Da kennt jeder jeden. Ich spreche es an, wenn mir wieder irgendetwas passiert ist. Aber man wird dadurch auch ausgeschlossen. Einmal waren wir zu einem Geburtstag eingeladen und ich sollte einen Salat mitbringen. Als wir da angekommen sind, hatte wir leider keinen Salat dabei, weil ich es einfach vergessen hatte. Ich habe mich unheimlich geschämt und kann verstehen, dass die Leute dann sauer werden. Man kann sich nicht mehr auf mich verlassen. Manchmal bin ich in solchen Momenten schon weinend nach Hause gefahren.
Im Strickkreis gab es eine Situation, da habe ich dreimal hintereinander dasselbe gefragt. Eine der Frauen fragte, wahrscheinlich ohne es wirklich zu meinen: “Sag mal, hast du Demenz?” Ich habe ihnen dann gesagt, wie es ist: “Ich habe tatsächlich Alzheimer Demenz. Es kann auch sein, dass ich etwas vergesse. Oder dass ich öfter etwas frage.” Die Frauen haben sehr gut reagiert, indem sie gar nichts gesagt haben. Die haben das einfach angenommen, und gut. Das liegt vielleicht auch am Alter. Ich bin die Jüngste dort. In einem höheren Alter ist es ja größtenteils normal, vergesslich zu sein oder auch schon Demenz zu haben. Vielleicht fühle ich mich auch deshalb so wohl bei denen.
Nach der Diagnose
Wie geht es weiter? Wo finde ich Hilfe? Was tut mir jetzt gut? Was sollte ich erledigen? Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz bietet eine Checkliste mit wichtigen Hinweisen, was nach einer Alzheimer-Diagnose zu tun ist: Checkliste
Weitere Informationen über Unterstützungsangebote, finanzielle Fragen und Hilfen für Angehörige unter www.deutsche-alzheimer.de
Zusammen mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft haben wir eine Selbsthilfegruppe gegründet. Ich habe mir so etwas gewünscht, weil es in meinem Umfeld außer mir niemanden gibt, der diese Krankheit hat. Jetzt treffen wir uns alle vier Wochen. Da ist auch eine andere Frau dabei, die erst 56 ist. Es tut mir wirklich gut, mit Leuten zu sprechen, die in einer ähnlichen Lage sind. Beim letzten Treffen habe ich von meiner großen Angst erzählt. Ich weiß gar nicht genau, wovor ich Angst habe. Klar, die Krankheit kommt früher oder später auf mich zu, aber jetzt geht es mir noch gut. Und aus dieser Angst ist eine große Traurigkeit geworden. Einige aus der Gruppe kannten diese Gefühle und sagten, dass sich das auch wieder beruhigen würde. Es war gut zu hören, dass das normal ist und dazugehört.
Die 61-jährige Ines Naylor-Wesemann hat als Erzieherin gearbeitet, bis bei ihr Alzheimer Demenz diagnostiziert wurde.
2018 fingen die Probleme an. Mein Hausarzt wiegelte ab, weil ich nur Sachen vergaß, die länger zurücklagen. Ich war erst 53 und in dem Alter konnte er sich eine Demenz wohl nicht vorstellen. Auch in der Gedächtnisambulanz hieß es zunächst, das liege an meinem Rheuma. Aber dann wurde es auf der Arbeit immer schwieriger. Ich habe im Kindergarten gearbeitet und wir mussten uns tausend Sachen merken: Welches Kind heute von der Tante abgeholt wird, um wieviel Uhr der ADAC ein Verkehrstraining macht, so etwas. Ich brauchte immer mehr Merkzettel und habe trotzdem immer mehr vergessen. Meine Kolleginnen haben das lange aufgefangen, weil sie wussten, dass ich viel Erfahrung habe und eine gute Erzieherin bin. Aber dann sollte ich in eine andere Kita versetzt werden. Das war das Ende: Ich bin zusammengebrochen. Mit Burnout und Depression kam ich für zehn Wochen in eine Klinik. Dort sollte ich einmal die Woche zur Therapeutin gehen und bin dabei immer mal wieder in einer falschen Etage und einem falschen Flur gelandet. Da war klar, dass etwas nicht stimmt, endlich wurde ich getestet.
Mit der Diagnose brach für mich eine Welt zusammen. Das Schlimmste war für mich, dass ich keine richtige Oma mehr werden konnte. Ich wollte immer eine Oma sein, die für ihre Enkelkinder da ist und die auch ihre Kinder entlastet. Das war mein Traum. Und davon musste ich Abschied nehmen. Meine Kinder haben noch keine Kinder und wenn es endlich soweit ist, werde ich viele Sachen nicht mehr können. Ich weiß ja nicht, wie sehr ich schon nächstes Jahr abbauen werde. Die Erkrankung geht ja stetig weiter.
Nichts verpassen!
Mit unserem Newsletter „Prinzip Apfelbaum“ verpassen Sie keine Ausgabe. Wir senden Ihnen regelmäßig Anregungen, Rat und Service – kostenlos per E-Mail in Ihr Postfach.
Am Anfang bin ich jeden Morgen wach geworden und habe gedacht, Mist, ich habe Alzheimer, alles geht den Bach runter. Irgendwann hörte das aber auf. Der Wahnsinnsschock und der Schmerz lassen irgendwann nach. In meinem Wohnort gab es einen Gesprächskreis für Angehörige, aber nicht für die Betroffenen selbst. Aber ich hatte Glück, meine beste Freundin, die Soziales studiert hat, hat eine Selbsthilfegruppe für jüngere Alzheimer-Betroffene gegründet. Alle 14 Tage habe ich jetzt meine Selbsthilfegruppe. Auch bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft habe ich eine Selbsthilfegruppe gefunden. Außerdem engagiere ich mich dort im Beirat „Leben mit Demenz“.
Wenn ich zu der Selbsthilfegruppe nach Hannover fahre, suche ich mir vorher alle Informationen zu meiner Reise und mache mir Screenshots davon und schreibe auch etwas auf. Damit geht es bislang noch ganz gut. Bei mir zuhause hängt alles voller Zettel: “Herd aus!”, zum Beispiel. Einmal habe ich mir Essen aufgewärmt und habe nicht daran gedacht, dass man das Essen im Topf umrühren muss. Erst als es anfing zu brennen, habe ich den Topf vom Herd genommen. Damit rechnet man ja nicht, dass man sogar vergisst umzurühren. Was kommt als nächstes, was ist der nächste Aussetzer? Ich weiß gar nicht, was ich noch alles auf Zetteln aufschreiben soll.
»Die meisten Leute kennen Demenz nur, wenn man völlig gaga ist.«
Die meisten Leute kennen Demenz nur, wenn man völlig gaga ist. Aber mit jüngeren Betroffenen wie mir kann man ja ganz normal sprechen. Selbst mein Rheumatologe wollte es erst nicht glauben und hat dreimal nachgefragt, ob die Diagnose auch tatsächlich bestätigt ist, er merke ja gar nichts. Es gibt Leute, die wünschen mir „gute Besserung“. Das finde ich immer ganz spannend. Gute Besserung. Als wäre ich in vier Wochen wieder gesund. Wie viel Kraft die Krankheit mich kostet, sehen die meisten nicht.
Ich denke, dass sich manche Leute zurückziehen, weil sie schon daran denken, wie es weitergehen wird. Sie befürchten, dass ich irgendwann nur noch das Gleiche erzählen oder sie gar nicht mehr erkennen werde. Also lohnt es sich nicht mehr. Manche scheinen richtige Berührungsängste zu haben. Ich melde mich jetzt auch weniger bei meinen Freunden und Bekannten. Ich habe immer Angst, dass sie denken, dass ich mich nicht mehr für sie interessiere, was nicht stimmt. Eine Freundin wurde mit dem Fahrrad angefahren und hatte einen Beckenbruch. Ich habe danach nur leider vergessen, sie nochmal anzurufen und zu fragen, wie es ihr geht.
Ich empfinde es als sehr verletzend, wenn mir Leute sagen, „na ja, es hat ja jeder so sein Päckchen zu tragen“, „der und der hat ja auch Diabetes“. Ich würde Diabetes sofort im Tausch nehmen! Oder wenn ich sage, dass ich eine Lebenserwartung von sechs bis acht Jahren habe, und zu hören bekomme, das sei doch nicht so schlimm, ich könnte ja auch morgen überfahren werden und tot sein. Ich denke, vielen ist meine Krankheit einfach peinlich.
Selbsthilfe
Angehörige und Menschen im frühen Stadium einer Alzheimer-Erkrankungen finden in einer Selbsthilfegruppe viel Verständnis und Informationen. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft bietet ein Verzeichnis der verschiedenen Unterstützungsangebote bundesweit: Adressen
Wenn man in einer Selbsthilfegruppe von seinen Aussetzern erzählt, dann wissen die anderen sofort, wovon man spricht. Es ist, als würde man plötzlich auf einer anderen Ebene sein, nicht mehr verstehen, was um einen herum geschieht. Noch geht das bei mir nach ein paar Minuten vorbei und ich komme wieder zurück. Irgendwann wird dieser Schritt zurück nicht mehr gehen, davor habe ich Angst. Einmal habe ich in den Kühlschrank geschaut und wusste, dass die Milchtüte in der Tür steht, aber ich konnte sie einfach nicht sehen. Ich war verzweifelt, das war wie so ein blinder Fleck. Ein paar Stunden später habe ich sie dann ganz fett in der Tür stehen sehen, die Milchtüte. Wenn Sie das in so einer Gruppe erzählen, sagen die Leute: “Das kennen wir. Das geht uns genauso. Und auch unsere Angehörigen verstehen es nicht.” Dann weiß man: Das ist normal, was man da erlebt. Ich versuche den Leuten, die neu in die Gruppe kommen, auch zu zeigen, dass das Leben weitergeht. Du wirst irgendwann nicht mehr jeden Morgen an Alzheimer denken. Und schau, ich genieße das Leben. Ich freue mich, ich lache und du wirst da auch hinkommen. Das finde ich ganz wichtig.
Nach der Diagnose sagte der Neurologe: “Sie haben jetzt zwei Jahre, in denen es stabil bleiben wird. Genießen Sie die Zeit, machen Sie Urlaub!” Da hat mich erst meine Mutter zu einem Urlaub eingeladen und dann mein Freund. Ich bin in meinem Leben selten in den Urlaub gefahren. Größere Reisen kannte ich gar nicht, dafür fehlte mir das Geld als alleinerziehende Mutter. Umso mehr habe ich diese Reisen jetzt genossen, das war für mich pure Lebensqualität.
Wenn ich dran denke, wie es mir später einmal gehen wird, wünsche ich mir eigentlich, einen begleiteten Suizid in Anspruch zu nehmen. Natürlich möchte ich jetzt noch nicht sterben. Doch in einem späteren Stadium der Krankheit ist es nicht mehr möglich, die Hilfe zu bekommen, weil man ja nicht mehr entscheidungsfähig ist. Das finde ich ganz schlimm.
AUFGEZEICHNET: Wibke Bergemann
FOTOS: Todamo / iStock, J. Murdoch / Unsplash, Liudmila Chernetska / iStock, Florencio Horcajo Alvarez / iStock