No. 37 – WÜRDE

Menschen

Raúl Krauthausen: Würde ist ein Konjunktiv

Würdevoll zu leben – das bedeutet, sich frei entfalten zu können, sagt der Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen. Im Gespräch erklärt er, warum Menschen mit Behinderung nicht mehr Verständnis brauchen, sondern sehr konkret barrierefreien Zugang, egal ob zum Rathaus, zum Bäcker oder zum Arbeitsplatz.

Lesedauer ca. 7 Minuten

Barrierefreie Zugänge – für Menschen mit Behinderung und Ältere

Raúl Krauthausen, Jahrgang 1980, nutzt einen Rollstuhl. Der studierte Kommunikationswirt und Design Thinker hat bereits einige Projekte ins Leben gerufen, darunter den Verein Sozialheld*Innen, der sich für Inklusion und Barrierefreiheit engagiert. In seinen Büchern und seinen Podcasts „Im Aufzug“ oder „Wie kann ich was bewegen?“ setzt sich Krauthausen mit Witz und Nachdruck für die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung ein. 

Im Grundgesetz wird Würde für „unantastbar“ erklärt. Wie ist das im Alltag, wenn man mit einer Behinderung lebt?

Wenn es um die Würde behinderter Menschen geht, heißt es meistens: „Wir müssen die Barrieren in den Köpfen senken“. Das habe ich selbst auch jahrzehntelang gesagt und alle haben immer den Kopf genickt und mich betroffen angeblickt. Inzwischen weigere ich mich aber, diesen Satz zu sagen, denn das ist ruinöse Empathie. So ein Spruch artikuliert ein vages Mitgefühl, aber er zeigt keinen Ausweg.

Ist das nicht der richtige Weg, mehr Verständnis in den Köpfen Nichtbehinderter zu schaffen?

Es gibt zahllose Aufklärungskampagnen, mit Sensibilisierungsprogrammen, Workshops, Vorträgen behinderter Menschen oder Plakaten. Aber auf solchen Plakaten stehen meistens nur Binsenweisheiten, zum Beispiel: „Auch Kinder mit Behinderung haben ein Recht auf Spielplätze.“ Wer ist denn zuständig für den Bau von Spielplätzen? Bestimmt nicht der Leser dieses Plakats, der zufällig daran vorbeikommt. Verantwortlich sind die Stadt oder der Bezirk, sie müssen Spielplätze barrierefrei bauen. Alles andere ist viel Mitgefühl ohne reale Veränderung – das nützt Behinderten nichts. Kommunikationswissenschaftler und Werbefachleute nennen das Streuverlust. Dabei könnte man mit dem Geld, das so eine Werbekampagne gekostet hat, viel sinnvollere Sachen machen: Man könnte Architekt*innen schulen, wie man barrierefreie Spielplätze plant. Man könnte Gesetzestexte schreiben und die Stadt verpflichten, Spielplätze barrierefrei zu bauen.

»Wir müssen real existierende Barrieren beseitigen, statt die im Kopf mit Theorie zu bearbeiten.«

Mehr Aufklärung führt also nicht ans Ziel?

Schlimmer noch. Wenn wir sagen „wir müssen die Barrieren in den Köpfen senken“, dauert es nicht lange, bis irgendjemand kommt und sagt: „Meine Barriere im Kopf ist nicht gesenkt, deswegen mache ich gerade nichts für Menschen mit Behinderung.“ Das passiert zum Beispiel wenn Eltern ihr Kind mit Behinderung in einer Regel-Kita anmelden wollen. Dann dauert es keine 10 Minuten, bis es heißt, für ein Kind mit dieser Behinderung seien die Mitarbeitenden nicht ausgebildet. Das passiert. Das passiert so oft. „Wir müssen die Barrieren im Kopf senken“, das sagen wir seit Jahrzehnten, und dann erlaubt das quasi diesen Anspruch, sich erstmal eine Ausbildung geben zu lassen, bevor man einem behinderten Kind die Hand reicht.

97 Prozent der Behinderungen entstehen im Laufe des Lebens.

Karoussel fahren – auch mit Rollstuhl

Aber ist es denn nicht richtig, Fachkräfte für Behinderungen zu haben? Das ist doch im Interesse der behinderten Kinder.

Auch Eltern von behinderten Kindern hatten vorher keine Ausbildung. Es ist einfach anmaßend, das zu verlangen. Auch das ist ruinöse Empathie, wenn man glaubt, nur Fachkräfte dürften behinderte Kinder betreuen. Verstehen Sie mich nicht falsch, Fachkräfte sind natürlich wichtig, aber es darf nicht dazu führen, dass wir die komplette Verantwortung, Behinderten die gleichen Chancen in der Gesellschaft zu geben wie Nicht-Behinderten, ausschließlich an Fachkräfte weitergeben.

Weil Behinderte dann immer „die Besonderen“ sind?

Genau. Da kommt erst die Sonderschule, dann kommt das Sonderwohnheim, dann der Sonderfahrdienst und auf einmal sind behinderte Menschen in unserem Alltag nicht mehr zu finden. Und das ist eine Verletzung von Würde.

Die besondere Unterstützung von Behinderten ist aber doch gut gemeint!

Wir sind ja hier nicht in der Kirche. Behinderte Menschen haben auch ein Recht auf Niederlagen, auf Chancen und auf Risiken. Wenn wir behinderte Menschen in Watte packen, dann können sie nicht wachsen. Ein Kind lernt auch nicht einfach so laufen, es lernt durchs Stolpern und Fallen. Allerdings müssen behinderte Menschen die Chance bekommen, möglichst selbständig zu sein. Das heißt etwa, dass der öffentliche Personenverkehr barrierefrei sein muss. Andernfalls lernen behinderte Menschen auch niemals, allein mit dem Bus zu fahren. Wir müssen real existierende Barrieren abbauen, wir brauchen etwa Rampen und Aufzüge in Schulen, bei Polizeiwachen, an Arbeitsplätzen, in Kulturstätten und Freizeiteinrichtungen.

Würde heißt, sich frei und selbstbestimmt bewegen zu können.
»Es reicht nicht, wenn die öffentlichen Gebäude alle barrierefrei sind. Ich kaufe meine Brötchen nicht im Rathaus – und ich verdiene sie auch nicht dort.«

Sie dokumentieren Barrierefreiheit und oft auch -unfreiheit auf einer Onlinekarte, der Wheelmap.org.

Wir haben damit eine Internetplattform zur Kartierung barrierefreier Orte angelegt. Hier kann jeder eintragen, ob ein Ort z.B. rollstuhlgerecht ist oder eine Toilette für Behinderte hat. Das erleichtert Menschen mit Einschränkungen ihre Alltagsplanung. Wir sind das größte Projekt der Welt zu dem Thema, haben das überhaupt erst zu einem öffentlichen Thema gemacht. Trotzdem zeigt die Wheelmap nur einen kleinen Bruchteil von real existierenden Barrieren im Alltag. Es ist ein Kommunikationstool für uns, um zu zeigen, was die Herausforderungen für behinderte Menschen sind. Solange es keine gesetzliche Verpflichtung dazu gibt, alle öffentlichen Orte für Behinderte zugänglich zu machen, wird sich an der Lage nichts ändern. Das ist wie beim Brandschutz. Wenn der Brandschutz freiwillig wäre, würde es auch keiner machen.

Nichtbehinderte Menschen können sich nur schwer vorstellen, was diese physischen Barrieren bedeuten.

Wenn wir die Barrieren in den Köpfen senken wollen, müssen wir vorher die realen Barrieren im Alltag beseitigen. Denn das Einzige, was hilft, Barrieren im Kopf zu senken, sind Begegnungen. Wenn Kinder mit und ohne Behinderung im gleichen Sandkasten spielen, dann lernen sie spielerisch, dass es die jeweils andere Seite gibt. Genauso in der Schulklasse oder am Arbeitsplatz. Dann gibt es zwar meistens die ersten zwei Tage, wo wir alle unsicher sind, aber die folgenden 100 Millionen Tage sind die Unterschiede dann egal. Warum aber finden solche Begegnungen nicht statt? Weil die Orte nicht barrierefrei sind. Das heißt, wir müssen genau andersrum denken. Wir müssen real existierende Barrieren beseitigen, statt sie im Kopf mit Theorie zu bearbeiten. Und damit sind wir beim Thema Würde. Würde ist ein Konjunktiv. Würde muss aber ein Imperativ sein. Ich werde so oft gefragt: Was wünschen Sie sich, Herr Krauthausen? Und dann sage ich: „Wir sind doch nicht beim Kindergeburtstag.“ Also, ich wünsche mir nicht mehr, ich fordere eigentlich nur noch.

Ein würdevolles Dasein

Ein würdevolles Dasein für alle Menschen – das ist eines der Ziele, für die sich die Gründer des Magazins Prinzip Apfelbaum Tag für Tag einsetzen.

Mehr Informationen zur Initiative

Woher kommt diese Bitterkeit?

Ich würde es Entschlossenheit nennen. Ich bin nicht bitter. Nur ein Beispiel: Gerade hat die Politik eine Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes verhandelt. Mindestens drei Generationen behinderte Menschen haben dafür gekämpft, dass auch privatwirtschaftliche Einrichtungen zur Barrierefreiheit verpflichtet werden, also der Bäcker, das Café, das Kino. Die Politik sagt aber jetzt, es muss doch reichen, dass die öffentlichen Gebäude alle geöffnet sind. Ich kaufe aber meine Brötchen nicht im Rathaus – und ich verdiene sie auch nicht dort. Ich brauche also den rollstuhlgerechten Zugang zum Bäcker und zu meinem Arbeitsplatz.

Würden Sie sich eigentlich als behindert bezeichnen?

Auf jeden Fall, auf jeden Fall.

Barrierefreiheit brauchen auch viele ältere Menschen

Raúl Krauthausen unterwegs in Berlin

Und was halten Sie von dem Satz: “Ich bin nicht behindert, ich werde behindert“?

Ich bin beides. Ich bin behindert und ich werde behindert. Also, wenn ich Schmerzen habe, dann hilft mir auch kein Aufzug. Deswegen ist man immer beides. Es geht um das Wechselspiel zwischen behindert sein und behindert werden.

Viele sind verunsichert, wie sie behinderten Menschen auf Augenhöhe begegnen können. Heißt das, so zu tun, als wäre das Gegenüber nicht behindert?

Das ist doch ganz einfach: Man soll Behinderten so auf Augenhöhe begegnen, wie man als Mann Frauen auf Augenhöhe begegnen muss – was sie ja nicht zu Männern macht. Ich glaube, dass Nicht-Behindert-Sein genauso zur Gesellschaft dazugehört wie Behindert-Sein. Nur drei Prozent aller Behinderungen sind angeboren, 97 Prozent werden im Laufe des Lebens erworben. Und die meisten von uns sterben behindert.

Viele verstehen nicht, dass mit Alter auch Behinderung einhergeht. Man sagt dann zwar nicht, dass jemand behindert ist, sondern eben alt, aber die Anforderungen an die Barrierefreiheit sind dieselben. Das heißt, wir schieben alte Menschen gesellschaftlich genauso ab, wie wir behinderte Menschen abschieben. Wir betrachten Menschen, die alt sind, als nicht mehr verwertbar, genauso wie Menschen, die behindert sind.

»Wir schieben alte Menschen gesellschaftlich genauso ab, wie wir behinderte Menschen abschieben.«

Was wollen Sie dagegen tun?

Mit unserer Organisation Sozialheld*innen setzen wir uns dafür ein, dass nicht über behinderte Menschen gesprochen wird, sondern dass behinderte Menschen selbst sprechen. Und zwar zu allen Themenbereichen, nicht nur zu Behinderung. Behinderte Naturwissenschaftlerinnen, Philosophinnen oder auch Atomphysikerinnen haben andere Expertisen als das Thema „Behinderung“. Aber wenn wir den Fernseher anmachen, dann sehen wir behinderte Menschen immer nur über Behinderung sprechen, über Diskriminierung, über Sport und Behinderung, aber selten als Nachrichtensprecher oder in der Zahnpasta Werbung.

Diese öffentlichen Bilder verweigern Behinderten Würde. Nicht jeder behinderte Mensch sieht seine Identität vorrangig in der Behinderung. Würde gewähren heißt doch, den Menschen die Freiheit zu geben, sich so zu entfalten und entwickeln, wie sie wollen, ohne dass von außen jemand ihnen reinredet, wie das zu sein hat, auf welche Schule sie gehen, wie ihre Wohnung aussieht, was sie tragen sollen und wann sie ins Bett zu gehen haben. Das alles sind Angriffe auf die Würde behinderter Menschen. Würdevoll leben heißt, selbstbestimmt leben, ohne Vorschriften. Auch ohne Vorschriften, die als Fürsorge gemeint sind. Menschen mit Behinderung können meistens sehr wohl für sich selbst sprechen, werden aber allzu oft behandelt wie Kinder.

GESPRÄCH: Andrea Everwien
FOTOS: Anna Spindelndreier, Oleksandr Zinchenko / iStock, 3DFox / iStock, Anna Spindelndreier, James Lee / Unsplash

Lesetipp

In seinem aktuellen Buch stellt Rául Krauthausen unangenehme Fragen und zeigt Ideen, wie sich Inklusion auf allen Ebenen leben lässt: Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden ist 2023 bei Rowohlt erschienen.