Was ein gutes Pflegeheim ausmacht
Pflegebedürftig zu werden, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein und womöglich in ein Heim umziehen zu müssen, ist ein harter Einschnitt im Leben. Bei der Suche nach einer geeigneten Einrichtung geht es um eine grundsätzliche Frage: Wie können Würde und Selbstbestimmung eines Menschen im Alter bewahrt werden?
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Seit Jahren steigt die Zahl der Menschen, die pflegebedürftig werden – 5,7 Millionen waren es laut Statistischem Bundesamt bis Ende 2023 in Deutschland. Wenig verwunderlich: Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, auf Unterstützung angewiesen zu sein. Die meisten Pflegebedürftigen leben weiterhin zu Hause. 86 Prozent werden von Angehörigen versorgt, zum Teil mithilfe ambulanter Pflege- und Betreuungsdienste. Für viele Familien ist das eine hohe Belastung. Beruf, Kinderbetreuung und andere Verpflichtungen lassen sich oft schwer mit der umfassenden Versorgung eines Pflegebedürftigen vereinbaren. Der Weg führt dann in ein Pflegeheim. Dort leben immerhin knapp 800.000 Menschen, vor allem Hochbetagte über 80.
Betroffenen und Angehörigen fällt dieser Schritt oft schwer. Denn neben einer guten medizinischen und pflegerischen Versorgung geht es auch um die Frage, wie Lebensqualität, Selbstbestimmung und Würde im Alltag erhalten bleiben können. Deshalb sollte man sich nicht einfach für das nächstgelegene Heim entscheiden, sondern nach einem suchen, das zu einem passt. Aber wie findet man eine gute Einrichtung?
Qualitätskriterien für Pflegeheime
Seit 2020 muss die Qualität von Pflegeheimen einmal pro Jahr intern und extern überprüft werden. Diese bundesweit einheitlichen Qualitätsberichte bieten eine erste Orientierung und ermöglichen es, verschiedene Einrichtungen miteinander zu vergleichen. Bei der externen Qualitätsprüfung geht es zum Beispiel um Körperpflege, Essen und Trinken oder Wundversorgung. Die Einrichtungen selbst berichten, wie die Mobilität der Bewohnerinnen und Bewohner gefördert wird, wie sie vor gesundheitlichen Schädigungen beispielsweise Druckgeschwüren geschützt werden und ob freiheitsentziehende Maßnahmen wie Gurte oder Bettgitter genutzt wurden.
Qualitätsprüfungen
Interessierte können die Qualitätsbewertungen auf verschiedenen Internetportalen der Pflegekassen abrufen, etwa dem Pflegenavigator der AOK, dem Pflegelotsen der Ersatzkassen oder dem Pflegefinder der Betriebskrankenkassen.
Wichtige Fragen
So gut und wichtig es ist, dass es diese Qualitätskriterien und -prüfungen gibt: Sie vermitteln nur bedingt etwas darüber aus, ob die Bewohnerinnen und Bewohner sich in einem Heim wohlfühlen und mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden. „Über das medizinisch-pflegerische hinaus ist entscheidend, ob die Pflegebedürftigen noch als Individuen wahrgenommen werden“, sagt der Sozial- und Pflegewissenschaftler Hermann Brandenburg von der Universität Witten/Herdecke. „Kommt da jemand auf mich zu und fragt, was ich mir für das Leben in der Einrichtung wünsche? Hat das Heim ein Konzept, wie es auf die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner achtet, wie es auf die Menschen zugeht, sie einbezieht und würdevoll behandelt?“ Um das herauszufinden, reiche es nicht aus, einmal mit der Pflegeleitung zu sprechen. Brandenburg rät vielmehr zum Probewohnen. „Wer zwei, drei Tage in einer Einrichtung verbringt, mit den Menschen spricht und sich umsieht, erfährt viel darüber, wie es den Pflegebedürftigen dort wirklich ergeht. Ist das ein gutes Leben im Heim oder herrscht das große Schweigen und die Bewohnerinnen und Bewohner sitzen da wie aufgebahrt?“
Probewohnen im Pflegeheim
Gute Heime sollten diese Möglichkeit zum Probewohnen in einem Gästezimmer anbieten. Gehe das nicht, solle man sich zumindest mal einen Tag lang dort aufhalten können. Wenn selbst das nicht möglich oder unerwünscht sein sollte, sei Skepsis angebracht. „Ein Pflegeheim darf sich nicht abschotten, sondern sollte sich nach innen und außen öffnen“, betont Brandenburg und geht noch einen Schritt weiter: „Ein gutes Pflegeheim ist bereit, sich auch mal durch Anregungen von außen irritieren zu lassen.“
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Frühzeitig mit der Suche beginnen
Um ein gutes Heim für sich zu finden, müsse man sich allerdings frühzeitig mit dem Thema befassen. „Generell sollte man sich spätestens mit 65, 70 Jahren damit auseinandersetzen, wie man das eigene Alter gestalten will“, rät Brandenburg. „Sonst müssen irgendwann andere die Entscheidung für einen fällen.“ Genau das passiert aber in den meisten Fällen. Die Menschen kommen wegen eines Notfalls ins Krankenhaus und werden von dort nicht mehr nach Hause gelassen. Das Krankenhaus weist dann ein Heim zu. Oder die Kinder oder Enkelkinder müssen ganz schnell einen Pflegeplatz suchen und die Entscheidung für die oder den Betroffenen treffen. „Sie können sich dann vielleicht die Websites und die Qualitätsbewertungen verschiedener Einrichtungen ansehen, aber mehr auch nicht. Das ist für alle Seiten eine Überforderung und auch eine vertane Chance“, sagt Brandenburg.
Aktive Bewohnerinnen und Bewohner
Auch Damaris Koch-Christen, Fachreferentin Altenhilfe und Pflege beim Berliner Landesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO), rät dringend dazu, sich rechtzeitig einen persönlichen Eindruck von verschiedenen Einrichtungen zu verschaffen. Gibt es Kooperationen mit Partnern in der Umgebung, etwa einer Kita? Kommen regelmäßig Ehrenamtliche für gemeinsame Spaziergänge oder andere Freizeitbeschäftigungen vorbei? Gibt es ein Gewaltschutzkonzept? „Die Bewohnerinnen sollten kleine alltägliche Dinge selbst tun dürfen, wenn sie dazu noch in der Lage sind. Ich empfinde es als entwürdigend, wenn den Pflegebedürftigen alles abgenommen wird, ohne zu berücksichtigen, was sie vielleicht noch können.“ Das sei es eine Frage von Wertschätzung und Respekt, auch wenn es von den Pflegekräften Zeit und Geduld erfordere.
Würdevolle Körperpflege
Wichtig sei auch, dass bei der Körperpflege nicht andere ins Zimmer kommen, dass die Körperteile abgedeckt werden, die gerade nicht gewaschen oder gepflegt werden, dass die Pflegekräfte den Betroffenen erklären, was sie gerade tun und ihnen ins Gesicht sehen. Auch die Sprache sei wichtig. „Man sollte mit Pflegebedürftigen nicht wie mit Kindern reden“, so Koch-Christen. All das gilt ganz unabhängig davon, ob die pflegebedürftige Person Demenz hat oder nicht. Verschiedene Studien zeigen, dass Menschen mit kognitiven Einschränkungen oft sehr sensibel auf Stimmungen, Tonfall und zwischenmenschliche Zuwendung reagieren.
Doch wie sehr ein Heim all diese Aspekte auch berücksichtige: „Die Umstellung ist immer schwer und es gibt Grenzen, was so eine Institution überhaupt leisten kann“, gibt Koch-Christen zu bedenken. Das Essen in einem Heim kommt üblicherweise aus einer Großküche und schmeckt anders als das vom eigenen Herd. „Oder das Thema Wäsche. Wenn jemand immer Seidenblusen getragen hat, müssen wir dieser Person klarmachen, dass die Großwäscherei sich darauf nicht einstellen kann.“ Es seien viele mehr oder weniger große Einschnitte, die die Menschen verkraften müssen und auf die sie ganz unterschiedlich reagieren würden, so die Fachreferentin. „Wichtig ist, dass die Einrichtung sensibel und würdevoll damit umgeht.“
Alternativen zum Pflegeheim
Das Betreute Wohnen ist für Seniorinnen und Senioren interessant, die noch relativ gut allein zurechtkommen und nur wenig Hilfe benötigen. Meist handelt es sich um altersgerechte Ein- bis Drei-Zimmerwohnungen innerhalb einer größeren Wohnanlage. Je nach Anbieter können bestimmte Serviceleistungen und Hilfen dazugebucht werden.
In Pflege- oder Demenz-WGs leben mehrere Bewohnerinnen und Bewohner gemeinsam in einer Wohnung oder einem Haus und werden von Pflegekräften je nach Bedarf unterstützt. Die ersten Pflege-WGs waren selbstverwaltet und wurden von den Angehörigen ins Leben gerufen. Auch heute gibt es noch selbstverantwortete Pflege-WGs. Die meisten werden allerdings von Trägern wie Wohlfahrtsverbänden, ambulanten Pflegediensten, Bürgervereinen oder privaten Unternehmen geleitet. Gut ist, wenn es eine neutrale Vertrauensperson gibt, an die sich die Bewohnerinnen und Bewohner bzw. die Angehörigen bei Bedarf wenden können.
Noch relativ neu ist die sogenannte Stambulante Pflege, eine Kombination aus stationärer und ambulanter Versorgung. Es handelt sich ebenfalls um eine Wohngemeinschaft, Betreuung und Pflege sind jedoch stärker organisiert, die Pflege- oder Betreuungskräfte sind rund um die Uhr vor Ort. Zusätzlich sind tagsüber hauswirtschaftliche Alltagsbegleiter und Pflegehelfer in der Wohngemeinschaft. Das Konzept wurde in einem Modellprojekt in Wyhl am Kaiserstuhl entwickelt und wird dort seit 2016 als „Mit-Mach-Heim“ umgesetzt.
TEXT: Kristina Simons
FOTOS: Cecilie Arcurs / iStock, Minseries / iStock, SolStock / iStock, Sincerely Media / Unsplash
Lesetipp
Das Fachbuch Menschenrechtsbasierte Pflege. Plädoyer für die Achtung und Anwendung von Menschenrechten in der Pflege, herausgegeben von Olivia Dibelius und Gudrun Piechotta-Henze, ist 2020 bei Hogrefe erschienen.