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Langer Abschied: Nahaufnahme einer alten Hand, die eine jüngere hält. Symbolbild: Sei es Demenz, Schlaganfall oder ALS, die unheilbare Krankheit eines nahen Menschen bringt Angehörige an ihre Grenzen. Wie nimmt man Abschied, wenn man vielleicht noch Jahre miteinander verbringt? Tipps für Angehörige. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Rike./Photocase

Langsamer Abschied: Das können Angehörige tun

Sei es Demenz, Schlaganfall oder ALS: Die unheilbare Krankheit eines nahen Menschen bringt Angehörige an ihre Grenzen. Neben der Belastung der Pflege erleben sie, wie sich der geliebte Mensch immer mehr verändert. Wie nimmt man Abschied, wenn man vielleicht noch Jahre miteinander verbringt? Tipps für Angehörige.

Das Schicksal trifft Nina Zacher aus heiterem Himmel. Mit Anfang 40 wird bei ihr ALS diagnostiziert. Die tödliche Nervenkrankheit lässt den Körper langsam zerfallen, der Geist aber bleibt hellwach. Vier Jahre dauert Nina Zachers Kampf; die Mutter von vier Kindern machte ihn öffentlich. Mithilfe ihrer letzten Aufzeichnungen hat ihr Mann Karl-Heinz Zacher nun ein Buch veröffentlicht. „Such dir einen schönen Stern am Himmel“ erzählt nicht allein über das Leben, das Leiden und Sterben. Es erzählt auch von vielen, kleinen Abschieden – und richtet damit unweigerlich einen Blick auf die Angehörigen Schwerkranker. Denn die Geschichte von Nina und Karl-Heinz Zacher ist keine Ausnahme.

Besonders Angehörige von Demenzkranken übernehmen oft jahrelang die Betreuung einer geliebten Person, die physisch zwar präsent, psychisch aber abwesend ist. „Das ist es ein Abschied auf Raten“, sagt die Psycho-Gerontologin Sabine Tschainer, Inhaberin des Instituts aufschwungalt, das unter anderem Fachberatungen für soziale Dienstleister anbietet und Praxisprojekte und Konzepte in der Alten- und Gesundheitshilfe entwickelt.

Langer Abschied: langer Schatten einer alten Frau mit einem Rollator und einer jüngeren Person am linken Bildrand. Symbolbild: Eine lange, aber unheilbare Krankheit eines nahen Menschen bringt Angehörige an Grenzen. Wie nimmt man Abschied, wenn man vielleicht noch Jahre miteinander verbringt? Tipps für Angehörige. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: zettberlin/Photocase

Immer wieder Abschied nehmen

Der Trauerprozess setzt für Angehörige Demenzkranker weit vor dem Tod ein. Immer dann, wenn die vertraute Person des Vaters, der Mutter oder der Ehefrau Stück für Stück entschwindet. „Angehörige können sich auf nichts einstellen. Immer wenn sie den Verlust einer Fähigkeit oder ein Verhalten angenommen haben, taucht schon wieder das nächste Problem auf“, erklärt Demenzspezialistin Tschainer.

Zum Weiterlesen

Pauline Boss: Da und doch so fern. Vom liebevollen Umgang mit Demenzkranken. – Die amerikanische Psychotherapeutin Pauline Boss zeigt Wege auf, wie Angehörige das Leben mit Demenzkranken akzeptieren können. Sie widmet sich vor allem den Themen „Abschiednehmen“ und „Beziehung“. Erschienen bei Rüffer & Rub.

Lernen, in jeder Phase Abschied zu nehmen

Diese Erfahrung machte auch die Berlinerin Ingrid Fuhrmann, Mitgründerin der Berliner und der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. In jüngeren Jahren begleitete sie ihre demenzkranke Mutter, jetzt ihren an Alzheimer erkrankten Ehemann. „Es ist eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Es gibt schöne Momente wie zum Beispiel bei meinem letzten Besuch, als mein Mann wie früher eine Stunde lang einen Artikel im Spiegel gelesen hat. Ein anderes Mal bin ich sehr verletzt, wenn er sich mir gegenüber aggressiv verhalten hat“, sagt Fuhrmann. Sie war sowohl bei ihrer Mutter als auch bei ihrem Mann eher erleichtert, als sie die Diagnosen erfuhr. Denn endlich hatte sie Klarheit. Und sie konnte sich besser für die kommenden Jahre wappnen. Angehörige wie Ingrid Fuhrmann müssen lernen, bei jeder Demenzphase emotional erneut Abschied zu nehmen.

Rituale entwickeln

Sind Schwerkranke geistig nicht beeinträchtigt, haben es Angehörige leichter – zumindest auf den ersten Blick. Wer der Scheu überwindet, kann über das Sterben sprechen, unerledigte Probleme klären, sich aussöhnen, gemeinsam trauern und so bewusst Abschied nehmen. „Hier hilft es sehr, sich Rituale zu schaffen, solange es noch möglich ist. Man kann zum Beispiel einmal in der Woche gemeinsam Musik hören oder ein Lieblingsbuch lesen“, empfiehlt Psycho-Gerontologin Tschainer. Auch eine so genannte „Freude-Biografie“ kann ein schönes Ritual sein. Hier erinnern sich Kranke und Angehörige gemeinsam an freudige und schwere Momente, die sie zusammen gut bewältigen konnten. Dazu kleben sie passende Fotos in ein Notizbuch oder schreiben einige kurze Sätze hinein. Zum bewussten Abschied gehört auch, formale Dinge zu regeln: wie über den Ort des Sterbens, welche Beerdigung es sein soll und ob es ein Testament gibt.

Das A und O: Entlastung bei der Pflege

Egal ob ALS, Demenz, Schlaganfall – beim Abschiednehmen hilft Angehörigen das, was immer bei der Pflege gilt: sich Entlastung verschaffen und andere Leute zur Hilfe zu holen. Ansonsten wird die Pflege zum einzigen Inhalt im Leben und frisst den Pflegenden irgendwann buchstäblich auf. Das heißt auch: einmal in der Woche frei haben, einmal im Jahr für mindestens zwei Wochen in den Urlaub fahren und in der „Freizeit“ körperlich und seelisch entspannen, um wieder Kraft für den Alltag zu schöpfen. So gewinnt man Distanz und wird fähig, sich über die eigenen Gefühle klar zu werden und sie zu reflektieren.

Die wichtigsten Tipps

  • Vermeiden Sie es allein zu sein. Suchen Sie das Gespräch mit Freunden, Verwandten, Psychotherapeuten, Seelsorger, Angehörigengruppen.
  • Verzeihen Sie sich Fehler und seien Sie barmherzig mit sich selbst.
  • Planen Sie den Tagesablauf.
  • Suchen Sie sich Entlastung bei der Pflege.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft unterstützt Angehörige demenzkranker Menschen mit vielfältigen Angeboten. Schlaganfall-Patentien und deren Familien finden bei der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe Informationen und Rat.

Sich mit anderen austauschen

Der Mann von Ingrid Fuhrmann lebte zunächst noch bei ihr zu Hause, bis es nicht mehr ging. Jetzt besucht sie ihn täglich im Pflegeheim. „Mir helfen die Gespräche mit engen Freunden und mit meinen Kindern. Ich brauche eine ruhige Zeit für mich morgens und abends, um Zeitung zu lesen und Musik zu hören“, erzählt sie. „Sehr empfehlen kann ich Angehörigengruppen. Dort kann man über alles sprechen, was man sich sonst vielleicht nicht zu sagen traut“.

Lesetipp

Nina Zacher und Karl-Heinz Zacher: Such dir einen schönen Stern am Himmel. – Die Geschichte eines Abschieds ist das berührende Vermächtnis einer Frau, die mit Anfang 40 aus heiterem Himmel unheilbar an ALS erkrankt. Erschienen bei FISCHER Taschenbuch.

TEXT: Angelika S. Friedl
FOTOS: Rike./Photocase, zettberlin/Photocase