Editorial

Was wären wir Menschen ohne Würde? Der Begriff „Würde“ hat sich stetig entwickelt, das zeigt der Blick zurück: In der Antike und im alten Rom beschrieb Würde lediglich das Ansehen eines Menschen. Das heißt, man konnte seine Würde durch Taten vergrößern, aber auch verlieren. Die revolutionäre Botschaft, die mit dem Christentum entstand, dass nämlich vor Gott alle Menschen gleich und mit Würde versehen seien, brauchte einige Jahrhunderte, um allgemein anerkannt zu werden. Noch im Wörterbuch der Gebrüder Grimm bezeichnet Würde bloß die Stellung, die ein Mensch in der Gesellschaft einnimmt. Erst der große deutsche Denker und Philosoph Immanuel Kant erhob die Würde zu einem inneren Wert des Menschen. Und heute heißt es gleich zu Beginn im wichtigsten Dokument unseres Landes, im Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Doch leider bleibt der Artikel 1 unseres Grundgesetzes ein bisher unerreichtes Ideal. Denn die Würde von Menschen wird auch heute auf verschiedenste Weise verletzt. „Würde ist ein Konjunktiv“, sagt Aktivist Raúl Krauthausen in unserem Interview: Würdevoll leben heißt, selbstbestimmt zu leben und sich frei entwickeln zu können – was Menschen mit Behinderungen häufig nicht gewährt wird. Wir alle haben auch schon Altersdiskriminierung erfahren. Und gerade Pflege und Demenz können die Würde eines Menschen massiv beschädigen.

In dieser Ausgabe geht es deshalb um WÜRDE. Wir sprechen mit dem Inklusionsaktivisten Raúl Krauthausen, fragen zwei Betroffene, wie sie mit Alzheimer leben, und erklären, wie man ein gutes Pflegeheim findet. In unseren Ratgebern geht um das Altwerden in Würde, um Betreuungsverfügung und Vollmacht und die würdezentrierte Therapie für Sterbende.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

Susanne Anger

Sprecherin der Initiative "Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum"

Menschen

Raúl Krauthausen: Würde ist ein Konjunktiv

Würdevoll zu leben – das bedeutet, sich frei entfalten zu können, sagt der Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen. Im Gespräch erklärt er, warum Menschen mit Behinderung nicht mehr Verständnis brauchen, sondern sehr konkret barrierefreien Zugang, egal ob zum Rathaus, zum Bäcker oder zum Arbeitsplatz.

Weiterlesen...
Barrierefreie Zugänge – für Menschen mit Behinderung und Ältere

Impulse

Alzheimer: Das Leben geht weiter

Demenz gilt als eine Erkrankung des höheren Alters. Es kann aber auch jüngere Menschen treffen, die mitten im Leben stehen. Die Diagnose ist für sie ein besonders großer Schock, doch das Leben geht weiter. Zwei Erfahrungsberichte.

Weiterlesen...
Wie geht es weiter nach einer Demenz-Diagnose?

Wissenswertes

Was ein gutes Pflegeheim ausmacht

Pflegebedürftig zu werden, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein und womöglich in ein Heim umziehen zu müssen, ist ein harter Einschnitt im Leben. Bei der Suche nach einer geeigneten Einrichtung geht es um eine grundsätzliche Frage: Wie können Würde und Selbstbestimmung eines Menschen im Alter bewahrt werden?

Weiterlesen...
Der Tipp: rechtzeitig sich nach einem geeigneten Pflegeheim umschauen

Unsere Lieblinge

Lesetipp

Wir haben die Orientierung verloren und wissen nicht mehr, worauf es im Leben ankommt, stellt der große Hirnforscher Gerald Hüther fest. Dagegen hilft nur, sich der Menschenwürde zu besinnen –  als einen inneren Kompass, der im Gegensatz zu Moral und Ethik nicht von Kultur und Zeitgeist abhängig ist, sondern universell. Bereits im Gehirn eines Neugeborenen ist demnach unser Empfinden von Würde angelegt. Ganz im Sinne Kants diagnostiziert Hüther, wie wir uns in vielen Lebensbereichen gegenseitig auf unseren Nutzen reduzieren und uns damit der eigenen Würde berauben. Wer sich dagegen seiner Würde bewusst ist, so Hüthers These, wird auch andere Menschen nicht entwürdigend behandeln. Ein Buch, das nichts weniger als ein Umdenken bewirken möchte.

Gerald Hüther: Würde. Penguin 2022. 192 Seiten, 20 Euro

Ideen, die bleiben

Stiftung Bildung

Warum haben Kinder in Deutschland keine Lobby? Warum sind Bildungschancen so ungleich verteilt? Es ist der Veränderungswille, der 2011 zehn Engagierte zusammenbringt. Eine von ihnen ist Katja Hintze, die sich bereits in der Schulzeit ihrer Kinder ehrenamtlich engagierte und einen Verband mitgründete. „In den bundesweit 40.000 Kita- und Schulfördervereinen engagieren sich 5,9 Mio. Menschen aller Generationen ehrenamtlich – Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte, Menschen aus den Kiezen. In diesem Bildungsengagement liegt ein enormes Potential”, sagt Hintze. Genau hier setzen die Gründerinnen und Gründer an. Sie wollen mehr Aufmerksamkeit in Politik und Gesellschaft und verlässliche finanzielle Möglichkeiten für das Bildungsengagement schaffen. Nach einem Jahr strategischer Planung gründen sie im September 2012 die unabhängige Spenden- und Lobbyorganisation Stiftung Bildung, heute die größte Bildungsspendenorganisation in Deutschland. Mittlerweile erreicht die Stiftung Bildung jährlich 50.000 Kinder und Jugendliche über Patenschaften und Projekte bundesweit. Auch ihre Lobbyarbeit ist erfolgreich. Sie hat beispielsweise das Startchancen-Programm mitinitiiert, mit dem die Bundesregierung Brennpunktschulen fördert. Doch vor allem geht es der Stiftung Bildung darum: Kinderrechte umzusetzen, Kinder- und Jugendbeteiligung zu stärken und Bildung für alle Kinder und Jugendlichen bundesweit zu verbessern. „Das gelingt nur im Miteinander von Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft.”

Mehr lesen: „Ideen, die bleiben“

 

52 %

Die Zahl

Welches ist für Sie der wichtigste Artikel im Grundgesetz? Das fragte das Meinungsforschungsinstitut Yougov und ließ die Teilnehmenden einer repräsentativen Umfrage bis zu drei Artikel ankreuzen. Dabei zeigte sich: Am wichtigsten ist den Bürgerinnen und Bürgern der Artikel 1, den 52 Prozent auswählten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Allerdings gaben in der gleichen Umfrage lediglich 44 Prozent an, dass das Grundgesetz eine wichtige Rolle in ihrem Alltag spielt. Gerät die Menschenwürde zu oft in den Hintergrund?

Schon gewusst?

Hilforganisationen als Teil der Erbengemeinschaft

Wird eine Hilfsorganisation als Erbin eingesetzt, wird sie automatisch Teil der Erbengemeinschaft. Das kann besonders dann nützlich sein, wenn man befürchtet, dass Angehörige überfordert sind oder den Nachlass nicht ordnungsgemäß abwickeln. Große Hilfsorganisationen verfügen oft über eigene, hochspezialisierte Abteilungen für Erbschaften. Deren Expertise bei der professionellen Veräußerung von Immobilien oder Kunstgegenständen kann für die gesamte Erbengemeinschaft von großem Nutzen sein. Allerdings müssen die allermeisten Entscheidungen, sei es die Kündigung eines Mietvertrags, die Auflösung eines Bankkontos oder der Verkauf einer Immobilie, von allen Mitgliedern der Erbengemeinschaft einstimmig getroffen werden. Das birgt ein enorm hohes Konfliktpotenzial und kann die Abwicklung über Jahre verzögern.

Bei einem Vermächtnis hingegen erhält die Organisation lediglich einen schuldrechtlichen Anspruch auf einen bestimmten Geldbetrag oder Gegenstand. Sie fordert diesen bei den Erben ein, hat die Mittel meist schnell zur Verfügung und hält sich aus allen internen Streitigkeiten der Erbengemeinschaft komplett heraus. Wenn das Ziel ist, einer Organisation einfach einen festen Geldbetrag oder ein bestimmtes Aktiendepot zuzuwenden, ist das Vermächtnis immer der unkompliziertere Weg.

Christian Solmecke, Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE

Das tut gut

Mit Hilfe von Testamentsspenden bringt SOS Kinderdörfer Bildung in die Slums.

Bildung rollt in den Slum

In den Slums von Delhi leben viele Familien unter schwierigsten Bedigungen. Die Kinder sind mangelernährt und haben kaum eine Chance auf Bildung. Genau hierher fährt der blaue Bildungsbus der SOS Kinderdörfer weltweit. In seinem Inneren können Jugendliche einen drei- bis viermonatigen PC-Kurs absolvieren, anschließend werden sie bei der Arbeitssuche begleitet. Rund 800 Kinder werden pro Jahr im digitalen Lernbus ausgebildet. Der Erfolg ist beeindruckend: Fast alle von ihnen finden anschließend eine Arbeit.

Mehr lesen
Auch mit Testamentsspenden ermöglicht Aktion Deutschland hilft die Unterstützung für Geflüchtete in Koumbien.

Geflüchtete in Kolumbien

Als bewaffnete Gruppen die Bevölkerung bedrohten und die Lebensgrundlagen zerstörten, floh Gloria wie Millionen andere von Venezuela nach Kolumbien. Doch auch hier haben die Geflüchteten kaum genug zu essen. Die 59-jährige Gloria ist wegen ihrer Diabetes auf Medikamente angewiesen. Zudem muss sie sich alleine um ihre kleinen Enkelkinder kümmern. Doch nun bekommt Gloria Hilfe von HelpAge, einer Bündnisorganisation von Aktion Deutschland hilft: Lebensmittelpakete, ihre Medikamente und Gartengeräte, mit denen sie selbst etwas anbauen kann.

Mehr lesen
Mit Hilfe großzügiger Spenden betreibt die DKMS eigene Forschungsprojekte, um Stammzellspenden zu verbessern.

Forschung rettet Leben

Bei Blutkrebs kann eine Stammzellspende Leben retten. Doch in manchen Fällen kommt es nach der Transplantation zu lebensbedrohlichen Abstoßungsreaktionen, die die Medizin noch immer vor große Herausforderungen stellen. Um die Erfolgschancen von Stammzellspenden zu erhöhen, betreibt die DKMS eigene Forschungsprojekte. Sie sollen unter anderem die Vereinbarkeit der Stammzellspende mit der Patientin oder dem Patienten weiter verbessern und damit die bestmöglichen Chancen auf Heilung sicherstellen.

Mehr lesen
Mit Hilfe von Spendengeldern setzt sich die Stiftung Bildung für Bildungsengament ein.

Jeder Anlass eine Chance

Perdita Vossen hat gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert. Statt Geschenken bat sie ihre Gäste um eine Spende: „Ich habe in meinem Leben viele Chancen bekommen. Jetzt möchte ich etwas weitergeben.“ Am Ende des Abends waren mehrere hundert Euro zusammengekommen, die Perdita Vossen der Stiftung Bildung zukommen ließ, um damit beste Bildung für alle Kinder und Jugendlichen bundesweit zu fördern. Immer mehr Menschen nutzen einen Geburtstag, ein Firmenjubiläum, eine Hochzeit oder eine Trauerfeier, um gemeinsam nachhaltig Gutes zu tun.

Mehr lesen
Mit Hilfe von Spenden unterstützt und informiert die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz Betroffene.

Leben mit Demenz

Menschen mit Demenz wollen soweit wie möglich die Kontrolle über ihr Leben behalten. Und sie wollen, dass ihre Stimme gehört wird. Deswegen hat die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz vor zehn Jahren den Beirat Leben mit Demenz initiiert, der die DalzG beispielsweise bei Publikationen berät. Der Beirat ermöglicht Menschen mit Demenz ihre Stimme in Forschung und politische Entscheidungsprozesse einzubringen. Er kommt zweimal im Jahr zusammen und wird komplett aus Spenden finanziert.

Mehr lesen