No. 33 – SCHMERZ

Impulse

"Das Empfinden von Schmerz ist auch gesellschaftlich geprägt"

Ob und wie wir Schmerzen empfinden, hängt auch von unserer Psyche und den gesellschaftlichen Umständen ab. Was wir nicht tun sollten: unsere Schmerzen ignorieren, sagt Lukas Radbruch, Schmerzmediziner am Universitätsklinikum Bonn.

Lesedauer ca. 5 Minuten

Weit verbreitet: Nackenschmerzen

Professor Radbruch, vor 100, 200 Jahren war das Leben für die meisten Menschen objektiv härter und schmerzvoller. Haben wir verlernt, Schmerzen auszuhalten? Sind wir wehleidiger geworden?

Eine schwierige Frage. In dem viel kürzeren Leben der Menschen damals gehörten Schmerzen dazu. Das konnte man nicht verhindern. Wenn die Zähne gefault sind oder wenn man Rückenschmerzen hatte, konnte man kaum etwas dagegen tun. Es ist gut, dass man heute seinen Schmerz ausdrücken darf und entsprechende Medikamente bekommen kann. Schmerz ist nicht mehr automatisch Teil des Alltagslebens. Das führt ja nicht gleich dazu, dass Menschen überhaupt keinen Schmerz mehr empfinden wollen. Das sehen wir eher selten.

Aber greifen wir nicht zu schnell nach Schmerzmitteln?

Zugespitzt könnte man sagen, dass Schmerzmittel für manche zu einer Art Lebensmittel geworden sind. Das hat Konsequenzen. Bei chronischen Kopfschmerzen – also nicht Migräne – geht man davon aus, dass sie zu einem Drittel durch zu viel Schmerzmittel ausgelöst worden sind. Zur Qualifikation als Schmerztherapeut gehört mittlerweile auch, dass man Entzugsbehandlungen durchführen kann. Auf der anderen Seite haben wir Patienten, die aus Prinzip keine Medikamente nehmen, egal wie stark die Schmerzen sind, sogar bei Krebserkrankungen, und die wir dazu ermuntern müssen, ein Schmerzmittel zu nehmen.

Welche Rolle spielt die Psyche bei chronischen Schmerzen?

Man geht von einem bio-psycho-sozialen Modell aus. Das heißt, Schmerz ist nicht nur die körperliche Empfindung, die durch die Nervenleitungen vermittelt wird, sondern es gibt auch einen psychischen und einen sozialen Anteil. Die Ausnahme sind solche Fälle, in denen das Schmerzsystem verstellt ist. Bei der Fibromyalgie hat man früher gedacht, dass die Betroffenen einfach überempfindlich sind. Mittlerweile weiß man aber, dass bei der Erkrankung die zentrale Schmerzverarbeitung im Gehirn gestört ist. Das führt dazu, dass Schmerzen stärker und häufiger empfunden werden und auch unerträglich werden können.

»Schmerzmittel sind für manche zu einer Art Lebensmittel geworden. «
Schmerzen in den Knien

Unser Körper scheint sich nicht an Schmerzen zu gewöhnen. Schmerzen, die immer wieder auftreten, können sich sogar verschlimmern. Warum?

Durch die Wiederholung können die Schmerzen chronifizieren. Das fängt damit an, dass andere Nerven plötzlich mit in die Schmerzleitung eingebunden werden. Wenn man sich zum Beispiel schneidet und sich die Stelle etwas entzündet, dann fangen auch die Nerven ringsum an, Schmerzen zu melden. Auch im Hirn werden die Bereiche, die die Schmerzwahrnehmung verarbeiten, eher größer. Das ist tatsächlich ein Problem: Eigentlich hat Schmerz ja eine ganz wichtige Warnfunktion. Wenn ich auf die Herdplatte fasse, tut es mir weh und ich ziehe die Hand sofort zurück. Es gibt Berichte über Kinder, die kein Schmerzempfinden haben, weil die Nerven nicht ausgebildet sind. Die merken es nicht, wenn sie eine Infektion oder eine Verletzung haben. Insofern ist der akute Schmerz absolut wichtig. Aber wenn der akute Schmerz immer wieder auftritt, dann sagt der Körper: “Hier ist eine Überlastung. Vorsicht, halt dich davon fern, mach das nicht weiter!” Und dann werden diese Warnsignale nicht abgeschwächt, sondern im Gegenteil noch verstärkt.

»In unserer Gesellschaft gibt man es nicht gerne zu, wenn einem alles zu viel wird. «

Nichts verpassen!

Mit unserem Newsletter „Prinzip Apfelbaum“ verpassen Sie keine Ausgabe. Wir senden Ihnen regelmäßig Anregungen, Rat und Service – kostenlos per E-Mail in Ihr Postfach.
Jetzt kostenfrei anmelden!

Welche Rolle spielt Erziehung? Was passiert, wenn man Kindern immer wieder sagt, dass sie sich nicht "so anstellen" sollen?

Unser Schmerzempfinden ist auch gesellschaftlich geprägt. Das kann sich ganz unterschiedlich auswirken. Es gibt Menschen, die in solchen Momente die Warnzeichen nicht beachten, die dann weiter exzessiv Sport treiben, auch wenn die Gelenke knirschen oder die im Beruf weiterhin den Rücken belasten, obwohl der Körper deutlich sagt: Tu das nicht! Auf der anderen Seite haben wir in der Schmerztherapie auch Patienten, bei denen eigentlich klar ist, dass sie im Beruf oder zu Hause überlastet sind. Aber in unserer Gesellschaft gibt man es nicht gerne zu, wenn einem alles zu viel wird. Gesellschaftlich akzeptiert ist nur, wenn man Rückenschmerzen hat und deswegen nicht mehr arbeiten kann. Ein Teil unserer Patienten ist gesellschaftlich darauf trainiert worden, dass man sich nur dann krankschreiben lassen oder in der Familie Entlastung kriegen kann, wenn man Schmerzen hat. Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, irgendwas.

Das heißt, auch die Lebensumstände können Schmerzen verursachen?

In unserer Psychotherapie sagte ein Schmerzpatient einmal, der Verlust seines Vater würde ihm nichts mehr ausmachen, den habe er “verschmerzt”. Ohne es zu merken, hatte er damit die Erklärung für seine Kopfschmerzen gegeben. Die Trauer hatte er eben noch nicht verarbeitet. Das ist ja ganz oft so, dass Sprache wunderbare Bilder liefert. Ein anderer Patient sagte, ein bestimmtes Problem brenne ihn unter den Füßen. Der Mann war wirklich wegen einer Polyneuropathie mit Brennschmerz an den Füßen in Behandlung.

»Das Ziel ist nicht mehr, dass die Schmerzen weggehen, sondern dass die Menschen lernen, sich trotz Schmerzen wieder zu bewegen. «
In Bewegung bleiben trotz Schmerzen

Es gibt die Vorstellung, dass man durch Schmerzen abhärtet, nach dem Motto: Gelobt sei, was hart macht. Stimmt das?

Es ist tatsächlich so, dass man sich mental darauf einstellen kann und das trainieren kann. Auch Ablenkung kann gegen Schmerzen helfen. Es gibt eine berühmte Versuchsanordnung: Die Versuchsperson hält den Arm in Eiswasser und man misst die Zeit. Wenn man die Menschen zum Beispiel mit Humor ablenkt, dann halten sie das länger aus.

Geht das auch bei chronischen Schmerzen?

Das Problem dabei ist, dass ich das nicht von außen aufoktroyieren kann. Ich kann nicht sagen, “Kopf hoch! Einfach drüber lachen”, und dann ist es weg. Früher war die Idee, man müsse einfach so lange Medikamente geben oder das Nervensystem behandeln, bis die Schmerzen gelindert sind. Heute behandelt man chronische Schmerzen mit einer multimodalen Schmerztherapie, zusammen etwa mit Psychotherapie und mit Krankengymnastik. Das Ziel ist nicht mehr, dass die Schmerzen weggehen, sondern dass die Menschen lernen, sich trotz Schmerzen wieder besser zu bewegen. Sie sind dadurch weniger eingeschränkt im Alltag und haben in der Folge tatsächlich weniger Schmerzen.

»Man versucht das Gefühl zu erreichen, dass der Schmerz aus dem Arm raustropft.«

Fakire haben ihr Schmerzempfinden scheinbar komplett unter Kontrolle. Können das nicht auch andere Menschen zumindest ein wenig lernen?

In der Schmerztherapie arbeiten wir auch mit Biofeedback-Methoden, progressiver Muskelentspannung und autogenem Training. Das sind alles Verfahren, bei denen man versucht, seinen Körper bewusst zu beeinflussen. Bei der progressiven Muskelentspannung werden einzelne Muskelgruppen angespannt, um dann einen besonders entspannten Muskeltonus herbeizuführen. Manchmal wird auch Hypnose angewandt. Man versucht dann mit den Patienten beispielsweise ein Gefühl zu erreichen, dass der Schmerz aus dem Arm raustropft.

Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern beim Schmerzempfinden?

Viele Studien zeigen, dass Frauen oft unterversorgt werden in der Schmerzbehandlung. Männern kriegen viel schneller ein Schmerzmittel verschrieben als Frauen, wenn sie den gleichen Schmerz äußern. Dahinter steht die unausgesprochene Idee, dass Frauen mehr jammern und sich beklagen. Beim Schmerzempfinden scheint es, dass Frauen mehr aushalten. Aber das sind nur sehr geringe Unterschiede.

Was machen Sie selbst, wenn Sie Schmerzen haben?

Ich versuche, nicht gleich Medikamente zu nehmen. Stattdessen überlege ich, wie ich mich schonen kann, ob ich mich vielleicht kurz hinlegen muss. Bei akuten Rückenschmerzen muss ich eben für zwei Tage die Beine hochlegen, das kenne ich schon. Aber es gibt auch Grenzen, dann nehme ich eine Ibuprofen. Und wie gesagt, Schmerz ist auch immer ein Warnzeichen. Wir haben in einer Untersuchung festgestellt, dass Schmerz oft der erste Hinweis auf eine Krebserkrankung war, zum Teil ein halbes Jahr bevor der Tumor entdeckt wurde. Das heißt, wenn Schmerzen nicht nach kurzer Zeit wieder weggehen, würde ich auch immer überlegen, ob etwas anderes dahinterstecken könnte, und mich untersuchen lassen.

GESPRÄCH: Wibke Bergemann
FOTOS: Koganamistudio / Stocksy, Serena Burroughs / Stocksy, Rob and Julia Campbell / Stocksy