Ratgeber

No. 37 – WÜRDE Welches Bild haben wir selbst vom Alter?

Altwerden – aber mit Gelassenheit

Können wir in Würde alt werden? Ja, sagt der Psychologe Hans-Werner Wahl, Seniorprofessor des Netzwerks Alternsforschung der Universität Heidelberg – wenn wir uns rechtzeitig auf die späteren Jahre vorbereiten.

Herr Wahl, viele alte Menschen sind mit ihrem Leben zufrieden. Heißt das, sie führen ein würdevolles Leben?

Würde und Zufriedenheit lassen sich nicht gleichsetzen. Würde bringt ethische Maßstäbe ins Spiel, Zufriedenheit ist dagegen ein sehr subjektives und individuelles Gefühl. So sagen viele Menschen immer noch, auch wenn sie in unwürdigen Wohnbedingungen leben, dass sie zufrieden sind. Es sei zwar nicht ideal, in diesem Viertel oder in einer ländlichen Region zu wohnen, aber man könne halt nichts mehr ändern.

Das hört sich eher nach Genügsamkeit an.

Genau, es ist eine Frage des Anspruchsniveaus. Besonders in Heimen hört man oft die Aussage, ich bin zufrieden. Wenn man aber differenzierter nachfragt, ergeben sich deutliche Unterschiede. Wenn zum Beispiel die Mahlzeiten so organisiert sind, dass man nicht mehr von einer würdevollen Abendmahlzeit sprechen kann. Trotzdem sagen die Menschen dann, „es ist doch alles gut, die tun hier ihr Bestes“. Mit ein bisschen vertretbarem Aufwand wie zum Beispiel einer Tischdecke, Blumen auf dem Tisch oder der Art und Weise, wie das Brot gereicht wird, ließe sich aber schon einiges verbessern. In solchen Dingen unterscheiden sich Heime sehr und das ist nicht immer eine Frage des Geldes.

Im Alter haben wir die Zeit, viel zu unternehmen. Haben wir auch die Energie?

Wie steht es um die jüngeren Alten?

Große Studien zeigen weltweit, dass jüngere Alte sehr zufrieden sind, sie sehen sich in einer reichhaltigen, entwicklungsfähigen Lebensphase. Es gibt sogar einen Anstieg der Lebenszufriedenheit, wenn man den ganzen Lebenslauf betrachtet. Die Gruppe der jungen alten Menschen ist wohl die gesündeste und vielleicht auch die geistig beweglichste, die es jemals gegeben hat. Das zeigen Studien, die 70- bis 80-Jährige aus den 1990er Jahren mit 70- bis 80-Jährigen heute verglichen haben. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern weltweit. Das heißt nicht, dass in dieser Lebensphase nicht auch Krankheiten wie Depressionen vorkommen. Aber die Anzahl ist in etwa so hoch wie bei jüngeren Menschen auch und liegt bei acht bis zehn Prozent. Demenz spielt kaum eine Rolle in dieser Altersphase. Das geht erst mit 80 und 85 richtig los. Und klar, es gibt Krebserkrankungen, Schlaganfälle und andere Erkrankungen, die aber relativ selten sind.

Ältere Menschen sind aktiver denn je. Ändert sich das Bild vom Alter?

Die meisten Menschen in diesem Alter fühlen sich gar nicht alt und viele sagen, dass es eine tolle Lebensphase ist. Wenn ich nicht gerade arm bin, hat diese Lebensphase in unserer Gesellschaft mittlerweile einen hohen Stellenwert. Sogar junge Menschen sagen in Studien, das ist eine tolle Zeit, ich kann reisen, habe keinen Stress im Job. Diese Zufriedenheit hält sich dann eigentlich bis ins hohe Alter.

Ein würdevolles Dasein

Ein würdevolles Dasein für alle Menschen – das ist eines der Ziele, für die sich die Gründer des Magazins Prinzip Apfelbaum Tag für Tag einsetzen.

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Dennoch gibt es in vielen Köpfen die negativen Altersstereotypen.

Tatsächlich sagt eine kleine Gruppe von Menschen schon mit 50 Jahren, da kommt Schlimmes auf mich zu, wenn ich jetzt schon meinen Einkaufszettel vergesse. Längsschnittstudien zeigen, dass Menschen, die bereits im mittleren Alter keine guten Seiten im Älterwerden entdecken, selbst Jahre nach dem Übergang in die nachberufliche Zeit nicht so gut dastehen wie andere, die eine zuversichtlichere Einstellung hatten. Negative Selbstbilder in Bezug auf das eigene Älterwerden wirken sich langfristig ungut auf die geistige und körperliche Leistung aus und sogar auf die Lebenserwartung. Umgekehrt betreiben ältere Menschen, die sich jünger fühlen und ihrem Älterwerden positiv gegenüberstehen, mehr Vorsorge, sie sind aktiver, bewegen sich mehr, und sie engagieren sich auch häufiger. Man könnte auch sagen: Eine positive Sicht auf das eigene Altern hält uns gesund, zufrieden und zuversichtlich.

Älterwerden bedeutet auch: frei zu sein

Das höhere Alter bringt dann aber doch Einschränkungen.

Auf jeden Fall stellen sich ab ca. 80 noch mal ganz andere gravierende Fragen zur Gestaltung der letzten Lebensphase. Was ist gutes Wohnen, wenn ich tagsüber und für die Nacht Pflege brauche oder wenn ich nicht mehr zu Hause wohnen kann? Was heißt würdevolles Sterben, wenn ich in einem Heim lebe? Das hohe Alter bringt große Herausforderungen mit sich. Jenseits der 80 oder 85 haben Fragen der Würde daher eine viel größere Brisanz als im „jungen Alter“.

Wie können wir uns auf das Alter vorbereiten?

In einer Gesellschaft des langen Lebens schadet es nicht, sich spätestens ab Mitte 50 mit dem zu beschäftigen, was auf einen zukommen kann. Denn diese Lebensphase kann sehr lang werden, fast ein Viertel des Lebens. Man sollte sich frühzeitig überlegen, wo man sich ehrenamtlich engagieren will, wie man wohnen will, oder auch welche Möglichkeiten es gibt, sich digital fit zu halten. Es ist gut, mit dem Partner, der Partnerin, mit Freunden und Kindern immer mal wieder über Fragen und Sorgen in Bezug auf das eigene Älterwerden zu reden, auf keinen Fall sollte man sich mit seinen Sorgen vergraben. Die beste Vorbereitung auf das Älterwerden besteht wahrscheinlich darin, schon sehr früh im Leben auf sich zu achten und Risiken zu vermeiden, also vor allem nicht zu rauchen, nur wenig Alkohol zu trinken und sich viel zu bewegen. Dreh- und Angelpunkt einer guten Vorsorge für das Alter sind aber soziale Beziehungen. Diese wollen bereits früh im Leben gehegt und gepflegt werden, damit sie bis ins späte Leben tragen.

Wie lernen wir zu akzeptieren, dass wir alt werden und mit 85 vieles nicht mehr so machen können wie früher?

Den meisten gelingt es ganz gut, diese Akzeptanz aufzubauen. Sie vermeiden unnötigen Stress, konzentrieren sich auf ihre Interessen und wichtigen sozialen Beziehungen, betrachten ihre Gesundheit und den Verlauf ihres Alterns auch als selbst gestaltbar. Insgesamt würde ich sagen: Es ist doch großartig, dass wir heute so lange leben – 30 Jahre länger als vor 100 und zehn Jahre länger als vor 50 Jahren. Diese gewonnenen Jahre sind bei vielen zu einem größeren Teil gute und gesunde Jahre. Ich glaube fest daran, dass dieses Geschenk uns auch helfen kann, sich darauf einzulassen, dass das Leben endlich ist.

GESPRÄCH: Angelika Friedl
FOTOS: Lisay / iStock, sk / Unsplash, Rochelle Lee / Unsplash