Ratgeber

No. 33 – SCHMERZ Im Alter nehmen die Einschränkungen zu.

Pflege: Gewalt vorbeugen

In der Pflege von Menschen mit Demenz kann es zu Gewalt kommen – gegen, aber auch von Pflegebedürftigen. Was man präventiv tun kann, damit es nicht zum Äußersten kommt.

„Liebevoll“ und „aufopfernd“, damit umschreibt der Duden den Begriff der Pflege. Doch im Alltag stoßen pflegende Angehörige und auch Profis bisweilen an ihre persönlichen Grenzen. Im schlimmsten Fall kann es durch Stress und Überforderung auch zu Gewalt kommen.„Menschen mit Demenz haben ein erhöhtes Risiko, Opfer von Gewalt wie Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung zu werden“, stellt der „Report Gewaltprävention“ des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) fest. Denn gerade die Symptome einer Demenz machen die Pflege besonders anstrengend und erschöpfend.

Doch auch von der pflegebedürftigen Person selbst kann Gewalt ausgehen, etwa weil sie mit dem, was geschehen soll, nicht einverstanden ist. Egal ob es darum geht, etwas zu essen oder gewaschen zu werden – wer sich nicht mehr verbal äußern kann, reagiert zuweilen mit rabiater Abwehr. Bei einer Umfrage des ZQP gaben 11 Prozent der pflegenden Angehörigen an, in den vergangenen sechs Monaten physische Gewalt erlebt zu haben. 12 Prozent hatten nach eigenen Angaben selbst Gewalt angewendet. Die Dunkelziffer dürfte sogar noch höher sein, denn Gewalt in der Pflege findet im Verborgenen statt. Pflegebedürftige sind in vielen Fällen nicht mehr in der Lage, selbst über die Gewalt zu berichten. Manchmal verschweigen sie solche Vorfälle laut Report aber auch bewusst: aus Scham oder aus Angst vor der Reaktion der Personen, auf deren Unterstützung sie angewiesen sind.“

Wie oft Gewalt in der Pflege vorkommt, kann nur geschätzt werden.

Der erste Schritt: Missstände erkennen

„Dass es in der Pflege häufig zu Gewalt kommt, liegt in der Natur der Sache“, erläutert Sascha Köpke, der selbst examinierter Krankenpfleger ist und heute das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität zu Köln leitet. Er ist dennoch überzeugt, dass betreuende Personen viele Möglichkeiten haben, der Gewalt vorzubeugen, auch wenn sie von Seiten der Pflegebedürftigen kommt. Der Schlüssel dazu ist, die Bedürfnisse des Gegenübers wahrzunehmen und richtig einzuordnen. So können beispielsweise Unruhe und Wut bei Pflegebedürftigen ganz unterschiedliche Gründe haben. Dahinter können etwa Schmerzen, aber auch Langeweile oder Angst stehen. Hier kann es helfen, direkt mit der Person zu sprechen und sich zusätzlich professionellen Rat zu holen.

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Konflikten vorbeugen

Grundsätzlich tragen Verständnis, Mitgefühl, Geduld und Respekt im täglichen Umgang dazu bei, Aggressionen und kritische Situationen zu vermeiden. Das Zentrum für Qualität in der Pflege rät deshalb:

  • Zeigen Sie der pflegebedürftigen Person, dass Sie sie so annehmen, wie sie ist.
  • Widersprechen, korrigieren, überreden, drängen oder bevormunden Sie nicht.
  • Nehmen Sie Gefühle, Bedürfnisse und Probleme der pflegebedürftigen Person ernst. Vermitteln Sie Geborgenheit und Akzeptanz vermehrt durch Körpersprache und Körperkontakt.
  • Sorgen Sie für eine ruhige Atmosphäre. Vermeiden Sie Hektik und Zeitdruck. Organisieren Sie vorausschauend.
  • Vermitteln Sie Sicherheit: Unterstützen Sie dabei, Gewohnheiten und Rituale beizubehalten.
  • Behalten Sie möglichst die gewohnte Ordnung bei, etwa den Platz für die Brille.
  • Schaffen Sie Nähe über die Pflege hinaus, etwa durch ein Gespräch oder eine Umarmung.
  • Meiden Sie möglichst Situationen, die die Person stark verunsichern oder ängstigen. Zum Beispiel: Nutzen Sie den Aufzug, wenn eine Rolltreppe die pflegebedürftige Person verunsichert.
Liebevolle Nähe suchen, neben der Pflege

Zugleich sollten Pflegende ihre eigene Situation nicht aus dem Blick verlieren. „Wichtig ist zu reflektieren, wie belastend meine Aufgabe ist“, betont Köpke. „Es geht darum, die eigenen Emotionen ernst zu nehmen und sich frühzeitig Hilfe zu suchen, bevor es zu einer Überforderung kommt.“ Vor allem ambulante Pflegedienste können Angehörige erheblich entlasten. Zudem kann es helfen, über die eigenen negativen Gefühle zu sprechen und beispielsweise der Familie und anderen Pflegenden von der eigenen Wut und Ungeduld zu erzählen. Und wenn man es einmal nicht mehr schafft, die Wut zurückzuhalten, dann ist es am besten, das Zimmer zu verlassen.

Wo fängt Gewalt an?

Pflegende sollten sich bewusst sein, dass sich Gewalt nicht nur körperlich äußert, sondern auch andere Formen annehmen kann. Oft komme es unbeabsichtigt und sogar unbemerkt zu unangemessenem Verhalten, erklärt Köpke. Dazu gehört unter anderem:

  • Jemanden beschimpfen
  • Jemanden demütigen, beleidigen
  • Vernachlässigung
  • Grundbedürfnisse nicht wahrnehmen
  • ungewollte Pflegemaßnahmen durchführen
  • Vorenthalten von Hilfsmitteln wie Rollator o.ä.
  • Freiheitsbeschränkungen durch Einschließen, Bettgitter oder Gurte

Die besten Mittel und Wege nutzen

Viele Menschen mit Demenz haben das starke Bedürfnisse, sich zu bewegen. Zugleich können Sie Gefahren zunehmend schlechter einschätzen. Dennoch sind Experten sich einig, dass freiheitsentziehende Maßnahmen in den meisten Fällen mehr Schaden als Nutzen bringen. So wird empfohlen, pflegebedürftigen Personen so viel Bewegungsspielraum wie möglich zu lassen. Stattdessen sollte man für Sicherheit im Haushalt sorgen, etwa indem man gefährliche Gegenstände wie Messer und Feuerzeuge sicher verwahrt. Zudem können Rauchmelder, Herdsicherung und Wasserregulatoren installiert werden. GPS-Tracker können dabei helfen, Pflegebedürftige zu orten. Und auch hier hilft es, durch Gespräche besser zu verstehen, welche Bedürfnisse hinter einem gefährlichen Verhalten stehen. „Egal ob zu Hause oder in einer stationären Einrichtung“, so Köpke. „Nur wenn alle Beteiligten im Gespräch bleiben und dabei auch das Thema der potenziellen Gewalt nicht ignorieren, kann Pflege gelingen.“

TEXT: Lars Klaaßen
FOTOS: Getty Images / Unsplash, Halfpoint / iStock, Getty Images / Unsplash

Zum Weiterlesen

Das Zentrum für Qualität in der Pflege bietet zahlreiche kostenlose Broschüren an und informiert darüber, wie man das Verhalten dementer Menschen versteht, mit kritischen Situationen umgeht, für Sicherheit sorgt und wo man darüber hinaus fachlichen Rat findet.