Ratgeber

No. 34 – HALTUNG Auch hinter einer ausgewogenen Berichterstattung steht eine Haltung.

Journalismus: Zu viel Haltung?

Was ist dran am Vorwurf des „Haltungsjournalismus“? Ist die Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht ausgewogen genug?

Seit einigen Jahren kommt immer wieder der Vorwurf des „Haltungsjournalismus“ auf – als Kritik gegen Medien, vor allem gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nutzerinnen und Nutzer etwa auf Social-Media-Plattformen werfen den Sendern vor, zu regierungstreu oder zu tendenziös zu berichten. Journalistinnen und Journalisten würden unausgesprochen ihre persönlichen Haltungen mit in die Berichte einfließen lassen. Die Kritik, die nicht selten mit üblen Beschimpfungen einhergeht, kommt hauptsächlich dann auf, wenn es um bestimmte Reizthemen geht: Flüchtlingsbewegung, Klimawandel und Corona. Was ist an solchen Vorwürfen dran?

Im Journalismus unterscheidet man seit jeher zwei unterschiedliche Beitragsformen: Im Kommentar äußern Journalistinnen oder Journalisten klar ihre persönliche Meinung zu einem Thema. Im Bericht dagegen sollen alle Meinungen zu einem Thema abgebildet werden, der Verfasser bleibt dabei neutral. Der Vorwurf des „Haltungsjournalismus“ unterstellt, dass dieses beiden Formen vermischt würden. Aber ist eine absolut neutrale Berichterstattung überhaupt möglich?

Grundlegende Werte

„Es gibt keinen Journalismus ohne Haltung, weil jeder Mensch Haltungen hat“, erklärt Georg Restle, Redaktionsleiter des ARD-Fernsehmagazins Monitor, in einem MDR-Beitrag. Oder anders gesagt: Wer auf die Welt blickt, nimmt automatisch auch eine Perspektive ein. Zum Journalismus gehört, Ereignisse nach Relevanz zu filtern und durch entsprechende Hintergrundinformationen einzuordnen. Das erwarten die Nutzerinnen und Nutzer, wenn sie ihre Zeitung lesen, das Radio oder den Fernseher anschalten. Deshalb ist Restle überzeugt: Journalismus brauche Maßstäbe, an denen sich politisches und gesellschaftliches Handeln messen lassen. Als Beispiele nennt er Werte, die der Berichterstattung in einer Demokratie zugrunde liegen, wie Rechtsstaat und Menschenrechte.

„Haltungsjournalismus“ sei dagegen ein Kampfbegriff von rechts. Den Kritikerinnen und Kritikern ginge es letztlich nicht darum, dass in der Berichterstattung eine Haltung deutlich werde, sondern vielmehr welche, meint Restle. „Diejenigen, die uns ‚Haltungsjournalismus‘ vorwerfen, werfen uns vor, nicht ihre Haltung zu bedienen.“

Haltungsjournalismus – ein Kampfbegriff

Öffentlich-rechtliche vs. Privatsender

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind in Sachen Ausgewogenheit strengeren Regeln unterworfen als private Verlage oder Sender. Weil sie gebührenfinanziert sind, schreibt der Rundfunkstaatsvertrag fest, dass ARD, ZDF und Co. möglichst viele Positionen zu einem Thema im Verhältnis zu ihrer Relevanz abbilden müssen. Da dies in einer Sendung nicht möglich ist, bezieht sich dieser Anspruch auf das Gesamtprogramm. Und das ist in den zahlreichen Radio-, Fernseh- und Onlineangeboten tatsächlich äußerst vielfältig.

Ganz anders sieht es bei den Privaten aus. Sie dürfen Tendenzbetriebe sein und sich klar positionieren. Dies entspricht in vielen Fällen ihren kommerziellen Interessen. Ausgewogenheit gibt es auch bei Ihnen, aber starke Meinungen und auffällige Positionen verkaufen sich meist besser als ein möglichst neutrales Programm. Doch auch in den Öffentlich-Rechtlichen plädiert Georg Restle für mehr Haltung. Denn wenn das Publikum wisse, wie der Journalist ticke, könne es die Berichterstattung besser einordnen. Das sei „kein ‚Haltungsjournalismus‘, sondern ein werteorientierter Journalismus mit Haltung“.

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Ausgewogenheit vor Gericht

Ausgewogenheit oder klare Position? Wie viel Haltung ist in der sachlichen, ergebnisoffenen Berichterstattung möglich und nötig? Und wo ist die Grenze zum Aktionismus überschritten, bei dem ein Bericht nicht mehr nur informieren, sondern auch überzeugen soll? Darüber wird nicht nur im Journalismus diskutiert. Die Frage ist inzwischen sogar vor Gericht gekommen. Eine Frau aus Bayern klagte gegen den Rundfunkbeitrag mit dem Vorwurf, die Öffentlich-Rechtlichen berichteten nicht ausgewogen genug. Mitte Oktober stimmte das Bundesverwaltungsgericht zu, dass diese Frage durchaus auch vor Gericht verhandelbar sei. Allerdings brauche es dafür einen fundierten Beleg, dass es in den Programmen tatsächlich an Meinungsvielfalt mangele.

Meinungsvielfalt in einer vielfältigen Presselandschaft

Links der Gesamtbevölkerung

Christian Pieter Hoffmann, Politik- und Kommunikationswissenschaftler an der Universität Leipzig, hat in einer Studie für die Konrad Adenauer Stiftung die politischen Einstellungen von Journalistinnen und Journalisten ausgewertet. Demnach zeigt die soziologische Forschung, dass journalistische Redaktionen eher links orientiert sind. Ein Grund: Im Journalismus lässt sich heutzutage nicht mehr viel Geld verdienen. Allgemein spielen für konservative Personen materielle Motive bei der Berufswahl eine größere Rolle, „während linksorientierte Personen eine stärkere Befriedigung aus politischem Aktivismus beziehen“, so Hoffmann. Ihnen geht es also nicht nur um Geld, sondern auch persönliche Erfüllung im Beruf.

Daraus, dass die politischen Haltungen von Journalistinnen und Journalisten etwas links der Gesamtbevölkerung zu verorten sind, könnte laut Hoffmann ein Ungleichgewicht entstanden sein. Denn ein großer Teil der Bevölkerung sehe sich im professionellen Journalismus nicht mehr vertreten. Laut Umfragen weise „just jener Teil des Publikums, der politisch dem journalistischen Berufsfeld am nächsten steht, das höchste Medienvertrauen“ auf. Der andere Teil des Publikums wende sich dagegen von den öffentlich-rechtlichen Programmen ab und „informiere“ sich stattdessen in den „alternativen Medien“ im Netz.

Verzerrte Wahrnehmung?

Ob die Berichterstattung in deutschen Medien aber tatsächlich einen linken Einschlag bekommen hat, ist nur schwer zu untersuchen und alles andere als klar. Hoffmann erinnert daran, dass auch die Wahrnehmung der Nutzerinnen und Nutzer häufig verzerrt ist. Denn auch wenn viele in Umfragen sagen, dass sie sich einen neutralen, ausgewogenen Journalismus wünschen, greifen die meisten am Ende dann doch zu Medienprodukten, die sie in ihrem eigenen Weltbild bestätigen. Anderen Medien begegnen sie dagegen mit politischen Vorurteilen.

Der Wissenschaftler Hoffmann plädiert deshalb für mehr Vielfalt in den Redaktionen. Und warnt zugleich vor einer falsch verstandenen Ausgewogenheit. „Es ist eben nicht richtig, bei allen Themen verschiedene Sichtweisen gleichermaßen darzustellen“, so Hoffmann gegenüber dem MDR. „Weil dann halt auch falsche oder dumme Sichtweisen möglicherweise zu viel Raum bekommen.“

Besuch in der Redaktion

Wer aus erster Hand wissen möchte, wie Journalisten arbeiten, kann eine Redaktion besuchen und sich zeigen lassen, wie der Arbeitsalltag dort aussieht. Besucherführungen bieten sowohl die Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an als auch Verlage von Tageszeitungen und Magazinen

TEXT: Lars Klaaßen
FOTOS: picture alliance / dts-Agentur, Batuhan Toker / iStock, Curated Lifestyle / Unsplash