Haltung zeigen in sozialen Medien
Die Flut an Hass und Hetze in sozialen Medien ist enorm. Was tun – wegschauen oder Kontra geben? Hat das überhaupt Sinn? Ein paar Tipps, wie man wirkungsvoll Haltung zeigt.
Es kann jeden und jede treffen. Vor allem bei bestimmten Reizthemen, die besonders emotional diskutiert werden, hagelt es schnell Beleidigungen, menschenverachtende Kommentare und sogar Gewaltdrohungen. In den allermeisten Fällen sind wir dabei Zuschauende: Wir lesen mit, wie andere herabgesetzt werden. Doch selbst dann ist die Aggressivität solcher Posts und Kommentare oft schwer zu ertragen.
Was kann man also tun? „Klein anfangen!“, empfiehlt Christina Hübers, Geschäftsführerin bei ichbinhier e.V.. Wer negativen Kommentaren etwas entgegensetzen, aber nicht gleich voll in die Diskussion einsteigen will, kann erstmal: liken, teilen, speichern. Auch kleine, unterstützende Kommentare wie „Ja, das finde ich auch“ können hilfreich sein. „Damit werden positive Beiträge vom Algorithmus besser gewertet und rutschen in der Kommentarspalte weiter nach oben“, erklärt Hübers. Eine andere Möglichkeit zu reagieren, ohne direkt auf herabwürdigende Kommentare einzugehen, sei es, die Diskussion einzuordnen, beispielsweise mit einem Satz wie: „Ich nehme hier viele rassistische Kommentare wahr.“
Hasskommentare schüchtern ein
Schon eine kleine Reaktion ist besser, als zu resignieren. Denn der Hass im Netz hat Folgen. Nicht nur die direkt Betroffenen ziehen sich zurück. Auch andere Menschen werden eingeschüchtert. In Umfragen sagen immer mehr Befragte, dass sie ihre politische Meinung im Internet nicht äußern – aus Angst vor den aggressiven Reaktionen, die das hervorrufen könnte. Und das ist wohl auch beabsichtigt: Hasskommentare verfolgen das Ziel, andere Menschen zum Schweigen zu bringen, resümiert eine Studie des Kompetenznetzwerkes gegen Hass im Netz. Das Internet werde zunehmend denjenigen überlassen, die Hass verbreiten.
Zudem kommt es zu einer Verzerrung der Debatte. Eine Studie zeigt, dass relativ wenige Facebook-Accounts für einen überproportional großen Anteil der Hasskommentare verantwortlich sind. Accounts, die Hass und Hetze verbreiten, sind besonders aktiv und besonders laut. Wenn es dann keinen Widerspruch gibt, scheint es, als wären alle damit einverstanden und als wäre dies die Meinung der Mehrheit.
Für Betroffene
Menschen, die von digitaler Gewalt betroffen sind, können sich an die gemeinnützige Organisation Hate Aid wenden. Hate Aid berät und unterstützt u.a. bei Beleidigung, Bedrohung, Verleumdnung und hilft auch dabei, Persönlichkeitsrechte im Netz zu schützen.
Um eskalierende Online-Diskussionen wieder in einen respektvollen Umgang zurückzuholen, wurde 2016 die Facebook-Aktionsgruppe #ichbinhier gegründet. Die Idee: sogenannte Gegenrede nicht allein zu unternehmen, sondern der Hetze und den Shitstorms in Kommentarspalten mit möglichst vielen zusammen und organisiert zu widersprechen. „Digitale Zivilcourage“ nennt Christina Hübers das.
Seitdem haben sich die sozialen Medien stark verändert, der Algorithmus wirkt inzwischen anders. „Heute wissen wir: Wenn ich direkt auf einen problematischen Kommentar antworte, egal ob zustimmend oder mit Kritik, treibt es diesen nach oben“, sagt Hübers. Deshalb sei es besser, einen eigenen Kommentar zu verfassen oder auf einen anderen positiven Kommentar zu antworten.
Tipps für Gegenrede
Doch für Gegenrede muss man nicht in einer Gruppe sein, jede und jeder Einzelne kann in der einen oder anderen Form Haltung zeigen. Dazu gibt es ein paar wichtige Tipps:
- Erstmal durchatmen
Aggressive Kommentare können beleidigen und wütend machen. „Es ist wichtig, ruhig zu bleiben und erst einmal nachzudenken, bevor man reagiert“, empfiehlt Christina Hübers. - Positiv bleiben
Wer sich respektvollen Umgang wünscht, sollte selbst einen freundlichen Ton wahren. Statt das Gegenüber runterzumachen, kann man gute Stimmung verbreiten, die auch andere zu positiven Kommentaren motiviert. Auch Humor kann helfen. - Fakten nennen
Wo Falschinformationen verbreitet werden, sollte man diese richtigstellen. Manchmal reicht ein kurzer Faktencheck, um Fake News zu erkennen. Vor allem bei Themen, in denen man sich auskennt, ist es sinnvoll, die Falschinformationen zu korrigieren. - Sich selbst schützen
Digitale Zivilcourage kostet Nerven. „Man kann nicht auf jeden aggressiven Kommentar antworten, man muss auch auf sich selbst achten“, warnt Christina Hübers. Also: auch mal drüber hinwegsehen!
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Gegenrede wirkt
Doch wie wirkungsvoll ist Gegenrede wirklich? Provoziert ein Widerspruch nicht bloß weitere Kommentare, die möglicherweise noch bösartiger sind? Dominik Hangartner, Politikwissenschaftler an der ETH Zürich, ist dieser Frage nachgegangen. Sein Forschungsteam beantwortete rassistische oder fremdenfeindliche Inhalte von 1350 Twitter-Nutzern mit verschiedenen Formen von Gegenrede, darunter Humor oder Hinweise auf mögliche strafrechtliche Konsequenzen.
Doch nur eine Strategie zeigte Wirkung: Empathie. Bemerkungen wie «Ihr Post ist für Jüdinnen und Juden sehr schmerzhaft…» oder «Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Leute so über Dich sprechen würden?» bewirkten, dass die Hass-Twitterer im Vergleich zur Kontrollgruppe die herabsetzenden Kommentare um ein Drittel reduzierten. Teilweise löschten sie sogar bereits geschriebene Kommentare.
Zudem ist es gerade für die Betroffenen einer Herabsetzung wichtig zu sehen, dass sie nicht allein sind, sondern andere ihnen beistehen. In vielen Fällen hilft es schon, diejenigen, die attackiert werden, zu bestärken und sich solidarisch zu zeigen, und sei es auch nur mit einer persönlichen Nachricht, die von anderen nicht gesehen wird. „Wir haben von vielen Betroffenen gehört, dass vor allem die Solidaritätsbekundungen ihnen geholfen haben, sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen“, berichtet Christina Hübers.
Meldestellen
Volksverhetzung und politisch motivierte Bedrohungen sind Straftaten, auch im Netz. Wer auf entsprechende Posts und Kommentare stößt, sollte diese melden, zum Beispiel bei der Meldestelle Respect oder der Meldestelle HessenGegenHetze. Wichtig: Als Beweise werden ein Screenshot und die URL der Veröffentlichung gebraucht.
Strafbare Kommentare
Wenn aber die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten werden, beispielsweise gegen Minderheiten gehetzt oder Menschen bedroht werden, sollte unbedingt Strafanzeige erstattet werden. Zumal die Strafverfolgung in diesem Bereich erheblich besser geworden sei, sagt die Juristin Hannah Heuser, die an der Universität Leipzig zu dem Thema „Digitaler Hass“ forscht: „Es gibt mittlerweile spezialisierte Staatsanwaltschaften. Und erstaunlich viele Menschen, die strafbare Inhalte posten, tun dies völlig schamfrei unter ihrem echten Namen, so dass sie auch belangt werden können.“
Am einfachsten ist eine Anzeige online bei einer entsprechenden Initiative, beispielsweise der Meldestelle Respect oder bei HessenGegenHetze. Hier kann man unkompliziert und auch anonym anzeigen, was einem strafbar erscheint (siehe Infobox). Doch leider werde weiterhin ein Großteil der strafbaren Posts und Kommentare nicht angezeigt, sagt Heuser. Dabei sei die Strafverfolgung ein durchaus wirkungsvolles Mittel. „Vielen, die so etwas posten, ist nicht klar, dass sie damit eine Grenze überschreiten. Wer aber sein Verhalten einmal bei der Staatsanwaltschaft oder der Polizei verantworten und eine Strafe zahlen musste, wird so schnell keine strafbaren Inhalte mehr posten.“
Keine schweigende Mehrheit
Auch wenn es lästig ist: Man sollte also dagegenhalten und diskriminierende Bemerkungen oder auch Falschbehauptungen nicht einfach stehen lassen. Denn wo es keinen Widerspruch gibt, wird das von allen Mitlesenden als Zustimmung gewertet. Manchmal reiche es, wenn in einer Kommentarspalte einer den Anfang mache und den ersten positiven Kommentar schreibe, meint Christina Hübers: „Damit sinkt die Hemmschwelle für andere, sich ebenfalls positiv zu äußern.“ Und wenn es lediglich etwas Hoffnung ist, die man damit anderen schenkt: Jeder und jede kann etwas tun.
Workshops
Der Verein ichbinhier e.V. unterstützt die gleichnamige Onlineaktionsgruppe mit aktuell 39.000 Mitgliedern und weitet die Arbeit unter anderem auf Instagram und Tiktok aus. Außerdem bietet er Workshops zum Umgang mit Hassrede an. Diese richten sich an unter anderem NGOs, Schulen, ehrenamtliche Communities, Unternehmen, Medienmachende oder auch Interessierte aus der Kommunalpolitik. Außerdem es gibt den Kurs „Digitale Zivilcourage für Beginner“. Wer aktiv werden will, kann auch der Aktionsgruppe beitreten.
TEXT: Wibke Bergemann
FOTOS: Photosbypatrik / iStock, FG Trade / iStock, anyaberkut / iStock