“Nicht mit Gegenhass, sondern mit Empathie”
Der jüdische Deutsche Shai Hoffmann sucht den Dialog zwischen Juden und Palästinensern. Entscheidend dabei: eine Haltung, die dem Trauma und Leid der anderen Seite mit Empathie begegnet.
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Kurz nach dem 7. Oktober 2023 starteten der deutsche Jude Shai Hoffmann und die Deutsch-Palästinenserin Jouanna Hassoun die Trialoge, in denen sie mit Schülerinnen und Schülern über Israel und Palästina sprechen. Als selbst Betroffene wollten sie der Gewalt etwas entgegensetzen, die sich auch in der deutschen Gesellschaft fortzusetzen drohte. Für ihr Projekt wurden die beiden mit zahlreichen Preisen geehrt. Seit 2024 produziert Shai Hoffmann zudem den Podcast “Über Israel und Palästina sprechen“. Seine Reels, die bei einer Podcastreise durch Israel entstanden, sind nun für den Grimme Online Award 2025 nominiert.
Herr Hoffmann, warum geht es bei Ihren Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern vor allem um Gefühle? Kann man damit einen Konflikt lösen?
Wir können nicht von Deutschland aus den Jahrzehnte währenden Konflikt in Nahost lösen. Aber wir können dafür sorgen, dass wir hierzulande miteinander leben und miteinander diskutieren. In den Schulen versuchen wir einen “braver space” zu schaffen, einen “mutigeren Raum”, in dem wir es wagen, alle Seiten beim Thema Israel-Palästina anzugucken. Gerade so ein hochemotionales und komplexes Thema kann man über Gefühle besprechbar machen. Das ist die Einflugschneise, das ist das kleine Türchen, das uns dann hoffentlich zu einem tiefer liegenden Schatz führt.
Es hilft natürlich, wenn man sich der eigenen Gefühle bewusst wird, bevor man auf der Sachebene diskutiert.
Ja, wir reagieren sehr oft aus dem Affekt heraus. Wenn wir diese Räume schaffen, um über Israel und Palästina zu sprechen, müssen wir auch unsere eigenen Gefühle und persönlichen Bezüge reflektieren. Da spielen natürlich die eigenen Familiengeschichten und Traumata eine Rolle. Und man muss sich bewusst machen, dass alle an diesem Gespräch beteiligten Personen Gefühle haben, entweder ähnliche oder ganz andere. Das muss man akzeptieren. Erst damit schafft man eine Grundlage für einen Dialog.
Die Deutsch-Palästinenserin Jouanna Hassoun und der deutsche Jude Shai Hoffmann gehen in Schulen, um über Israel und Palästina zu sprechen.
Bei dem Trialog-Format fordern Sie die Schülerinnen und Schüler auf, alle ihr Gefühle auszudrücken, es gibt kein Richtig oder Falsch. Aber wie reagieren sie dann, wenn Jugendliche ganz deutlich Hass äußern?
Nicht mit Gegenhass, sondern mit Empathie. Das entspricht erstmal nicht unserer Intuition, gerade wenn man wie ich selbst betroffen ist. Aber bei so einem Thema bleibt uns gar nichts anderes übrig, als einander mit einer fragenden Grundhaltung, mit einem hermeneutischen Wohlwollen zu begegnen: Wie meinst du das? Gegen wen genau richtet sich dein Hass? Warum richtet sich der Hass im Kollektiv gegen Muslime oder gegen Juden, gegen Zionisten und Zionistinnen oder gegen “Palästinazis”? Gerade bei jungen Menschen versuchen wir, das zu hinterfragen und ihnen nicht gleich Antisemitismus oder Rassismus vorzuwerfen. Das ist vielleicht die einzige Chance, eine Person zum Umdenken zu bewegen. Wir versuchen, die Grautöne zu zeigen, indem wir beispielsweise darauf hinweisen, dass Zionisten nicht alle „Nazis“ sind oder Palästinenser nicht alle Hamas.
»Bist du für Palästina oder bist du für Israel? Dieses Denken ist in der ganzen Gesellschaft verbreitet.«
Ihre Arbeit beruht auf Empathie, Respekt und Multiperspektivität. Was ist mit letzterer gemeint?
Bei diesem Thema scheint es ja nur zwei Seiten zu geben: schwarz und weiß, gut und böse, anders gesagt: entweder Bayern München oder BVB Dortmund. Wir werden oft gefragt: Bist du für Palästina oder bist du für Israel? Dieses Denken ist natürlich in der ganzen Gesellschaft verbreitet. Die Multiperspektivität bricht das auf und zwar ganz greifbar anhand unserer Biografien. Es gibt nicht die eine Wahrheit: Ich bin Jude in Deutschland. Und ich bin für ein Israel, weil meine Familie dort lebt. Aber ich bin eben auch für Palästina, weil ich der festen Überzeugung bin, dass die Juden in Israel und in der Diaspora nicht in Sicherheit leben können, solange nicht auch die Palästinenserinnen und Palästinenser selbstbestimmt in Sicherheit und Freiheit leben.
Multiperspektivität bedeutet auch, dass es diese Gleichzeitigkeiten verschiedener Erfahrungen gibt, die man aushalten muss. Zum Beispiel ist mein Vater mit seiner Familie 1949, ein Jahr nach der Staatsgründung aus einem Auffanglager in Bayern nach Israel emigriert und dort nach Akko gegangen. Etwa um diese Zeit herum sind die Großeltern von Jouanna Hassoun vertrieben wurden, auch aus Akko, und in den Libanon geflüchtet.
Zum Weiterlesen
In ihrem Buch „Trialog. Wie wir über Israel und Palästina reden“ schreiben Shai Hoffmann und Jouanna Hassoun über ihre persönlichen Lebenswege, über ihren Ansatz für empathische Gespräche und ihre Erfahrungen in den Schulen. Erschienen bei Quadriga.
Ich habe in Ihrem Buch ein neues Wort gelernt: Widerspruchstoleranz. Wie würden Sie das erklären?
Es geht darum, Widersprüchlichkeiten hinzunehmen und nebeneinander stehen zu lassen. Ein Beispiel: Wenn Sie gegen das Gendern sind und ich dafür, dann würde ich mir wünschen, dass sie mich nicht als linksgrün-versifften Typen abstempeln und ich Sie nicht als Nazi beschimpfe, sondern dass wir miteinander Argumente austauschen, ohne in Rechthaberei zu geraten. Dass wir, auch wenn wir nicht auf einen Nenner kommen, uns trotzdem hinterher die Hand geben können.
Reels aus Israel: Shai Hoffmann in Ostjerusalem
Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie zu dieser Haltung geführt?
In meinem Elternhaus haben wir, bedingt durch den Holocaust, konfliktreiche Gespräche gemieden. Das kam tatsächlich erst mit meinen Tätigkeiten als Aktivist mit dem “Bus der Begegnungen”. 2017 habe ich bewusst die Filterblase, in der ich lebe, verlassen und bin mit einer Gruppe Engagierter in einem Doppeldeckerbus durch Deutschland gefahren. Ich habe mich ganz anderen Realitäten ausgesetzt und bin Menschen auf Marktplätzen begegnet, die anders denken, mit anderen Lebensumständen zurecht kommen müssen. Das hat mir vor Augen geführt, dass sich die Welt nicht nur um mich dreht.
Aber da waren Sie ja offensichtlich schon bereit, anderen Menschen zuzuhören.
Ich komme aus einem relativ bildungsfernen Haushalt. Mein Vater ist 1948 in einem Displaced Persons Camp in Deutschland geboren, aber wenige Monate später nach Israel ausgewandert. Er ist dort zur Schule gegangen und hat 1967 im Sechstagekrieg gekämpft. Kurz danach ist er zurück nach Deutschland gekommen. Es ging bei uns in der Familie quasi immer nur darum, irgendwie Geld zu verdienen. Ich habe eine Ausbildung zum Hotelfachmann gemacht und danach Betriebswirtschaft studiert. Aber in der Zeit dazwischen habe ich geschauspielert und bin dabei das erste Mal mit Menschen zusammengekommen, die mir ganz andere Perspektiven aufgezeigt haben. Diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich ein politischer Mensch wurde und mich fragte, was eigentlich meine Rolle als Jude, als Mensch in Deutschland ist. Auch mit der Beobachtung, dass die AfD reihenweise den Sprung in die Landesparlamente schaffte. Das war der Knackpunkt, an dem ich entschieden habe, dass ich etwas tun muss mit der Bildung, die ich genießen durfte, und mit meinen Erfahrungen, vor Kameras zu sprechen und vor Menschen zu stehen. Deswegen bin nach dem Studium anders als meine Kommilitonen nicht in eine Beratungsfirma gegangen, sondern Aktivist und Sozialunternehmer geworden.
Unsere Haltung
Die Welt ein Stück besser machen – das ist die Haltung, die hinter dem Magazin Prinzip Apfelbaum steht und unsere Mitgliedsorganisationen antreibt.
In den letzten zwei Jahren ist am Nahostkonflikt vieles zerbrochen, Bündnisse, Netzwerke, Freundschaften. Familien haben sich überworfen. Gibt es einen Punkt, an dem man besser aufhört, über den Nahostkonflikt zu sprechen?
Mit meinem Vater ist das so, eigentlich mit meiner ganzen Familie in Israel, muss ich traurigerweise sagen. Mit ihnen versuche ich, nicht über meine Arbeit zu sprechen. Ich werde demnächst wieder nach Israel reisen und weitere Reels aufnehmen. Ich werde aber in einem Hotel schlafen. Denn ich möchte nicht mit meiner Familie darüber diskutieren, wen ich getroffen und was ich gefilmt habe. Wir sprechen einfach nur übers Wetter und über Neuigkeiten privater Natur.
Reels aus Israel: Im zerstörten Kibbuz Be'eri
Sie treten öffentlich für das Recht der Palästinenser auf Leben und Selbstbestimmung ein. Zugleich erleben Sie als Jude in Deutschland Antisemitismus. Zerreißt einen das nicht innerlich?
Es ist eher schmerzhaft zu sehen, was zwischen diesen beiden Polen passiert, wenn man sich für beide Seiten einsetzt und dabei auch das Macht-Ungleichgewicht im Blick hat. Die Vorwürfe kommen von beiden Seiten und nicht nur gegen mich, sondern auch gegen Jouanna Hassoun und andere Palästinenserinnen und Palästinenser, die an unserem Projekt beteiligt sind. Die einen sagen, wir würden uns nicht vehement genug auf die Seite der Palästinenser stellen. Von der anderen Seite heißt es, wir würden nicht vehement genug für Israel einstehen.
Dabei steht schnell der Vorwurf des Antisemitismus im Raum.
Der Begriff des Antisemitismus wird extrem instrumentalisiert, und zwar mittlerweile von vielen Seiten. Das ist ein Riesenproblem, weil wir damit keinen Deut den echten Antisemitismus bekämpfen. Und damit meine ich sowohl den muslimischen Antisemitismus, der etwa durch Erdogans Staatsfernsehen in die Wohnzimmer hineingetragen wird, als auch den rechten, linken und gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus. Da werden Nebelkerzen gezündet, die extrem gefährlich sind für den echten Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus. Diese Instrumentalisierung des Antisemitismus – vor allen Dingen von Politikern und rechtskonservativer Seite – richtet sich leider viel zu oft gegen migrantische Gruppen. Da müssen wir dringend gegensteuern und Wege finden, wie wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen.
»Hass ist nicht die Lösung. Wir müssen den Mut haben und den Schmerz ertragen, uns auf die Komplexität dieses Konflikts einzulassen.«
Wäre diese Haltung der Empathie und des Zuhörens nicht auch für ein friedliches Zusammenleben in Nahost nötig?
Wir haben es mit zwei Völkern zu tun, die hoch traumatisiert und extrem militarisiert sind, in denen die andere Seite über Generationen hinweg entmenschlicht wurde. Da müssen erstmal ganz andere Dinge passieren, eine Art kollektive Traumaaufarbeitung von gebeutelten Menschen auf beiden Seiten, Alternativen zur militärischen Logik. Es muss ein Zustand geschaffen werden, in dem die Palästinenser und Palästinenserinnen ein menschenwürdiges Leben führen können und dann in einem übernächsten Schritt auch wählen können. Dann irgendwann wird dieser Empathiemuskel für die jeweils andere Seite wieder freigelegt werden können. Hoffentlich.
Sie haben in Israel kurze Instagramvideos gedreht, die nun für den Grimme Online Award nominiert sind. Sehr authentisch und nahbar erzählen Sie darin von Begegnungen und Orten: aus dem besetzen Ostjerusalem, aus dem beim Massaker am 7. Oktober zerstörten Kibbuz Be’eri oder von Anti-Kriegsdemonstrationen. Was wollen Sie damit erreichen?
Die Reels sind bei einer Interview-Reise für meinen Podcast “Über Israel und Palästina sprechen” entstanden und waren gar nicht geplant. Dann haben wir gemerkt, dass es vor Ort so viel zu erzählen gibt. Es geht darum, plastisch zu zeigen: Wie sieht Besatzung aus? Wer sind die Akteure und Akteurinnen, die sich für eine Koexistenz einsetzen? Was ist mit dem 7. Oktober in der Gesellschaft passiert? Zugleich das Leid anzuerkennen, das bei dem Terrormassaker Juden und Jüdinnen zugefügt wurde. Aber Hass ist nicht die Lösung. Wir müssen den Mut haben und den Schmerz ertragen, uns auf die Komplexität dieses Konflikts einzulassen.
Zum Weiterhören
In Shai Hoffmanns Podcast „Über Israel und Palästina sprechen“ kommen u.a. der Historiker Moshe Zimmermann, Sally Abed, palästinensische Stadträtin in Haifa sowie Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann zu Wort.
Auch die Reels-Serie „Israel-Palästina Diaries 2025“ findet sich auf seiner Webseite.
GESPRÄCH: Wibke Bergemann
FOTOS: Wisam Hashlamoun | AA / Picture Alliance, Adrian Pohl, 2x Israel-Palästina Diaries 2025 von Shai Hoffmann und Christian Fischer, Kateryna Hliznitsova / Unsplash, Quadriga Verlag