Wissenswertes

Erst geht der Geruch, am Ende das Hören

Was geschieht mit unserem Körper, wenn wir sterben? Was fühlen wir? Obwohl der Tod zum Leben dazu gehört, reden wir nicht gern darüber und wissen kaum etwas. Roland Schulz beschreibt in seinem Buch „So sterben wir“, was wir während unserer letzten Tage und Stunden erleben.

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So sterben wir: Anatomische Darstellung des menschlichen Ohres. Symbolbild. Der Hörsinn bleibt bei Sterbenden lange erhalten. Roland Schulz im Gespräch darüber, was in unserem Körper geschieht, wenn wir sterben, und warum wir über das Sterben reden sollten. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: picture alliance / Mary Evans Picture Library

Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Fingerspitzen zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf. Im Kern deines Körpers, wo deine Lunge liegt, dein Herz, deine Leber. Auch aus den Zehenspitzen zieht sich das Blut zurück. Deine Füße werden kalt. Dein Atem verflacht. Die Sinne schwinden. Dein Körper leitet den Abschied vom Leben ein.“ – Mit diesen Worten nimmt Wissenschaftsjournalist Roland Schulz die Leser seines Buches „So sterben wir“ mit auf eine Reise durch unsere letzten Tage und Stunden, durch Leichenschau und Bestattung. Seine akribische und schonungslose Beschreibung wurde zum Wissenschaftsbuch 2019 gekürt.

Herr Schulz, Sie haben ein sehr berührendes Buch über das Sterben geschrieben. Welcher Aspekt hat Sie während Ihrer Recherchen am meisten überrascht?

Als ich angefangen habe, an dem Buch zu arbeiten, hätte ich nicht gedacht, dass ich am Ende das Gefühl haben werde, wie natürlich Tod und Sterben trotz allem sind. Es ist ein gewaltiges Thema, vor dem sich jeder ein bisschen davonschleicht. Aber so unfassbar der Tod ist, er ist eben auch etwas zutiefst Natürliches. Alle Menschen, die vor uns gelebt haben, sind gestorben. Das gerät leicht aus dem Blick, wenn man als Lebender durch sein Leben geht. Nicht nur man selbst, alle anderen, die man trifft, sind auch am Leben. Dadurch vergisst man, dass der Anblick eines Leichnams im Grunde nichts Außerordentliches an sich hat. Da liegt ein toter Mensch, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Halfen Ihnen die vielen Gespräche, die Sie mit Ärzten, Bestattern und Sterbebegleitern führten?

Ja, sehr. Ein Leichenbeschauer sagte mir, dass der Tod auch etwas völlig Alltägliches und Gewöhnliches ist. Das macht Sterben und Tod nicht kleiner, überhaupt nicht. Aber in einer großen Stadt wie Berlin sterben jeden Tag ungefähr hundert Menschen, also etwa in jeder Viertelstunde einer. Und das Jahr für Jahr.

So sterben wir: Anatomische Darstellung des menschlichen Skeletts. Symbolbild. Die meisten Sterbenden fallen in eine tiefe Bewusstlosigkeit, doch sie spüren Berührungen. Was geschieht im Körper, wenn wir sterben, und warum sollten wir über das Sterben reden? Roland Schulz im Interview. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: VintageMedStock / Alamy Stock Photo

Die meisten Sterbenden fallen in eine tiefe Bewusstlosigkeit. Aber selbst ein Mensch, der eingetrübt ist, spürt es, wenn der Partner ihm über die Arme streicht.

Sie beschreiben, wie das Nachlassen bestimmter Körperfunktionen den Tod ankündigt. Ist das immer so?

Sterben ist sehr individuell. Aber es gibt hierzulande schon etwas, was man archetypisches Sterben nennen könnte. Das bedeutet, die Menschen sterben eher im Alter als in jungen Jahren. Sie sterben eher im Krankenhaus als daheim. Sie sterben viel öfter aufgrund einer oder mehrerer chronischer Krankheiten als durch ein einzelnes Ereignis. In Handbüchern für Palliativmediziner heißt es zum Beispiel, dass die Mehrzahl der Menschen am Ende ihres Lebens in eine mehr oder weniger tiefe Bewusstlosigkeit fällt. Mediziner nennen das „Eintrüben“. Bei einem Großteil der Menschen, die im Sterben liegen, stimmt das auch. Aber es muss nicht zwingend so sein. Manche sind noch bis kurz vor dem Eintritt des Todes bei klarem Bewusstsein.

Gehört der Verlust des Geruchssinns auch zum typischen Sterbeprozess?

Ja, viele Menschen schmecken auch kaum mehr etwas, selbst die Leibspeise schmeckt nicht mehr. Viele Pflegerinnen und Pfleger erzählen, dass dagegen Tast- und Hörsinn lange bleiben. Selbst ein Mensch, der eingetrübt ist, spürt es, wenn der Partner ihm über die Arme streicht. Viele Palliativärzte sind der Auffassung, dass der Hörsinn ganz lange erhalten bleibt. Weswegen sie sich scheuen, am Bett des sterbenden Menschen so zu reden, als wäre er gar nicht mehr da.

»Ein großer Irrtum ist, dass Sterben ein Prozess großer Schmerzen ist. Schmerz ist der Bereich des Sterbens, den die Medizin am besten beherrscht.«

Welche Irrtümer über das Sterben gibt es heutzutage immer noch?

Der eine große Irrtum ist, dass Sterben ein Prozess großer Schmerzen ist. Schmerz ist der Bereich des Sterbens, den die Medizin am besten beherrscht. Es gibt inzwischen viele Schmerzmittel, die sehr punktgenau gegeben werden können. Das bedeutet aber nicht, dass Sterben immer schmerzfrei ist. Es gibt ja nicht nur körperliche, sondern auch seelische Schmerzen. Wie sollen die gelindert werden? Das ist sehr schwer.

Ist die Angst vor dem Ersticken berechtigt?

Sterbenden haben manchmal das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Aber die Atemnot entsteht oft eher aus einem Teufelskreis. Das Gefühl, zu wenig Luft zu bekommen, macht Angst und diese Angst löst dann schwere Atemnot aus oder verstärkt sie. Da können aber manchmal einfache Sachen helfen. Wenn Sie zum Beispiel jemanden erleben, der Probleme mit dem Atmen hat, fangen Sie unwillkürlich an, selbst schneller zu atmen. So wird eine Atemnot noch befeuert. Wenn aber alle ganz konzentriert gemeinsam atmen, kann das helfen, die Atemnot etwas zu lindern. Es gibt natürlich auch Medikamente dagegen. Davon zu unterscheiden ist das, was man landläufig Ersticken nennt. Wenn die Lunge versagt, steigt die Konzentration von Kohlendioxid im Blut so lange an, bis der Mensch das Bewusstsein verliert. Erst danach stirbt er an Sauerstoffmangel. Wenn man so will, erlebt wirkliches Ersticken eigentlich keiner bei Bewusstsein.

So sterben wir: Anatomische Darstellung des menschlichen Herzen. Symbolbild. Der Puls wird schwächer, das Herz schlägt schneller. Was geschieht im Körper, wenn wir sterben, und warum sollten wir über das Sterben reden? Roland Schulz im Interview. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: VintageMedStock / Alamy Stock Photo

Der Puls wird schwächer, das Herz schlägt schneller. Gemeinsam zu atmen, kann die Atemnot lindern.

Das Wissen, buchstäblich alles zu verlieren, löst große Angst aus. Gibt es etwas, was uns helfen kann?

Man könnte auch fragen: Lässt sich die Angst vor dem Tod nehmen? Wahrscheinlich nicht. Weil die Angst sich auch daraus speist, dass man nichts Genaues weiß. Dann füllt die eigene Vorstellung diese Lücke. Deswegen: Vielleicht kann es die Angst ein Stück weit nehmen, wenn man etwas über Tod und Sterben weiß. Weil so klar wird, dass alle anderen Menschen auch gestorben sind oder sterben werden. Es ist natürlich eine unfassbare Kränkung, dass du jetzt sterben musst. Aber auf einer größeren Ebene geht es dir so wie allen anderen auch.

Sie schreiben, dass auch Menschen, die sich intensiv mit ihrem Sterben auseinandergesetzt haben, große Ängste erfahren können.

Auch hier gibt es keine Faustregel, die für alle zutrifft. Eine Palliativmedizinerin sagte mir, dass manche Ärzte, die ihr ganzes Leben gegen Krankheiten und den Tod gekämpft haben, für die der Tod vertrauter sein müsste als für andere Menschen, trotzdem große Angst haben. Es ist ganz klar, dass wir alle den Tod ein Stück ausblenden müssen, sonst könnten wir gar nicht leben. Manche Wissenschaftler sagen, genau deswegen denkt der Mensch: Weil er es hinkriegen musste, seine Sterblichkeit zu leugnen.

So sterben wir: Porträt des Autors Roland Schulz. Tod und Sterben sind unumgänglich. Etwas darüber zu wissen, kann die Angst nehmen, sagt Roland Schulz im Interview. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Dirk Bruniecki / Piper Verlag

Tod und Sterben sind unumgänglich. Etwas darüber zu wissen, kann die Angst nehmen, sagt Roland Schulz.

Wie sollten wir uns auf die letzten Tage und Stunden vorbereiten?

Jeder Mensch kann sich überlegen, wie er in einer Situation konkreter Lebensgefahr behandelt werden will – und dann in einer Patientenverfügung seine Wünsche festsetzen. Dadurch setze ich mich damit auseinander, was mir mein Leben bedeutet und ob ich am Ende trotz einer schweren Krankheit beatmet und wiederbelebt werden will. Für pflegende Angehörige gibt es Letzte-Hilfe-Kurse, wie sie von Palliativvereinen angeboten werden. In diesen Kursen kann man viel Praktisches lernen. Was hat es mit dem rasselnden Atem vieler Sterbender auf sich? Ist das schlimm, tut es weh? Oder kommt es daher, dass der Schluckreflex wegbleibt und sich Speichel in der Lunge sammelt?

Damit man als Angehöriger nicht sofort den Notarzt ruft?

Genau. Das Rasseln hört sich furchtbar an. Wenn ich mich aber vorher informiert habe, kann ich leichter abschätzen, was passiert. Und dass das Rasseln nicht zwingend schmerzhaft ist.

»Schmerzlicher als über Tod und Sterben zu sprechen, ist es, darüber zu schweigen. Sterben ist ja etwas, das alle Menschen eint.«

Sollte man sich frühzeitig mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen?

Im Gespräch mit Palliativmedizinern und Hospizhelfern habe ich oft gehört: Schmerzlicher als über Tod und Sterben zu sprechen, ist es, darüber zu schweigen. Sie meinten, dass Sterben ja etwas ist, das alle Menschen eint. Niemand weiß, was uns in einer Woche oder einem Monat passiert. Eines ist aber gewiss: Der Mensch wird sterben. Und wenn Sterben unser aller Zukunft ist, warum sollten wir uns nicht damit beschäftigen?

Aber können wir diese Grenzsituation überhaupt begreifen?

Wenn man Sterben und Tod zu erklären versucht, dann erzeugt das ein Gefühl des Wissens. Aus dem Gefühl des Wissens entsteht dann ein Gefühl der Kontrolle: „Ah, jetzt weiß ich es!“ Doch das ist eine Illusion. Das sagen nahezu alle, die sich mit Sterben und Tod auskennen. Weil keiner wissen kann, was im Tod genau sein wird, weil im Sterben die Vernunft an ihre Grenzen stößt. Gewiss ist nur: Sterben ist genau das Gegenteil von Kontrolle. Sich schon vorher mit dem Sterben zu beschäftigen, ist so etwas wie Trockenschwimmen. Da kann ich mir zwar genau überlegen, wie ich meine Schwimmzüge ausführen will. Aber trotzdem bin ich noch nicht im Wasser.

Anzeichen des Todes

Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod. Doch es gibt einige Veränderungen, die viele Sterbende durchmachen. Wer die Anzeichen des nahenden Todes erkennt, kann in Ruhe Abschied nehmen und dem geliebten Menschen den Sterbeprozess erleichtern.

  • Hunger und Durst lassen nach. Der Stoffwechsel wird schwächer, der Urin kann sich dunkel verfärben, der Körpergeruch verändern.
  • Der Puls wird schwächer und schneller, Füße und Hände werden kalt.
  • Der Atem wird flacher und kann aussetzen. Weil der Hustenreflex versagt, kommt es zu rasselnden oder röchelnden Geräuschen.
  • Viele Sterbende sind schläfrig und wirken nach innen gekehrt. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.
  • Die Muskulatur erschlafft, oft bleibt der Mund offen stehen. Augen und Wangen sinken ein. Die Haut um Nase und Mund wird blass („Todesdreieck“).
  • An der Körperunterseite können sich dunkle Flecken bilden.

Angehörige können vor allem eines tun: für den Sterbenden da sein. In sogenannten Letzte-Hilfe-Kursen kann man den Umgang mit dem Tod erlernen. Mehr lesen…

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So sterben wir: Cover des Buches „So sterben wir“ von Roland Schulz. Der Autor ist überzeugt: Tod und Sterben sind unumgänglich. Etwas darüber zu wissen, kann die Angst nehmen. Interview. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Piper Verlag, Mockaroon on Unsplash

Roland Schulz: So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten. Schritt für Schritt folgt dieses Buch dem Prozess, den ein Körper beim Sterben durchmacht. Roland Schulz findet Worte für das Unbeschreibliche und nimmt dem Tod seinen Schrecken. Erschienen bei Piper, 2019.

GESPRÄCH: Angelika S. Friedl
FOTOS: picture alliance/Mary Evans Picture Library, VintageMedStock/Alamy Stock Photo (Skelett, Herz), Dirk Bruniecki/Piper Verlag, Mockaroon/Unsplash, Piper Verlag