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Keine Angst. Wir alle sterben sowieso.

Wir alle werden sterben. So viel ist sicher. Und doch hat der Tod keinen guten Stand. So gut es geht, wird er verdrängt. Wie wäre es, dem eigenen Lebensende gelassen entgegenzusehen? Das wird leichter, wenn man sich damit schon frühzeitig auseinandersetzt. Das heißt vor allem, sich dem Leben zu widmen, seinem Wert und Sinn.

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Keine Angst vor dem Tod: USA, New York City, 2003: Nach einer Beerdigung sammeln heitere Frauen Blumen vom Leichenwagen als Erinnerung an ihre Freundin. Symbolbild: Dem Tod gelassen entgegenzusehen, heißt, sich dem Leben zu widmen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Paul Fusco/Magnum Photos/Agentur Focus

“Ich fürchte den Tod nicht. Ich war Milliarden und Abermilliarden Jahre tot, bevor ich geboren wurde, und es hat mir nicht die geringsten Unannehmlichkeiten bereitet.“ Der Schriftsteller Mark Twain gab sich mit Blick auf sein Lebensende gelassen. Das klingt beneidenswert. Die meisten Menschen erleben ganz andere Gefühle, wenn das Lebensende langsam näher rückt. Erfahrungen mit dem Tod lassen sich nicht sammeln, es gibt nur das eine Mal. Darum ist es wie bei vielen Dingen im Leben: Je früher wir uns mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen, desto besser sind wir im entscheidenden Moment darauf vorbereitet.

In unserer heutigen Gesellschaft fällt die Bilanz allerdings eher gemischt aus. Von Gelassenheit im Angesicht des Todes könne keine Rede sein, meint etwa Matthias Meitzler. „Allenfalls gelinge es, angstfrei zu sein“. Der Soziologe an der Universität Passau befasst sich mit der Kultur des Trauerns. In Studien hat er Gespräche mit über 150 Trauernden geführt. Bei den Betroffenen war durch den Tod eines Angehörigen auch das eigene Ende verstärkt ins Bewusstsein gerückt. Meitzlers Interviewpartner gaben mehrheitlich an, dass der Gedanke, irgendwann nicht mehr da zu sein, weit weniger Unbehagen auslöst als die Aussicht auf einen langen, schmerzhaften Sterbeprozess, in dem man Stück für Stück die Autonomie über sein Leben verliert. Bei einer Feldforschung in einem Hospiz machte der Soziologe ähnliche Beobachtungen: „Menschen, die wussten, dass ihr Leben kurz vor dem Ende steht, waren an einem Tag sehr gelassen, am anderen Tag außer sich.“

»Wie wir dem eigenen Tod entgegenblicken, hängt weniger davon ab, wie wir auf das Jenseits blicken, sondern viel mehr davon, welche Einstellung wir zum Leben im Diesseits haben.«

Neue und ungewohnte Möglichkeiten nutzen

Viele Religionen basieren auf dem Glauben, dass das Dasein mit dem Tod nicht vorbei ist. Entsprechend unterschiedlich sind die Vorstellung: Ist mit dem Tod für mich alles vorbei oder gibt es ein Leben danach? Und rechne ich mit einer Wiedergeburt, mit dem Paradies oder dem Fegefeuer? Doch der Glaube an ein Jenseits bietet offenbar wenig Trost. „Mehrere Studien haben gezeigt, dass religiöse Menschen sich weder leichter noch schwerer mit dem Sterben tun als andere“, sagt Meitzler. Ob wir dem eigenen Tod angstvoll oder gelassen entgegenblicken, scheint weniger davon abzuhängen, wie wir auf das Jenseits blicken, als viel mehr davon, welche Einstellung wir zum Leben im Diesseits haben.

Keine Angst vor dem Tod: USA, Fairmont, Indiana, 1955. Schauspieler James Dean posiert amüsiert in einem Sarg, sieben Monate vor seinem Tod. Symbolbild: Wie wir dem Tod entgegenblicken, hängt von unserer Einstellung zum Leben ab. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Dennis Stock/Magnum Photos/Agentur Focus

Schauspieler James Dean posiert vergnügt in einem Sarg, sieben Monate bevor er starb.

Vorsorge treffen

Sich mit dem eigenen Ende zu beschäftigen, bedeutet auch, Vorsorge zu treffen und jetzt zu regeln, was einmal nötig sein wird. Eine Patientenverfügung, eine Vorsorgevollmacht, die Bestattungsvorsorge und das Testament sorgen dafür, dass der eigene Wille umgesetzt wird: Wie möchte ich medizinisch behandelt werden, wer soll sich um was kümmern, wie möchte ich bestattet werden, welche Spuren möchte ich hinterlassen? Die eigenen Werte – materiell wie ideell – an die Richtigen weiterzugeben, etwas Bleibendes zu schaffen und mit dem Erbe vielleicht auch etwas Gutes zu tun, kann dem eigenen Ende etwas von seiner Absolutheit nehmen.

»Die eigenen Werte an die Richtigen weiterzugeben, etwas Bleibendes zu schaffen, kann dem eigenen Ende etwas von seiner Absolutheit nehmen.«

„Wer sich damit auseinandersetzt und mit seinen Angehörigen darüber spricht, macht es sich einfacher“, sagt Meitzler. Allerdings beobachtet er, dass das viel zu selten stattfindet: „Selbst ein beträchtlicher Teil der Hochbetagten blendet das Thema Tod konsequent aus.“ Dabei ist eine Auseinandersetzung auch mit solch konkreten Fragen mehr denn je gefordert. Vieles, was noch vor wenigen Jahrzehnten ganz selbstverständlich auf eine bestimmte Weise gehandhabt wurde, ist heute mehr oder minder frei verhandelbar. Das gilt auch für Trauer und Abschied: „Wo früher kirchliche Rituale und Traditionen klar vorgaben, wie ein verstorbener Mensch verabschiedet wird, wächst das Bedürfnis nach individuell gestalteten Ausdrucksformen“, erläutert Meitzler. „Zunehmend werden neue und ungewohnte Möglichkeiten genutzt, um Trauerfeiern abzuhalten und Gräber zu gestalten.“

Gereifter Käse und romantische Ruinen

Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein, lautet ein Sprichwort. Für die meisten Menschen ist der Gedanke an den Tod mit Bildern von Krankheit, Gebrechlichkeit und Verfall verbunden. Doch das Alter – und selbst der Verfall – haben ganz eigene Qualitäten, auf die man sich besinnen sollte. Darauf verweist der Biologe Midas Dekkers in seinem Buch „An allem nagt der Zahn der Zeit“. Er schildert wunderbare Beispiele für Reifungsprozesse: So begeistert gerade alter Käse viele Gourmets, bei manchen Sorten sind es Schimmelkulturen, die für das besondere Aroma sorgen. Genauso sind viele Menschen vom romantischen Reiz uralter Ruinen fasziniert. Dekkers schlägt einen weiten Bogen, durch den sich als roter Faden die Erkenntnis zieht: Das Leben ist ein Prozess des permanenten Werdens und Vergehens ­­– und das ist gut so.

Keine Angst vor dem Tod: Italien, Sizilien, Terrasini, 1986. Lachende Menschen halten Kerzen bei einer Zeremonie. Symbolbild: Wer dem Tod gelassen begegnet und Bleibendes schafft, findet Sinn und Erfüllung. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Ferdinando Scianna/Magnum Photos/Agentur Focus

Warum weinen? Zum Abschied kann man das Leben auch feiern, wie hier in Sizilien.

Doch wie gelingt es, mit einem ungelenken und inkontinenten Körper umzugehen und trotzdem die Kontrolle über sein Leben zu behalten und seine Würde zu wahren? Dieser Frage geht seit vielen Jahren auch der Arzt, Professor und Gründungsdirektor der Leidener Akademie für Vitalität und Altern, Rudi Westendorp, nach. Das beste Beispiel ist für ihn die 96-jährige Aafje, die wie er in der niederländischen Stadt Leiden lebt. Er sieht sie oft mit ihrem Elektromobil zum Bäcker fahren oder bei schönem Wetter auf der Terrasse des Cafés in der Nachbarschaft einen Espresso trinken. Manchmal fährt sie mit dem Taxi an ihm vorbei, um etwas zu erledigen, sich zum Beispiel die Haare schneiden zu lassen. Der Mediziner Westendorp kennt Aafje auch beruflich – nicht als Patientin, sondern als Expertin dafür, wie man sein Leben im hohen Alter meistert.

Keine Angst vor dem Tod: Fröhlich lachende alte Damen mit tiefen Falten. Symbolbild: Wer sich bis ins hohe Alter ein selbstbestimmtes Leben erhält und Gelassenheit bewahrt, ist für den Tod besser gewappnet. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: skillieskil via Twenty20

Wer sich bis ins hohe Alter ein selbstbestimmtes Leben erhält und Gelassenheit bewahrt, ist für den Tod besser gewappnet.

„Du musst alles loslassen“

Aafje hatte ihren Mann verloren und ihr „fantastisches“ Haus verlassen müssen. Sie kann sich nicht mehr selbst ausziehen, geschweige denn alleine duschen. Westendorp erinnert sich an eine Begegnung mit ihr: „Mit ihrem schelmischen Lächeln und der gepflegten Frisur machte Aafje einen zerbrechlichen, aber überwältigenden Eindruck. ‚Loslassen‘, sagte sie uns, ‚Du musst alles loslassen‘.“ In unserer sozialen und seelischen Flexibilität liege der Schlüssel, meint Westendorp. Außerdem: Wer sich bis ins hohe Alter trotz widriger Umstände ein selbstbestimmtes Leben erhält und dabei Gelassenheit bewahrt, ist auch für den Tod besser gewappnet.

»Wer am Ende seines Lebens nichts – oder zumindest wenig – bedauern muss, wird sich leichter tun.«

Gegen die Angst vor dem Ende hilft vielleicht auch die Erkenntnis, dass die letzten Schritte im Leben den ersten in vielen Fällen recht ähnlich sind: „100 Prozent aller Säuglinge haben Pflegegrad 5. Es wird nur nicht so genannt“, schreiben Thomas Hohensee und Renate Georgy in ihrem Buch „Der Tod ist besser als sein Ruf“. Das Autoren-Duo räumt ein, dass der eigene Tod zu den schwierigsten Aufgaben zähle. „Auch Sterben und ein guter Tod wollen gelernt sein.“ Wer am Ende seines Lebens nichts – oder zumindest wenig – bedauern müsse, werde sich leichter tun. Hohensee und Georgy verweisen auf Werte, die viele Sterbende für wichtig erachten:

  • So leben, wie es einem gefällt, und nicht, wie andere es erwarten.
  • Weniger arbeiten und nicht nur Geld verdienen.
  • Gefühle zum Ausdruck bringen, statt sie für sich zu behalten.
  • Freundschaften pflegen.
  • Sich mehr Freude gönnen.

Gelassenheit kann man lernen

Gelassenheit ist für die Autoren auch eine Frage des Bewusstseins: „Wir haben entscheidenden Einfluss auf unsere Überzeugungen.“ Denn nicht alles, was uns in den Kopf komme, sei hilfreich. Selbststeuerung kann man trainieren. Dann sei es möglich „so über den Tod und das Sterben zu denken, dass das Ergebnis zumindest Gelassenheit ist.“ Dabei geht es jedoch nicht um fieberhafte Selbstoptimierung. Auch Zeit zu verplempern gehöre dazu, so lange man sich auf das Hier und Jetzt konzentriere und die Zukunft auf sich warten lasse. Kontrolle abgeben: Philosoph Arthur Schopenhauer nannte den Schlaf den „kleinen Bruder des Todes“. „Ist es nicht so, dass man vor allem dann quälend wach liegt, wenn man sich über Kommendes sorgt oder Vergangenes nicht loslassen will?“, fragen Hohensee und Georgy – und bedürfe es nicht der gleichen Fähigkeit für den gelassenen Schritt zur letzten Ruhe?

Am Ende braucht man zum Loslassen das Wesentliche: Liebe. „Liebe ist der wirksamste Schutz gegen Todesangst. Man darf sie nur nicht missverstehen“, betonen die Autoren. „Geliebt werden ist eine schöne Sache, aber im Kern geht es darum, selbst lieben zu lernen.“

Text: Lars Klaaßen
Fotos: Paul Fusco/Magnum Photos/Agentur Focus, Dennis Stock/Magnum Photos/Agentur Focus, Ferdinando Scianna/Magnum Photos/Agentur Focus, skillieskil/Twenty20

Zum Weiterlesen

Thomas Hohensee und Renate Georgy: Der Tod ist besser als sein Ruf. Ein Buch über das Leben, das Sterben und den Tod – ohne Angst: Der Tod wird mit einer Fülle negativer Vorstellungen assoziiert. Doch auch das Lebensende ist nur eine Frage der Perspektive. Das Autoren-Duo zeigt einen Weg, wie man sich von der Angst um das eigene Leben und das der Liebsten befreien kann. Erschienen bei Benevento, 2017.

Thorsten Benkel, Matthias Meitzler, Dirk Preuß: Autonomie der Trauer. Zur Ambivalenz des sozialen Wandels. Die Individualisierung der Gesellschaft zeigt sich auch im Wandel der Bestattungskultur. Friedhofslandschaften und Bestattungsrituale finden neue Formen. Der Umgang mit dem Tod wird vielfältiger. Doch das macht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ende nicht einfacher. Erschienen bei Nomos, 2019.

Thorsten Benkel, Matthias Meitzler (Hrsg.): Zwischen Leben und Tod. Sozialwissenschaftliche Grenzgänge. Die Beiträge zeigen, warum Leben und Tod nicht so gegensätzlich sind, wie es scheinen mag. Versammelt sind Studien zu den sozialen, kulturellen, rechtlichen, medialen, religiösen, ethischen und medizinischen Aspekten. Erschienen bei Springer VS, 2018.

Rudi Westendorp: Alt werden ohne alt zu sein. Was heute möglich ist. Kann man mit 75 noch ein neues Leben anfangen? Altersmediziner Rudi Westendorp fordert auf zu mehr Kreativität bei der Gestaltung unserer Lebensläufe. Der Titel des Originals „Growing older without feeling old“ macht deutlich, worum es geht: sich nicht alt zu fühlen, den Umständen zum Trotz. Erschienen bei C.H. Beck, 2015.

Midas Dekkers: An allem nagt der Zahn der Zeit. Vom Reiz der Vergänglichkeit. Die Schönheit des Alterns zieht sich als roter Faden durch das Buch. Wer sich auf die entspannte und heitere Reise mit Dekkers über Leben und Sterben, über die Unvermeidlichkeit, aber auch die Reize des Verfalls macht, wird dem Tod wahrscheinlich mit milderem Blick entgegensehen. Erschienen im btb Verlag, 2001.