Menschen

Am Schluss hört alles auf. Wir werden frei

Der Journalist Alexander Krützfeldt hat ein Buch über letzte Wünsche und über das Sterben geschrieben. Er hat mit schwerstkranken Menschen darüber gesprochen, wie sie vom Leben Abschied nehmen, was sie beim Blick zurück bereuen und wie sie mit dem Tod umgehen. Die Begegnungen ließen ihn innehalten und sich fragen: Was will ich wirklich?

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Letzte Wünsche: Porträt des Journalisten Alexander Krützfeldt. Ein Gespräch über das Sterben und letzte Wünsche und darüber, was Sterbende bereuen und wie sie mit dem Tod umgehen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Jörg Singer

Ein Jahr lang nahm sich der Journalist Alexander Krützfeldt, Jahrgang 1986, Zeit, um den Initiator der „Sternenfahrten“, Frank Wenzlow, zu begleiten, der Sterbenden ihre letzten Wünsche erfüllt. Aus Kreutzfeldts Erlebnissen und Recherchen ist ein außergewöhnliches Buch entstanden: „Letzte Wünsche. Was Sterbende hoffen, vermissen, bereuen – und was uns das über das Leben verrät“. In den Geschichten der Sterbenden geht es um Sehnsüchte und um verpasste Chancen. Es geht viel ums Sterben, doch mehr noch um unser Leben.

Herr Krützfeldt, was hat Sie dazu bewegt, sich so ausführlich mit dem Sterben zu beschäftigen?

Es gab mehrere Anstöße. Der erste war mein Vater, der bei den Rettungstauchern war. So bekam ich viel vom Rettungsdienst mit. Der zweite war ein viertägiger Aufenthalt in der Gerichtsmedizin, wo ich als Student eine Reportage schreiben sollte. Vor allem aber waren es mehrere Todesfälle im Familien- und Freundeskreis, es waren Abschiede, die wir bestehen und verarbeiten mussten. Ich wollte mich diesem Thema stellen und ahnte: Das geht nur, wenn ich mir Zeit nehme. Vom Rowohlt-Verlag kam Ermutigung, das Buch zu schreiben.

Wie haben Sie sich auf die Begegnungen mit den Sterbenden vorbereitet?

Zahlen und Fakten gibt es zuhauf. Auch darüber, was in den Organen geschieht, während wir sterben. Das ist der sachliche Zugang. Dazu kamen Gespräche mit Medizinern, Palliativärzten, Pflegern, Schwestern und mit Menschen, die einen Todesfall in ihrem Umfeld hatten. Alles andere konnte ich nicht vorbereiten. Es hatte mit den Menschen zu tun, die ich im Lauf dieses Jahres getroffen habe.

Frank Wenzlow, der Initiator der „Sternenfahrten“, ist Ihr wichtigster Gesprächspartner.

Frank war beim Rettungsdienst und ist Erste-Hilfe-Ausbilder. Den letzten Wunsch seiner sterbenden Frau Kathrin, die noch einmal nach Cuxhaven wollte, konnte er nicht erfüllen, weil es kein geeignetes Fahrzeug und keine Hilfe der Krankenkasse gab. Nach ihrem Tod rief er die „Sternenfahrten“ ins Leben, um anderen Menschen letzte Wünsche zu erfüllen. Frank und ich haben zwei Wochen miteinander verbracht, um uns kennenzulernen. Später nahm er mich mit zu Helfern und Patienten. Es war eine vorsichtige Annäherung. Ich wurde als Autor vorgestellt und wurde Teil des Teams. Ich durfte beobachten, Fragen stellen, Anteil nehmen.

»Sehr oft hat der letzte Wunsch mit dem Meer zu tun. Das muss wohl im Menschen festgeschrieben sein. Licht, Horizont, Wellen.«

Natürlich haben Sterbende ganz unterschiedliche letzte Wünsche. Was lässt sich dennoch verallgemeinern?

Letzte Wünsche haben fast immer mit Orten zu tun. Orte, die mit Erinnerungen aufgeladen sind und von denen wir uns verabschieden wollen. Der eigene Garten. Das Essen mit der Familie in der eigenen Wohnung. Das Sitzen an einem Tisch mit allen, die einem lieb sind. Der letzte Wunsch kann ein Rockkonzert sein oder das Liegen auf dem neugekauften Bett, das sich nicht mehr ausprobieren ließ, weil der Weg ins Hospiz führte. Sehr oft hat der letzte Wunsch mit dem Meer zu tun. Das muss wohl im Menschen festgeschrieben sein. Licht, Horizont, Wellen.

Letzte Wünsche: Ein Mann steht allein am Meer. Symbolbild. Ein Gespräch mit Alexander Krützfeldt über das Sterben, letzte Wünsche und darüber, was Sterbende bereuen und wie sie mit dem Tod umgehen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: izherealw via Twenty20
Letzte Wünsche: Große Familie isst gemeinsam im Garten. Symbolbild. Letzte Wünsche haben fast immer mit Orten und Erinnerungen zu tun. Alexander Krützfeldt im Interview über letzte Wünsche und darüber, was Sterbende bereuen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: coscaron / photocase.de

Das Meer, ein letztes Essen im Garten, ein Rockkonzert - Abschied von Orten und Erinnerungen.

Letzte Wünsche: Publikum bei einem Rockkonzert in einer Freiluftbühne. Symbolbild. Letzte Wünsche haben fast immer mit Orten und Erinnerungen zu tun. Alexander Krützfeldt im Interview über letzte Wünsche und darüber, was Sterbende bereuen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: fmarquez117 via Twenty20

Was bereuen Sterbende?

Am häufigsten, nicht genug Zeit mit den richtigen Dingen zugebracht zu haben: der Familie, den eigenen Kindern, mit Urlaub, Reisen. Viele bereuen, Konflikte nicht frühzeitig aus der Welt geschafft zu haben. Oder zu viel gearbeitet zu haben, statt mit den Kindern zu spielen und ihnen beim Aufwachsen zuzusehen. Menschen überdenken, wenn sie ihr Leben bilanzieren, recht häufig Prioritäten. Das ist gerade deshalb so schmerzhaft, weil sich diese Zeit nicht zurückholen lässt, weil diese Wünsche nicht mehr in Erfüllung gehen. Nochmal etwas studieren. Oder auf eigenen Beinen stehen – davon sprechen oft ältere Frauen, die von ihrem Mann finanziell abhängig waren.

»Menschen überdenken am Ende häufig Prioritäten. Das ist schmerzhaft, weil sich die Zeit nicht zurückholen lässt.«

Die Schriftstellerin Sibylle Berg lobt Ihr Buch sehr. Hat Ihnen der etwas flapsige, manchmal ruppige Ton beim Schreiben geholfen?

Das war eigentlich Notwehr, es hat sich so ergeben und es war wohl meine einzige Chance, mit dem Stoff fertigzuwerden. Das Buch wird dadurch lesbarer, haben mir einige Protagonisten bestätigt. Sie ermutigten mich, den Stil durchzuhalten, weil auch das Lebensbejahende seinen Platz braucht. Sterbende wollen nicht unablässig über den bevorstehenden Abschied reden. Sie wollen noch etwas mitbekommen von der Welt.

Wie haben Sie diese Monate erlebt?

Im ersten halben Jahr schaffte ich es, Distanz zu halten, das alles nicht in mich reinzulassen. Wir hatten ein kleines Kind zuhause, es gab Prioritäten. Nach einem dreiviertel Jahr hat es mich umgehauen.

Haben Sie nach diesem Jahr einen anderen, möglicherweise entspannteren Blick auf das Sterben und den Tod?

Nein. Es ist eine große Herausforderung. Jeder wird irgendwann betroffen sein.

Letzte Wünsche: Zwei Spiegeleier in der Pfanne. Symbolbild. Sterbende wollen nicht unablässig über den Abschied reden, sondern am Leben teilhaben. Alexander Krützfeldt im Gespräch über letzte Wünsche und darüber, was Sterbende bereuen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: NickBulanovv via Twenty20

Sterbende wollen nicht unablässig über den Abschied reden. Sie wollen noch etwas mitbekommen von der Welt.

Letzte Wünsche: Opa und Enkel essen Frühstück am Tisch. Symbolbild. Sterbende wollen nicht unablässig über den Abschied reden, sondern am Leben teilhaben. Alexander Krützfeldt im Gespräch über letzte Wünsche und darüber, was Sterbende bereuen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: crystalmariesing via Twenty20

Die meisten Patienten in Ihrem Buch haben Krebs: eine tückische Krankheit, die oft mit einem langen Kampf verbunden ist.

Es soll nicht zynisch klingen, aber Krebskranke, bei denen keine Therapie mehr hilft, haben die Chance, sich zu verabschieden und begleitet zu werden. Das ist barmherzig im Vergleich zu einem Verkehrsunfall, der den Menschen aus dem Leben reißt und ihn buchstäblich auf der Strecke bleiben lässt. Diese Stopp-Taste, die abrupt gedrückt wird, kappt schlagartig alle sozialen Verbindungen, die gesamte Biografie. Ich glaube, jede Form von Verabschiedung ist besser als keine.

Sich Hilfe zu holen, die große Herausforderung der Sterbebegleitung nicht allein durchzumachen – das ist einer der Ratschläge in dem Buch. Wie haben Sie die Helfenden erlebt?

Das ist ein spezieller Menschenschlag, das sind besondere Leute, die aus einem inneren Drang heraus helfen. Sie haben beschlossen, dass das wichtiger ist als das, was sie vorher gemacht haben. Sie sind sehr humorvoll, angenehm, positiv. Sie haben eine Grundspiritualität, die nicht unbedingt mit Religiosität zu tun hat. Sie sind Menschen, die sich um Menschen kümmern.

Wie haben Sie Familien, Angehörige wahrgenommen, die Sterbende zu Hause betreuen?

Sie gehen durchs Feuer, müssen diese Monate, Wochen oder Tage bestehen, Abschied und Trauer aushalten. Alle, mit denen ich sprach, sagten am Schluss aber, es war total gut, es gemacht zu haben und sie würden es anderen raten. Es macht solidarisch, es schweißt zusammen.

Nicht jeder packt das. Es gibt viele Menschen, die Abstand halten, die damit einfach nicht umgehen können. Was sagen Sie denen?

Die Frage, ob man das mittragen kann, muss jeder für sich beantworten. Es als Verpflichtung zu sehen, wäre nicht gut. Es gibt auch familiäre Strukturen, wo das einfach nicht möglich ist, dann sollte man sich nicht schuldig fühlen. Wir neigen dazu, nicht damit klarzukommen.

»Angehörige, die Sterbende begleiten, gehen durchs Feuer. Alle, mit denen ich sprach, waren aber froh, es gemacht zu haben.«

Sie haben das Buch bei Lesungen quer durch Deutschland vorgestellt. Welche Reaktionen gab es?

Es gab sehr viel Rückkopplung, lange Gespräche, berührende Briefe. Im Publikum sitzen sehr oft Hospizmitarbeiter, die froh sind, wenn das Thema den Weg in die Gesellschaft findet.

Das Buch enthält neben den aufwühlenden Geschichten auch eine Menge praktischer Tipps für Pflegende und Betroffene.

Es war mir wichtig, den Lesern etwas mitzugeben, etwas auszubalancieren. Menschen begeben sich täglich in Gefahrensituationen. Wir setzen uns ins Auto und denken, es wird schon nichts passieren. Auch mein Erster-Hilfe-Kurs war ewig her. Wenn das Buch ein paar Leser anregt, sich um die Auffrischung ihrer Kenntnisse zu kümmern, würde mich das freuen.

Gab es etwas, womit Sie nicht gerechnet hätten?

Dass Frank mir eine neue Partnerin vorstellt. Das hat mich erst verblüfft, dann gefreut. Das hat mit seiner verstorbenen Frau zu tun. Und es machte einen guten Schluss des Buches möglich.

»Ich spüre, wie kostbar Alltag ist. Wenn einem die Zeit durch die Finger rinnt, sollte man anhalten und sich fragen: Was wollte ich eigentlich?«

Hat sich in Ihrem Leben auch etwas durch das Buch geändert? Gibt es etwas, was Sie jetzt anders sehen?

So sehr viel hat sich nicht verändert. Ein nachdenklicher Mensch war ich schon immer. Ich passe auf meine Familie auf. Ich spüre, wie kostbar Alltag ist. Wenn man immer mehr arbeitet und dabei merkt, wie einem die Zeit durch die Finger rinnt, sollte man anhalten und sich fragen: Was wollte ich eigentlich? Ich habe mich ein großes Stück vom Tagesjournalismus zurückgezogen, habe Geschwindigkeit rausgenommen aus meinem Leben. Ich plane weitere Buchprojekte. Und wir sind mit unseren beiden kleinen Kindern in die Nähe meiner Eltern gezogen.

Um auf den Untertitel des Buches zurückzukommen: Was haben Sie über das Leben erfahren, was Sie vorher noch nicht wussten?

Wie ähnlich sich Anfang und Ende sind. Bei beidem werden wir nicht gefragt, beides hat mit loslassen zu tun. Ich hatte dazu ein sehr tröstliches Gespräch mit einer Hebamme und einem Sterbebegleiter an einem Bar-Tisch. Und auch das: Wir leben unser ganzes Leben in einem Korsett, konfrontiert mit Ansprüchen, Erwartungen, Herausforderungen, Wünschen. Im Moment des Sterbens fallen alle Zuschreibungen, alle Beschwernisse ab. Am Schluss hört alles auf. Wir werden frei.

Zum Weiterlesen

Letzte Wünsche: Cover des Buches „Letzte Wünsche“ von Alexander Krützfeldt. Der Journalist sprach mit Sterbenden darüber, was sie hoffen, vermissen, bereuen – und was uns das über das Leben verrät. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Rowohlt Verlag, Kristaps Grundsteins on Unsplash

Alexander Krützfeldt: Letzte Wünsche. Journalist Alexander Krützfeldt hat schwerkranke Menschen begleitet, um dem nachzuspüren, was Sterbende hoffen, vermissen, bereuen – und was uns das über das Leben verrät. Ein augenöffnendes Buch, das vor allem dazu ermuntern will, bewusster zu leben. Erschienen bei Rowohlt Polaris, 2018.

GESPRÄCH: Birgit Kummer
FOTOS: Jörg Singer, izherealw/Twenty20, coscaron/photocase.de, fmarquez117/ Twenty20, NickBulanovv/Twenty20, crystalmariesing/Twenty20, Rowohlt Verlag, Kristaps Grundsteins/Unsplash