Kriegskinder: Versöhnung mit der Vergangenheit
Im Alter kommen bei vielen Menschen belastende Erinnerungen wieder hoch. Gerade bei der Kriegs- und Nachkriegsgeneration können traumatische Erfahrungen bis heute nachwirken. Es gibt jedoch Wege, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen.
Im Alter wird es stiller, man hat weniger Termine, ist häufiger allein. Der Körper baut langsam ab und die seelischen Abwehrkräfte lassen nach. Man fühlt sich insgesamt hilfloser als früher. Und auch lange eingeübte Strategien, unangenehme Gedanken und Erinnerungen zu verdrängen, funktionieren nicht mehr so gut. Kein Wunder also, dass bei vielen Menschen in den späten Lebensjahren Gedanken und Gefühle, die über eine lange Zeit gut weggepackt waren, plötzlich wieder hochkommen.
„Im hohen Alter ist unser Leben nicht mehr durch äußere Anforderungen der Familie und Arbeit strukturiert. Stattdessen setzen wir uns häufig mit unserem eigenen Leben auseinander“, sagt Eva-Marie Kessler, Prorektorin für Gerontopsychologie an der Medical School Berlin und Leiterin der Hochschulambulanz „Psychotherapie im Alter“. Sie ermutigt ältere Menschen dazu, sich auch mit schmerzhaften Momenten des eigenen Lebens zu konfrontieren.
Kollektives Schweigen über Kriegs- und Fluchterlebnisse
Heute über 80-Jährige haben den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit als Kinder oder Jugendliche erlebt und damit in einer Phase, in der sie psychisch besonders verwundbar waren. „Sie blicken auf ihr Leben zurück und haben dazu noch die Krisen der heutigen Zeit vor Augen. Das kann die eigenen traumatische Erfahrungen wieder aktivieren und zu einer hohen psychischen Belastung führen“, betont Kessler.
„Kriegs- und Nachkriegskinder wuchsen zudem in einer Zeit auf, in der der Fokus aufs Überleben ausgerichtet war. Es gab kaum Raum für eigene Bedürfnisse.“ Viele der heute alten Menschen seien daran gewöhnt, zu funktionieren und nicht zur Last zu fallen. Doch gerade dieser innere Anspruch halte sie davon ab, mit anderen über das Erlebte zu sprechen.
Eine bessere Welt
Überall auf der Welt wünschen sich die Menschen, in Frieden zu leben. Die Welt zumindest ein Stück besser machen – das ist, was die Gründer des Magazins Prinzip Apfelbaum antreibt.
Verschiedene Studien zeigen, dass Menschen, die als Kinder Krieg, Flucht, Vertreibung oder Entbehrung erlebt haben, im Alter häufiger unter körperlichen und psychischen Belastungen leiden, beispielsweise unter Depressionen. Dabei spielt auch das weit verbreitete Schweigen der Kriegsgeneration über die deutsche Schuld am Holocaust eine Rolle. Diese kollektive Schuld blieb in den meisten Familien ein Tabu. Doch das moralische Versagen der Eltern hat bei den Kriegskindern psychische Spuren hinterlassen. „Kinder blieben zurück mit dem verwirrenden Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Sie hatten aber noch keine Möglichkeiten, diese innere Spannung in Worte zu fassen und mit ihr umzugehen“, sagt Kessler. „So wurden Schuldgefühle weitergereicht, ohne dass eine Auseinandersetzung stattgefunden hat.“
Inneren Frieden finden
All das machte es vor allem für die Kriegskinder schwer, sich ihren Erinnerungen zu stellen, über sie zu reden und sie zu verarbeiten. Es gibt jedoch Möglichkeiten, um mit der Vergangenheit Frieden zu schließen. „Beispielsweise kann es helfen, Erinnerungen aufzuschreiben oder sie in Gesprächsgruppen, in der Familie oder einer Vertrauensperson zu erzählen“, so Kessler. Diffuse Schuldgefühle – etwa weil man selbst oder die Eltern weggesehen haben, man auf der Flucht Gewalt erlebt oder einem anderen Flüchtenden nicht geholfen hat – lassen sich dadurch konkretisieren. Man könne prüfen, was tatsächlich eigene Verantwortung gewesen sei und was Folge von Umständen, Krieg oder Kindheitsrolle.
„Das ist ein Prozess, bei dem es zunächst entscheidend ist, genau hinzuschauen und auch die Grenzen der eigenen Schuld realistisch einzuschätzen: Welche Handlungsmöglichkeiten hatte ich damals? Was konnte ich damals wissen?“ Auf der anderen Seite müsse man sich aber auch der eigenen Verantwortung stellen, sagt Kessler: „Wenn es einem gelingt, die eigene Vergangenheit gut zu verarbeiten, entstehen Möglichkeiten, eigene Verantwortlichkeiten klar zu erkennen, nach Wiedergutmachung zu streben, wo es angemessen ist, und, ganz wichtig, sich selbst zu verzeihen. Dieser Reifeprozess kann den Weg bahnen für echte Aufarbeitung und Mitgefühl.“
Wer Mitgefühl für sich selbst entwickele, könne anfangen, zu trauern und Traumata besser verarbeiten. Es könne außerdem Mitgefühl entstehen für Menschen in ähnlichen Situationen, etwa in Krisengebieten oder in schwierigen psychischen Situationen. Auch das helfe. „Zugleich schauen wir bei den Betroffenen nach Ressourcen für die Zukunft.“ Wichtig sei vor allem, dass die Menschen lernen, sich selbst wieder mehr zu akzeptieren, und selbstbestimmter durchs Leben zu gehen.
TEXT: Kristina Simons
FOTOS: 2x Bundesarchiv / Wikimedia, hipokrat / iStock
Online-Gruppentherapie bei Depressionen
In einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft bietet Eva-Marie Kessler kostenlose Online-Gruppentherapien für ältere Menschen mit Depression an. Personen ab 68 Jahren können per Computer oder Tablet über eine Dauer von 20 Wochen teilnehmen. Informationen unter www.vision-age.de. Kontakt: vision-age@medicalschool-berlin.de, T: 030 – 766 8375 3797