Ratgeber

Erlebtes erzählen: Großvater und Sohn im Gespräch. Symbolbild. Persönliche Erzählungen machen Zeitgeschichte lebendig. Es lohnt sich, das Erlebte an Jüngere weiterzugeben. Familienchronik, Zeitkapsel, Zeitzeuge: Anregungen für den Einstieg. – In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: malisunshine via Twenty20

Erlebtes erzählen: Erinnern für die Zukunft

Was Schüler heute im Geschichtsunterricht lernen, haben die Älteren oft selbst miterlebt, aktiv und mittendrin oder auch nur als Beobachter. Ihre persönlichen Erzählungen können Zeitgeschichte unmittelbar erfahrbar machen. Es lohnt sich, das Erlebte weiterzugeben, in der Familie, aber auch darüber hinaus. Anregungen für den Einstieg.

Wir alle haben viel mehr Zeitgeschichte erlebt, als wir meinen. Ob man als Kind im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen ist, bei den Studentenprotesten der 68er dabei war, die Demos gegen atomare Aufrüstung oder das Abtreibungsverbot miterlebt hat, ob man sich noch gut an den Alltag in der DDR erinnern kann oder ob Mauerfall und Wiedervereinigung dem Leben eine neue Richtung gaben – was uns selbst noch lebhaft in Erinnerung ist, ist für viele Enkel nicht mehr als ein Kapitel in den Geschichtsbüchern. Gerade das macht die persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen so wertvoll. Wenn trockene Fakten aus Schulbüchern ein Gesicht bekommen, einen Erzähler mit eigenen Gedanken und Gefühlen, mit dem die Zuhörer mitfühlen oder sich sogar identifizieren können, dann wird Geschichte plötzlich ganz greifbar und spannend. Die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge vermischen sich mit der Lebenssituation eines Menschen, Politisches mit Emotionalem.

Erlebtes erzählen: Oma und Enkel schauen sich ein Fotoalbum an. Symbolbild. Persönliche Erzählungen machen Zeitgeschichte lebendig. Erlebtes an Jüngere weitergeben geht z.B. per Familienchronik, Zeitkapsel oder als Zeitzeuge. Anregungen für den Einstieg. – In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Maria_Sbytova via Twenty20

Aufschreiben bietet Orientierung

Aber wie gebe ich weiter, was ich erlebt habe? Welchen Schluss ziehe ich daraus und welche Botschaft möchte ich vermitteln, wenn ich meine Geschichte erzähle? Sich selbst darüber klar zu werden, ist der erste Schritt. Dabei kann es helfen, die eigenen Erlebnisse erst einmal aufzuschreiben.

„Wenn Sie eine ganz konkrete Phase oder Begebenheit im Kopf haben, fangen Sie am besten genau da an, ohne sich große Gedanken zu machen, in welchem Kontext das Ganze später Sinn macht“, rät Autorin Tania Konnerth, die den „Selbstlernkurs: autobiografisches Schreiben“ anbietet. „Schreiben Sie erst einmal los, das ist immer das Wichtigste.“ Insbesondere Krisen werden dabei ins Bewusstsein rücken. „Krisen stellen uns oft vor besondere Herausforderungen, weshalb es sich lohnt, auch sie genauer zu betrachten“, betont Konnerth. Das können persönliche Krisen sein oder gesellschaftliche – oft sind diese Sphären eng miteinander verbunden.

Intensiv und bildhaft erinnern

Anders als Historiker müssen Zeitzeugen sich beim Rekapitulieren nicht um Abstand und Neutralität bemühen. Im Gegenteil: „Versuchen Sie, nicht nur einen sachlichen Bericht zu schreiben, sondern schöpfen Sie aus dem, was Sie damals empfunden haben. Schreiben Sie möglichst intensiv und bildhaft“, empfiehlt die Autorin. „Dazu müssen Sie sich trauen, emotional wieder ein Stück zurück in diese Phase zu gehen. Sie können das aus der Ich-Perspektive tun. Oder Sie probieren, wie es sich anfühlt, wenn Sie über sich in der dritten Person schreiben.“

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Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 12: BEWAHREN. Frankreich. Paris. Jardin des Planes. 1991: Schulkinder bestaunen ein Dinosaurier-Modell. Symbolbild. Was lohnt sich zu erhalten? Wie nutzt das Bewährte der Zukunft? Was können wir tun, damit etwas bleibt? Foto: Richard Kalvar / Magnum Photos / Agentur Focus

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Sich selbst interviewen

Über sich zu erzählen, heißt immer auch, sich selbst besser kennenzulernen. Da kann es, meint Konnerth, nicht schaden, sich auch einmal selbst zu interviewen: Wer bist du eigentlich und was macht dich aus? Was war die wichtigste Zeit deines bisherigen Lebens? Was würdest du heute anders machen? Was ist deine größte Sehnsucht? Wen würdest du gerne noch einmal wiedersehen und warum? Was war die schwierigste Phase in deinem Leben, und wie hast du sie gemeistert? Wer solchen Fragen nachgeht, wird nicht nur persönliche Antworten finden, sondern auch immer wieder auf Zusammenhänge mit zeitgeschichtlichen Ereignissen stoßen.

„Will man einen Kontext und die eigene Rolle darin besser erfassen, hilft ein Perspektivwechsel“, weiß Konnerth. Sie empfiehlt hierfür, ein Erlebnis in drei verschiedenen Fassungen aufzuschreiben: einmal sachlich-neutral, so wie es ein unbeteiligter Außenstehender beschreiben würde; einmal aus Sicht einer anderen Person, die damals dabei war; und einmal aus der eigene Perspektive, was man selbst erlebt, gesehen und gefühlt hat.

Erwartungen und Hoffnungen bewusst machen

Jede Erzählung, ob schriftlich oder mündlich, ist immer auch Kommunikation mit sich selbst, vor allem aber mit den Adressaten. Welche Geschichte erzähle ich wem, wie und warum? Auch darüber sollte man sich bewusst werden. Um etwa jüngeren Kindern den Zugang zu den Geschichten von früher zu erleichtern, empfiehlt es sich einen Bezug zu aktuellen Erfahrungen der Kleinen herzustellen. Und noch einen Rat hat die Expertin: „Fragen Sie sich auch, inwieweit Ihre Offenbarungen das Verhältnis zu der jeweiligen Person beeinflussen können – und ob Sie das wollen.“ Wer zum Beispiel die inzwischen alten Eltern mit frischen Erkenntnissen über seine Kindheit konfrontiert, sollte damit rechnen, dass diese damit überfordert sein können.

Familienchronik und Zeitkapseln für die Enkel

Was macht man nun mit den zutage geförderten Erinnerungen? Es gibt viele Möglichkeiten, Erlebtes an Kinder und Enkel weiterzugeben. Wer seine Erzählungen mit einem Diktiergerät oder einer Kamera aufnimmt, gibt ihnen mit seiner Stimme zusätzlich eine persönliche Note. Auch alte Super-8-Filme, Familienvideos und Fotos lassen sich digitalisieren und mit neuen Schilderungen verbinden. Und natürlich kann man eine Familienchronik schreiben.

Eine gute Hilfe für den Einstieg bieten persönliche Erinnerungsbücher wie die „Erzähl mal“-Reihe von Elma van Vlieth, gespickt mit Fragen, die Jüngere den Älteren stellen, und viel Platz zum Antworten. Und warum nicht eine Zeitkapsel an die eigenen Enkel oder Urenkel „schicken“? Luftdicht in einem stabilen Behälter verpackt überdauern aufgeschriebene Erinnerungen und Botschaften ebenso wie Dinge, die einem selbst viel bedeuten oder den Zeitgeist widerspiegeln.

Zeitzeugen machen Geschichte lebendig

Nicht nur die eigene Familie kann von den Erinnerungen älterer Generationen profitieren. Auch in Gedenkstätten und Schulen sind Zeitzeugen gefragte Gäste, die die Geschichtsvermittlung lebendig machen. Persönliche Erinnerungen und individuelle Berichte zur deutschen Geschichte sammelt unter anderem das Lebendige Museum Online in seinem LeMO-Zeitzeugenbereich. Sogenannte Zeitzeugenbörsen vermitteln Zeitzeugen zu bestimmten Themen. Dazu kommen zahlreiche Vereine und digitale Angebote wie Memoro – Die Bank der Erinnerungen, die den Austausch zwischen den Generationen fördern.

Oral History, die mündliche Überlieferung ist zu einer wichtigen Ergänzung zur Geschichtswissenschaft geworden. Denn wer seine persönliche Geschichte erzählt, gibt anderen die Möglichkeit, mit seinen Augen auf eine Zeit und ihre gesellschaftlichen Verhältnisse zu blicken, sozusagen aus nächster Nähe.

TEXT: Lars Klaaßen
FOTOS: malisunshine/Twenty20, Maria_Sbytova/Twenty20