Ratgeber

Wenn der Partner stirbt: Hand eines älteren Mannes auf einer Beerdigung. Wer den Lebenspartner verliert, muss den Alltag allein bewältigen. Welche Wege gibt es, um neuen Mut zufassen? Ein Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Craig Whitehead on Unsplash

Neuanfang: Wenn der Partner stirbt

Wer den Lebenspartner verliert, bleibt allein zurück. Alles Vertraute bricht weg. Doch der Verlust bietet auch die Chance zu etwas Neuem. Familie, Freunde, Hobbies – es gibt viele Wege, um neuen Mut zu fassen und ein Leben ohne den Partner zu finden. Dabei hilft es, Geduld zu haben und vor allem: die Trauer zuzulassen.

Es sollte ein schöner Urlaub werden. Peter und Christine saßen in einem Café auf Mallorca, als sie merkte, dass etwas nicht stimmte. Der Kaffee schmeckte nicht, den Kuchen konnte sie kaum schlucken. Zurück in Deutschland bekam sie die Diagnose: Mandelkrebs. Es folgten zahlreiche Chemotherapien und medikamentöse Behandlungen. Christine verlor mehr als 20 Kilo Gewicht, Peter schob sie im Rollstuhl. Drei Jahre hofften, bangten und kämpften sie. Als Peter sie schließlich beerdigen musste, kamen in ihm zwiespältige Gefühle hoch: Er war schmerzerfüllt von Trauer, zugleich fühlte er sich erlöst. Er war wieder frei, um wie früher auch einmal eine Ausstellung zu besuchen. Doch der Weg in ein Leben ohne den Menschen, mit dem man viele Jahre den Alltag geteilt hat, ist nicht leicht.

Trauer ist individuell

Die Trauer um einen geliebten Menschen kann jeden treffen und gehört zum Leben dazu. Ähnlich wie bei anderen Krisen durchläuft man dabei mehrere Phasen. Am Anfang stehen Schock und Verleugnung. Allmählich brechen viele verschiedene Gefühle auf, die Gedanken kreisen immer wieder um den Verstorbenen. Dann beginnt langsam eine Neuorientierung, um am Ende ein neues Gleichgewicht zu finden. So kann typischerweise der Trauerprozess verlaufen – oder auch nicht. Denn grundsätzlich ist Trauer immer sehr individuell. Jeder Mensch trauert auf seine eigene Weise. Und auch Trauerphasen verlaufen nicht linear. Es ist vielmehr ein Pendeln zwischen Trost und Schmerz, auch zwischen Wut und Verzweiflung.

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Ein Pendeln zwischen Trost und Schmerz

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Trauer zulassen

Wichtig ist nur: Man muss die Trauer zulassen. Die Psychotherapeutin Doris Wolf, die seit 35 Jahren psychologische Hilfestellungen leistet, rät zuallererst, den Schmerz nicht mit Tabletten oder Alkohol zu betäuben. Hilfe finden Betroffene bei ehrenamtlichen oder professionellen Trauerbegleitern, wie sie etwa Hospizdienste oder Wohlfahrtsverbände vermitteln. An vielen Orten gibt es zudem Selbsthilfegruppen, in denen sich Trauernde austauschen können. Ob Trauer-Café, Trauer-Salon oder Trauer-Wanderung – in den Gruppen trifft man auf andere, die den Schmerz nachempfinden können, weil sie ähnliches erlebt haben.

Rückschläge akzeptieren

Gerade bei älteren Paaren und in langjährigen Ehen ist der Verlust groß: Man verliert nicht nur den Partner, sondern auch einen Freund und oftmals einen Teil von sich selbst. Nicht selten meinen Hinterbliebene dann: „Es hat alles keinen Sinn mehr.“ Um die Trauer zu bewältigen, müssen Hinterbliebene viel leisten: Sie müssen den Verlust als Realität anerkennen. Sie müssen lernen, den Schmerz auszuhalten und sich an eine Welt anpassen, in der der verstorbene Mensch fehlt. Und nicht zuletzt müssen sie sich vom Verstorbenen ablösen und sich neuen Bindungen öffnen. Rückschläge gehören zur Trauerarbeit ebenso dazu, wie das Durchleben sämtlicher Emotionen. Psychotherapeutin Doris Wolf sagt: „Die Trauerbewältigung gleicht einer Bergsteigung. Sie müssen im Tal beginnen und sich langsam emporarbeiten, bis Sie wieder eine neue Lebensperspektive für sich erkennen können.“

Wenn der Partner stirbt: Seniorin beim Wandern in den Bergen. Wer den Lebenspartner verliert, muss den Alltag allein bewältigen. Spaziergänge, Reisen, neue Hobbies – welche Wege gibt es, um neuen Mut zu fassen? Ein Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: nick4 via Twenty20

Für Körper und Geist sorgen

Jeder, der verlassen wurde, muss seine Art finden, mit der Trauer und dem Schmerz umzugehen. Das kann Schreiben sein, aber auch Tanzen, Malen oder Sport. Außerdem ist in dieser Zeit jede Form der Gemeinschaft wichtig: Familie, Freunde, Gleichgesinnte. Besonders die Wochenenden sollten ausgefüllt sein. Fehlt für viele Dinge die Kraft, kann ein Plan dabei helfen, das Nötigste zu regeln und den Alltag zu bewältigen. Dabei sollte man sich nur kleine Schritte vornehmen. Viele Trauernde vergessen zudem, auf den eigenen Körper zu achten. Besonders gesunde Ernährung, Spaziergänge, Entspannungsübungen können in der schwierigen Zeit wohltun.

Neues wagen

Auch wenn es sich zunächst nicht danach anfühlt – jeder Abschied bedeutet auch einen Aufbruch. Doch das zu erkennen, braucht Zeit und Geduld. Peter, der im November letzten Jahres seine Frau Christine beerdigt hat, meldete sich in der Trauerphase auf der Internetplattform verwitwet.de an. Dort kam er nicht nur mit anderen Verwitweten in Kontakt, sondern informierte sich auch über Aktivitäten in seiner Umgebung. Er lernte neue Leute kennen, die oft die gleiche Erfahrung gemacht hatten wie er selbst. Gemeinsam organisierten sie Ausflüge, Theaterbesuche, Kinoabende. Inzwischen geht Peter wieder in Ausstellungen und hat sein Hobby, die Fotografie. wiederentdeckt.

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Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 10: Loslassen. England, Somerset, Quantock Hills, 1986: Mutter und dreijährige Tochter umarmen sich und wälzen sich im Herbstlaub. Symbolbild für das Loslassen und Verzeihen, für Abschied und Weitergeben. Foto: Stuart Franklin / Magnum Photos / Agentur Focus

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Die Trauer zu Papier bringen

Die Gedanken und Gefühle nach einem Verlust aufzuschreiben, ist ein Weg, den die Journalistin Petra Mikutta gegangen ist. Sie verlor ihren Mann an einem Ostersonntag. Unerwartet. Er war gerade auf dem Weg zu ihr, als er plötzlich vom Fahrrad fiel. In ihrem Buch „Sie werden lachen. Mein Mann ist tot“ erzählt sie von Liebe und Verlust, vor allem davon, wie sie nach diesem Schicksal zurück ins Leben fand. Sie schreibt: „Doch es dauert nicht lange, wenige Tage, bis ich das erste Mal wieder lache. Monatelang erscheinen mir Fröhlichkeit unangebracht und Glück undenkbar. Doch jeder wird sich, wie ich, der Frage stellen müssen, wie man weiterleben will? Ich habe entschieden, mich nicht mit einem harten, nachtschwarzen Panzer gegen den Schmerz zu wappnen, sondern weich und offen zu bleiben.“ Ein Therapeut half Mikutta dabei, die Kraft aufzubringen, sich einzulassen. Auf Spaziergänge, auf Kinobesuche, auf Einladungen zum Essen, auf die Liebe zum Leben. Ihre Familie, Freunde und Bekannte haben ihre Tränen getrocknet, ihr Schweigen und ihre manchmal schroffen Zurückweisungen ertragen. Am Ende, meint Mikutta, liebe sie das Leben heute bewusster als zuvor.

Schwierige Tage meistern

Entscheidend ist es, sich Zeit zu geben, mit dem einschneidenden Ereignis fertig zu werden. Besonders das erste Jahr nach dem Tod ist für viele schwer. Alles findet zum ersten Mal ohne den Partner statt. Das einst gemeinsame Frühstück genauso wie Weihnachten, Geburtstage, Jahrestage. Sich mit Freunden und der Familie zu verabreden, gemeinsam an den Verstorbenen zu denken, zu reden, zu lachen und zu feiern, kann helfen, neue Rituale zu finden. Mit einem guten sozialen Umfeld gelingt es Trauernden leichter, zurück ins Leben zu finden. Man erkennt: Das halte ich aus. Peter hat schließlich auf einer Reise mit seiner Familie seine neue Lebensgefährtin kennengelernt.

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Wenn der Partner stirbt: Cover des Buches „Sie werden lachen. Mein Mann ist tot“ von Petra Mikutta, erschienen bei Knaus. Lesetipp. Welche Wege gibt es, um neuen Mut zu fassen? In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt.

Petra Mikutta: Sie werden lachen. Mein Mann ist tot. Dieses „Überlebensbuch“ stellt sich der Sterblichkeit und feiert das Leben. Denn der jederzeit mögliche Tod und alles Schmerzliche, das die Autorin beschreibt, wird überstrahlt vom Leuchten unserer Verbindungen zu denen, die wir lieben. Erschienen bei Knaus, 2015.

Text: Katja Hübner
Fotos: Craig Whitehead/Unsplash, Kay Fochtmann/Photocase, nick4/Twenty20, Stuart Franklin/Magnum Photos/Agentur Focus