Prinzip Apfelbaum - Magazin über das, was bleibt

No. 10 – LOSLASSEN

Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 10: Loslassen. England, Somerset, Quantock Hills, 1986: Mutter und dreijährige Tochter umarmen sich und wälzen sich im Herbstlaub. Symbolbild für das Loslassen und Verzeihen, für Abschied und Weitergeben. Foto: Stuart Franklin / Magnum Photos / Agentur Focus
© Stuart Franklin / Magnum Photos / Agentur Focus

Editorial

„Warum kann ich eigentlich so schwer loslassen?“, das habe ich mich schon oft gefragt. Alleine der Klang des Wortes löst einen inneren Widerstand aus, alles in mir sträubt sich dagegen. Denn gelernt habe ich: festzuhalten. Lieb gewonnene Dinge, vertraute Menschen, einen großen Traum, das Lebenswerk. Bedeutet Loslassen nicht, aufzugeben? Verliere ich also nicht etwas, wenn ich loslasse?

Umgekehrt weiß ich aber auch, wie befreiend und erfüllend das Loslassen sein kann: Wenn die Kinder wirklich selbstständig sind und ihre eigenen Wege gehen. Wenn der Keller fast leer ist, weil ich ihn endlich entrümpelt habe. Wenn ich mich – wenn auch schweren Herzens – von einem wichtigen Menschen getrennt habe, weil die Beziehung keine Zukunft hatte.

Am schwierigsten ist es wohl, sich selbst loszulassen. Umso mehr tröstete mich ein Gedanke aus unserem Magazinbeitrag „Keine Angst. Wir alle sterben sowieso“: Wer am Ende seines Lebens nichts – oder zumindest wenig – bedauern müsse, tue sich leichter damit, dem Abschied gelassen entgegenzusehen. „So leben, wie es einem gefällt. Weniger arbeiten. Gefühle zum Ausdruck bringen. Freundschaften pflegen. Sich mehr Freude gönnen.“ – Das gefällt mir und Ihnen hoffentlich auch. Davon erzählen alle unsere Beiträge in der einen oder anderen Weise.

Susanne Anger

Sprecherin der Initiative
„Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum"

Impulse

Keine Angst. Wir alle sterben sowieso.

Wir alle werden sterben. So viel ist sicher. Und doch hat der Tod keinen guten Stand. So gut es geht, wird er verdrängt. Wie wäre es, dem eigenen Lebensende gelassen entgegenzusehen? Das wird leichter, wenn man sich damit schon frühzeitig auseinandersetzt. Das heißt vor allem, sich dem Leben zu widmen, seinem Wert und Sinn.

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Keine Angst vor dem Tod: USA, New York City, 2003: Nach einer Beerdigung sammeln heitere Frauen Blumen vom Leichenwagen als Erinnerung an ihre Freundin. Symbolbild: Dem Tod gelassen entgegenzusehen, heißt, sich dem Leben zu widmen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Paul Fusco/Magnum Photos/Agentur Focus

Wissenswertes

Für immer und unverzeihlich?

Familie bedeutet Liebe und Geborgenheit, oft aber auch Kränkungen und Ungerechtigkeit. Manche dieser Verletzungen begleiten uns über Jahre. Den eigenen Kindern oder auch den eigenen Eltern zu verzeihen, fällt nicht leicht. Doch es lohnt sich. Denn wer die Vergangenheit loslässt, kann nach vorne schauen und erlebt eine neue Freiheit.

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Verzeihen: Verblichenes Familienfoto, Vater, Mutter, Kind. Familie bedeutet oft auch Kränkung und Ungerechtigkeit. Den eigenen Kindern oder auch den eigenen Eltern zu verzeihen, fällt nicht leicht. Doch es lohnt sich. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: beaferreira78 via Twenty20

Menschen

Familie ist der
Kern von allem“

Die Führung an die nächste Generation abzugeben, fällt gerade in Familienbetrieben schwer. Beatrice Rodenstock kennt das aus der eigenen Familie. Aufgewachsen im Brillenimperium Rodenstock ist sie eine Expertin für das schwierige Gemisch aus familiären Bindungen und unternehmerischer Verantwortung. Ein Gespräch über die Kraft von Familie, das Festhalten und das Loslassen.

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Verantwortungsvolle Nachfolgeplanung: Porträt von Beatrice Rodenstock. Aufgewachsen im Brillenimperium weiß sie, wie schwer es Familienunternehmern fällt, das Lebenswerk an die nächste Generation abzugeben. Ein Gespräch über Familie, Loslassen und Gutes tun. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Stefanie Aumiller

Unsere Lieblinge

Lesetipp

Lesetipp: Cover des Buches „Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon“ von Martin Simons, erschienen im Aufbau Verlag. In Prinzip Apfelbaum – Magazin über das, was bleibt. Ausgabe: Loslassen

Zehn Tage verbringt Martin Simons „mit geschärften Sinnen in einer Art Todeszone“. Er ist 44 Jahre alt, als bei ihm eine Hirnblutung festgestellt wird, die ihn jeden Moment töten kann. Ans Bett gefesselt auf der Intensivstation, in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod, versinkt er ganz in seinem Inneren und zieht Bilanz über sein bisheriges Leben. Was ihm gelungen ist, was nicht, wie viel Glück er hatte. Die unmittelbare Erfahrung der eigenen Vergänglichkeit ist für den Erzähler eine Befreiung, die ihn verändert. Er versöhnt sich innerlich mit seinen Eltern und spürt mehr denn je die Liebe zu seiner Frau und seinem Kind – der „innere Panzer“ ist aufgebrochen.

Martin Simons: „Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon“. Roman. Aufbau Verlag, 2019. Gebunden, 186 Seiten. 20 Euro.

45 %

Die Zahl

Loslassen fällt uns oft schwer. Lieber halten wir an schlechten Gewohnheiten und ungesunden Ritualen fest, als etwas Neues zu beginnen. Denn unser Gehirn liebt Routinen und wäre ohne sie überfordert. Die US-Psychologin Wendy Woods hat Studienteilnehmer gebeten, stündlich ihre Aktivitäten und Gedanken zu notieren. Das Ergebnis: Fast die Hälfte unserer täglichen Handlungen sind Gewohnheiten, die sich willentlich kaum kontrollieren lassen. Aber wir können sie austricksen: indem wir die alten Rituale durch neue ersetzen.

Berühmte Testamente: Gerd Bucerius auf einem Wahlplakat zur Bundestagswahl 1957. Der Verleger gründete 1971 die Zeit-Stiftung, der die Eheleute Ebelin und Gerd Bucerius ihr gesamtes Vermögen hinterließen. Ein Testatement für den guten Zweck. Prinzip Apfelbaum – Magazin über das, was bleibt. Ausgabe: Loslassen. Foto: Wikipedia Commons/KAS
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Berühmte Testamente

Ebelin und Gerd Bucerius

Als liberaler Querdenker, streitbar und zugleich tolerant, gehörte Gerd Bucerius zu den prägenden Persönlichkeiten der Nachkriegszeit. „Tun zu müssen, was andere sagen, ist mir mein Leben lang unerträglich gewesen“, bekannte er einmal. Neben seiner Karriere als Bausenator in Hamburg und als Bundestagsabgeordneter der CDU gründete Bucerius 1946 die Wochenzeitung Die Zeit, die ihm zur Lebensaufgabe wurde. An seiner Seite: Ebelin, seine couragierte und tatkräftige Frau. Sie war ab 1961 als Geschäftsführerin des Zeitverlags dafür zuständig, die Anzeigenkunden zu akquirieren – angesichts der Verluste, die das Blatt jahrzehntelang machte, eine wichtige Aufgabe. 1971 gründete Bucerius die Zeit-Stiftung, der beide Eheleute ihr gesamtes Vermögen hinterließen. Die gemeinnützige Stiftung fördert Innovationen in Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie Bildung und Erziehung. Dabei setzt sie sich für eine liberal-weltoffene Zivilgesellschaft ein – ganz im Sinne des freien Geistes der Stifter.

Schon gewusst?

Wer entscheidet im Notfall?

Wer gesund ist, macht sich ungern Gedanken darüber, dass er einmal auf fremde Hilfe angewiesen sein könnte. Unfall, Krankheit, Alter: Rechtlich vorzusorgen, ist sehr wichtig. In einer Patientenverfügung lässt sich verbindlich regeln, welche ärztlichen Schritte in bestimmten Situationen gewünscht sind und welche nicht. Rundum vorgesorgt ist man damit aber noch nicht. Was viele nicht wissen: Ehepartner oder Kinder können nur dann rechtsverbindlich für andere entscheiden, wenn man sie dazu als Bevollmächtigte beauftragt oder, alternativ, als rechtliche Betreuer einsetzt. Die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, sollte man sich nicht nehmen lassen. Wer keinerlei Vorsorge trifft, bekommt vom Gericht einen Betreuer bestellt.

Michael Beuger, Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE

Das tut gut

Das tut gut: Die Schüler Paul und Milan gründeten eine Firma und produzieren im 3D-Druck Handyhüllen aus Plastikmüll. Eine Erfolgsgeschichte, unterstützt von der Stiftung Bildung, Mitglied der Initiative

Handyhüllen aus Abfall

Plastik findet sich heute überall, sogar im Meer und im menschlichen Körper. Zwei 16-Jährige aus Rheinland-Pfalz wollten das nicht länger hinnehmen. Sie gründeten eine Recycling-Firma, um aus Plastikmüll individuelle Handyhüllen herzustellen. Eine Erfolgsgeschichte, unterstützt von der Stiftung Bildung. Die spendenfinanzierte Stiftung fördert bundesweit zahlreiche Projekte an Kitas und Schulen. Dabei geht es vor allem um Jugendbeteiligung, Vielfalt, sozialen Ausgleich und natürlich um Nachhaltigkeit.

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Das tut gut: Haitianische Schulkinder trinken sauberes Wasser aus dem Hahn. Das Projekt „Gesunde Schule – Starke Kinder“ der nph Kinderhilfe wird von der Skala-Initiative mit 1,5 Millionen Euro gefördert. nph ist Mitglied der Initiative

Trinkwasser für Kinder in Haiti

Immer wieder wird Haiti von Erdbeben und Wirbelstürmen erfasst. Unter der schlechten Gesundheitslage und fehlendem Trinkwasser leiden besonders die Kinder. Die nph-Kinderhilfe schafft mit dem langfristig angelegten Projekt „Gesunde Schulen – starke Kinder“ neue Trinkwasseranlagen und entsendet mobile medizinische Teams in die Schulen. Davon profitieren die Kinder, ihre Eltern und ganze Gemeinden. Das Projekt konnte auch die Skala-Initiative der Unternehmerin Susanne Klatten überzeugen, die es mit 1,5 Millionen Euro fördert.

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Das tut gut: Das Team des Alzheimer-Telefons berät Angehörige von Menschen mit Demenz. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft ist Mitglied der Initiative

Rat am Alzheimer-Telefon

Angehörige von Menschen mit Demenz leisten einen großen Teil der Betreuung – und das rund um die Uhr. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft bietet dabei Unterstützung: Unter 030 - 259 37 95 14 oder per E-Mail steht ein multiprofessionelles Team zur Verfügung. Die Beraterinnen helfen, die Krankheit zu verstehen, vermitteln Entlastungsangebote und informieren zu rechtlichen und finanziellen Fragen. Mehr als 100.000 Ratsuchende haben seit 2002 das Alzheimer-Telefon genutzt, das vom Bundesfamilienministerium und aus Spenden finanziert wird.

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Das tut gut: Aktivisten der Deutschen Umwelthilfe demonstrieren vor der IAA für saubere Luft. Für das Engagement in der Mainmetropole erhielt die DUH nun den Frankfurter Umweltpreis. Die Deutsche Umwelthilfe ist Mitglied der Initiative

DUH erhält Umweltpreis

Die Deutsche Umwelthilfe ist mit dem „Frankfurter Umweltpreis“ ausgezeichnet worden. Sie erfüllt eine wichtige rechtsstaatliche Funktion, indem sie vor Gericht nachweist, dass demokratisch zustande gekommene Umweltgesetze nicht eingehalten werden, teilte die Carl & Irene Scherrer Stiftung mit, die den Preis jährlich vergibt. Anlass war die erfolgreiche Klage der Deutschen Umwelthilfe für „Saubere Luft“ gegen das Land Hessen. Nach dem Urteil müssen nun wirksame Maßnahmen zur Luftreinhaltung ergriffen werden, zur Not auch Fahrverbote.

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