Wissenswertes

Ein Pendeln zwischen Trost und Schmerz

Viele glauben, dass Trauer in festen Phasen verlaufen muss. Vergessen Sie die Theorie! Trauer lässt sich in kein Schema pressen und schon gar nicht in einen Zeitplan. Jeder erlebt das Abschiednehmen auf andere Weise. Aus der Psychologie kommen neue Modelle für die Trauerverarbeitung.

Jeder trauert anders: Ein Mann auf einer Stehleiter öffnet eine Luke im Dach. Symbolbild. Trauer verläuft nicht in festen Phasen. Es ist ein Pendeln zwischen Trost und Schmerz. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Kay Fochtmann/Photocase.de

Menschen, besonders Wissenschaftler, lieben Strukturen. Und so hat man versucht, auch die Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen in bestimmte Phasen zu fassen. Es gibt viele Modelle, die sich alle mehr oder weniger ähneln: Erst kommt die Zeit des Nicht-wahrhaben-wollens. Dann die Phase heftiger Emotionen, die wiederum abgelöst wird von Phasen des Suchens und Sich-Trennens. Aber irgendwann können wir den Tod des geliebten Menschen akzeptieren und unser Leben neu in Angriff nehmen. So die Theorie, etwa der Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast. Am populärsten war lange Zeit das Modell der Ärztin Elisabeth Kübler-Ross. Aus Gesprächen mit sterbenden Menschen – die sich ganz radikal mit Trauer und Abschied auseinandersetzen müssen – erarbeitete sie fünf Phasen, die auch auf Trauernde übertragen wurden.

Das Gute an solchen Phasenmodellen: Sie sind anschaulich. Es klingt beruhigend, wenn man durch „Trauerarbeit“, durch eigene Anstrengung, den Verlust überwinden und die Trauer beenden kann. Trotzdem sind Phasenmodelle wohl kaum mehr als ein theoretisches Konstrukt. „Sie sind wissenschaftlich nicht belegt“, sagt die Psychologin Rita Rosner, Professorin für Klinische und Biologische Psychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Menschen funktionierten nicht in Phasen. „Man kann zum Beispiel schon wieder in der Phase sein, in der man unter Leute geht, und trotzdem ständig an die Verstorbene denken. Oder es kommt ein Jahrestag und Sie fallen plötzlich wieder zurück in Phase eins“.

Jeder trauert anders: durch einen Türspalt dringt Licht in einen dunklen Raum. Symbolbild. Trauer verläuft nicht in festen Phasen. Es ist ein Pendeln zwischen Trost und Schmerz. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Jason Wong/Unsplash

Jeder Mensch trauert anders. Phasenmodelle gelten längst als überholt.

Zwischen Verlust und Weiterleben

Vor etwa 30 Jahren begannen Wissenschaftler, die herrschenden Theorien über Trauer mit empirischen Studien zu hinterfragen. Auch die Phasenmodelle kamen in die Kritik: Sie setzten Menschen unter Druck, die ihre Trauer anders erleben, so der Vorwurf. Es lasse sich zudem kaum eine Prognose treffen, ob jemand einen Verlust gut verarbeiten oder langfristig gesundheitliche Probleme bekommen werde. 1999 veröffentlichten dann die Psychologen Margaret Stroebe und Henk Schut von der Universität Utrecht ein neues Modell. Sie nannten es Duales Prozess-Modell der Trauerbewältigung. Zentrale These der Forscher: Trauernde bewegen sich ständig zwischen zwei Polen. Zwischen Tod und Verlust einerseits und der Gegenwart und Zukunft andererseits.

»Trauernde bewegen sich zwischen zwei Polen: Tod und Verlust einerseits und Gegenwart und Zukunft andererseits.«

„Das Modell beschreibt nicht Phasen, sondern das Oszillieren zwischen zwei Aufgaben. Zum einen geht es um die Auseinandersetzung mit dem Verlust, zum anderen um sogenannte wiederherstellungsorientierte Aufgaben. Zu verschiedenen Zeiten überwiegt das eine oder das andere, die beiden Bereiche können aber auch direkt nebeneinander existieren“, erklärt Rita Rosner. Trauernde leiden unter dem Verlust, leben in Erinnerungen an den Toten, beschäftigen sich mit den Umständen des Todes. Aber sie müssen auch in ihrem Alltag weiterleben. Zum Beispiel mit finanziellen Problemen und der Einsamkeit klarkommen, Freundschaften aufrechterhalten, eine Wohnung und einen neuen Tagesablauf finden. „Das duale Modell wird der Situation von Trauernden mehr gerecht, weil es Trauerprozesse sehr umfassend beschreibt und Betroffene sich darin besser wiederfinden können “, sagt Heidi Müller, Trauerforscherin und -begleiterin am Trauerzentrum in Frankfurt am Main.

Jeder trauert anders: Beim Öffnen der Tür fällt der Schatten eines Mannes an di Wand eines dunklen Raumes. Symbolbild. Trauer verläuft nicht in festen Phasen und muss nicht intensiv und schwer sein. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Kamel Bendjaima/Unsplash

Trauer muss nicht intensiv und schwer sein. Auch dieser Mythos wurde widerlegt.

Jeder trauert anders

Auch einen anderen verbreiteten Mythos konnte die systematische Trauerforschung widerlegen: dass Trauer intensiv und schwer sein müsse. Tatsächlich trauern Menschen ganz unterschiedlich. Dabei spielt unter anderem die gesellschaftliche Kultur eine Rolle, das Verhältnis zum Verstorbenen und natürlich die eigene Persönlichkeit. Bahnbrechend waren hier die Studien des US-Psychologen George Bonanno und seiner Kollegen. Die Forschungserkenntnisse sind ermutigend. Menschen können mit Verlusten viel besser umgehen, als lange Zeit angenommen wurde. Zwar zeigte es sich, dass die allermeisten in den ersten Wochen und Monaten nach einem Verlust unter depressiven Zuständen leiden. Aber viele erholen sich erstaunlich schnell. Fast die Hälfte der Befragten in Bonannos Studie berichtete sowohl nach sechs Monaten als auch nach 18 Monaten nur über geringe Probleme und Trauerreaktionen. Trauer und die damit verbundenen Gefühle kommen wie Wellen, deren Intensität mit der Zeit langsam abnimmt. Trauernde, so legen es die Studien von Bonanno nahe, pendeln ständig zwischen positiven Gefühlen und Schmerz hin und her. Und finden gerade dadurch Trost und Hoffnung.

»Trauernde pendeln ständig zwischen positiven Gefühlen und Schmerz. Und finden gerade dadurch Trost und Hoffnung.«

Wenn die Trauer chronisch wird

Die allermeisten Hinterbliebenen schaffen es, den Verlust einen geliebten Menschen ohne therapeutische Unterstützung zu verarbeiten. „Der Schmerz nach einem Todesfall ist natürlich keine Krankheit“, stellt die Psychologin Rosner klar. „Trauer tut wahnsinnig weh, aber im Normalfall wird sie im Laufe der Zeit weniger“. Aber was ist, wenn man sich vor Kummer verzehrt, nicht mehr arbeiten kann und ständig nur an den geliebten Menschen denkt? Forscher gehen davon aus, dass zwischen fünf und sieben Prozent der Trauernden an einer komplizierten Trauer oder einer anhaltenden Trauerstörung leiden. „Die Menschen leben mit einer unglaublichen Sehnsucht und Wehmut. Sie spüren eine große Bitterkeit in sich und sehen keinen Sinn mehr im Leben“, erläutert Rita Rosner. Sie bewältigen den Alltag nur mit großen Mühen, Symptome wie Herzschmerzen und Schlaflosigkeit kosten noch mehr Kraft. Sie interessieren sich nicht mehr für andere Leute, selbst für kurze Momente können sie keine Freude mehr empfinden.

Helfen können den Betroffenen kognitive Verhaltenstherapien. Vier Hochschulambulanzen, darunter die Katholische Universität in Eichstätt-Ingolstadt, untersuchen zurzeit die Wirksamkeit zweier unterschiedlicher Interventionen. „Eine der Interventionen ist in die Vergangenheit gerichtet, konzentriert sich auf den Verlust. Die andere blickt auf die Gegenwart und das Wie des Weiterlebens, also wie ich den Verlust akzeptieren kann“, erklärt Rosner. Wichtig für die Therapie ist eine genaue Diagnose, um eine normale von anhaltender Trauer zu unterscheiden. Denn wenn Trauer ohne große Probleme verläuft, kann eine Therapie unter Umständen sogar Schaden anrichten.

Trauertherapie

Zu trauern ist normal. Nur wenn die Trauer nicht aufhört, ist professonelle Hilfe gefragt. Das Forschungsprojekt „Progrid“ untersucht die Behandlungsmöglichkeiten bei Anhaltender Trauerstörung und bietet eine für Trauernde entwickelte ambulante Psychotherapie an.

Vor kurzem hat die Weltgesundheitsorganisation die anhaltende Trauerstörung auch als Diagnose in das Klassifikationssystem der Krankheiten ICD-11 aufgenommen. Eine durchaus umstrittene Maßnahme. Befürworter argumentieren, Betroffene würden mit einer spezifischen Diagnose schneller Hilfe erhalten. Kritiker bemängeln dagegen, Trauernde würden stigmatisiert, wenn für Trauerprozesse eine bestimmte Zeit festgelegt wird. Denn Trauern verlaufe individuell und kulturell ganz unterschiedlich.

Gutes Trauern, schlechtes Trauern?

Nicht nur den Glaubenssatz „Trauer muss in Phasen durchgearbeitet werden“ hat die Trauerforschung widerlegt. Auch die Überzeugung, dass nicht gelebte Trauer später zu psychischen Problemen führe, gilt inzwischen als überholt. Das Phänomen existiert zwar, wie Studien gezeigt haben. Aber nur in einer Häufigkeit zwischen Null und einem Prozent. „Tatsächlich ist es so, dass Leute, die anfangs stark trauern, auch später noch viel damit zu tun haben. Und diejenigen, die am Anfang wenig trauern, trauern auch später weniger. Ganz anders, als dies in manchen alten Modellen angenommen wurde“, betont Rita Rosner.

Jeder trauert anders: Rückansicht eines Jungens der eine Dachfenster öffnet, zu sehen ist blauer Himmel. Symbolbild. Trauer verläuft nicht in festen Phasen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: ESB Professional/Shutterstock.com

Auch die Überzeugung, dass nicht gelebte Trauer psychische Probleme auslöst, trifft nicht zu.

Das lange Zeit herrschende Dogma vom Loslassen geht noch auf den Psychoanalytiker Siegmund Freud zurück. Er glaubte, dass man alle Bindungen an die verlorene Person aufgeben müsse, um frei für neue Beziehungen zu werden. „Heute wird es als normal angesehen, wenn wir uns weiter verbunden fühlen, wenn auch in verwandelter Form. Viele Betroffene empfinden das als tröstlich“, erklärt Trauerforscherin Heidi Müller. Allerdings komme es darauf an, wie die Bindungen fortgesetzt würden. Wenig hilfreich ist es zum Beispiel, wenn Trauernde glauben, der Verstorbene wäre nicht richtig tot und würde wiederkommen.

Die Vielfalt der Rituale

Eine große Hilfe bei der Bewältigung von Trauer können wir durch Riten und Traditionen erfahren. Sie geben in der Regel Halt und Orientierung. Wir wissen dann, was wir zu bestimmten Zeitpunkten tun können. Wie zum Beispiel der alte Brauch, ein Jahr lang zu trauern. Auch heute richten sich noch Menschen in Europa danach. Das Trauerjahr nimmt den Druck heraus, schnell wieder funktionieren zu müssen. „Wenn Rituale verloren gehen, fühlen sich auch die Trauernden verloren“, sagt die Psychologin Rosner.

»Trauerrituale und Traditionen können eine große Hilfe sein. Wenn sie verloren gehen, fühlen sich auch die Trauernden verloren.«

Wie wichtig Trauerrituale für die Menschheit waren und sind, zeigt die anthropologische Trauerforschung. Trauer ist ein universelles Gefühl. Aber je nach Kultur und Religion gehen Menschen ganz unterschiedlich mit Tod und Trauer um. Im Gegensatz zu unserem Trauerjahr trauern beispielsweise Navajo-Indianer in den USA traditionell nur vier Tage lang. Danach ist es verpönt, über den Verstorbenen zu sprechen. Die Toraja auf Sulawesi in Indonesien pflegen ein für westliche Menschen sehr ungewöhnliches Ritual. Die Toten werden einbalsamiert, neu angekleidet und wohnen mit im Hause bis zur Trauerfeier, die manchmal erst drei Jahre später stattfindet. Die Trauerfeier ist dann ein Fest der Freude, weil die Torajas an ein nächstes Leben glauben. So zeigt der Blick über den Tellerrand: Unsere Vorstellungen über Trauer und  „normale“ Trauerprozesse sind nur mentale Konstrukte. Es gibt keine allgemeingültigen Regeln.

Text: Angelika S. Friedl
Fotos: Kay Fochtmann/Photocase.de, Jason Wong/Unsplash, Kamel Bendjaima/Unsplash, ESB Professional/Shutterstock.com