Menschen

Was bleibt,
Christine Westermann?

20 Jahre lang moderierte sie die Sendung „Zimmer frei“. Dann war es vorbei. In ihrem neuen Buch erzählt Christine Westermann von kleinen und großen Abschieden. Wir sprachen mit ihr über ihre Erfahrungen, Glück und das, was bleibt.

Was bleibt, Christine Westermann? Porträt der Moderatorin Christine Westermann an einem Holztisch sitzend, im Bildvordergrund unscharf bunte Lesebrillen. Die Journalistin erzählt in ihrem neuen Buch über das Abschiednehmen. Foto: Ben Knabe / Networks

Christine Westermann stammt aus dem thüringischen Erfurt und lebt heute in Köln. Die preisgekrönte Radio- und Fernsehjournalistin arbeitete unter anderem bei der „Drehscheibe“ und der „Aktuellen Stunde“. Sie ist einem großen Publikum bekannt durch die Sendung „Zimmer frei“ mit Götz Alsmann, die einen großen Fan-Kreis hatte und im Jahr 2016 nach 20 Jahren endete. „Zur letzten Sendung komme ich nicht“, sagte Christine Westermann schon lange, bevor an ein Ende auch nur zu denken war. So tief saß ihre Angst vor dem Abschiednehmen. In ihrem jüngsten Buch „Manchmal ist es federleicht“ setzt sie sich mit kleinen und großen Verlusten auseinander.

Frau Westermann, was ist ein gelingendes Leben?

Diese Frage muss jeder für sich beantworten, darauf gibt es keine allgemeingültigen Antworten. Der eine setzt sich Ziele, arbeitet sie ab und betrachtet sein Leben als gelungen. Für andere sind gänzlich andere Maßstäbe wichtig. Ich selbst merke, mit dem Älterwerden, dass ich zumindest mehr verstehe vom Leben.

Wer oder was hat Ihnen in Ihrem Leben Halt gegeben?

Halt habe ich oft in mir selbst gefunden. Aber auch in vielem, was ich gelesen habe. Und in anderen Menschen. Ich hatte ein sehr starkes Band zu meinem Vater. Halt gaben mir Freunde, Gespräche, Therapeuten, Achtsamkeitslehrer. Es ist eine schöne Mischung gewesen, sie ist es immer noch.

Was bleibt, Christine Westermann? Porträt der Moderatorin Christine Westermann an einem Holztisch sitzend, das Kinn aus die Hände gelegt. Die Journalistin erzählt in ihrem neuen Buch über das Abschiednehmen. Im Interview spricht sie über die Frage

Sie konnten Ihre verschiedenen Talente leben: Journalistisch arbeiten, Menschen treffen, Interviews führen, Bücher lesen und darüber sprechen. Halten Sie sich für beschenkt oder sehen Sie sich vor allem als Ihres eigenen Glückes Schmied?

Ich bin sehr beschenkt. Ich bin dankbar für das, was in meinem Leben bislang passiert ist. Ich habe einen sehr starken Kinderglauben und fühle mich, seit ich denken kann, beschützt und behütet. Das Gefühl habe ich auch in schlechten Zeiten nicht verloren, schlechte Zeiten gehören genauso dazu wie die guten. Nur wer auf einem Gipfel angekommen ist, weiß, wie tief ein Tal sein kann. Die Täler sind aber nicht mehr so tief, wenn man älter wird. Mir ist bewusst: Ich arbeite in meinen Traumberuf. Schon mit 15 wollte ich Journalistin werden, das habe ich verfolgt. Ich weiß, welch großes Glück es ist, einen Beruf zu haben, den man liebt. Das, was ich mache, mache ich unglaublich gern.

»Glück ist nichts Dauerhaftes, Glück gilt es wahrzunehmen. Alles andere heißt dann eher Zufriedenheit.«

Wann sind Sie glücklich?

Glück ist nichts Durchgehendes, es sind Momente. Im warmen Bett zu liegen und dem Regen zuzuhören kann einen Glücksmoment bedeuten. Schwebenden Blättern zuzusehen. Am Meer zu sitzen und den warmen Wind zu spüren. Oder morgens beim Joggen vom Gesang der Amsel auf dem Dachfirst begrüßt zu werden. Glück ist nichts Dauerhaftes, Glück gilt es wahrzunehmen. Alles andere heißt dann eher Zufriedenheit.

Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Sie sich mit dem großen Thema Abschied auseinandersetzen. Seit wann haben Sie die Idee mit sich herumgetragen?

Im letzten Jahr von „Zimmer frei“, als der Abschiedstermin der Sendung feststand, ermunterte mich ein Freund aus Südafrika, über meine Zeit bei „Zimmer frei“ zu schreiben. Beim Nachdenken darüber ging mein Fokus immer mehr auf das Thema Abschiede. Auf leichte und schwere, auf Abschiede von Schönheit und Beweglichkeit, auf Abschiede von Illusionen, auf Abschiede von Menschen.

Bedeutete das Buch eher Arbeit oder Vergnügen?

Eine gute Frage. Es war eine Mischung. Es bedeutete Arbeit, sich hinzusetzen, konzentriert zu bleiben, sich nicht ständig ablenken zu lassen. Fünf Wochen war ich in einem kleinen Haus am Meer, kam nicht voran mit dem Text. Irgendwann aber war es wie der Bruch eines Staudamms, die Sätze flossen und ich kam nicht mehr weg vom Laptop.

Hat Ihnen das Schreiben geholfen?

Es hat geholfen, meine Gedanken zu klären, auch im Bezug auf „Zimmer frei“ und die Wehmut, dass die Sendung enden sollte. Letztlich dominierte das Gefühl der Dankbarkeit, dass uns die Sendung so gut gelungen ist. Dass wir sie so machen konnten, wie wir sie gemacht haben.

Was bleibt, Christine Westermann? Die Moderatoren der Sendung

Sogar die Badewanne teilten sich Christine Westermann und Götz Alsmann 1996 zum Start der WDR-Talkshow "Zimmer frei".

Warum haben Sie das Buch Ihrem Vater gewidmet?

Für mich bedeutete mein Vater Liebe, Fürsorge, Zugewandtheit, Sicherheit. Der Abschied von ihm war der erste große und der vielleicht schwerste Abschied meines Lebens. Ich war 13, als er unerwartet starb. Ich hätte ihn gern noch länger an meiner Seite gehabt. Wie er mein Leben heute sehen würde, frage ich mich jetzt, wo ich auf der Zielgerade meines Lebens bin. Ich bin sicher, er wäre stolz. Aber er musste mich unfertig zurücklassen. Der frühe Entzug meines Vaters, seines Schutzes, hat mich aber auch zu der gemacht, die ich heute bin.

Haben Sie wichtige Entscheidungen in Ihrem Leben eher aus dem Bauch heraus getroffen oder mit dem Kopf?

Immer mit dem Bauch.

Die Lust auf Erfahrungen habe Sie angetrieben, steht in dem Buch. Ist sie gestillt oder ist sie noch da? Wo sehen Sie Herausforderungen?

Keine Ahnung, ich erkenne sie, wenn sie da sind. Ich bin ein Abenteurer, ich will nicht stehend einschlafen. Nichts macht einen lebendiger als wenn man sich zeigen, sich bewegen muss.

Zum Beispiel im Literarischen Quartet, der Literatursendung des ZDF?

Ja, es ist eine Herausforderung, Debatten um Bücher auszuhalten, nicht beleidigt zu reagieren. Aber ich bin auch nicht die, die einem leidtun muss, weil sie so freundlich ist und ich bin nicht das hilflose Geschöpf, als das mich manche Kritiker und Zuschauer sehen. Heftige Diskussionen, zum Beispiel mit Maxim Biller, waren Teil des Konzepts der Sendung. Trotzdem mag ich ihn und er mag mich. Außerdem bin ich gestählt durch die Arbeit mit Frank Plasberg und Götz Alsmann.

»Anstand ist ein ganz wunderbares Wort, das leider aus der Mode gekommen ist.«

Wie lesen Sie? Mit dem gedruckten Buch in der Hand oder mit E-Book?

Es geht nur mit einem Buch in der Hand. Unbewusst spielen eben der Umschlag und der Klappentext doch eine Rolle. Ich malträtiere meine Bücher leider auch ein wenig, kritzele Anmerkungen ins Buch, mache Eselsohren, um wichtige Stellen zu markieren.

Wie viele Bücher haben Sie zuhause?

Schwer zu schätzen, ich sortiere immer wieder aus, wenn neue Bücher kommen. Ich schätze mal, es sind pi mal Daumen fünfhundert.

Gibt es ein ultimatives Lieblingsbuch? Oder mehrere?

Nein, nicht wirklich. Es gibt im Jahr immer zwei, drei Bücher, die mir sofort einfallen, wenn mich jemand anspricht und nach einer Buchempfehlung fragt.

Nach so vielen Jahren als Journalistin: Welche Menschen beeindrucken Sie?

Menschen, die eine Behinderung haben und den Mut zu leben nicht verlieren. Menschen, die sich nicht selbst belügen, die wahrhaftig und authentisch sind. Die Irrtümer zugeben, sich entschuldigen, die Respekt voreinander haben. Und Anstand. Anstand ist ein ganz wunderbares Wort, das leider aus der Mode gekommen ist.

Sie haben sich viel mit Achtsamkeit beschäftigt und plädieren für mehr Gelassenheit. Gibt es Momente, wo Ihnen die Gelassenheit abhandenkommt?

Klar, immer wieder. Ich bin keine Heilige. Neulich habe ich beim Autofahren einen Fehler gemacht und einen Radfahrer behindert. Er hat mich zusammengefaltet, wurde immer aggressiver, konnte gar nicht mehr aufhören zu schimpfen. Trotz meiner Entschuldigung, trotz der Versuche, ihm die Sache zu erklären. Erst war mir zum Heulen, dann habe ich mich gefragt, was er erlebt haben muss, um so drauf zu sein. Es ist wichtig im Leben, dass man die Perspektive wechselt.

Welche Rolle spielt für Sie Vertrauen?

Vertrauen ist wichtig, ich bin ein sehr vertrauensseliger Mensch. Manchmal wie ein Kind. Ich weiß, dass Vertrauen auch enttäuscht werden kann.

Und Freunde?

Ich habe gute Freunde, aber nicht alle Freundschaften halten über die Jahre, weil man sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Wo ist für Sie Heimat?

Das kann bei Freunden in Südafrika im immergleichen Gästezimmer mit Blick aufs Meer sein. Das kann im Fußballstadion beim 1. FC Köln sein, wo ich spüre, was diese Stadt ausmacht und zusammenhält. Und dann ist das wie Heimat.

Ihr Buch ist ehrlich und privat, ohne die Voyeure zu bedienen. Honoriert das das Publikum? Welche Reaktionen ernten Sie bei Lesungen?

Für mich gibt es einen sehr feinen Unterschied zwischen persönlich und privat. In meinem Buch erzähle ich sehr persönlich, aber Privates bleibt unter Verschluss. Ich glaube, genau das merkt auch das Publikum. Dass da jemand ist, der kein Übermensch ist, nur weil er in der Öffentlichkeit steht. Der gute und schlechte Tage hat, Zweifel kennt, Fehler macht, der hinfällt und wieder aufsteht.

Was bleibt, Christine Westermann? Cover des Buches

Das Buch ist dem Vater gewidmet. "Der Abschied von ihm war ... der vielleicht schwerste Abschied meines Lebens."

In der Ausstellung „Das Prinzip Apfelbaum“ haben sich Prominente Gedanken darüber gemacht, was von ihnen bleibt, wenn sie nicht mehr sind. Auch Ihr Buch stellt diese Frage. Was würde von Ihnen bleiben? Was möchten Sie weitergeben?

Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Die Menschen, die nach mir kommen, mögen selbst entscheiden, was sie an Christine Westermann besonders gemocht haben. Mir sagen manchmal bei Lesungen sehr junge Frauen: Ich möchte gern mal so werden wie Sie. Ich bekomme rote Ohren und freue mich ungemein. Weil offensichtlich etwas von mir nach außen strahlt, was anderen Mut macht und Zuversicht gibt.

»Wenn Geld oder anderes jetzt gebraucht wird, warum soll ich damit warten, bis ich tot bin.«

Sie schreiben, Sie wollen Ihr Erbe schon zu Lebzeiten unter die Leute verteilen. Warum?

Wenn Geld oder anderes jetzt gebraucht wird, warum soll ich damit warten, bis ich tot bin. Das erscheint mir ziemlich sinnlos, oder?

„Bedenket, dass Ihr sterben müsst, auf dass Ihr klug werdet.“ Der von Ihnen zitierte Bibelsatz fasst auch die Botschaft Ihres Buches zusammen. Wenn Sie ihn noch um zwei Sätze erweitern könnten, wie würden diese Sätze lauten?

Bedenket, dass Ihr sterben müsst, auf dass Ihr klug werdet. Und grämt Euch nicht, dass Euch der Sinn des Lebens erst auf der Zielgeraden klar wird. Das hat der liebe Gott genau so gewollt.

Zum Weiterlesen

Die Frage „Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr bin“ richtete Fotografin Bettina Flitner an elf Prominente, darunter Friede Springer, Günther Grass und Anne-Sophie Mutter. Ihre Gedanken über das Leben und den Tod teilen sie mit großer Offenheit. Zu erleben sind sie in der Ausstellung „Das Prinzip Apfelbaum. 11 Persönlichkeiten zur Frage ‚Was bleibt?'“. Bildband und Hörbuch sind im Vergangenheitsverlag erschienen.

INTERVIEW: Birgit Kummer
FOTOS: Ben Knabe / Networks, akg-images / picture-alliance / dpa, Kiepenheuer&Witsch