"Ich lebe wieder im Einklang mit meinen Werten"
Sebastian Klein ist mit der Podcast-App Blinkist reich geworden. Doch den allergrößten Teil seines Vermögens hat er weitergegeben. Im Interview erklärt der Unternehmer, warum Vermögen kein Wert an sich ist, sondern den Menschen dienen sollte.
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Sebastian Klein, Jahrgang 1982, studierte Psychologie, Informatik und Marketing und arbeitete anschließend als Strategieberater für die Boston Consulting Group. 2012 gründete er mit Freunden die erfolgreiche App Blinkist. Mit dem Verkauf von Blinkist wurde Klein Multimillionär. Von den über 5 Millionen Euro, die er zeitweise besaß, stiftete er 90% der gemeinnützigen Karma Capital, die in gemeinwohlorientierte Organisationen investiert. Er ist außerdem Mitgründer des Medienunternehmens Neue Narrative, für das er arbeitet und schreibt.
Herr Klein, Ihre Geschichte ist die vom Normalmenschen zum Millionär und wieder zurück zu einem verantwortungsbewussten Unternehmer. Oder wie würden Sie das darstellen?
Ich bin mit diesem Denken aufgewachsen, dass wir eine Leistungsgesellschaft sind. Jeder, der viel leistet, kann auch reich und erfolgreich sein. Bei mir hat das durch Zufall geklappt, durch Zufall und durch viele Privilegien. Ich habe zum Beispiel immer gedacht, ich sei einfach risikobereit, unternehmerisch und traue mich zu investieren. Erst mit Mitte 30 habe ich verstanden, dass ich sehr privilegiert aufgewachsen bin – als Teil der ökonomischen Oberschicht.
Das heißt, sie hatten im Hintergrund immer genug finanzielle Sicherheit?
Genau. Ich war lange verschuldet, weil ich immer mein ganzes Geld in Projekte investiert habe. Dabei wusste ich aber die ganze Zeit: ich werde nie ein ernsthaftes finanzielles Problem haben. Ich konnte immer bei meinem Vater anklopfen und ihn bitten, mir Geld zu leihen. Das ist mir aber erst relativ spät bewusst geworden – und war mir dann auch unangenehm.
Warum unangenehm?
Weil ich mit Menschen zusammengearbeitet habe, die nicht wie ich ihr Erspartes riskieren konnten für eine Investition. Im Fall des Verlustes hätten sie ihre Miete nicht zahlen können. In meiner Familie war Geld nie ein großes Thema. Wenn etwas benötigt wurde, war auch Geld dafür da. Wobei meine Großeltern schon sehr sparsam waren – diese Nachkriegsgeneration, die versucht hat, jeden Pfennig zusammenzuhalten.
Hat Ihr familiärer Hintergrund bei der Gründung von Blinkist ine Rolle gespielt?
Auf jeden Fall! Wir brauchten ja von Anfang an Investoren. Und da geht es sehr stark darum, ob man selber schon in bestimmten Netzwerken ist, ob man den richtigen Stallgeruch hat. Denn Menschen mit Geld investieren am ehesten in andere Menschen mit Geld, weil am Ende dann beide mehr Geld haben.
"In diesem System ist Geld zum Selbstzweck geworden. Dafür werden alle menschlichen Werte über Bord geworfen."
Sie haben nicht Betriebswirtschaft, sondern Psychologie studiert.
Nach meinem Studium bin ich als junger Erwachsener in eine Strategieberatung gekommen und hatte auf einmal mit ganz wichtigen Menschen zu tun, Vorstandsvorsitzenden in DAX-Konzernen und so weiter. Die Werte, die mir da von den älteren, erfolgreichen Kollegen vorgelebt wurden, haben mich schockiert. Etwa beim Umgang mit Ressourcen: In diesem Job sitzt man ständig im Flugzeug und hat den ökologischen Fußabdruck von einem ganzen Dorf. Ökologische Werte spielten dort aber keine Rolle. In diesem System ist Geldvermehrung zum Selbstzweck geworden. Dafür muss man alle menschlichen Werte über Bord werfen.
Welche Konsequenzen haben Sie gezogen?
Ich habe das nur schwer ausgehalten und es deswegen auch nicht lange gemacht. Für mich ist der größte strukturelle Fehler unserer heutigen Gesellschaft, dass Geld zu einem Selbstzweck geworden ist. Wir leben in einer Welt, in der wir uns als Menschen der Geldvermehrung und dem Wachstum unterzuordnen haben. Dass das nicht gesund ist und auf Dauer nicht funktionieren kann – man muss kein Genie sein, um das zu verstehen.
Dennoch waren sie ja auch selbst schon früh als Unternehmer erfolgreich.
Wir haben 2012 zu viert die Firma Blinkist gegründet und diese App herausgebracht, die Bücher zusammenfasst. Ich bin bereits 2016 ausgestiegen, aber noch Miteigentümer geblieben. Als die Firma dann 2023 verkauft wurde, hatte ich etwas mehr als 5 Millionen Euro Privatvermögen.
»Ich meine, dass Vermögenskonzentration und Demokratie nicht zusammengehen.«
Sie waren also ein veritabler Multimillionär.
Ja, und damit fühlte ich mich als Teil des Problems. Also habe ich beschlossen, 90 Prozent der 5 Millionen weiterzugeben. Ich halte die Ungleichheit in der Gesellschaft für gefährlich und meine, dass Vermögenskonzentration und Demokratie nicht zusammengehen. Wir leben in einer einigermaßen demokratischen Gesellschaft, aber unsere Wirtschaft ist inzwischen zum mächtigsten Teil der Gesellschaft geworden – und der ist nicht demokratisch.
Viele Menschen wären froh über 5 Millionen Euro Privateigentum. Haben Sie keine Angst, das Geld im Alter doch zu brauchen?
Das war einer der Punkte, über die ich nachgedacht habe. Aber ich habe mehrere erfolgreiche Firmen gegründet. Ich kann für einen Vortrag mehrere tausend Euro nehmen, ich kann als Berater in einem Jahr mehrere hunderttausend Euro verdienen. Wenn ich behaupte, ich brauche die Millionen, um mich abgesichert zu fühlen, was sollen dann andere Leute sagen, die nicht diese Privilegien haben? Aber ja, ich habe auch schon mal einen Tag, an dem ich denke: Jetzt hätte ich gerne noch zwei Millionen und würde mir davon ein schönes Haus am Mittelmeer kaufen. Aber das reicht mir auch noch in 20 Jahren. Jetzt wohne ich in Berlin zur Miete und habe noch in Brandenburg eine kleine Mietwohnung für den Sommer. Ich bin zwar kein Millionär mehr, aber ich habe noch immer rund 500.000 Euro privates Vermögen – und gehöre damit zu den Wohlhabenden in diesem Land.
Welche Alternative haben Sie für Ihr Geld gefunden?
Geld ist für mich kein Selbstzweck, sondern immer ein Mittel, um damit etwas zu machen, was den Menschen dient. Ich habe die 90 Prozent von meinen 5 Millionen in eine gemeinnützige GmbH eingebracht. Das Vermögen wurde dauerhaft übertragen, ich kann es nicht wieder rausnehmen. Die Karma Capital ist eine gGmbH. Sie gehört nicht mir, sondern sich selbst. Das heißt, wenn die Firma Profite macht, bleibt das Geld in der Firma. Wir setzen das Geld ein, um daraus gesellschaftlichen Wert zu erzeugen. Zum Beispiel unterstützen wir Unternehmen, die in Verantwortungseigentum geführt werden. Und wir fördern Journalismus und freie Medien.
Was sind das für Unternehmen?
Diese Firmen gehören nicht den Investoren, sondern im Grunde sich selbst. Das heißt, dass es keinen externen Shareholder gibt, der immer wieder seine Dividende und seine Kapitalrendite will. Deswegen haben solche Firmen nicht so einen hohen Wachstumsdruck, dass ihnen sämtliche Werte egal sein könnten.
Ich halte das für eine zukunftsfähige Form von Wirtschaft. Wir können nicht mehr unbegrenzt Ressourcen verbrauchen, um immer mehr Kapital anzuhäufen. Stattdessen brauchen wir Firmen, die zwar Profite erwirtschaften, diese aber fürs Gemeinwohl einsetzen, statt den Reichtum von bereits reichen Menschen zu steigern.
»Wir hätten in Deutschland das Kapital, um in vielen Zukunftstechnologien ganz vorne zu sein.«
Sie haben mal gesagt, dass solche Unternehmen unsere Wirtschaft wieder innovativer machen könnten. Warum?
Es wird gerne erzählt, dass die extrem reichen Menschen innovative Unternehmer seien, die Arbeitsplätze sichern und so weiter. Das hat allerdings nicht viel mit der Realität zu tun hat, denn die meisten sehr reichen Menschen in Deutschland sind ja Erben. Und Erben sind keine Unternehmer, sie sind in der Regel nicht innovativ und risikobereit, sondern suchen nach Sicherheit. Das heißt, sie investieren in den Kapitalmarkt, in Immobilien und alles, was üppige Renditen und wenig Risiko verspricht. Deutschland hängt ja bei den allermeisten Zukunftsthemen hinterher, obwohl wir das Kapital hätten, um in vielen Zukunftstechnologien ganz vorne zu sein. Ich glaube, die fehlende Innovationsfähigkeit hat sehr viel damit zu tun, dass wir eine Erbengesellschaft sind.
Sind Sie deswegen auch Mitglied in der Initiative TaxMeNow?
Das meiste Steueraufkommen in Deutschland kommt ja aus der Einkommensteuer. Es ist schwer zu erklären, warum wir Arbeit höher besteuern als das Geld, das Menschen verdienen, ohne etwas zu tun, also aus Erbschaften, Immobilienspekulation oder Kapitaleinkünften. Das heißt ja, wir bestrafen Leistungen und belohnen Nichtleistungen. Da sollten wir nicht von einer Leistungsgesellschaft sprechen.
Ungleichheit in der Welt
Hab & Gut sind sehr ungerecht verteilt. Für die Gründer des Magazins Prinzip Apfelbaum ist das ein Grund mehr, sich Tat für Tag dafür einzusetzen, die Welt ein Stück besser zu machen.
Was schlagen Sie vor?
Seit jetzt fast 30 Jahren ist jede Regierung eigentlich aufgerufen, die ausgesetzte Vermögenssteuer wieder einzuführen. Mir gefallen die Vorschläge, die der französische Ökonom Gabriel Zucman macht, dass man beispielsweise ab 100 Millionen Euro Vermögen 2 Prozent Mindeststeuer bezahlt. Das würde niemanden ärmer machen. Es würde auch unser Ungleichheitsproblem nicht lösen, sondern nur abmildern. Stattdessen reden wir aktuell darüber, dass es bei den Renten und bei der Pflege Einschnitte geben muss, dass bei den Schulen nicht so viel ausgegeben werden kann.
Sie haben 4,5 Mio. Euro abgegeben. Wie ist Ihre Bilanz: Gewinn oder Verlust?
Insgesamt bin ich mit dieser Entscheidung sehr zufrieden. Ich habe etwas abgegeben, aber auch sehr viel bekommen dafür. Ich lebe wieder im Einklang mit meinen Werten. Ich habe ein sehr starkes Gefühl von Integrität – in dem Sinne, dass das, was ich tue, mit meinen Werten zusammenpasst. Ich glaube, das kann man nie zu 100 Prozent erreichen, aber ich bin auf dem richtigen Weg.
GESPRÄCH: Andrea Everwien
FOTOS: Frederik Lorenz, Unsplash / Nathan Ayoola, Stocksy / Adrian Rodd, ARD Hart aber fair, Unsplash / James Lee, Oekom Verlag
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