Impulse

Alles könnte anders sein

Wir blicken mit Angst und Schrecken in die Zukunft. Kaum jemand glaubt heute noch, dass es unseren Kindern einmal besser gehen wird. Doch es gibt gute Gründe für einen Perspektivenwechsel. Nur wer eine Vorstellung von einer lebenswerten Zukunft hat, kann auch etwas verändern.

Utopien: Kinder, als Astronauten verkleidet, saugen eine Landschaft aus übergroßen Sonnenschirmen. Symbolbild: Alles könnte anders sein. Nur wer eine Vorstellung von der Zukunft hat, kann etwas verändern. – In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Jan von Holleben

Eigentlich merkwürdig. Wir genießen den höchsten jemals erreichten Lebensstandard und leben in großer Sicherheit. Dennoch erwarten wir von der Zukunft kaum etwas Gutes.  Finanzkapitalismus, Klimawandel, Krieg und Terrorismus – die Bedrohungen, denen wir uns ausgesetzt sehen, sind uns weitaus gegenwärtiger als mögliche Chancen. Wer glaubt heute noch, dass es seine Kinder einmal besser haben werden? Uns ist die Zukunft abhandengekommen, diagnostiziert der Soziologe und Direktor der Stiftung Futurzwei, Harald Welzer.

Auch der Kulturhistoriker Thomas Macho beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem, wie er sagt, „bedenklichen Niedergang der Utopien“. Heute bestimmen Dystopien, Katastrophenvorstellungen und Untergangsängste unsere Wahrnehmung der Welt. Das war einmal anders, meint Macho: „In Ernst Blochs ‚Prinzip Hoffnung‘, das er in den 1940er Jahren im Exil schrieb, finden sich noch eine Vielzahl von Utopien. Auch in den 1960er und 1970er Jahren haben die Menschen halbwegs unverzagt in die Zukunft geblickt. Doch in der Gegenwart scheinen, wenn überhaupt, nur mehr die technischen Utopien übrig geblieben zu sein.“

»Statt uns eine gerechtere Welt auszumalen, halten wir an dem fest, was wir haben – in der Angst, Privilegien zu verlieren.«

Wie konnte das geschehen? Thomas Macho sieht vor allem in den 1980er Jahren eine entscheidende Wende. Es ist die Zeit, in der das Thema Umweltzerstörung ins allgemeine Bewusstsein vordringt. Der Kalte Krieg erlebt einen letzten Höhepunkt, entsprechend groß ist die Angst vor einem Atomkrieg mitten in Europa. Und schließlich bringt der Zusammenbruch des Ostblocks ein Ende der marxistischen Utopien. „Das war eine wichtige Umbruchphase. Zusätzlich haben Ereignisse wie die Jahrtausendwende und der 11. September 2001 diesen Pessimismus noch verstärkt“, sagt Macho. Statt uns eine gerechtere Welt auszumalen, halten wir an dem fest, was wir haben – immer in der Angst, einen Teil unserer Privilegien zu verlieren. Veränderungen scheinen uns nicht möglich, und wenn, dann nur zum Schlechteren.

Schon jungen Menschen fehlt ein positiver Blick

Auch junge Leute sind offenbar von dieser Perspektivlosigkeit angesteckt. In dem Projekt „Zukunftsbilder der Nachhaltigkeit“ der Stiftung Futurzwei wurden gut 200 junge Menschen in ganz Deutschland zu ihren Träumen für die Zukunft befragt. Dabei zeigte sich: Die Frage „Wenn die Zukunft besser werden soll als die Gegenwart, wie wird sie dann aussehen?“ hatten sich die wenigsten von ihnen bisher gestellt. Konkrete Wünsche, die die Jugendlichen äußerten, bezogen sich vor allem auf ihr eigenes Leben und das nähere Umfeld. Von Visionen einer friedlicheren, gerechteren und nachhaltigeren Welt – kaum eine Spur. In ihrem Bericht kommen die Autorinnen zu dem Ergebnis: „Von einer besseren Zukunft zu träumen, fühlt sich für viele der Jugendlichen ungewohnt, alltagsfern und irgendwie unzulässig an.“

»Von einer besseren Zukunft zu träumen, fühlt sich für viele Jugendliche ungewohnt, alltagsfern und irgendwie unzulässig an.«
Utopien: Vier Kinder tummeln sich in einer Landschaft aus Süßigkeiten. Symbolbild: Es braucht Phantasie, um von einer besseren Zukunft zu träumen und diese zu gestalten. Alles könnte anders sein. – In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Jan von Holleben

Schuld am Pessimismus sind auch die Medien

Eine Mitschuld an diesem Pessimismus sieht der Kulturhistoriker Macho bei der Berichterstattung. Im Kampf um die Aufmerksamkeit gelingt es den traditionellen Medien immer weniger, sich gegen die Konkurrenz im Internet zu behaupten. Zudem hat sich der Nachrichtenfluss erheblich beschleunigt. Das Resultat: „Die Medien, die sozialen Netzwerke und letztlich auch die Politik sind ganz auf die Gegenwart konzentriert. Wir wollen immer wissen, was jetzt gerade auf der Welt passiert.“ Thomas Macho spricht von einer „synchronistischen Gesellschaft“. Längerfristige Entwicklungen fallen dadurch aus dem Blick, nur noch schlechte Nachrichten spielen eine Rolle. Der zynische Spruch „Only bad news are good news“ ist nicht mehr nur Satire, sondern alltägliche Praxis geworden.

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Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 7: ZUKUNFT. Schwarzweiß-Aufnahme eines Astronauten, 1989 in Cape Canerveral, USA, die Hand zum Abschied ausgestreckt. Nach uns: Die Zukunft. Foto: © alex webb / Magnum Photos / Agentur Focus

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Alles also eine Frage der Wahrnehmung? Die Webseite gapminder.org, die auf den schwedischen Mediziner Hans Rosling zurückgeht, stellt Statistiken zur Entwicklung der Weltbevölkerung vor, die viele unserer Gewissheiten infrage stellen. Gapminder will Mut zum Handeln machen und rechnet beispielsweise vor, dass sich der Anteil der Weltbevölkerung, der in extremer Armut lebt, in den vergangenen 20 Jahren nahezu halbiert hat. Oder auch, dass die durchschnittliche Lebenserwartung nach der Geburt heute weltweit bei 70 Jahren liegt. Man kann es kritisch sehen, dass die Statistiken vor allem auf Zahlen der Vereinten Nationen und der Weltbank beruhen. Dennoch macht die Seite deutlich, wie sehr unser Fokus auf negativen Nachrichten liegt, und wie wenig Aufmerksamkeit wir dagegen positiven Nachrichten schenken.

Utopien sind ein Motor für Veränderung

Alles könnte anders sein, meint auch der Sozialpsychologe Harald Welzer. Die scheinbare Alternativlosigkeit zum jetzigen Status quo sei nichts anderes als Phantasielosigkeit. Mit schwerwiegenden Folgen. Denn nur wer eine Vorstellung davon hat, wie es sein sollte, könne auch etwas verändern. Mit anderen Worten: Wir brauchen Utopien und positive Zukunftsbilder als Quelle der Hoffnung und als Motor für Veränderung. Die Zukunft muss dazu von der Zukunft her gedacht werden, meint Welzer, und nicht einfach als eine Fortsetzung der Gegenwart.

»Die Zukunft muss von der Zukunft her gedacht werden, und nicht als Fortsetzung der Gegenwart.«
Utopien: Drei Kinder in einer Landschaft aus übergroßen Hortensien. Symbolbild: Utopien sind Quelle der Hoffnung und ein Motor für Veränderung. Alles könnte anders sein. – In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Jan von Holleben

Chancen erkennen und nutzen

Ein Beispiel: Globalisierung. Viele Veränderungen, die mit der Globalisierung einhergehen – zahlreiche kulturelle Einflüsse und die heute ganz selbstverständliche Mobilität – seien eigentlich positiv, meint Kulturhistoriker Thomas Macho. „Die Frage bleibt offen, warum wir diese positiven Aspekte nicht wahrnehmen. Stattdessen ist unser Umgang mit Globalisierung von Ängsten geprägt.“ Für viele Menschen scheinen die Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre zu schnell gegangen zu sein. Doch wir sollten die Chancen erkennen, meint Macho: „Wir sollten zu dem positiven Gedanken zurückkommen, der in den 1960er und 1970er Jahren sehr präsent war: dass wir alle Bewohner eines Planeten sind, des ‚Raumschiffs Erde‘, das wir gestalten und schützen wollen.“

»Wir alle sind Bewohner des ‚Raumschiffs Erde‘, das wir gestalten und schützen wollen.«

Noch ein Beispiel: Digitalisierung. In seinem Buch „Jäger, Hirten, Kritiker“ warnt der Philosoph Richard David Precht davor, das Feld der Zukunftsvisionen Facebook, Google und Co. zu überlassen, deren technologische Utopien vor allem von Effizienz und Konsum bestimmt werden. Stattdessen gelte es, die Chancen der fortschreitenden Digitalisierung zu nutzen. Wenn immer mehr Arbeit durch Maschinen verrichtet wird, könnte etwa der alte Traum wahr werden und der Mensch sich vom Zwang zur Lohnarbeit befreien. Grundlage wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen, finanziert durch eine Finanztransaktionssteuer. Dazu bräuchte es allerdings einen Gesinnungswandel: Der Verlust der Arbeit dürfe nicht länger zugleich einen Verlust der gesellschaftlichen Anerkennung bedeuten.

Man müsse sich von dem Glauben verabschieden, dass der Mensch seinen Lebenssinn verliere, wenn er nicht mehr arbeitet, schreibt Precht. Schließlich gibt es Alternativen zur Lohnarbeit. Schon heute leisten mehr als 14 Millionen Bundesbürger ein Ehrenamt. „Dabei geht es gar nicht so sehr darum, sich ein gutes Gewissen zu verschaffen, sondern viel mehr um die Erfahrung, etwas Sinnvolles zu tun“, sagt auch Thomas Macho.

»Was könnte packender und mitreißender sein als die ferne und doch ganz konkrete Vision von einer gerechteren Welt?«

Im August 1963 hielt der Bürgerrechtler Martin Luther King seine berühmte Rede in Washington: „I have a dream“. Kaum vorstellbar, dass heute noch jemand in einer politischen Rede ausgerechnet seine Träume ins Spiel bringen würde. Und doch lohnt es sich, die Aufnahmen von damals noch einmal anzuschauen. Kings Rede gilt bis heute als eine der besten in der US-amerikanischen Geschichte. Denn kann was könnte packender und mitreißender sein als die ferne und doch ganz konkrete Vision von einer gerechteren Welt?

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Utopien: Cover des Buches „Alles könnte anders sein“ von Harald Welzer. – In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: S. Fischer Verlage

Harald Welzer: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. – Der Soziologe und Zukunftsarchitekt Harald Welzer entwirft eine gute, eine mögliche Zukunft, auf die wir uns freuen können. Sein Buch macht Mut und zeigt: Die Welt ist zum Verändern da, nicht zum Ertragen. Erschienen bei S. FISCHER.

Text: Wibke Bergemann
Fotos: Jan von Holleben, S. Fischer Verlage