No. 35 – KRIEG & FRIEDEN

Impulse

Wenn die Trauer ausbleibt

Manchmal fühlen Angehörige nach einem Todesfall keine Trauer. Stattdessen stellen sich gemischte Gefühle oder sogar Erleichterung ein. Wie geht man mit den Erwartungen um, wenn keine Trauer da ist?

Lesedauer ca. 5 Minuten

Mancher Todesfall löst keine Trauer aus

Als ihr Vater verstarb, war Lore S. (Name geändert) nur ein kleines bisschen traurig. In Ihrer Kindheit und Jugend war sie von ihm sexuell bedrängt worden. „Ich hatte früher Angst vor ihm. Er war oft ungerecht und fies zu uns Kindern“, berichtet die Lehrerin. „Als der Anruf meiner Mutter kam, war ich zwar etwas geschockt.“ Doch vor allem fühlte Lore S. Erleichterung. Zum Teil war sie erleichtert, weil der Vater von den Schmerzen seiner Krebserkrankung erlöst war. Aber vor allem, weil er sie nie wieder schikanieren würde. Sie wusste, dass sie ihn in ihrem Leben nicht vermissen würde. Ein Todesfall ohne Tauer: „Ich fühlte mich wie abgeschottet und habe mir vielleicht drei Tränen herausgedrückt“, erinnert sie sich.

Tod und Trauer – in unserer Vorstellung gehören sie untrennbar zusammen. Der Schmerz, den wir empfinden, wenn ein Mensch stirbt, ist universell. Wir können sogar ehrlich um Personen trauern, die wir persönlich gar nicht kennen. Es gibt Todesfälle, die uns aus der Bahn werfen, und solche, die wir eher mit Fassung aufnehmen, weil wir bereits damit gerechnet haben. Doch dass eine nahe Angehörige überhaupt keine Trauer empfindet, passt nicht ins Bild. Im Umfeld reagieren viele befremdet oder sind sogar entsetzt, wenn sie feststellen, dass Hinterbliebene sehr gefasst oder distanziert wirken.

„Ich bin froh, dass meine Mutter gestorben ist“

Tatsächlich sind Missbrauch und Vernachlässigung in der Vergangenheit ein häufiger Grund, warum Angehörige keine oder kaum Trauer empfinden. Von einem besonders krassen Beispiel erzählt das Buch des ehemaligen amerikanischen Kinderstars Jennette McCurdy „I´m glad my mother died“. McCurdy war von ihrer psychisch kranken Mutter manipuliert und mit zum Teil gewaltsamen Mitteln ins Showgeschäft getrieben worden. Der Tod der Mutter gab ihr die Chance, ihre Abhängigkeit zu erkennen und sich aus der zerstörerischen Beziehung zu befreien. Das Buches half ihr schließlich, die Mutter auf eine neue Weise zu sehen. „Es fühlt sich jetzt so an, als könnte ich sie einfach nur vermissen. Und ich denke, das ist nur möglich, weil ich beim Schreiben dieses Buches viele Wunden heilen konnte“, beschrieb sie in einer Fernsehsendung ihre neuen Gefühle.

Menschen reagieren unterschiedlich auf den Tod.

Wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir keine Trauer verspüren.

Trauer und Erleichterung

Neben solchen extremen Fällen gibt es auch alltäglichere Gründe, warum ein Tod die nahen Angehörigen mehr oder weniger kalt lässt. Familien können sich auseinanderleben. Wenn der Sohn den Vater jahrelang nicht oder nur selten gesehen hat, löst der Tod des Vaters womöglich auch keine tiefen Emotionen aus. In manchen Familien herrschen unausgesprochene Spannungen, die die Beziehung belastet haben. Oder es gibt wenig Zuneigung. Wir denken gerne, dass sich Kinder und Eltern lieben müssen. Doch das ist nicht immer so.

Die Trauerbegleiterin Eva Terhorst erinnert sich an eine Klientin, die ihr ganzes Leben um die Liebe ihrer Mutter kämpfte. Der Bruder war der Liebling, aber nur die Tochter pflegte die sterbende Mutter. „Irgendwann hat die Mutter zur Tochter gesagt, dass sie auch nicht wisse, warum sie sie nicht lieben könne. Das tat natürlich sehr weh. Von da an hat sich meine Klientin zwar weiterhin um die Mutter gekümmert, aber nicht mehr um ihre Liebe gekämpft. Sie konnte loslassen und hat auch nach Tod der Mutter verhältnismäßig wenig getrauert.“

Nichts verpassen!

Mit unserem Newsletter „Prinzip Apfelbaum“ verpassen Sie keine Ausgabe. Wir senden Ihnen regelmäßig Anregungen, Rat und Service – kostenlos per E-Mail in Ihr Postfach.

Jetzt kostenfrei anmelden!

Gemischte Gefühle erleben Angehörige auch, wenn ein geliebter Mensch nach langer und schwerer Krankheit verstirbt. Oftmals sind sie erst einmal erleichtert oder sogar froh, weil der Vater oder die Ehefrau endlich von ihren Qualen erlöst ist. Das gilt besonders, wenn man sie lange Zeit selbst gepflegt hat. Pflegende sind in vielen Fällen seelisch und körperlich so erschöpft, dass mit dem Tod eine riesige Last von ihren Schultern fällt. Sie brauchen Abstand, um die anstrengende Pflege zu verarbeiten und sich an die schönen Zeiten mit dem Verstorbenen erinnern zu können. Dann sind sie auch wieder in der Lage, den Schmerz des Verlustes zu fühlen. Die Trauer braucht also manchmal Zeit und bleibt zuweilen sogar ganz aus, etwa dann, wenn einen die gepflegte Person schlecht behandelt hat. „Das kommt im übrigen häufiger vor, als man denkt“, meint Eva Terhorst aus Berlin. (Lesen Sie dazu auch unseren Ratgeber Pflege: Gewalt vorbeugen.)

»Pflegende sind in vielen Fällen so erschöpft, dass mit dem Tod eine riesige Last von ihren Schultern fällt.«

Keine Pflicht zu trauern

„Das ist doch seltsam. Der Vater ist tot und Beate weint gar nicht, sie wirkt völlig kalt!“ So oder so ähnlich fragen Verwandte und Freundinnen neugierig nach dem Grund für die fehlende Trauer. Gut, wenn man dann Fragen und Kritik an sich abgleiten lassen kann. Schließlich ist niemand verpflichtet, anderen Menschen die Gründe für sein Verhalten zu offenbaren. Was aber, wenn man nicht so nervenstark ist? Man könnte zum Beispiel sagen, dass Trauer nicht planbar sei oder dass man sie mit sich selbst ausmache. Doch letztlich bleibt es jedem selbst überlassen, ob er oder sie die wahren Gefühle zeigt oder doch lieber vor anderen Trauer heuchelt.

Lore S. musste sich auf der Beerdigung ihres Vaters nicht verstellen: „Ich war ziemlich gefasst und hatte aber auch nicht den Eindruck, dass die Leute irgendwelche Trauerbekundungen von mir erwarteten“. So blieb ihr erspart, sich erklären zu müssen. Von ihren schlimmen Erfahrungen in der Jugend wollte sie ohnehin nichts erzählen. Denn das ist ein ehernes Gesetz: Über Tote spricht man nicht schlecht. „Solche schwierigen Geschichten würde ich für mich behalten, weil das Umfeld mit diesen Enthüllungen nichts anfangen kann“, rät auch Eva Terhorst. „Es handelt sich ja meist nicht um harmlose Sachen, die schon vorher allen bekannt waren wie zum Beispiel, dass die Verstorbene rechthaberisch war oder ähnliches.“

Wer keine Trauer empfindet, muss nicht so tun, als ob.

Trauer ohne Zeitplan

Manche Menschen haben ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht weinen können, weil sie nur ein vages Bedauern verspüren oder der Tod der Schwester oder des Cousins sie sogar gleichgültig lässt. Besonders irritierend ist das, wenn die Beziehung zu dem Verstorbenen in Ordnung war. „Sie wollen es richtig machen, auch weil sie gelesen haben, dass einem die Trauer später viel schlimmer um die Ohren fliegt. Denen muss man sagen, dass Trauer eben nicht auf Bestellung kommt, sondern manchmal auch später“, erklärt Trauerbegleiterin Terhorst.

»Trauer kann chaotisch ablaufen. Sie kann erst Wochen oder Monate später kommen.«

Jeder Mensch hat seine ganz eigene Art, mit dem Tod eines anderen umzugehen. Es gibt Menschen, die auf der Trauerfeier noch stabil wirken, zu Hause aber zusammenbrechen. Trauer kann chaotisch ablaufen. Sie lässt sich bekanntlich nicht fein säuberlich in Phasen einteilen, wie etwa vom Nicht-wahrhaben-Wollen über die Wut zur Trauer. Sie kann erst Wochen oder Monate später kommen. Und natürlich, das gibt es auch: dass Menschen ihren Schmerz verdrängen und so tun, als wäre der Tod nur ein Betriebsunfall.

Gefühle wie Liebe, Hass, Wut, Trauer oder Gleichgültigkeit können sich von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich äußern. Sie treten nicht automatisch auf, weil die gesellschaftlichen Konventionen diese oder jene Reaktion vorschreiben. Wir sollten uns keine Vorwürfe machen oder uns mit einem schlechten Gewissen plagen, wenn wir keine Trauer verspüren. Dann ist das eben so. Und vielleicht geht es uns sogar besser, wenn wir ehrlich bleiben, zumindest uns selbst gegenüber.

TEXT: Angelika Friedl
FOTS: Getty Images / Unsplash, The good funeral guide / Unsplash, Chris Arthur Collins / Unsplash