Wissenswertes

Trauern, wie wir es wollen

Ein Eichensarg, der Pfarrer spricht, jeder wirft noch eine Blume ins Grab und schon ist die Beerdigung vorbei. Üblicherweise. Doch immer mehr Menschen wollen anders, auf ganz persönliche Weise, Abschied nehmen. Woher aber wissen, was erlaubt ist und was für einen selbst richtig? Alternative Bestatter helfen dabei, passende Rituale zu entwickeln.

Trauern, wie wir es wollen: Welke Blumen in einem grünen Container. Symbolbild: Immer mehr Menschen fühlen sich mit üblichen Bestattungsritualen nicht mehr wohl. Alternative Bestatter helfen, individuelle Rituale zu entwickeln. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: designritter/photocase

Warum sollte jemand anderes Opas Urne tragen? Das ist mein Opa. Sein letzter Weg, das ist mein Job.“ Eric Wrede bringt auf den Punkt, warum sich immer mehr Menschen an Bestatter wie ihn wenden. „Alternative Bestatter“ nennen sie sich, eine neue junge Generation, die für individuelle Formen des Abschiednehmens offen ist. Über Kundschaft können sie sich nicht beklagen.

Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, greifen wir häufig auf das zurück, was wir kennen und woran wir uns festhalten können. Doch mit den gängigen Bestattungsritualen fühlen sich immer mehr Menschen nicht mehr wohl. Sie wollen selbst entscheiden, wie sie Abschied nehmen, und eine Trauerfeier persönlicher gestalten, so dass sie zu dem Leben passt, das der Verstorbene einmal geführt hat.

Immer öfter sprechen statt eines Pfarrers Angehörige und Freunde auf der Trauerfeier und erinnern an den Toten. Statt Orgelmusik läuft möglicherweise der Lieblingssong des Verstorbenen von ACDC. Der Sarg muss nicht aus glänzendem Eichenholz sein, sondern ist vielleicht von den Hinterbliebenen mit Blumen bemalt oder sogar selbst gebaut worden. Am Ende der Bestattung könnten alle Gäste einen weißen Luftballon zum Himmel aufsteigen lassen. „Dabei sollte man nicht fragen, was erlaubt ist, sondern was zu dem Toten passt und was mir als Hinterbliebenem wirklich wichtig ist“, meint Wrede, der das Bestattungsunternehmen lebensnah führt. Er rät dazu, sich Zeit zu nehmen. Auch nach einem Todesfall müsse nicht alles sofort entschieden werden.

»Man sollte nicht fragen, was erlaubt ist, sondern was zu dem Toten passt und was mir als Hinterbliebenem wirklich wichtig ist.«

Eine neue Bestatter-Generation entdeckt alte Traditionen wieder

Das beginnt schon, wenn der Tote noch zuhause ist. „Wenn Sie früher einen Bestatter angerufen haben, kam der recht schnell vorbei und nahm den Toten mit“, beschreibt Jan Möllers das übliche Vorgehen noch vor einigen Jahren. Sein alternatives Bestattungsunternehmen memento bietet dagegen an, den Toten auch zuhause aufzubahren – bis zu 36 Stunden ist das gesetzlich möglich. So können sich die Hinterbliebenen langsam an die Realität des Todes gewöhnen. Denn die neuen Bestatter setzen nicht nur ausgefallene Ideen um, sie entdecken auch alte Traditionen wieder. Totenbett, Fenster öffnen, Uhren anhalten – viele dieser Bräuche passen gut zu einem menschlicheren Trauerprozess, meint Möllers.

Trauern, wie wir es wollen: Jan Möllers, Gabriele Kohn und Judith Giese von memento Bestattungen. Die alternativen Bestatter setzen auf alte Bräuche und helfen ganz eigene Rituale zu entwickeln, um Abschied zu nehmen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt.

Totenbett, Fenster öffnen, Uhren anhalten. Das memento-Team setzt auch auf alte Bräuche.

Wie vor 100 Jahren ist es bei alternativen Bestattungsunternehmen selbstverständlich, dass der Tote gewaschen und angekleidet wird. Angehörige und Freunde werden eingeladen, bei der Totenpflege dabei zu sein und zu helfen – ein sehr praktischer Weg, den Tod begreifbar zu machen. „Man spürt, dass da ein lebloser Körper ohne Energie ist. Gleichzeitig hat man die Gelegenheit, ein letztes Mal fürsorglich zu dem Verstorbenen zu sein.“ Für viele Hinterbliebene sei dies ein wichtiges Ritual, auch wenn es Überwindung kostet. Die Berührungsängste sind groß. Viele haben noch nie einen Toten gesehen, seit vor allem im Krankenhaus gestorben wird und der Sargdeckel meistens geschlossen bleibt. „Wir glauben, ein toter Körper sei gefährlich, infektiös und eklig. Beharrlich hält sich die Vorstellung von einem Leichengift“, so Möllers. Hinterbliebene, die sich dafür entscheiden, an der Waschung teilzuhaben, begleitet er, soweit sie dies möchten. Nur einmal in 15 Jahren hätte ihm anschließend jemand gesagt, er hätte bei der Totenfürsorge lieber nicht mitgemacht.

Rituale geben Halt und helfen, den Tod zu begreifen

Der Übergang vom Leben zum Tod bedeutet einen tiefen Einschnitt im Leben aller Betroffenen. Umso wichtiger sind Rituale, die dabei helfen, mit dieser Veränderung zurecht zu kommen. Es geht einerseits darum, die Wirklichkeit des Todes zu begreifen. „Die Waschung, das Sarg Herunterlassen, das Erde Drauflegen oder auch die Feuerbestattung – das sind Momente, in denen sich die körperliche Seite des Todes nachvollziehen lässt“, sagt Möllers. Es sind Handlungen und Gesten, mit denen die Lebenden den Toten aus ihrer Welt herausgeleiten.

Trauern, wie wir es wollen: Eine Gardine weht aus einem offenen Fenster eines Plattenbaus. Symbolbild: Alternativen Bestatter setzen auch auf alte Bräuche wie Totenbett, Fenster öffnen, Uhren anhalten. Ihr Rat: Nicht fragen, was erlaubt ist und was üblich, sondern schauen, womit man sich selbst wohl fühlt, um Abschied zu nehmen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Mr. Nico/Photocase

Zugleich gibt es das Bedürfnis, eine Verbindung zu dem Verstorbenen zu halten und ihn nicht aus der Erinnerung zu verlieren. Aber wer kann besser an einen verstorbenen Menschen erinnern als diejenigen, die eng mit ihm verbunden waren? Entweder indem sie selber auf der Trauerfeier sprechen oder eine Rede schreiben und diese von jemandem sprechen lassen. Jeder hat eine etwas andere Erinnerung, jeder liefert weitere Mosaiksteine, aus denen sich ein Bild des Verstorbenen zusammensetzt, das ihn auf der Trauerfeier noch einmal präsent werden lässt.

Persönliche Rituale oder Konventionen? Manchmal zählt der Kompromiss

Ein Ritual kann allerdings wenig bewirken, wenn es für die Beteiligten keine emotionale Bedeutung hat. „Eine hoch individualisierte Gesellschaft braucht sehr persönliche Rituale“, gibt Jan Möllers zu bedenken. Ein großer Teil seiner Arbeit besteht darin, mit Hinterbliebenen ein eigenes, persönliches Ritual zu entwickeln. Stundenlang sitzt er mit den engsten Verwandten und Vertrauten zusammen, um über die richtige Form zu entscheiden. „Das sind zum Teil sehr emotionale Runden, mit denen der Abschiedsprozess im Grunde bereits begonnen hat.“

Möllers erzählt von zwei Geschwistern, die sich einig waren, dass sie den Sarg ihrer Mutter gerne selbst bemalen würden. Allerdings wurden zu der Beisetzung auch die konservativen Verwandten erwartet, die sich daran gestört hätten. „Um den Konflikt zu vermeiden, haben wir den Sarg schließlich von innen angemalt“, sagt Möllers und lächelt verschmitzt.

Auch die Wünsche der Verstorbenen müssen berücksichtigt werden, etwa wenn es um eine kirchliche Trauerfeier geht. „Hier saß mal eine Tochter, die hatte tolle Ideen. Aber bei der Absprache mit dem Pfarrer merkte sie, dass das nicht zusammenging“, so Möllers. Und am Ende zählte der Wille der Toten: Die Frau überließ es dem Pfarrer, die Trauerfeier durchzuführen.

Den Abschied zu Lebzeiten planen und darüber reden

Um rechtzeitig zu klären, was nach dem eigenen Tod geschehen soll, empfiehlt es sich, eine Bestattungsverfügung zu verfassen. Darin lässt sich festlegen, wie das eigene Grab aussehen soll, ob man sich eine Erd- oder Feuerbestattung wünscht oder wer die Trauerfeier gestalten soll, die Familie oder der langjährige Lebenspartner? Nicht alle Punkte müssen festgelegt werden. Bestimmte Entscheidung kann man auch den Hinterbliebenen überlassen.

Wichtig: Bevor die Verfügung bei einem Bestatter oder einem Notar hinterlegt wird, sollte man unbedingt mit den Menschen sprechen, auf die es einem ankommt. Sie könnten sich im entscheidenden Moment außer Stande sehen, den Ansprüchen, die in der Verfügung an sie gestellt werden, zu genügen. Etwa, weil sie selbst auf keinen Fall eine Rede halten wollen. „So ein Gespräch ist immer eine Bereicherung für das gemeinsame Leben“, betont Möllers.

Bestattungskultur wandelt sich

Inzwischen gibt es in jeder größeren Stadt mindestens ein alternatives Bestattungsunternehmen. Diesen Wandel in der Bestattungskultur hat Möllers als Kulturanthropologe erforscht. Ein Tiefpunkt sei ihm zufolge in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts erreicht gewesen. Unter dem Motto „Trauern Sie, wir kümmern uns um den Rest“ hatte die Branche eine, wie er sagt, effiziente, standardisierte Bestattungsmaschinerie entwickelt. In den Friedhofskapellen wurden die Trauerfeiern teilweise im 20 Minutentakt durchgeführt. „Da wäre kein Platz für vier oder fünf Freunde gewesen, die Reden halten.“

»Viele der verbreiteten Vorstellungen davon, was erlaubt ist und was nicht, beruhen auf den betriebswirtschaftlichen Erwägungen.«

Ein Umdenken begann in den 1990er Jahren unter Einfluss der Hospizbewegung, die sich für ein begleitetes Sterben einsetzt. Aus ganz unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft kamen neue Forderungen an die Bestattungsbranche auf. In der Schwulenszene entschieden sich zahlreiche HIV-infizierte Männer über ihren bevorstehenden Tod selbst zu bestimmen. Und nicht zuletzt begannen Eltern, die ein Kind verloren hatten, für einen würdigeren Umgang mit dem Tod zu kämpfen.

Trauern, wie wir es wollen: Eric Wrede, Leo Britz und Katja Seiden von lebensnah Bestattungen. Sie bieten individuelle Bestattungen. Die wichtigste Frage beim Abschiednehmen sei nicht: Was ist erlaubt? sondern: Was ist richtig für einen selbst? In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt.

Die Bestatter von lebensnah wollen der Branche die Deutungshoheit entziehen.

„Es wird Zeit, der Branche die Deutungshoheit wieder zu entziehen“, sagt auch Eric Wrede. Was Pietät und Anstand sind, dürfe nicht von kommerziellen Anbietern definiert werden. Das Bestattungsgesetz ist kurz. Es legt im Wesentlichen fest, dass der Leichnam in eine Leichenhalle kommt, ausschließlich mit dem Leichenwagen transportiert und auf einem Friedhof bestattet wird. Tatsächlich beruhen viele der verbreiteten Vorstellungen davon, was erlaubt ist und was nicht, nicht auf einer gesetzlichen Grundlage, sondern auf den betriebswirtschaftlichen Erwägungen der Bestattungsunternehmen und der Friedhöfe. Der Tote kommt in den Sarg und dann schnell unter die Erde.

Auch mit einem herkömmlichen Bestatter lasse sich inzwischen eine Bestattung nach eigenen Vorstellungen gestalten, sagt Wrede. Man müsse nur wissen, was man wolle. Doch gerade das ist nicht einfach in einem Moment, in dem man vor Trauer wie betäubt ist. Und wer hat schon Erfahrungen mit der Organisation einer Beerdigung?

»Ich kann mich nicht mehr an die Blumengestecke bei der Beisetzung meines Opas erinnern. Aber wie ich die Urne trug, vergesse ich nicht.«

Wredes Rat: Erstmal alle Oberflächlichkeiten vom Tisch wischen! Dann könne man offen überlegen, was man brauche, um mit der neuen Situation klarzukommen. Denn letztendlich gehe es um Momente. „Ich kann mich nicht mehr an die üppigen Blumengestecke bei der Beisetzung meines Opas erinnern. Aber wie ich die Urne trug und meine Oma sich an mir stützte, das vergesse ich nicht.“

TEXT: Wibke Bergemann
FOTOS: designritter/Photocase, Mr. Nico/Photocase, memento Bestattungen, lebensnah-Bestattungen