Mediation: Gemeinsam eine friedliche Lösung finden
Manchmal eskalieren Konflikte so sehr, dass eine Lösung kaum mehr möglich scheint. Das führt schlimmstenfalls zu Kontaktabbruch oder langem Rechtsstreit. In solchen Fällen kann eine Mediation helfen. Wie geht das, was kostet es und welche Vorteile hat eine Mediation?
Leben bringt Streitigkeiten. Verschiedene Interessen, verschiedene Erfahrungen – manchmal geraten wir uns so in die Haare, dass eine Verständigung nicht mehr möglich scheint. Das kann zwischen Ehepartnern oder Geschwistern passieren, oder auch am Arbeitsplatz, im Team. Bestenfalls geht man sich aus dem Weg. Wenn aber die Kontrahenten unter dem ungelösten Konflikt leiden, ist es vielleicht Zeit für eine Mediation. Ein solches Vermittlungsverfahren kann auch helfen, wenn man im Rückblick auf sein Leben einen alten Streit bereinigen möchte.
Was ist das Ziel der Mediation?
Michael Cramer ist Politikwissenschaftler, Soziologe und zertifizierter Mediator. Sein Institut in Berlin heißt „klären & lösen“. Und genau das sind die Ziele einer Mediation: zunächst klären, um welche Themen es wirklich geht. Etwa im Erbstreitigkeitsfall: Bestehen die erbenden Kinder auf ihren Anteil oder wäre der besser Situierte eventuell bereit, auf etwas zu verzichten? Was spielt neben dem Finanziellen noch eine Rolle? Wie können Geschwister beispielsweise Wertschätzung dafür zeigen, dass einer von ihnen die Eltern in den letzten Jahren fast allein gepflegt hat?
Als unparteiischer Dritter versuche ein Mediator, den Zorn aus der Kommunikation zu nehmen und Raum zu schaffen, damit sich beide Seiten wieder gegenseitig zuzuhören, sagt Michael Cramer. Im nächsten Schritt gehe es darum, eine „gute Lösung zu finden, die die Beteiligten selbst finden und die so nachhaltig ist, dass niemand davon mehr abweichen möchte. So kann der Konflikt dauerhaft beendet werden.“ Voraussetzung sei es anzuerkennen, dass auch der jeweils Andere berechtigte Interessen habe.
Für wen ist die Mediation geeignet?
Ob eine Mediation Sinn macht, hängt laut Michael Cramer nicht davon ob, worum sich der Streit dreht. Er arbeitet mit Unternehmen, in denen es Konflikte zwischen Mitarbeitenden und Führungskräften gibt, mit Paaren, die sich in Trennung oder Scheidung befinden oder mit Geschwistern, die sich über das Erbe uneins sind. Häufig komme es sogar zu Überschneidungen von privaten und beruflichen Themen: etwa bei Konflikten in Familienunternehmen. Wenn in größeren Handwerksbetrieben – teilweise mit mehreren hundert Mitarbeitenden – die Geschäftsleitung vom Vater auf Sohn oder Tochter übergehe und die beiden ein ungeklärtes Verhältnis hätten, könne das große Auswirkungen auf den Betrieb haben. Doch auch solche Verstrickungen könnten in einer Mediation gelöst werden. Wichtig sei dabei der Wille zur Klärung bei allen Beteiligten. Sei der nicht erkennbar, würde Cramer auch Fälle ablehnen.
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Mediation oder Gerichtsverfahren?
Aber gehören juristische Fragen nicht eher vor ein Gericht? Nicht zwingend, meint Cramer. Denn ein Rechtsstreit ist oft langwierig und teuer. Eine Mediation ist in der Regel weniger kostspielig und führt schneller zu einer Lösung Bei zwei Parteien brauche er in der Regel drei bis fünf Sitzungen à anderthalb Stunden, um die Konflikte zu entwirren, so Michael Cramer. Pro Stunde nehme er von Privatkunden 140 bis 150 Euro, für Unternehmen gelten eigene Preise.
Ein weiterer Vorteil: Ein Gerichtsverfahren soll Gerechtigkeit nach anerkannten Normen durchsetzen. Dabei können nicht immer die psychischen Bedürfnisse der Beteiligten berücksichtigt werden. Es geht eher darum, zu gewinnen oder zu verlieren. Dagegen ist die Mediation darauf aus, dass die Beteiligten selbst untereinander Frieden schaffen.
Mediatorinnen und Mediatoren sind nicht zwingend ausgebildete Juristen. Sie sind aber gesetzlich verpflichtet, die Streitparteien darauf hinzuweisen, sich Rechtsrat zu suchen, bevor sie eine Vereinbarung unterschreiben. Für die Beteilitgten sollen keine rechtlichen Nachteile entstehen – es sei denn, man nehme sie informiert und bewußt in Kauf. „Vielleicht sagt einer der Beteiligten: ‘Ich verzichte auf einen Teil meines Geldes oder meiner Ansprüche, weil ich dafür etwas anderes bekomme oder weil ich es so möchte.‘ Aber man muss wissen, dass man auf etwas verzichtet“, erklärt Cramer. Niemand solle über den Tisch gezogen werden.
Wie findet man den „richtigen“ Mediator?
Die Mediation kann also sogar bei Rechtsstreitigkeiten eine gute Alternative sein. In 75 Konfliktfällen hat Cramers Institut im vergangenen Jahr beraten. Diese Mediationen waren ihm zufolge zu 80 Prozent erfolgreich. Wobei „erfolgreich“ auch heißen kann, dass beispielsweise ein Ehepaar in Scheidung die Fragen des Unterhalts nicht allein klären kann, die Partner sich aber gegenseitig versprechen, die Entscheidung eines Gerichts in der Sache anzuerkennen.
Doch wie findet man den „richtigen“ Mediator beziehungsweise die richtige Mediatorin? Eine geschützte Berufsbezeichnung gibt es nur für den „zertifizierten Mediator“. Der verfügt über die Erfahrung von mindestens 130 Präsenzstunden Fachausbildung. Außerdem muss er fünf supervidierte Praxisfälle in drei Jahren sowie alle vier Jahre 40 weitere Fortbildungsstunden nachweisen. Michael Cramer empfiehlt zudem, immer ein kurzes Vorgespräch zu vereinbaren – denn auch die „Chemie muss halbwegs stimmen“.
TEXT: Andrea Everwien
FOTOS: 2x Hellen Cooke / Stocksy, Iryna Auhustsinovich / Stocksy
Einen Mediator finden
Zertifizierte Mediatoren findet man auf der Suchseite des Bundesverbandes Mediation.
Eine andere gute Quelle, speziell für Familienkonflikte: die Bundesarbeitsgemeinschaft Familienmediation.