Körperhaltung: Steh gerade!
Wer aufrecht steht, tut nicht nur seinem Rücken etwas Gutes, sondern fühlt sich auch besser. Welchen Einfluss die Körperhaltung auf unsere Stimmung und die innere Haltung hat
Wir verbringen viel Lebenszeit mit Sitzen, auf Küchen- und Konferenzstühlen, am Schreibtisch, im Auto und abends auf dem Sofa. Der Nacken tut weh, wir haben Rückenschmerzen. Aber unter einer gekrümmten Haltung leidet nicht nur unser Rücken, sondern auch unsere Psyche.
Dass sich unser seelischer Zustand auch in der Körperhaltung ausdrückt, erscheint logisch: Einen gekrümmten Rücken und einen hängenden Kopf assoziieren wir mit schlechter Laune, Trauer und sogar mit Krankheit. Doch dass auch umgekehrt der Körper die Psyche beeinflussen kann, war lange Zeit umstritten.
Bis 1982 US-Psychologen das Durchhaltevermögen von Probandinnen und Probanden testeten. Sie sollten schwierige geometrische Puzzles lösen. Die eine Hälfte der Gruppe musste vorher acht Minuten in gebeugter Haltung sitzen, die andere wartete aufrecht sitzend auf den Beginn der Untersuchung. Es zeigte sich, dass die Aufrechtsitzenden besser abschnitten und auch länger motiviert waren, den Test zu lösen.
Hilfe bei Depressionen
Wie Körper und Seele zusammenhängen, erforscht auch der Psychologe Johannes Michalak von der Universität Witten/Herdecke. Ihn interessiert, inwieweit Körperhaltung und -bewusstsein sogar in der Therapie gegen Depressionen helfen können. In einer Studie konnten er und sein Team nachweisen, dass Menschen mit moderaten bis schweren Depressionen, die gebeugt saßen, sich bei einem späteren Gedächtnistest eher negative Worte merkten. Dagegen erinnerten sich diejenigen, die aufrecht saßen, mehr an die positiven Wörter.
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Mittlerweile ist klar, dass Körperhaltung und Bewegungsmuster kurzfristig Emotionen ändern können, sowohl bei depressiven als auch bei Menschen, die keine psychischen Störungen haben. In einer Metaanalyse, die Johannes Michalak in einem internationalen Team durchführte, konnten bereits bei kurzen Interventionen, wenn also Studienteilnehmende etwa 15 Minuten lang eine bestimmte Haltung einnahmen, Effekte nachgewiesen werden. „Die Studien zeigen, dass vor allem eine zusammengesunkene Körperhaltung negative Effekte haben kann. So kann es beim Umgang mit negativer Stimmung helfen, darauf zu achten, nicht in einer solchen stecken zu bleiben“, sagt der Wissenschaftler.
Ein Bewusstsein für den eigenen Körper
Wer regelmäßig Übungen macht, gewöhnt sich eine andere Körperhaltung an. Noch wichtiger sei es aber, ein Körperbewusstsein zu entwickeln, sagt der Achtsamkeitsforscher Michalak. Im Idealfall sollte man sich seines Körpers bewusst sein und fühlen, was er gerade braucht. Vor allem Tai Chi, Yoga, Pilates oder Qi Gong sind bestens geeignet, um ein gutes Gefühl für den eigenen Körper zu bekommen.
„Ich selber mache viel Qi Gong, sowohl privat als auch in meiner Forschung. Bei den Übungen lerne ich auf eine schöne, angenehme Art, mich zu bewegen“, sagt Michalak. Studien zeigen, dass Tai Chi und Qi Gong positiv bei Depressionen wirken. Bei Tai Chi ist zudem gut nachgewiesen, dass es das Risiko hinzufallen senkt. Und natürlich gilt: Bewegung tut körperlich und psychisch gut. Ältere Menschen sollten außerdem ihre Muskulatur trainieren – denn mit stabilen Muskeln stehen wir in jedem Alter aufrecht.
Übungen für den Rücken
Kleine Übungen können helfen, sowohl das körperliche als auch das seelische Wohlbefinden zu stärken. Das gilt besonders dann, wenn wir lange Zeit sitzen müssen.
- Den Brustkorb öffnen. Breiten Sie in einer Ecke des Zimmers die Arme aus. Der Blick ist auf die Ecke gerichtet, die Handflächen legen Sie auf die Wände. Ein Fuß wird etwas zurückgeschoben und das Becken leicht nach vorne gekippt. Dann den Oberkörper in die Ecke hineinschieben und die Dehnung eine Minute lang halten.
- Trockenschwimmen auf dem Stuhl üben. Die Hände zusammenlegen und weit nach vorn strecken, dabei den Kopf leicht senken. Nach wenigen Sekunden die Arme zurück zur Körperseite ziehen, Handflächen sind nach innen gerichtet. Die Schulterblätter sind zusammengezogen.
- Den Rücken dehnen. Stellen Sie sich so hinter einen Bürostuhl, dass ihr Rücken eine gerade, horizontale Linie bildet. Mit den Händen umfassen Sie die Lehne. Lassen Sie sich etwas nach vorn fallen und gehen Sie noch ein Stück tiefer.
Weitere Übungen finden Sie bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung
TEXT: Angelika Friedl
FOTOS: Curated Lifestyle / Unsplash, Getty Images / Unsplash, Getty Images / Unsplash
Zum Weiterlesen
Thomas Franckenbach: Die Macht der Haltung. Wie sich unsere innere Haltung, unser Gemütszustand und unser geistiges Leistungsvermögen über Körperhaltung und Bewegung beeinflussen lassen. Erschienen bei Gräfe und Unzer