No. 34 – HALTUNG

Wissenswertes

Geben – aus Überzeugung

Warum spenden Menschen? Weil Geben glücklich macht. Doch auch die persönliche innere Haltung spielt eine wichtige Rolle.

Lesedauer ca. 4 Minuten

Helfen, zum Beispiel mit einer Testamentsspende

Wäre der Menschen ein rationaler homo oeconomicus, der nur auf seinen persönlichen Vorteil bedacht ist, gäbe es wohl keine Spenden. Warum sollte er einen – laut Definition – „freiwilligen finanziellen Transfer“ leisten, für den er „keine äquivalente materielle Gegenleistung erhält“? Und doch ist Geben offensichtlich ein Grundzug des Menschen. Das zeigt nicht zuletzt die Forschung aus den Wirtschaftswissenschaften und der Psychologie. Bleibt also die Frage: Warum sind Menschen altruistisch?

„Irgendwann setzt man sich damit auseinander, wo man im Leben steht, dank welcher glücklichen Umstände und was man von anderen erhalten hat. Das führt auch zu der Frage, was man selbst geben möchte“, sagt der Kunsthistoriker Thomas Hirthe. Der 71-Jährige hat sich entschieden, sein Vermögen für einen guten Zweck zu spenden. „Meine Vorfahren haben ein Vermögen aufgebaut, von dem ich profitiert habe. Nach dem Tod meines Vaters wurde daher die Frage immer drängender, was ich wem hinterlassen möchte.“ Hirthe, der selbst keine Kinder hat, begann, sich intensiv mit dem Thema Testament auseinanderzusetzen. Schon bald wurde ihm bewusst, dass er über das eigene Leben hinaus etwas Positives bewirken und eine Hilfsorganisation unterstützen möchte.

»Irgendwann setzt man sich damit auseinander, wo man im Leben steht und was man von anderen erhalten hat.«

Das habe auch mit seiner Familiengeschichte zu tun. „Mein Vater und dessen Vater waren Männer mit Haltung. Der eine konservativ, der andere liberaler, waren sie nicht immer einer Meinung – das galt auch in der Auseinandersetzung mit mir.“ Aber man habe immer sachlich und respektvoll miteinander gestritten. Jeder sei für seine Werte eingetreten und habe auch die Positionen des Gegenübers toleriert. Diese Diskussionen seien für ihn sehr wertvoll gewesen, sagt Hirthe heute. Denn gerade durch die Auseinandersetzung mit den anderen Meinungen habe er gelernt, seine eigene Haltung zu finden und auch, für sie einzustehen.

Ein Nachlass für den guten Zweck

Geprägt hätten ihn auch die Siebzigerjahre, erzählt der Kunsthistoriker: „der Optimismus der Gesellschaft, die Aufbruchstimmung und der Liberalismus jener Zeit.“ Besorgt beobachtet Hirthe, wie sich der gesellschaftliche Wind mittlerweile gedreht hat und der politische Rechtsdrall in vielen Ländern scheinbar durch nichts aufgehalten werden kann. „Um wieder positivere Perspektiven zu schaffen, brauchen wir vor allem Bildung“, ist er überzeugt. Deswegen hat Hirthe die Stiftung Bildung als Alleinerbin in seinem Testament eingesetzt. „Ich weiß, da sind Leute am Werk, die stehen ganz im Hier und Jetzt und haben Perspektiven für Künftiges. Dort ist mein Vermächtnis in guten Händen.“

Bereits in den 1980er Jahren beschrieb der US-Wirtschaftswissenschaftler James Andreoni den Warm-Glow-Effekt, also die innere Freude, die es bereitet, anderen etwas Gutes zu tun. Zyniker behaupten deswegen gerne, Altruismus sei letztendlich auch egoistisch motiviert. Doch hinter guten Taten steht noch mehr. „Es gibt selbstbezogene Motive. Zum Spenden motiviert aber auch Empathie“, erläutert die Sozialpsychologin Janet Kleber von der Universität Klagenfurt. Die Bereitschaft zu Geben sei demnach auch eine Frage der persönlichen Haltung. „Personen, denen Chancengleichheit oder eine Gleichverteilung von Ressourcen wichtig ist, spenden oftmals häufiger und mehr.“

Unsere Haltung

Die Welt ein Stück besser machen – das ist die Haltung, die hinter dem Magazin Prinzip Apfelbaum steht und unsere Mitgliedsorganisationen antreibt.

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Sogar unsere Persönlichkeit scheint eine Rolle zu spielen, wie Forschende der Universität Zürich in einer aktuellen Meta-Studie zeigen konnten, in der sie die Ergebnisse aus 29 Studien zusammenfassten. Demnach sind extravertierte Menschen, die also gesellig und durchsetzungsfähig sind, häufiger ehrenamtlich tätig. Dagegen waren Menschen, die in Persönlichkeitstests allgemein mit hoher Hilfsbereitschaft und Empathie abschnitten, auch eher bereit, Geld für wohltätige Zwecke zu spenden.

Eine Erbschaft für den guten Zweck kann viel bewirken

Das Streben nach Gerechtigkeit ziehe sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, sagt Barbara Bühnemann-Dietrich im Rückblick. „Ich bin schon früh für dieses Thema sensibilisiert worden. So habe ich mich als Studentin etwa im Sozialistischen Deutschen Studentenbund engagiert“, berichtet die emeritierte Professorin und deutet an: „Wer selbst Ungerechtigkeit erfahren hat, will auch anderswo dagegen angehen.“

Bis heute ist  Bühnemann-Dietrich aktiv und engagiert sich für mehr Gerechtigkeit in Bereichen, die ihr wichtig sind: in der Sozial- oder Klimapolitik, in der Friedenspolitik im Nahen Osten und in Afrika sowie in Hinblick auf das Gefälle zwischen Globalem Norden und Süden. Die Juristin und Politologin hat sich auch wissenschaftlich mit diesen Themen beschäftigt: „Bei einem Hochschulprojekt über Migration und Menschenrechte befasste ich mich mit einer Reihe von NGOs, die hier tätig sind“, erzählt die emeritierte Professorin. „Darüber kamen persönliche Kontakte zustande und ich begann, mich für diese Organisationen zu engagieren.“ Sie hat sich schließlich entschieden, mehrere davon, darunter Amnesty International, auch in ihrem Testament zu bedenken.

»Das Streben nach Gerechtigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben.«

Doch was sagen potenzielle Erbinnen und Erben zu einer Testamentsspende? In einer Umfrage des Forsa-Instituts sagten immerhin 67 Prozent, sie würden es unterstützen, wenn ihre Eltern oder andere Verwandte einen Teil des Vermögens spendeten. Das heißt, mehr als zwei Drittel würden freiwillig auf einen Teil ihres Erbes verzichten, damit das Geld anderen zugute kommt. Was sie motiviert, ist Gerechtigkeitsempfinden in zweierlei Hinsicht: Als Hauptgrund nannten die Befragten erstens das Recht der Eltern, mit ihrem Vermögen selbstbestimmt umzugehen. Zweitens gab fast die Hälfte der unter 35-Jährigen an, dass es angemessen sei, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Ob der Mensch ein Homo Oeconomicus ist oder nicht, bleibt umstritten. Doch selbst wenn – dieser Homo Oeconomicus investiert zweifellos auch gerne mal in Immaterielles, in Überzeugungen und Werte.

Wer gibt, bekommt viel zurück.

Wer spendet?

Laut einem Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung unterscheidet sich die Spendenbereitschaft zwischen den Geschlechtern. Demnach spenden Frauen über alle Altersgruppen hinweg häufiger als Männer. Dafür geben Männer mehr – wobei sie statistisch auch über mehr Vermögen verfügen.

Dazu passt, dass die Spendenbereitschaft laut Bericht mit höherer Bildung und höherem Einkommen steigt. Mit einem Hochschulabschluss zum Beispiel erhöht sich die Spendenwahrscheinlichkeit gegenüber einem mittleren Abschluss um 14 Prozentpunkte.

Betrachtet man dagegen den Anteil vom Einkommen, der gespendet wird, zeigen sich ärmere Haushalte deutlich großzügiger. In den einkommensstärksten Haushalten beträgt der Anteil der Spenden gut 0,9 Prozent des Jahreseinkommens. In den einkommensschwächsten ist der Anteil, der für Spenden ausgegeben wird, mit 1,9 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Menschen sind mit steigendem Alter eher bereit zu spenden. So bilden die über 70-Jährigen laut DIW-Bericht mit 41,6 Prozent die größte Spendengruppe. Möglicherweise haben ältere Menschen häufiger selbst Spenden empfangen, beispielsweise in der Nachkriegszeit. Ein weiterer Grund könnte die bessere wirtschaftliche Lage der Älteren sein.

TEXT: Lars Klaaßen
FOTOS: Getty Images / Unsplash, Heiko119 / iStock, Alexandr Ivanets /Stocksy, photovs / iStock

Testamentsspenden

Was ist bei einem Testament zu beachten? Welche Kosten sind mit dem Erben und Vererben verbunden, welche Freibeträge gibt es? Die Initiative Mein Erbe tut Gutes bietet kurze Videos, die wichtige Fragen zum Erbrecht erklären. Alle Tutorials finden Sie hier.

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