Ratgeber

No. 36 – HAB & GUT Wie man Betrug am Telefon erkennt

Am Telefon: Vorsicht, Betrug!

Schockanrufe gehören zu den gefährlichsten Betrugsmaschen in Deutschland. Was man tun kann, wenn sich angeblich die Polizei oder die Bank mit einer schlimmen Nachricht meldet

So etwas könnte mir nicht passieren. Denkt man, doch das ist leider ein Irrtum. Schockanrufe funktionieren nach wie vor gut. Nicht weil Menschen besonders leichtgläubig sind – sondern weil sie absichtlich in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzt werden. Vor einigen Jahren wäre beinahe sogar der bekannte Kriminologe Christian Pfeifer auf solch einen Anruf hereingefallen. Die Täter stellten sich als Polizisten vor und teilten ihm mit, seine Tochter hätte bei einem Autounfall ein Kind totgefahren. Er solle 55.000 Euro Kaution zahlen, um einen Haftbefehl zu verhindern. Zum Glück brach während des Gesprächs die Telefonverbindung zusammen. Erst als der Kriminologe die 110 anrief, um wieder Kontakt mit den Gesprächspartnern zu bekommen, erkannte er, dass es sich bei den angeblichen Polizisten um Trickbetrüger handelte.

Druck aufbauen

Die meisten dieser Anrufe folgen einem ähnlichen Muster und werden je nach Situation flexibel angepasst. „Die Täter nutzen gezielt die psychologischen Schwächen des Menschen aus“, erklärt Christiane Honer, Referentin beim Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes in Stuttgart. „In Extremsituationen reagieren Menschen oft emotional und nicht rational – Angst, Stress und der plötzliche Handlungsdruck überlagern die Fähigkeit, klar zu denken oder misstrauisch zu sein.“

Die Opfer unter Druck zu setzen ist dabei ein wesentliches Element im Drehbuch der Betrüger. Typisch ist die Behauptung, man müsse sofort handeln, weil sonst etwas Schlimmes passiere. „Sie arbeiten ganz bewusst mit dem Schockmoment, um die Menschen zu schnellen, unüberlegten Entscheidungen zu drängen“, sagt Honer.

Betrüger nutzen Ängste aus

Die Kriminellen sind erfinderisch und bekannte Betrugsmaschen werden mit neuen Elementen kombiniert. Fast schon ein Klassiker ist die lebensrettende Not-OP für ein Familienmitglied, die man natürlich vorab bezahlen soll. Ende vergangenen Jahres warnte zum Beispiel die Uniklinik Würzburg vor solchen Anrufen. Ein angeblicher Professor der Uniklinik forderte eine sechsstellige Summe, damit der Angehörige behandelt werden könne. Ein anderes Szenario ist der Anruf falscher Polizeibeamter, die behaupten, dass Diebesbanden in der Nachbarschaft unterwegs seien. Ein Polizist würde demnächst vorbeikommen, um Geld und Schmuck erst einmal in Sicherheit zu bringen.

Damit ihr Coup gelingt, müssen die Betrüger eine Atmosphäre schaffen, in der keine Zeit zum Nachdenken bleibt. „Sie versuchen, durch permanentes Telefonieren ihr Opfer zu isolieren und zu verhindern, dass es vor der Übergabe mit jemand anderem Kontakt aufnimmt“, erklärt Referentin Honer. Daher wechseln die Täter oft die Rollen und verwickeln die Angerufenen in ein Gespräch, um diese in der Leitung zu halten.

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Eine beliebte Variante sind Geschichten von unsicheren Bankschließfächern oder gefährdeten Kontos. Ein besonders perfider Fall ereignete sich vor kurzem in Koblenz, wo eine Frau eine SMS erhielt, angeblich vor ihrer Bank. Von ihrem Konto sei eine Überweisung von 10.000 Euro in Auftrag gegeben worden. Wenn sie das nicht veranlasst habe, solle sie die angegebene Telefonnummer anrufen. Dem falschen Bankmitarbeiter gelang es dann in einem stundenlangen Telefonat, die Betrogene zu überzeugen, ihr Geld könne sie nur schützen, wenn sie es auf andere Konten verlagere.

Seit einiger Zeit nutzen Betrüger auch künstliche Intelligenz (KI). Noch sind meist Firmen die Opfer solcher Betrugsversuche. Da wird zum Beispiel der Buchhalter eines Unternehmens angerufen. Die KI-generierte Stimme des Chefs fordert den Mitarbeiter auf, sofort eine hohe Summe von einem Konto auf ein anderes zu überweisen, um einen Buchungsfehler auszubügeln. Eine geklonte Stimme lässt sich leicht herstellen. Schon dreißig Sekunden Video- oder Audioaufnahme der Stimme reichen, um die KI zu trainieren.

Trickbetrüger nehmen zig Millionen Euro pro jahr in Deutschland ein.

So können Sie sich schützen

Sich mental auf einen Schockanruf einzustellen, ist eine gute Strategie. Das heißt, sich vorher zu überlegen, wie Sie im Falle eines Falles reagieren könnten. Sofort auflegen ist der erste und einfachste Schritt. „Das ist nicht unhöflich, sondern ermöglicht Ihnen, durchzuatmen und sich neu zu sortieren“, betont Christiane Honer. Außerdem empfiehlt die Polizei:

  • Geben Sie niemals Informationen über Ihre persönlichen und finanziellen Verhältnisse preis.
  • Übergeben Sie niemals Geld bzw. Wertgegenstände an Unbekannte.
  • Informieren Sie sofort die Polizei über die 110, wenn Ihnen ein Anruf verdächtig vorkommt.
  • Vereinbaren Sie innerhalb der Familie oder mit weiteren Angehörigen und Freunden ein Kennwort zur Identifizierung am Telefon.

Noch immer sind Trickbetrüger erstaunlich erfolgreich. 2025 entstand durch Schockanrufe und ähnliches allein in Baden-Württemberg ein Schaden von über 23 Millionen Euro. Für die Opfer ist nicht nur das Geld weg. Viele leiden auch an den psychischen Folgen von Schockanrufen, wie etwa Panikattacken, Schlafstörungen und Albträumen. „Die Opfer geben sich oft selbst die Schuld, dass sie auf einen Betrug reingefallen sind“, sagt Honer. Doch es gibt auch eine positive Nachricht: Die meisten Anrufe bleiben erfolglos, weil die potenzielle Opfer rechtzeitig den Betrug erkennen und die Betrüger abwimmeln.

TEXT: Angelika Friedl
FOTOS: picture alliance / dpa | Matthias Balk, Carlos Pascual / iStock, Jabuk Zerdzicki / Unsplash

TV-Tipp

Die Sendung „Die Fahndung“ des Bayerischen Rundfunks begleitet eine Münchner Kommissarin bei der Arbeit. Bei den Dreharbeiten wurde zufällig ein echter Schockanruf mitgefilmt. Zu finden in der ARD Mediathek