Prinzip Apfelbaum - Magazin über das, was bleibt

No. 17 – RITUALE

No. 17 – RITUALE

Jahr für Jahr erinnert die Stadt Hiroshima an den Abwurf der Atombombe am 6. August 1945. Eines der Gedenkrituale: bunte Papierlaternen, die die Seelen der Opfer trösten sollen.
© Philip Jones Griffiths / Magnum Photos / Agentur Focus

Editorial

Rituale? Sind sie noch zeitgemäß? Überhaupt notwendig? Ganz bestimmt! Denn was wäre ein Geburtstag ohne liebevoll ausgesuchte Glückwunschkarten oder fröhlich gestaltete Facebook-Gimmicks? Was wäre Weihnachten ohne Kerzen und Glitzergirlanden? Das Treffen zweier Staatsoberhäupter, die sich nicht die Hand geben, wäre ein Desaster. Die Umarmung zur Begrüßung, wenn wir liebe Menschen wiedersehen, ist dagegen ein Glück.

Rituale geben uns einen Rahmen. Wie Leitplanken brauchen wir die kleinen und großen Zeremonien. Weil sie immer gleich sind, wissen alle Beteiligten, was zu tun ist. Die Gesten werden von allen verstanden. Das hilft uns vor allem in schweren Situationen, etwa wenn wir einen geliebten Menschen verlieren. Darum sind Sterbe- und Trauerrituale so wichtig. Gerade in der Corona-Pandemie mussten wir oftmals erleben, dass die Rituale des Abschieds uns bitter fehlten.

Auch in einer Gesellschaft, die sich heute so individuell ausprägt, sollten wir auf Rituale nicht verzichten. Denn sie stiften Gemeinschaft – wir begehen sie zusammen, sie sind unsere gemeinsamen Gewohnheiten, die uns lieb sind und gleichzeitig Orientierung geben.

Natürlich sollten wir uns fragen, welche Rituale wir wollen. Welche Traditionen wollen wir entsorgen, welche neu entdecken oder umgestalten? Und nicht zuletzt sollten wir erwägen, auch ganz neue Rituale für unsere Zeit zu schaffen.

Susanne Anger

Sprecherin der Initiative
"Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum"

Zum Titelbild

Jahr für Jahr erinnert die japanische Stadt Hiroshima an den Abwurf der Atombombe am 6. August 1945. Zu den alljährlichen Gedenkritualen gehören auch die bunten Papierlaternen, die die Menschen auf dem Fluss Ota schwimmen lassen. Sie sollen die Seelen der Opfer trösten.

Menschen

„Das ist ein zentraler Moment im Leben“

Wer geht schon gerne zu einer Beerdigung? Die ehemalige Staatssekretärin Anke Erdmann zum Beispiel. Sie erlebt Trauerfeiern als etwas Schönes. Nach ihrem Ausstieg aus der Kieler Landespolitik ließ sich die 49-Jährige zur Trauerrednerin ausbilden. Ein Gespräch darüber, was wir brauchen, um Abschied zu nehmen und Trost zu finden – und welche Rolle dabei Rituale spielen.

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Ist gerne auf dem Friedhof: die ehemalige Kieler Staatssekretärin Anke Erdmann.

Impulse

Das letzte Ritual

Wir versuchen, den Tod möglichst fern von uns zu halten. Doch gerade im Moment des Abschieds brauchen wir Rituale. Bei einer Beerdigung die nackte Erde zu sehen und eine Handvoll hinterher zu werfen, ist schmerzvoll. Aber es hilft, den Verlust zu begreifen. Warum es sich lohnt, alte Traditionen wiederzuentdecken und auch neue Formen zu finden.

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Blüten liegen verstreut auf einem Laken – Rituale der Trauer.

Wissenswertes

Was uns zusammenhält

Ohne Mythen und Rituale wäre das Entstehen komplexer Gesellschaften nicht möglich gewesen. Auch heute machen Zeremonien und symbolische Gesten selbst abstrakte Konzepte wie Meinungsfreiheit oder Gleichheit aller Menschen sinnlich erfahrbar. Wir sollten Rituale kritisch hinterfragen. Aufgeben sollten wir sie nicht.

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Händeschütteln als politisches Ritual: Gorbatschow und Reagan ratifizieren 1988 den INF-Abrüstungsvertrag.

Unsere Lieblinge

Lesetipp

Cover des Buches „Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstlerinnen“ von Mason Currey

Isabel Allende sitzt schon am frühen Morgen geschminkt und in High Heels am Schreibtisch, Patti Smith schreibt lieber im Bett wie eine „Genesende“. Käthe Kollwitz verlangte von ihrer Familie absolute Ruhe, um sich konzentrieren zu können. Tamara de Lempicka vergnügte sich dagegen mit Drogen und zwanglosem Sex, bevor sie berauscht an die Arbeit ging. Der dritte Band der „Musenküsse“ widmet sich ganz den Gewohnheiten berühmter Künstlerinnen. Die 64 kurzen Berichte sind anekdotisch, oftmals amüsant, aber vor allem anregend. Denn das Buch richtet sich nicht nur an Voyeure von kreativen Prozessen. Es erinnert daran, dass wir alle unsere ganz persönlichen Rituale haben und auch brauchen.

Mason Currey: „Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstlerinnen“. Sachbuch. Kein & Aber Verlag, 2019. 288 Seiten. 16 Euro.

Das Zitat

Der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupèry
© Picture Alliance / dpa-Bildfunk
Die Riten sind in der Zeit das, was das Heim im Raume ist. Es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, was uns verbraucht, sondern als etwas, das uns vollendet.

ANTOINE DE SAINT-EXUPÈRY

1900 - 1944, Schriftsteller

Menschen für Menschen-Gründer Karlheinz Böhm 1981 in der ZDF-Show
© Peter Smolka / Menschen für Menschen

Ideen, die bleiben

Menschen für Menschen

“Wut ist das Hauptmotiv für meine Arbeit – Wut über die Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich“, sagte der Schauspieler Karlheinz Böhm einmal. 1976 war er auf einer Urlaubsreise in Kenia mit der großen Armut in Afrika konfrontiert worden. Er hatte sich von Hotelangestellten in ihr Dorf mitnehmen lassen – eine Erfahrung, die das Leben des damals 48-Jährigen verändern sollte. 1981 trat er in der ZDF-Show „Wetten, dass..?“ auf und wettete gegen die Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz, dass nicht einmal jeder Dritte von ihnen, eine D-Mark, sieben Schilling oder einen Franken für die Menschen in der Sahelzone spenden würde. So kamen 1,2 Millionen Mark zusammen, mit denen Böhm die Stiftung Menschen für Menschen gründete, um die Lebensbedingungen der Menschen in Äthiopien zu verbessern. 40 Jahre ist das her. Die Organisation setzt weiterhin auf integrierte, nachhaltige Hilfe zur Selbstentwicklung in den Bereichen Landwirtschaft, Wasser, Bildung, Gesundheit und Einkommen. Rund 6 Millionen Menschen in Äthiopien haben bereits davon profitiert.

77,37

Die Zahl

Rituale können uns helfen, Ängste zu überwinden. Die Harvard-Psychologin Alison Wood Brooks forderte Studienteilnehmer auf, vor Publikum zu singen. Vor Aufregung ging der Puls der Probanden im Schnitt von knapp 75 Schlägen pro Minute hoch auf über 80. Dann führte die Hälfte von ihnen ein kleines Ritual durch: Sie sollten zeichnen, wie sie sich fühlen, Salz auf das Blatt streuen, bis fünf zählen und es dann wegwerfen. Mit Erfolg: Die Teilnehmer hatten weniger Angst. Ihr Puls verlangsamte sich auf 77,37 Schläge pro Minute. Und sie sangen besser!

Schon gewusst?

Schikanen im Testament

Wer ein Testament verfasst, darf Bedingungen stellen. Der Erblasser kann beispielsweise verlangen, dass der Erbe die Erbschaft erst antreten darf, wenn er ein bestimmtes Alter erreicht hat. Auch auflösende Bedingungen, bei denen die Erbschaft nur anfallen soll, wenn der Erbe sich in einer bestimmten Art und Weise verhält, sind zulässig. Allerdings gibt es hier Grenzen. Unzulässig sind solche Bedingungen, die Druck oder Zwang auf den Erben ausüben oder gegen sittliche Normen verstoßen. In solchen Fällen können Erben das Testament anfechten. Sie können Bestimmungen, die ihnen nicht nur Handlungsmöglichkeiten vorgeben, sondern schon nötigende Wirkung auf ihre Entscheidungsfreiheit haben, als Schikane zurückweisen. So greift beispielsweise die Bedingung, der Angehörige solle das Erbe nur erhalten, wenn er sich von seinem Ehepartner scheiden lässt, in sittenwidriger Weise in seine Entscheidungsfreiheit ein und ist daher unwirksam.

Michael Beuger, Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE

Das tut gut

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe behandelt in Indien an Tuberkulose erkrankte LKW-Fahrer, auch dank Nachlassspenden.

Den Blick der Medien weiten

Das Coronavirus beschäftigt die Medien. Andere hoch ansteckende Krankheiten wie etwa Tuberkulose geraten dagegen leicht in Vergessenheit. Gerade bei armutsassoziierten Krankheiten ist der Bedarf an neuen Impfstoffen und bezahlbaren Medikamenten groß, aber die Forschung gering. Deswegen vergeben die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe und ihre Partnerorganisationen im „Memento Bündnis“ jährlich ein Recherchestipendium, um die Berichterstattung über die Gesundheitsversorgung in ärmeren Ländern zu fördern.

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Ein Baumweißling auf einer Rose – neue Biotope, durch Spenden erworben.

Artenvielfalt in der Oberpfalz

Im oberpfälzischen Landkreis Schwandorf entsteht neuer Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Durch Spenden und gemeinsam mit ansässigen Initiativen sowie anderen Partnern stellt die Heinz Sielmann Stiftung unter anderem ehemalige Extensivwiesen wieder her und arbeitet Gewässer und Feuchtgebiete auf. Modellprojekte sollen Kommunen und Bürger in den landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten für das Thema sensibilisieren. Die Region ist ein wichtiges Bindeglied im Aufbau eines europäischen Biotopverbunds.

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Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt sechs kleine Rituale, die vor Herzerkrankungen schützen.

Gesunde Alltagsrituale

Regelmäßige Bewegung gehört zu den besten Möglichkeiten, sich vor Herzerkrankungen zu schützen. Das muss nicht immer schweißtreibender Sport sein. Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt sechs kleine Rituale gegen Bewegungsmangel, die sich problemlos in den Alltag einbauen lassen: etwa sich mit Freunden zum Spaziergang statt im Café zu treffen oder die Treppe zu nutzen statt den Aufzug. Davon profitieren Gesunde ebenso wie Herzpatienten. Diese und viele weitere Tipps finden sich auf der Webseite der Deutschen Herzstiftung.

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Der Right Livelihood Award zeichnet Changemaker weltweit aus, finanziert aus Spenden.

Ein Preis für Vorbilder

Right Livelihood, auch bekannt als der alternative Nobelpreis, ist inzwischen weitaus mehr als nur ein Preis. Um weltweit Visionär:innen zu unterstützen, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsetzen, entwickelt die Stiftung ihre Arbeit beständig weiter. Ebenso wichtig wie der Preis selbst ist es, die Preisträger:innen langfristig vor Verfolgung zu schützen, sie miteinander zu vernetzen und mit Wissenschaftfler:innen zusammenzubringen. Die neue Right Livelihood-Webseite stellt diese beeindruckenden Menschen vor.

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Einsatz der DRF Luftrettung am Strand, finanziert u.a. durch Testamentsspenden.

100 Einsätze pro Tag

Eine beeindruckende Bilanz: 100 Einsätze pro Tag flogen die Hubschrauber und Flugzeuge der DRF Luftrettung in der ersten Jahreshälfte. Denn die Rettung aus der Luft ist oftmals unschlagbar schnell: In 15 Minuten können bis zu 60 Kilometer entfernte Einsatzorte erreicht werden. Besonders häufig wurden die Luftretter:innen zu Herzerkrankungen, (Ab-)Stürzen und Verkehrsunfällen gerufen. Im Sommer nehmen auch die Badeunfälle zu. Bei Lufteinsätzen sollten Badegäste schnellstmöglich das Wasser bzw. die Liegeflächen verlassen.

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Eine Stipendiatin forscht in Tansania – unterstützt auch durch Nachlassspenden.

Stipendium für junge Forscher

In Tansania kommen weniger als drei Apothekerinnen und Apotheker auf 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland sind es mehr als 20mal so viele. Um mehr pharmazeutisches Personal im Land auszubilden, vergibt die action medeor-Stiftung Stipendien für ein Masterstudium in Dar es Salam. Aktuelle Stipendiatin ist Wema Kibanga, die in Krankenhäusern der Umgebung die Wirksamkeit bestimmter Medikamente zur Prävention von Lungenversagen bei Frühgeborenen untersucht hat.

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YoupaN bringt junge Menschen zusammen, um Zukunft zu gestalten – finanziert u.a. durch Testamentsspenden.

Mitreden über die Zukunft

Wie erfahren Kinder und Jugendliche, dass sie etwas verändern können? Wie lernen sie, nachhaltig zu denken und zu handeln? Wenn es um Zukunft geht, müssen diejenigen mitreden, die diese erleben werden. Das Jugendforum YoupaN der Stiftung Bildung bringt junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren zusammen, die sich an der Umsetzung des Nationalen Aktionsplans Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) beteiligen. Die jungen Expert:innen arbeiten in dem UNESCO-Programm „BNE 2030“, beraten Organisationen und politische Parteien.

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Ausblick November 2021 Erfüllung

Fünf Wege zur Erfüllung

Der Sinn des Gebens

Warum wir Herausforderungen im Leben brauchen

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