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Die Erinnerungen kann uns keiner nehmen. Es lohnt sich, den Spuren nachzugehen, die ein Mensch in uns hinterlassen hat. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, unsere ganz besonderen Erinnerungen festzuhalten – etwa in Erinnerungsbüchern oder in Gegenständen, die uns mit verstorbenen Menschen verbinden.

Erinnerung gestalten: Eine Doppelseite eines Memory Book mit Notizen und einem eingeklebten Hochzeitsfoto. In Uganda schaffen aidskranke Eltern damit Erinnerungen, die ihren Kindern später Halt geben sollen. Erinnerungen helfen beim Trauern. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Álvaro Laiz und David Rengel

Für ihre Fotoserie „Memory Books“ reisten Álvaro Laiz und David Rengel 2009 für zwei Monate nach Uganda, um ein Projekt der lokalen Hilfsorganisation NACWOLA zu dokumentieren. Wir zeigen ausgewählte Bilder.

Manchmal kündigt sich der Tod mit einer schweren Krankheit an, manchmal kommt er überraschend. Doch immer schlägt er mit unerwarteter Wucht zu. Ein Mensch, der fest in unser Leben gehörte, ist verschwunden. An seiner Stelle klafft eine tiefe Wunde. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ihn: das Gesicht, Gesten, gemeinsame Erlebnisse, ein Geruch, Worte. Es sind diese Erinnerungen, die uns in der Trauer Halt geben.

Doch was, wenn ein Kind noch zu klein ist, um eigene Erinnerungen an den Verstorbenen zu haben? Wenn die Eltern sterben, bevor das eigene Leben richtig angefangen hat? Zur Jahrtausendwende, als AIDS auf dem afrikanischen Kontinent epidemische Ausmaße annahm und jedes Jahr Millionen von Kindern zu Waisen machte, kam die Idee der Memory Books auf.

Erinnerungen geben Halt und Trost

Das Besondere an diesen Erinnerungsbüchern ist, dass die sterbenden Eltern sie vor dem eigenen Tod verfassen. Sie erschaffen ihren Kindern Erinnerungen, die ihnen in der Zukunft Halt geben sollen: Aus welchem Dorf sie stammen, wer die Großeltern waren, was sie selbst erlebt haben und natürlich was in den ersten Lebensjahren des Kindes geschehen ist. Es sind Dinge, die alle Eltern ihren Kindern im Laufe der Kindheit erzählen – wenn sie genügend Zeit dazu haben.

„Mit deinem Talent hast du die Familie verblüfft. Das war 1999, als du mit einer Band das Millenium begrüßt hast. Du spieltest mehrere Trommeln ganz alleine, was ich sehr bewundert habe“, schreibt Christine Aguga aus Uganda in das Erinnerungsbuch für ihre Tochter. Aguga, die vor der Erkrankung als Lehrerin gearbeitet hat, erzählt ihrer Tochter vom Schicksal der Familie: wie die erste Ehefrau des Vaters an Aids verstarb, dann der Vater und wie es auch ihr, der Mutter, immer schlechter ging: „Nachdem du meine Geschichte gelesen hast, erwarte ich von dir, dass du dir der Gefahr von HIV-Infektionen bewusst bist und dich dagegen schützt.“

Erinnerung gestalten: Eine ugandische Mutter blättert mit ihren drei Kindern in einem Memory Book. Erinnerungen geben Trauernden Halt und Trost. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Álvaro Laiz und David Rengel

Sterbende Eltern schaffen Erinnerungen, die ihren Kindern Halt geben sollen.

Erinnerung gestalten: Seite eines ugandischen Memory Book, ein Kinderfoto und Erinnerungen an die Geburt. Erinnerungen sind für Trauernde der wertvollste Besitz. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Álvaro Laiz und David Rengel

Erinnerungen sind für Waisen der wertvollste Besitz

Die aidskranken Eltern wissen, dass sie ihren Kindern nicht beistehen werden können, wenn diese später ihren Rat brauchen. Denk an Deine Zukunft! Mach eine Ausbildung! Höre auf den Rat der Älteren! Sie versuchen ihren Kindern alles das mit auf den Weg zu geben, was für sie wichtig ist. Die Erinnerungsbücher geben den Kindern aber vor allem Trost, indem sie zeigen, wo sie herkommen und wie es weitergehen soll. Diese Hefte werden für die Waisen ihr wertvollster Besitz.

„Die kleinen Erinnerungsbücher folgen einem einfachen Muster. Auf vorgedruckten Blättern ist der Aufbau vorgegeben. Aber die Memory Books, die ich in Uganda las, waren alle originell. Keines glich den anderen“, schreibt Henning Mankell, der 2004 nach Uganda reiste. Seine Eindrücke hat der schwedische Autor in dem Buch „Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“ festgehalten.

Mankells Buch ist auch eine Reflexion darüber, was die Erinnerung an einen Menschen ausmacht, was womöglich von ihm selbst einmal bleiben wird. „Ich kann nur vage ahnen, welche Eindrücke ich hinterlassen habe. Für eine Anzahl von Jahren wird es Erinnerungen an mich geben. Aber irgendwann werden sie auch verschwunden sein.“ Kein Zweifel – auch die Erinnerungen sind vergänglich. Doch für die, die nach einem Tod trauern, zählen diese Spuren, die der Verstorbene in ihnen hinterlassen hat.

»Auch die Erinnerungen sind vergänglich. Doch für die, die nach einem Tod trauern, zählen diese Spuren.«
Erinnerung gestalten: Seite eines ugandischen Memory Book, Abbildung eines Stammbaum. Erinnerungen geben Trauernden Halt und Trost. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Álvaro Laiz und David Rengel

Erinnerungsbücher in der Trauertherapie

Mittlerweile werden Erinnerungsbücher weltweit auch in der Trauerberatung und -therapie eingesetzt. Meistens werden sie nicht wie in Afrika von den Sterbenden verfasst, sondern von den Trauernden. Es geht darum, die Realität des Todes zu akzeptieren, zugleich über die Erinnerung mit dem Verstorbenen in Verbindung zu bleiben und sich in dieser Beziehung sogar weiterzuentwickeln. Ein Erinnerungsbuch zu verfassen, das sei wie ein Trauermeer zu durchschiffen, in dem man „an Erinnerungsinseln vor Anker“ geht, meint die Münchner Therapeutin Esther Fischinger.

Ein Erinnerungsbuch kann man alleine oder mit mehreren verfassen. Man kann ein fertiges Eintragbuch kaufen, das beim Sortieren der Erinnerungen hilft. Oder man legt selbst eins an: ein schönes leeres Album, in das man seine Gedanken aufschreiben und Bilder oder andere Erinnerungen einkleben kann.

Auch Gegenstände sind mit Erinnerungen aufgeladen

Doch die Erinnerungen stecken nicht nur in uns, sie verbergen sich auch in vielen Gegenständen, die im Leben des Verstorbenen eine Rolle spielten. Etwa der kuschelige Pullover, den die Mutter selbst gestrickt und oft getragen hatte. Nach dem Tod der Mutter ist er das teuerste Erinnerungsstück, aber der erwachsenen Tochter zu klein und auch etwas altmodisch. Und so liegt er traurig in einer Kiste im Keller.

„Die Leute bringen manchmal kofferweise Gegenstände mit. Alles, was von einem Leben so übrigbleibt“, erzählt Anemone Zeim, die in Hamburg die Erinnerungswerkstatt „Vergiss Mein Nie“ betreibt. Wer zu ihr kommt, möchte seine Erinnerungen in eine persönliche Form bringen, die ihm hilft, die Trauer zu bewältigen. In intensiven Gesprächen findet Zeim heraus, was die Menschen, die ihr gegenübersitzen, bewegt: Was war wirklich wichtig in der Beziehung zu dem Verstorbenen? Was sind die Schlüsselerlebnisse?

Sie werde oft gefragt, ob diese Gespräche sie nicht belasteten, erzählt die Erinnerungswerkerin. Das Gegenteil sei der Fall: „Wir begeben uns auf eine Reise in eine andere Zeit. Da wird eine Schatzkiste vor mir aufgemacht.“ Es sind Gespräche, in denen oft die Tränen fließen, in denen aber auch gelacht wird. Erleichternd wirke dabei, dass man über Gegenstände spreche, als eine Art Stellvertreter. „Dadurch kann man sich mit dem Schmerz beschäftigen, ohne dem Monster direkt ins Auge zu schauen“, sagt Zeim.

Erinnerung gestalten: Seite eines ugandischen Memory Book mit vielen Farbfotos und Hoffnungen für die Zukunft. Erinnerungen verbinden Trauernde mit den Verstorbenen. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Álvaro Laiz und David Rengel

Erinnerungen in eine persönliche Form bringen

Viele Gegenstände seien aufgeladen mit Erinnerungen, meint Anemone Zeim. Die Frage sei nur: Woran möchte man sich erinnern? Den altmodischen Pullover der Mutter ließ Zeim aufribbeln und aus dem Garn einen neuen Schal stricken. „Der duftet noch immer nach der Mutter und wird viel von der Tochter getragen.“

Für eine andere Kundin in der Erinnerungswerkstatt war der Kochlöffel der Gegenstand, den sie am meisten mit ihrer geliebten Großmutter verband. Der Kochlöffel, mit dem die Großmutter wunderbares Essen gezaubert oder den Enkeln auch mal auf die Finger gehauen hatte. Aus dem Holz wurde ein Kreis herausgeschnitten, in Silber gefasst und zu einem Kettenanhänger, den die Enkelin nun immer bei sich trägt.

Für einen verstorbenen Vater, der mit seinem Auto immer auf Achse war, wurde in der Erinnerungswerkstatt ein Fotoalbum zwischen seinen alten Nummernschildern eingefasst. Zur Erinnerung an einen totgeborenen Sohn ließen Zeim und ihre Kolleginnen ein kugelrundes Stofftier aus dem T-Shirt nähen, das die Mutter bei der Geburt trug. Ein Stofftier, das daran erinnert, was die Familie erlebt und überwunden hat.

»In Gesprächen werden Erinnerungen durchlebt. Es entsteht ein Gegenstand, der den Trauernden begleitet und ihm Kraft gibt. «
Erinnerung gestalten: Seite eines ugandischen Memory Book, darauf eine Hand. Erinnerungen lassen sich gestalten, so dass sie Trauernde begleiten und ihm Kraft geben können. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Álvaro Laiz und David Rengel

Anemone Zeim ist überzeugt, dass der Prozess, den ihre Kunden in der Erinnerungswerkstatt durchlaufen, auch dabei helfe, die Trauer zu bewältigen. In den Gesprächen würden viele Erinnerungen noch einmal durchlebt. Am Ende entsteht ein Gegenstand, der den Trauernden durch den Alltag begleitet und ihm Kraft gibt. „Die Trauer wird dann erträglich“, meint Zeim, „wenn man wohlwollend auf das gemeinsame Leben zurückblicken kann und froh ist, dass man diese schöne Zeit zusammen hatte.“

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In ihrer Erinnerungswerkstatt „Vergiss Mein Nie“ unterstützt die Hamburger Trauerberaterin Anemone Zeim Trauernde dabei, ganz persönliche Erinnerungsstücke zu erstellen.

Henning Mankell: Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt. Für sein Buch ist der schwedische Autor 2003 durch Uganda gereist, um mit Aidskranken und ihren Angehörigen zu sprechen. Erschienen bei dtv.

Text: Wibke Bergemann
Fotos: Álvaro Laiz und David Rengel