Wissenswertes

Geschichte wird gemacht

Zeitgeschichte spiegelt sich gerade in den vermeintlich kleinen Dingen und ganz persönlichen Erlebnissen. Umso wichtiger ist es, das Erlebte weiterzutragen, in die Öffentlichkeit oder die eigene Familie. Denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und verantwortungsbewusst handeln.

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Geschichte wird gemacht: Öffnung im deutsch-deutschen Grenzzaun zwischen Ullitz (Bayern)/Blosenberg (Bezirk Karl-Marx-Stadt, heute Sachsen), November 1989. Nur wer die Geschichte kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Wie helfen Zeitzeugen dabei, die Vergangenheit zu bewahren und für heute zu nutzen? In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Hans Hermann Hoyer/CC BY-NC-ND

Über 7.000 private Fotos und Filme bewahrt das Internetarchiv „Wir waren so frei…“. Die Momentaufnahmen aus der Umbruchzeit 1989/1990 bieten vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Folgen für den Alltag in Ost und West. Wir zeigen ausgewählte Bilder.

Anders als am Gare de l’Est in Paris oder an der Paddington Station in London muss man am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin lange suchen, um Überwachungskameras ausfindig zu machen. Das ist scheinbar eine Nebensächlichkeit. Zugleich ist es aber auch ein Indiz für die beträchtlichen Unterschiede der deutschen Geschichte im Vergleich etwa zur französischen und britischen. Dass der öffentliche Raum in Deutschland bei weitem nicht so intensiv überwacht wird wie in anderen demokratischen Staaten, führt der schottische Kunsthistoriker Neil MacGregor auf die Erfahrungen der Deutschen mit staatlicher Kontrolle während NS-Zeit und SED-Diktatur zurück.

Spurensuche im Unscheinbaren

MacGregors Buch „Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ ist aus der gleichnamigen Ausstellung hervorgegangen, die im British Museum in London 25 Jahre nach dem Mauerfall gezeigt wurde und anschließend im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen war. Ausstellung und Buch sollten den Briten helfen, die Deutschen besser zu verstehen, indem sie der Geschichte anhand einzelner Orte und Objekte nachspüren – vermeintlich kleine Dinge, die die größeren Zusammenhänge und Hintergründe ganz konkret und anschaulich werden lassen.

Etwa am Bahnhof Friedrichstraße. Die dortige Grenzübergangsstelle zu Zeiten der deutschen Teilung wurde im Volksmund als „Tränenpalast“ bekannt. Spätestens hier mussten sich DDR-Bürger von ihrem Westbesuch verabschieden. „Das Ganze ist als Anlage zur Desorientierung nur schwer zu überbieten und als Verfahren zur Beobachtung von Menschen unter Stress und Angst wohl nie übertroffen worden“, schreibt MacGregor. „Wir haben es mit einem Überwachungsstaat der Spitzenklasse zu tun. Wer einmal den Weg durch diesen Bahnhof nehmen musste, hat diese Erfahrung nie vergessen.“ Es sind solche Geschichten, die aus erster Hand erzählt werden müssen, um begreifbar zu werden.

Geschichte wird gemacht: Porträt eines Mannes vor Berliner Mauer und Brandenburger Tor, Besuch aus dem Westen, Februar 1990. Zeitzeugen tragen persönlich Erlebtes weiter. Sie helfen, Geschichte zu verstehen und Zukunft zu gestalten. Warum ist das wichtig? In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Freya Singer/CC BY-NC-ND

Unsere Welt ist heute so, wie wir sie kennen, weil Menschen Entscheidungen getroffen haben.

Geschichte wird gemacht: Jubelnde Menschen auf der Bösebrücke am Grenzübergang Bornhomer Straße in Berlin, 10. November 1989. Zeitzeugen tragen persönlich Erlebtes weiter. Sie helfen, Geschichte zu verstehen und Zukunft zu gestalten. Warum ist das wichtig? In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Jean-Marie Delbot/CC BY-NC-ND

Konsequenzen für die Gegenwart ziehen

„Unsere Gesellschaft ist kein Naturzustand, sondern etwas Gewordenes, etwas Gemachtes“, sagt Simon Lengemann. Werte und Gewohnheiten, die Sicht darauf, was Freiheit und Gerechtigkeit bedeuten, der Umgang mit Geld und Macht, Geschmacksfragen und vieles mehr – unsere Welt ist heute so, wie wir sie kennen, weil Menschen Entscheidungen getroffen haben. Das bedeute auch: „Wer weiß, welchen Weg unsere Gesellschaft bis heute zurückgelegt hat, kann seine eigenen Handlungsspielräume in der Gegenwart besser einschätzen.“ Lengemann ist Referent für Erinnerungskultur, Antisemitismus und Gedenkstätten bei der Bundeszentrale für politische Bildung, deren Aufgabe es ist, das demokratische Bewusstsein und Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern. Dabei spielt die Auseinandersetzung mit Geschichte eine zentrale Rolle.

Erinnerungen verblassen

Die nationalsozialistischen Verbrechen bestimmen bis heute unser Verhältnis zu uns selbst und unseren Nachbarn. Doch je weiter NS-Diktatur, Zweiter Weltkrieg und Shoah in die Vergangenheit rücken, desto weniger scheinen wir uns damit auseinanderzusetzen. Bei einer Umfrage der Körber-Stiftung wussten 2017 vier von zehn Schülern in Deutschland nicht, wofür Auschwitz-Birkenau steht. Eine Tendenz des Vergessens zeigt sich auch bei Erwachsenen: 2012 konnten 90 Prozent den Namen des Vernichtungslagers einordnen, 2019 waren es 86 Prozent. Auch über die zweite deutsche Diktatur, das SED-Regime, wissen Jugendliche heute wenig, wie eine Studie der Freien Universität Berlin zeigt. Demnach hielten kaum mehr als die Hälfte der befragten Schüler die DDR für eine Diktatur – und fast die Hälfte hielt die führende Rolle der SED für positiv. Eine gefährliche Geschichtsvergessenheit, angesichts des Wahlerfolgs rechtspopulistischer Parteien und der wachsenden Anhängerschaft antidemokratischer Bewegungen. „Wer sich nicht an seine Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, wird der spanische Philosoph George Santayana zitiert. Umso wichtiger werden die Berichte von Zeitzeugen, die den Nachgeborenen die Ereignisse aus der Vergangenheit näher bringen.

Geschichte wird gemacht: Mann mit Deutschlandflagge beim Straßenfest anlässlich der Öffnung des Grenzübergangs Oranienburger Chaussee/Berliner Straße, März 1990. Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Zeitzeugen bringen Nachgeborenen das Erlebte näher. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Ralf Skiba/CC BY-NC-ND

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Umso wichtiger ist es, Nachgeborenen das Erlebte näherzubringen.

Geschichte wird gemacht: Zwei DDR-Grenzsoldaten vor dem Brandenburger Tor in Berlin drängen eine Menschenmenge ab, 10. November 1989. Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Zeitzeugen bringen Nachgeborenen das Erlebte näher. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Jürgen Lottenburg/CC BY-SA

Mehr als nur eine Wahrheit

Bei der Auseinandersetzung mit Geschichte orientiert sich die Bundeszentrale für politische Bildung am „Beutelsbacher Konsens“, drei anerkannte fachliche Prinzipien politischer Bildung, die in den 1970er Jahren formuliert wurden. Erstes Prinzip: Wer sich mit Geschichte befasst, darf dabei nicht überrumpelt werden. So sei es beispielsweise Tabu, Schüler bei der Besichtigung eines historischen Gefängnisses für politisch Verfolgte in eine dunkle Arrestzelle zu sperren. „Emotionale Schocks zu provozieren, hindert Menschen an der Gewinnung eines selbständigen Urteils“, erläutert Lengemann. Zweitens: Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen. „Es gibt nicht die eine wahre Geschichte“, sagt der Referent, „sondern verschiedene Perspektiven, je genauer man hinsieht.“ Erst dieses Bewusstsein versetze Menschen, in die Lage, entsprechend dem dritten Prinzip eine historische Situation und ihre eigene Interessenlage zu analysieren.

Feind des Historikers?

Hierbei nehmen Zeitzeugen eine Doppelrolle ein: einerseits als Teil der Geschichte, die sie selbst erlebt haben, anderseits als Berichterstatter, die im Nachhinein Geschichte aus erster Hand weitergeben. Doch die mündliche Überlieferung ist nicht unumstritten. Das Gedächtnis kann trügen, Gefühle und Einstellungen können Erinnerungen beeinflussen. Laut einem Bonmot gilt der Zeitzeuge als „Feind des Historikers“. Wissenschaftler versuchen, aus der Distanz ein möglichst objektives Bild zu entwerfen, Strukturen und Hintergründe darzustellen, die sie mit Quellen belegen können. „Die unmittelbaren und subjektiven Äußerungen von Zeitzeugen liefern Ergebnisse ganz anderer Art“, weiß Lengemann. „Das macht die Arbeit für Historiker vielleicht nicht einfacher, ihre Quellenbasis aber definitiv breiter und vielfältiger.“

Geschichte wird gemacht: Eine junge Frau posiert vor dem Grenzstreifen der Berliner Mauer bei Gatow, August 1990. Das Wissen über unsere Herkunft hilft, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Zeitzeugen bringen das Erlebte näher. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Viola Kaffke/CC BY-NC-ND

Ob Vorbild oder Last: Das Wissen über unsere Herkunft hilft, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen – und auch uns selbst.

Geschichte wird gemacht: Nach gelungener Republikflucht über Ungarn posiert eine Frau an einem Schild „Achtung Staatsgrenze“, August 1989. Das Wissen über unsere Herkunft hilft, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Zeitzeugen bringen das Erlebte näher. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Hans Michael Fritz/CC BY-NC-ND

Geschichte gibt auch Identität

Die Auseinandersetzung mit Geschichte kann uns nicht nur dabei helfen, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, sondern auch uns selbst. „Die eigene Positionierung im Strom der Zeit, die ein Geschichtsbewusstsein bewirkt, vermittelt uns gleich​zeitig immer auch eine eigene Form von Identität: als Europäer, als Deutsche, als Schwaben, Friesen, Sachsen, als Städter, Dörfler, Bürger eines Landstrichs, eines Viertels, einer Straße, als Abkömmling einer Schicht, Gruppe und Familie“, schreibt der Publizist Martin Hecht im Magazin Psychologie Heute. „Wir sind nicht nur, wen oder was wir aus uns machen, sondern immer auch, in was wir hineingeboren werden, was wir mit uns tragen.“ Das kann eine Last sein oder ein Vorbild. Etwas, das man ablehnt, oder etwas, worauf man stolz drauf sein kann. In jedem Fall könne man von dem Wissen um die eigene Herkunft profitieren, meint Hecht, „ganz egal ob die Geschichte uns nun lehrt, andere Pfade zu gehen als die Irrwege derer, die vor uns waren – oder uns bestätigt, in die Fußstapfen unserer Ahnen zu treten.“

»68er-Revolte, Frauenbewegung, DDR-Alltag, Wendezeit. Man muss nicht allzu alt sein, um Geschichte miterlebt zu haben – und davon erzählen zu können.«

Fragen zulassen

Die Zahl der Menschen, die den Nationalsozialismus miterlebt haben und davon berichten können, wird immer kleiner. Das wird auch die Geschichtsschreibung darüber verändern. Die Epoche wird zunehmend historisiert, aus unmittelbar Erlebtem und Vermitteltem wird entfernte Vergangenheit. Doch seitdem haben viele andere historische Ereignisse stattgefunden, Geschichte wird gemacht: 68er-Revolte, RAF, Frauen,- Öko- und Friedensbewegung, DDR-Alltag, Friedliche Revolution, Wendezeit. Man muss nicht allzu alt sein, um Geschichte miterlebt zu haben – und davon erzählen zu können. Das interessiert nicht nur Historiker, sondern auch Jüngere in der Familie oder im Freundeskreis.

Ob man nun selber etwas berichten möchte oder Zeitzeugen befragt, immer sollte klar sein, wie man miteinander kommuniziert und was man voneinander erwartet: Was hat ein Mensch erlebt, wovon kann er erzählen, wovon nicht? Was erwartet das Gegenüber, wie viele Details kann es ertragen? Wichtig ist außerdem, offen zu sein für andere Meinungen und andere Erfahrungen. „Von Nachfragen – auch unerwarteten – sollten die Erzählenden sich nicht angegriffen fühlen“, betont Lengemann. „Wenn andere Zeitzeugen andere Geschichten erzählen, können diese auch stimmen. Die eigene Wahrheit ist nicht die ganze Realität.“

Gefragte Zeitzeugen

Die Berliner Zeitzeugenbörse e.V. vermittelt und dokumentiert Zeitgeschichte aus erster Hand für Schulen, Wissenschaft, Medien und Privatpersonen. Zeitzeugen berichten u.a. von NS-Zeit, Zweitem Weltkrieg, Nachkriegszeit und DDR-Geschichte. Ähnliche Organisationen gibt es auch in anderen Städten.

Demokratie, Menschen- und Bürgerrechte erscheinen jungen Menschen oft selbstverständlich. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur trägt mit ihrer Zeitzeugenarbeit dazu bei, die Bedeutung der deutschen Teilung zu veranschaulichen. Sie vermittelt Zeitzeugen und sammelt lebensgeschichtliche Interviews.

Die Online-Anwendung „Lernen mit Interviews: Zwangsarbeit 1939-1945“, ein Projekt der bpb, verbindet lebensgeschichtliche Video-Interviews mit der Interaktivität digitaler Medien. Das fördert das historische Lernen und das aktive Erinnern an die NS-Zwangsarbeit und ihre Opfer.

Die Seite www.zeitzeugen-portal.de beinhaltet eine Video-Sammlung von Zeitzeugeninterviews zur deutschen Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. In mehr als 8.000 Clips schildern Zeitzeugen ihre Erinnerungen an Rebellion in der Jugend, Flucht oder Neuanfang.

TEXT: Lars Klaaßen
FOTOS: Internet-Archiv „Wir waren so frei“ – Hans Hermann Hoyer, Freya Singer, Jean-Marie Delbot, Ralf Skiba, Jürgen Lottenburg, Viola Kaffke, Hans Michael Fritz