Prinzip Apfelbaum - Magazin über das, was bleibt

No. 8 – ERINNERUNG

Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 8: ERINNERUNG. Kanada, Ontario, 1996. Der zweijährige Isaac Towell wird von seiner älteren Schwester Naomi vorsichtig in den Sydenham River getragen, um ihn das erste Mal mit dem Wasser in Berührung zu bringen. Foto: Larry Towell / Magnum Photos / Agentur Focus
© Larry Towell / Magnum Photos / Agentur Focus

Editorial

Ein Leben ohne Erinnerungen? Eine furchtbare Vorstellung. Sind sie doch das Koordinatensystem unserer Persönlichkeit. In Erinnerung bleibt, was emotional berührt. Am stärksten sind wohl die kleinen und großen Höhen und Tiefen unseres Lebens in uns verankert: das Kribbeln der ersten großen Liebe, der Stolz, als unsere Kleine schwimmen konnte, der Schmerz, als Mutter starb.

Unser Gehirn ist ein gigantischer Speicher. Manchmal braucht es nur einen flüchtigen Impuls, eine Melodie, einen Geruch, ein Foto, um ein lange zurückliegendes Ereignis in das Jetzt zurückzuholen. Dabei sind Erinnerungen immer Interpretationen des Erlebten und sie verändern sich jedes Mal, wenn wir sie aus dem Gedächtnis abrufen. Aktuelle Stimmungen stärken oder schwächen unsere Empfindungen, manche Details werden stärker, andere verblassen.

Erinnerungen sind Brücken in die Vergangenheit. Sie enthalten aber auch Botschaften für das Heute und das Morgen. Erinnerungen helfen uns zu verstehen, wie wir wurden, was wir heute sind. Ohne sie können wir uns keine Zukunft vorstellen. Sie weiterzugeben, kann uns und anderen hilfreich sein. Nicht zuletzt ist das Erinnern eine Frage des Ausbalancierens von Festhalten und Loslassen. Was war? Was ist? Was bleibt? Das fragen wir uns deshalb in der neuestens Ausgabe unseres Magazins.

Susanne Anger

Sprecherin der Initiative
„Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum"

Menschen

Ein Puzzle aus Erinnerungen

Frauke von Troschke ist die Hüterin des Grals deutscher Erinnerungen. 1998 gründete sie in Emmendingen das Deutsche Tagebucharchiv. Die ständig wachsende Sammlung umfasst inzwischen über 20.500 Dokumente. Sie geben Einblicke in die Erfahrungen der Menschen aus den vergangenen 200 Jahren. Doch die Tagebücher sind mehr als nur persönliche Notizen. Sie helfen, das Leben zu verstehen.

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Ein Puzzle aus Erinnerung: Buchrücken von Tagebüchern des Deutschen Tagebucharchivs. Tagebücher sind mehr als nur persönliche Notizen. Sie helfen, das Leben zu verstehen. Ein Gespräch mit Frauke von Troschke. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Gerhard Seitz / Deutsches Tagebucharchiv

Impulse

Erzähl doch mal!

Viele Menschen möchten ihre Erfahrungen an Kinder, Enkel oder an die nächste Generation weitergeben. Oft fragen aber auch die Jüngeren die Älteren: Wie war das damals? Warum hast du dich so und nicht anders entschieden? Gelebte Erinnerungen sind ein großer Schatz. Sie können bereichernd sein, oder lustig, manchmal auch traurig. Eine Anregung zum Dialog.

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Erzähl mal: Eine junge Frau hält die Hand am Ohr, um besser zu hören. Viele Menschen möchten ihre Erfahrungen weitergeben, oft fragen auch die Jüngeren die Älteren. Gelebte Erinnerungen sind ein Schatz. Eine Anregung zum Dialog. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Him_muse via Twenty20

Wissenswertes

Verdrängt, verschwiegen
– und vererbt

Der Zweite Weltkrieg bildet in der Erinnerung vieler Familien eine Lücke. Was damals geschah und wie die eigene Familie in nationalsozialistische Verbrechen verstrickt war, darüber herrscht Schweigen. Doch unter den traumatischen Erlebnissen ihrer Eltern leidet auch die nächste Generation. Viele Kriegsenkel machen sich auf Spurensuche. Der Blick zurück ist schmerzhaft, aber heilsam.

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Kriegsenkel: Nebel über Baumkronen, Symbolbild: Traumatische Erlebnisse werden offt an die nächste Generation weitergegeben. Viele Kriegsenkel wollen diese geerbten Erinnerungen loswerden. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Artem Sapegin on Unsplash

Unsere Lieblinge

Lesetipp

Lesetipp: Cover des Buches

Eine Schriftstellerin findet im Haus der Mutter ihr altes Tagebuch. Die Aufzeichnungen stammen von 1979, als sie als junge Literaturstudentin nach New York kam, voller Wissbegier und Abenteuerlust, um ihren ersten Roman zu schreiben. Sie belauscht die geheimnisvolle Nachbarin, entgeht knapp einer Vergewaltigung und entthront einen überheblichen Philosophieprofessor, während in ihr eine lange verborgene Wut aufsteigt. 40 Jahre später setzt die Erzählerin die vielen Puzzleteile zusammen, aus denen sie wurde, wer sie heute ist. Doch wo endet die Erinnerung, wo beginnt die Erfindung? Ein Buch über das Erinnern, die Zeit und das Schreiben.

Siri Hustvedt: „Damals“. Roman. Rowohlt Verlag, 2019. 448 Seiten. 24 Euro.

Das gute Beispiel: Schwarzweiß-Fotografie von Lisa Maskell. Zum Gedenken an ihre Mutter gründete sie die Gerda Henkel Stiftung zur Förderung der Historischen Geisteswissenschaften. In Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Gerda Henkel Stiftung
© Gerda Henkel Stiftung

DAS GUTE BEISPIEL

Lisa Maskell

Ihr Großvater war der Fabrikant Fritz Henkel. Ihre Mutter stammte aus der bekannten Düsseldorfer Künstlerfamilie Janssen. Sie selbst studierte beim Bildhauer Ewald Mataré und interessierte sich vor allem für Kunst- und Kulturwissenschaften. Als Lisa Maskell 1976 zum Gedenken an ihre Mutter die Gerda Henkel Stiftung gründete, lautete das Ziel: Förderung der Historischen Geisteswissenschaften. Seitdem konnten mehr als 7.100 Forschungsvorhaben mit rund 190 Millionen Euro unterstützt werden. Die Stipendien erleichtern eine Vereinbarkeit zwischen Wissenschaft und Familie und gehen zur Hälfte an Frauen. Über 20 Jahre lang leitete Lisa Maskell die Stiftung. Nach ihrem Tod übernahm die Tochter, später ihre Enkelin den Vorsitz. Im Laufe der Jahre sind die Themen internationaler und zukunftsbezogener geworden. So fördert die Stiftung inzwischen auch Wissenschaftsnachwuchs in Südostasien und Afrika und setzt sich in Krisenregionen für den Erhalt des kulturellen Erbes ein.

8.000

Die Zahl

Persönlich, subjektiv und emotional – Berichte von Zeitzeugen bringen vergangene Epochen näher als jedes Geschichtsbuch. Denn sie berühren uns und helfen, die Gefühle und Gedanken der Menschen zu einer bestimmten Zeit zu verstehen. Auf dem Zeitzeugen-Portal.de sind 8.000 Videos online abrufbar, mit Erinnerungen zur deutschen Geschichte, vom 1. Weltkrieg bis zur Gegenwart. Das Haus der Geschichte hat dazu verschiedene Video-Archive zusammengefasst. Ein Schatz, der Erinnerung lebendig hält.

Schon gewusst?

Erinnerungsstücke

Nicht immer geht es beim Streit um das Erbe um ein großes Vermögen. Manchmal sind es ganz persönliche Gegenstände des Verstorbenen, die mit besonderen Erinnerungen verbunden sind und nun für Uneinigkeit unter den Erben sorgen. Wer bekommt das alte Küchengeschirr, wer darf das selbst gemalte Bild mitnehmen? Ist weder im Testament noch im Erbvertrag festgelegt, wem das Erbstück vermacht wird, haben grundsätzlich alle Erben einen Anspruch. Etwas bevorzugt ist der Ehepartner, der nach § 1932 BGB alle Gegenstände behalten darf, die er braucht, um den Haushalt angemessen fortzuführen. Darüber hinaus gibt es aber keinen gesetzlichen Anspruch auf ein Erinnerungsstück. Die Erben müssen sich also untereinander einigen, gegebenenfalls mit Hilfe eines Notars oder Mediators. Eine andere Möglichkeit: Sie versteigern den Gegenstand und versuchen, ihn bei der Auktion selbst zu erwerben.

 

Das tut gut

Das tut gut: Adane Mekonnen lernte die Imkerei und ist nun Teil einer Kooperative. Menschen für Menschen schafft Perspektiven für Schulabgänger in Äthiopien. Die Stiftung ist Mitglied der Initiative

Perspektiven gegen Flucht

Vielen Schulabgängern im ländlichen Äthiopien fehlen berufliche Perspektiven. Auch Adane Mekonnen wusste lange nicht, wie es weitergehen sollte. Durch Menschen für Menschen erlernte er die Imkerei. Jetzt arbeitet er gemeinsam mit anderen jungen Frauen und Männern in einer neu gegründeten Imker-Kooperative. Die Stiftung unterstützt auch den Verkauf des Honigs. Ein Beispiel, wie Menschen für Menschen neue Einkommensquellen für Bauern und junge Erwachsene schafft. Der viel beschworene Kampf gegen Fluchtursachen beginnt genau hier.

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Das tut gut: Eine ältere Fahr an der Bushaltestelle, Ausschnitt aus einem Erklärfilm. Wie umgehen mit Menschen mit Demenz? Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft zeigt es in kostenlosen Kursen und einem Video. Sie ist Mitglied der Initiative „Mein Erbe tut Gutes“.

Verständnis für Demenz

Eine ältere Dame an der Bushaltestelle, die nicht mehr weiß, wo sie wohnt. Ein älterer Herr in der Bäckerei, der ein Brot „für seine Mutter“ kaufen will. Menschen mit Demenz begegnet man in der Familie, auf der Straße oder am Arbeitsplatz. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft koordiniert kostenlose Kurse, in denen Interessierte mehr über die Erkrankung erfahren und lernen, wie man mit Menschen mit Demenz umgeht. Ziel ist es, die Gesellschaft für die Bedürfnisse von Betroffenen zu sensibilisieren. Ein kurzer Film zeigt, wie das gehen kann.

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Das tut gut: Der an Blutkrebs erkrankte Simon Gillmeister gibt seiner Frau Ines einen Kuss. Ines Gillmeister engagiert sich für die DKMS, Mitglied der Initiative

Ein Buch gegen Krebs

Eine ganz normale Familie: Vater, Mutter, zwei Kinder – und Kunibert, der Tumor, der 2012 beim Vater entdeckt wird. Die Familie gibt nicht auf und organisiert gemeinsam mit der DKMS Aktionen, um einen Spender zu finden. Doch nach sechs Jahren stirbt Simon Gillmeister. Seine Frau Ines hat jetzt ein Buch geschrieben, „um zu zeigen, dass ein Leben mit Krebs so viel mehr beinhalten kann als Kotzeimer, Glatze und Trübsal“. Das Buch „Rock den Himmel, mein Held“ erinnert an ihren Mann und den Kampf gegen Blutkrebs. Ein emotionales Vermächtnis.

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Das tut gut: Ein Braunbärenjunges mit seiner Mutter. In Spanien kämpft EuroNatur gegen die Wilderei. Die Stiftung EuroNatur ist Mitglied der Initiative

Kampf gegen Bärentöter

In den wilden Wäldern des Kantabrischen Gebirges leben die letzten Bären Spaniens. Naturschützer konnten sie vor dem Aussterben bewahren. Doch der größte Feind der Braunbären bleibt der Mensch. Immer wieder werden Bären illegal getötet, ohne dass die Fälle aufgeklärt werden. EuroNatur unterstützt die spanische Naturschutzorganisation Fapas dabei, die Bären zu schützen. Durch regelmäßige Patrouillen im Wald spüren deren Ranger Fälle von Wilderei auf und bringen die Täter vor Gericht.

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Das tut gut: Sänger Marc Marshall macht sich als Botschafter der nph Kinderhilfe Lateinamerika für Kinder stark. nph ist Mitglied der Initiative „Mein Erbe tut Gutes“. Foto: Klaus Schultes/nph

Starke Stimme für Kinder

Der Sänger und Entertainer Marc Marshall hat einen Wunsch: eine respektvolle Zukunft für jedes Kind, egal wo auf der Welt. Als neuer Botschafter der nph Kinderhilfe Lateinamerika will Marshall künftig seine Stimme für benachteiligte Kinder in Lateinamerika einsetzen und auf die Arbeit von nph aufmerksam machen. Die Kinderdörfer bieten schutzbedürftigen Kindern seit mehr als 60 Jahren ein Zuhause. Hier finden sie Geborgenheit, werden medizinisch gut versorgt und erhalten eine schulische und berufliche Ausbildung.

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Das tut gut: Kinder klettern auf einen Baum. Spielen ist ein Kinderrecht, darauf macht das Deutsche Kinderhilfswerk am Weltspieltag aufmerksam. Das Deutsche Kinderhilfswerk ist Mitglied der Initiative

Mehr Zeit zum Spielen

Spielen, was das Zeug hält, am besten jeden Tag! Denn Spielen ist für Kinder so wichtig wie Schlafen, Essen und Trinken. Gehirnforscher meinen, dass freies Spielen für die besten Vernetzungen im Gehirn sorgt. Das Recht auf Spiel und Erholung ist sogar in der UN-Kinderrechtskonvention verankert. Unter dem Motto "Zeit zu(m) Spielen!" koordiniert das Deutsche Kinderhilfswerk wieder deutschlandweit viele Spielaktionen am Weltspieltag am 28. Mai. Denn neben Schule und Hobbies brauchen Kinder Platz und Zeit zum freien Spielen.

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Ausblick August 2019 HEIMAT

Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 9: Heimat. GB, England, 1985: Eine Gruppe junger Backpackerinnen wartet am Flughafen. Symbolbild für das Aufbrechen, Suchen und Ankommen. Heimat ist Ort, Sehnsucht und Bedürfnis. Foto: Eve Arnold / Magnum Photos / Agentur Focus

Was und wo ist Heimat? Eine Annäherung an einen schwierigen Begriff.

Jörn Klare lief 600 km nach Hause. Ein Gespräch über seine Heimatsuche.

Ein Dorf erfindet sich neu. Zu Besuch in der sächsichen Gemeinde Nebelschütz.

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