Ratgeber

Großeltern als Vorbilder: Ein Junge beim Holzhacken. Symbolbild. Oma und Opa sind wichtige Vorbilder für ihre Enkel. Nebenbei geben sie Werte weiter und vermitteln Identität. Wie, das erklärt Anton A. Bucher im Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: darby via Twenty20

Großeltern: Wichtige Vorbilder für die Enkelkinder

Wie lernen Kinder, was Gerechtigkeit ist? Wie bringt man ihnen bei, hilfsbereit zu sein? Entscheidend sind gute Vorbilder. Dabei können Großeltern eine wichtige Rolle spielen, meint der Anton A. Bucher, Religionspädagoge an der Universität Salzburg. Ganz nebenbei geben Oma und Opa an ihre Enkel weiter, was ihnen wichtig ist.

Großeltern als Vorbilder: Großvater und Enkelsohn auf dem Traktor. Symbolbild. Oma und Opa sind wichtige Vorbilder für ihre Enkel. Nebenbei geben sie Werte weiter und vermitteln Identität. Wie, das erklärt Anton A. Bucher im Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: lietjepietje via Twenty20

Herr Professor Bucher, was bedeutet die Corona-Krise für das Verhältnis von Großeltern zu ihren Enkeln?
Das ist ein sehr, sehr tragischer Kontext, in dem unser Gespräch stattfindet. Zweimal jeden Abend wird hier in Österreich im Fernsehen ein kurzer Film mit der Aussage ausgestrahlt: „Wenn Großeltern geliebt werden, sollen sie in Zeiten wie diesen nicht besucht werden“. Das ist schmerzhaft, für Großeltern wie für Enkelkinder. Umso größer wird die Freude sein, wenn sich die drei Generationen wieder umarmen dürfen. Vieles schätzen wir Menschen erst dann so richtig, wenn wir es entbehren müssen.

»Heutige Großeltern versuchen, eine Balance zu finden zwischen eigenen Bedürfnissen und Zeit mit den Enkeln.«


Wie sehr wollen Großeltern heutzutage überhaupt noch Großeltern sein?
Zunächst muss man die demografischen Veränderungen beachten. Wenn um 1900 ein Kind auf die Welt kam, lebten vielleicht ein oder zwei Großeltern. Heutzutage haben Kinder aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung meist noch alle vier Großeltern. Das ist eine großartige Errungenschaft. Immer mehr Kinder können eine viel längere Zeit ihre Großeltern erleben. Viele Untersuchungen zeigen, dass die heutigen Großeltern versuchen, eine Balance zu finden zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und Zeit mit den Enkeln. Eine überwältigende Mehrheit will bei der Betreuung unterstützen, aber gleichzeitig nicht in die Erziehung der Enkel und Enkelinnen eingreifen.

»Großeltern können als Ausgleich zu Eltern wirken.«


Wie sieht die Unterstützung der Großeltern konkret aus?
Das ist natürlich in unserer individualistischen Gesellschaft sehr unterschiedlich. Es gibt Großeltern im einstelligen Prozentbereich, die anstelle der Eltern die Erziehung der Enkel übernehmen müssen. Auf der anderen Seite haben wir eher distanzierte Großeltern, die nur am Geburtstag und an Weihnachten an die Enkel denken. Eine schöne Studie aus der Schweiz hat aber gezeigt, dass Großeltern sehr ausgleichend wirken können. Zum Beispiel wenn Großeltern bemerken, dass ihre Kinder eine Art Laissez-faire-Erziehung praktizieren. Dann intervenieren sie mehr, versuchen Grenzen zu setzen und Werte zu vermitteln, die sich in ihrem eigenen Leben gut bewährt haben. Wenn Eltern ihre Kinder dagegen streng erziehen, was teilweise noch vorkommt, tendieren die Großeltern dazu, großzügiger zu sein.

Großeltern sind also ein bisschen gelassener im Umgang mit den Enkeln?
Ja, unbedingt. Sie können sich erinnern, ähnliche Probleme mit den eigenen Kindern erlebt und diese doch gelöst zu haben. Das Leben ist in einer guten und sinnvollen Weise weiter gegangen. Solche Erinnerungen können Gelassenheit schenken. Enkel bestätigen diese Eigenschaft ihrer Großeltern. Die Großeltern seien cooler, nicht so ernst und eben gelassener als die Eltern.

Großeltern als Vorbilder: Großeltern mit ihrer erwachsene Enkeltochter. Symbolbild. Oma und Opa sind wichtige Vorbilder für ihre Enkel. Nebenbei geben sie Werte weiter und vermitteln Identität. Wie, das erklärt Anton A. Bucher im Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: crislari27 via Twenty20

»Großeltern vermitteln Familienidentität. Sie zeigen mir, wo meine Wurzeln sind.«


Was schätzen Enkel noch an ihren Großeltern?
Eine lange Ehe zu führen. Sich eine Existenz aufgebaut zu haben. Oder die Krisen, die es ja in jedem Leben gibt, bewältigt zu haben. Und nicht zuletzt schätzen Enkel das Gefühl einer Familienidentität. Also das tiefe menschliche Bedürfnis, irgendwie und irgendwo Wurzeln zu haben, dazuzugehören. Meine Großeltern können mir einfach durch ihre Existenz zeigen, wo meine Wurzeln sind.

Welche Werte wollen Großeltern besonders vermitteln?
Viele Großeltern sind gefragt worden, welche Werte sie weitergeben wollen. Die meisten wollen das aber gar nicht bewusst tun, sondern diese eher durch ihre Lebensweise vermitteln. Es geht ihnen vor allem um Werte, die sich in ihrem eigenen Leben bewährt haben.

Welche Werte sind das?
Soziale Werte. Wohlwollen gegenüber anderen Menschen zeigen, vertrauenswürdig und verlässlich sein. Sich also nicht nur auf das eigene Ego zu konzentrieren. Dazu gehört auch ein gewisser Fleiß und Durchhaltevermögen in Krisen.

»Großeltern profitieren auch von ihren Enkeln. Das ist intergenerationelles Lernen.«


Profitieren Großeltern auch von ihren Enkeln?
Ja, natürlich. Die Rollen sind dann umgekehrt. Wenn zum Beispiel die Oma WhatsApp nutzt und dabei von den Enkelkindern angeleitet wird. Die Quote der Großeltern, die mit ihren Kindern digital kommunizieren, ist übrigens gar nicht so klein. Das ist intergenerationelles Lernen, gegenseitiges Geben und Empfangen.

Wie viele Großeltern helfen ihren Kindern und Enkeln bei finanziellen und anderen Problemen?
Den meisten Großeltern ist die bestmögliche Zukunft ihrer Enkel ein sehr großes Anliegen. Dazu gehören auch finanzielle Transferleistungen. Großeltern leisten aber auch immens viel Betreuungsarbeit bei kleineren Kindern. Teilweise verbringen sie mehr Stunden erzieherisch mit ihren Enkeln als die Lehrer in der Schule. Das ist ein bewundernswertes Engagement. Es heißt ja immer, wir würden in einer narzisstisch geprägten Gesellschaft leben. Aber Werte wie Familie, Zusammengehörigkeit, Solidarität haben immer noch einen sehr hohen Stellenwert, vielleicht einen höheren als individualistische Ideale.

»Durch die Art, wie Großeltern ihr Leben gelebt haben, übernehmen sie eine tragende Vorbildrolle.«


Fällt Ihnen ein Lied, ein Gedicht oder ein Bild ein, in dem Großeltern besonders liebevoll erwähnt werden?
Einer meiner Lieblingssongs stammt von der Austriapop Gruppe S.T.S., die mit dem Lied „Großvater“ bekannt geworden sind. Darin gibt es eine wunderschöne Formulierung, wenn der Enkel in Gedanken zu seinem Großvater sagt: „Durch die Art, wie du dein Leben gelebt hast, habe ich eine Ahnung bekommen, wie man es vielleicht schafft“. Ich glaube, prägnanter kann man die tragende Vorbildrolle vieler Großeltern nicht umschreiben.

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Großeltern als Vorbilder: Cover des Buches „Lebensernte“ von Anton A. Bucher. Großeltern sind wichtige Vorbilder für ihre Enkel. Nebenbei geben Oma und Opa Werte weiter und vermitteln Identität. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Jude Infantini/Unsplash, Springer Verlag

Anton A. Bucher: Lebensernte. Psychologie der Großelternschaft. – Heutige Großeltern begleiten ihre Enkel über eine ganze Lebensspanne. Der Religionspädagoge Anton A. Bucher lädt ein, diese Etappe als Ressource für ein gelungenes Leben zu entdecken – für sich selbst wie für die Enkel. Erschienen bei Springer, 2019.

INTERVIEW: Angelika S. Friedl
FOTOS: darby/Twenty20, lietjepietje/Twenty20, crislari27/ Twenty20, Jude Infantini/Unsplash, Springer Verlag