Impulse

Entscheide dich! Aber wie?

Jeden Tag stehen wir vor unzähligen Entscheidungen. Besonders schwer fallen oft weitreichende Entschlüsse, die sich kaum mehr umkehren lassen. Zum Glück gibt es kluge Wege, um zu einer guten Entscheidung zu kommen. Der Kopf ist wichtig. Und die Intuition hilft uns dabei.

Gut entscheiden: Eine Frau steht vor vollen Supermarktregalen, Draufsicht. Symbolbild: Unzählige Entscheidungen treffen wir jeden Tag. Für eine gute Entscheidung braucht es Verstand und Intuition, Bauch und Kopf. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Bernard Hermant/Unsplash

Es heißt nicht umsonst: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Schon ganz alltägliche Entscheidungen fallen uns manchmal nicht leicht. Kaffee oder Tee? Die blaue oder die schwarze Hose? Den linken oder den rechten Weg? Sehr viel schwerer wird es, wenn es um Entschlüsse geht, die lange wirken und die sich kaum mehr revidieren lassen. Sei es ein Jobwechsel, der Hauskauf, ein Umzug oder die Frage, wie wir die Weichen für die Zeit nach uns stellen wollen.

Was soll einmal bleiben, wenn ich nicht mehr bin? Was möchte ich über den Tod hinaus weitergeben? Wie teile ich das Erbe gerecht auf? Keine leichten Fragen. Der Entscheidungsforscher und Wirtschaftswissenschaftler Rüdiger von Nitzsch empfiehlt, die anstehenden Entscheidungen nicht als ein Problem anzusehen, sondern als eine Chance. Nämlich als eine Chance, Dinge nach den eigenen Vorstellungen in die Wege zu leiten. Doch was tun? Einfach auf das Bauchgefühl hören? Oder doch lieber zu Stift und Papier greifen und die gute alte Pro-und-Contra-Tabelle anlegen?

»Die anstehende Entscheidung ist eine Chance, Dinge nach den eigenen Vorstellungen in die Wege zu leiten.«

Gut entscheidet, wer sich seiner Wünsche und Motive bewusst wird

Von Nitzsch hat den Entscheidungsnavi mitentwickelt, ein frei verfügbares Internetprogramm, das beim Sortieren der Gedanken helfen und Nutzer so zu einer guten Entscheidung führen soll. Schritt für Schritt navigiert das Programm durch die verschiedenen Punkte, über die man sich klarwerden sollte, und regt dazu an, alles aufzuschreiben. Gleich am Anfang steht die Frage nach den eigenen Zielen: Was will ich erreichen, und warum will ich es erreichen? Sich seiner eigenen Wünsche und Motive bewusst zu werden, sei zentral, meint von Nitzsch. „Man muss immer weiter fragen: Wenn mir etwas wichtig ist, warum ist es mir wichtig? Was steckt dahinter?“

Daneben hilft es, mit Freunden oder Verwandten über anstehende Entscheidungen zu sprechen. „Wenn ich viele Menschen zurate ziehe, bekomme ich ein gutes Stimmungsbild. Wisdom of the crowd, das Wissen der Menge, kommt nachweislich zu guten Ergebnissen“, sagt von Nitzsch. Gespräche können bisher unbeachtete Aspekte zutage fördern und uns auf neue Gedanken bringen. Gerade die mit einer Erbschaft verbundenen Entscheidungen sind häufig nicht nur in finanzieller Hinsicht wichtig. Sie betreffen auch viele ethische und soziale, oft familiäre Fragen: Sollen alle Erben den gleichen Anteil bekommen? Oder möchte ich vor allem die Kinder oder Verwandten bedenken, die es wirklich brauchen? Gibt es Angehörige, denen ich nichts hinterlassen möchte? Und „darf“ ich das tun? Von Nitzsch rät dazu, öfter mal die Perspektive zu wechseln: Consider the opposite – bedenke auch das Gegenteil. Was passiert, wenn die Erben anders reagieren als erwartet? Wenn die zu vererbenden Aktien an Wert verlieren, das Familienunternehmen vorzeitig in Konkurs geht?

»Wenn ich andere zurate ziehe, bekomme ich ein gutes Stimmungsbild. Das Wissen der Menge kommt zu guten Ergebnissen.«

Verstand oder Intuition – auch die Forscher streiten

Die Entscheidungsforschung teilt sich in zwei Lager. Während die einen auf die Weisheit der Intuition setzen, warnen andere davor, sich bei schwerwiegenden Entschlüssen allein auf die eigenen Erfahrungen und das Bauchgefühl zu verlassen. Denn unsere Intuition lässt sich mitunter in die Irre leiten, gerade wenn starke Gefühle beteiligt sind, vor allem Angst. Ein bekanntes Beispiel: Die Anschläge vom 11. September 2001 veranlassten in den USA viele Menschen dazu, vom Flugzeug auf das Auto umzusteigen. Die Folge: In den zwölf Monaten nach den Anschlägen starben in den USA knapp 1.600 Menschen mehr bei Autounfällen als normalerweise.

Gut entscheiden: Ein Auto inmitten eines Supermarkt. Nach dem 11. September stieg die Zahl der Autounfälle in den USA. Angst und andere starke Gefühle führen die Intuition in die Irre. Die Kunst der guten Entscheidung. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: picture alliance

Nach den Terroranschlägen vom 11. September stieg die Zahl der Autounfälle. Bei Angst versagt die Intuition oft.

Wir neigen dazu, uns bei unserer Beurteilung einer Situation oder einer Person davon beeinflussen zu lassen, was wir unmittelbar zuvor erlebt oder gehört haben. Psychologen sprechen von Priming. In seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ beschreibt Daniel Kahneman ein Experiment, bei dem Versuchspersonen auf Geld „geprimt“ wurden. Ihnen wurden mehrere Aufgaben gestellt, bei denen sie aus Textbausteinen eine sinnvolle Phrase bilden sollten. Ganz nebenbei hatten alle Wortgruppen inhaltlich mit „viel Geld verdienen“ zu tun. Als die Versuchsteilnehmer anschließend schwierige geometrische Aufgaben lösen sollten, verhielten sie sich deutlich selbstständiger und egoistischer als die Kontrollgruppe: Die auf Geld geprimten Studenten arbeiteten fast doppelt so lange ohne Hilfe. Doch sie waren auch weniger bereit, anderen zu helfen, selbst wenn es nur darum ging, jemandem einen Bleistift aufzuheben.

Je besser die Geschichte, desto mehr sind wir von ihr überzeugt

Eine ähnliche Falle, in die unsere Intuition gerne tappt, ist der so genannte Halo-Effekt. Das Urteil, das wir uns von einer Sache oder einer Person aufgrund einer bestimmten Erfahrung gemacht haben, übertragen wir gerne auf alle weiteren Eigenschaften dieser Sache oder Person. Haben wir Frau X als freundliche, extrovertierte Person kennengelernt, schließen wir daraus, dass sie beispielsweise hilfsbereit sein wird, wenn es darum geht, ein Schulfest zu organisieren. Wir schaffen uns ein kohärentes Bild von Personen und Gegenständen, um eine komplexe Wirklichkeit leichter einschätzen zu können.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Kahneman nennt die Intuition deshalb eine „Maschine für voreilige Schlussfolgerungen“. Umso weniger wir von einer Sache wissen, desto leichter fällt es uns, ein zusammenhängendes, sinnvolles Bild zu erstellen. Und je besser die Geschichte ist, die wir über das erzählen können, was wir sehen, desto mehr sind wir von ihr überzeugt, meint Kahneman. Für die Intuition zählt nur das, was man gerade weiß. Ambiguitäten, also Mehrdeutigkeiten, und die Möglichkeit, dass uns wichtige Informationen gerade nicht zur Verfügung stehen, blenden wir einfach aus.

Faustregeln können uns zu guten Entscheidungen führen

Unsere Intuition macht es sich also gerne leicht. Und das muss sie auch. Denn in vielen Alltagssituationen brauchen wir ein schnelles und effizientes System, um ohne viel Nachdenken Entscheidungen zu treffen. Gerade hier sehen manche Forscher den großen Vorteil der Intuition, so wie Gerd Gigerenzer, Psychologe und emeritierte Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Kahneman und von Nitzsch argumentiert Gigerenzer, dass unsere Intuition dem analytischen, logischen Denken gerade deswegen überlegen sein kann, weil sie aus der Fülle von Informationen abstrahiert und sich auf das Wesentliche konzentriert.

»Unsere Intuition kann dem logischen Denken gerade deswegen überlegen sein, weil sie sich auf das Wesentliche konzentriert.«

Gigerenzer vergleicht intuitive Entscheidungen mit Fahrradfahren oder Tennisspielen – man wird nicht besser darin, wenn man bewusst darüber nachdenkt. Aus unseren Erfahrungen schließen wir einfache Faustregeln, die wir jederzeit abrufen können. Ein geübter Tennisspieler, der einen Ball annehmen will, kennt aus Erfahrung den richtigen Winkel, in dem er zum ankommenden Ball stehen muss. Dessen Flugbahn braucht er dafür nicht berechnen. Für Gigerenzer lautet die Frage deshalb nicht ob, sondern wann wir unserem Bauch vertrauen können. Gerade bei Prognosen über eine ungewisse Zukunft oder in schwer vorhersagbaren Situationen seien solche Faustregeln am besten geeignet, um die Risiken abzuschätzen. Der Grund: Eine komplexe Lösung schließt auch viele Informationen und Faktoren mit ein, die sich schließlich als irrelevant erweisen. Je länger wir nachdenken und grübeln, desto mehr zweitklassige Lösungen fallen uns ein. Die Faustregel konzentriert sich dagegen auf das Wichtigste.

Gut entscheiden: Tennisbälle und Federbälle in einer Auslage. Intuition ist wie Tennisspielen: Man wird nicht besser, wenn man darüber nachdenkt. Die Kunst der guten Entscheidung. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: amuyo_tomoko/Twenty20

Intuitive Entscheidungen sind wie Tennispielen: Man wird nicht besser, wenn man darüber nachdenkt.

Logisches Denken ist begrenzt

Zudem gibt es viele Entscheidungsfragen, die zu komplex sind, um eine optimale Strategie zu finden. Wenn eine Optimierung – also die Auswahl der besten Möglichkeit – nicht mehr möglich ist, greifen wir auf unsere Intuition zurück. „Willkommen in der Welt der Faustregel, in der die Frage lautet: Wie finden wir eine Lösung, die gut genug ist?“ schreibt Gigerenzer treffend in seinem Buch „Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“.

Dabei kann unsere Intuition sogar im Widerspruch zu einer logischen Argumentation stehen. Eine klassische Situation: Was der Bauch sagt, macht für den Kopf keinen Sinn. Notwendigerweise, wie Gigerenzer meint. Denn Logik ist begrenzt und entspricht nicht immer der menschlichen Wirklichkeit. Ein Beispiel: Die logische Verknüpfung „a und b“ ist gleichbedeutend mit „b und a“. Anders im allgemeinen Sprachgebrauch: „Jan war wütend, und Petra ging“ hat eine andere Bedeutung als „Petra ging, und Jan war wütend“. Intuitiv erkennen wir, dass in diesen beiden Sätzen auch ein kausaler Zusammenhang besteht. Mit anderen Worten: Intuition geht über logisches Denken hinaus. Gigerenzers Plädoyer lautet deshalb: Mehr Mut zur Bauchentscheidung!

»Bei wichtigen Entscheidungen ist das Vertrauen in das Bauchgefühl gut, die Reflexion kann es nicht ersetzen. «

Intuition ist gut, Reflexion aber auch

Doch auch für Gigerenzer ist klar, dass die Intuition nicht unfehlbar ist. Bei wichtigen Entscheidungen ist das Vertrauen in das eigene Bauchgefühl gut, die Reflexion kann es aber nicht ersetzen. „Häufig geht es ja darum, ein ganzes Problemknäuel zu entzerren“, gibt Rüdiger von Nitzsch zu bedenken. Wer über seine Hinterlassenschaft entscheidet, sollte sich im Klaren darüber sein, welche Aspekte er berücksichtigen will, und welche Prioritäten er dabei setzt. Nur wer seine Gedanken sortiert hat, kann seine Entscheidung gut vor sich und anderen vertreten.

Eine längere Auseinandersetzung mit der „letzten“ Entscheidung sollte man sich also nicht ersparen. Auch wenn am Ende ein Ergebnis steht, dass man im Grunde schon von Anfang an kannte – dank der Intuition.

Zum Weiterlesen

Daniel Kahnemann – Schnelles Denken, langsames Denken. Überlegte Entscheidungen sind unter heutigen Umständen meistens die besseren, sagt der Psychologe und Nobelpreisträger in seinem Bestseller. Erschienen im Siedler Verlag, 2012.

Gerd Gigerenzer – Bauchentscheidungen. Der Bildungsforscher beschäftigt sich in seinem Buch mit der Intelligenz des Unbewussten und der Macht der Intuition. Er ist überzeugt: Intuitive Entscheidungen seien oft ökonomischer, schneller und besser. Erschienen bei Goldmann, 2008

Text: Wibke Bergemann
Fotos: Bernard Hermant/Unsplash, picture alliance/dpa, itsnathancharles/Twenty20