Ratgeber

Engagement unter Nachbarn: Eine Frau gießt die Balkonblumen ihrer Nachbarn. Tatsächlich können wir selbst auch viel dafür tun, uns zuhause zu fühlen und uns eine Heimat zu schaffen, meint Henning von Vieregge. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: nebenan.de

Unter Nachbarn: Wer sich engagiert, fühlt sich zuhause

Je unübersichtlicher die Welt, desto mehr wünschen wir uns einen Ort, der uns vertraut ist. Tatsächlich können wir selbst auch viel dafür tun, uns zuhause zu fühlen, meint Henning von Vieregge. Der Sozialwissenschaftler und Botschafter der Nachbarschaftsplattform nebenan.de ist überzeugt: Bürgerschaftliches Engagement schafft Vertrauen und Vertrauen schafft Heimat.

Herr von Vieregge, was bedeutet Heimat für Sie?
Es hat mit Angenommensein und mit Ankommen zu tun. Wenn man sich das vor Augen führt, kommt man zu zwei Überlegungen: Erstens, dass es nicht eine Heimat, sondern mehrere Heimaten gibt. Und zweitens, dass das auch in der eigenen Biographie immer ein Prozess ist. Ich fühle mich mal mehr, mal weniger angenommen. Ich kann Kreise ziehen zu all denen, von denen ich mir wünsche, angenommen zu werden – von Familie über Freunde hin zu Nachbarn, Vereinen, Kirche und Kultur. Elektrisiert hat mich die Überschrift der Ausstellung des Deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale 2016: Making Heimat. Heimat ist nicht einfach da, sondern in einer fortlaufenden Veränderung.

„Making Heimat – die Überschrift hat
mich elektrisiert.“


Reichen nicht gute soziale Kontakte aus, um sich angenommen zu fühlen?
Ja, das ist schon richtig. Für die einen sind es die Beziehungen oder nur die Familie, die Heimat ausmachen. Für andere ist es das Umfeld und der Herkunftsort. Wenn man nachfragt, was das Wort auslöst, dann kommen häufig Kindheitsbeschreibungen. Viele denken auch an die Kirche oder an ein Gebäude, in dem sie sich behaust gefühlt haben.

Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft lautet der Untertitel Ihres Buches „Wo Vertrauen ist, ist Heimat“. Was hat bürgerliches Engagement mit Heimat zu tun?
Der Spagat dazwischen ist in der Tat recht groß. Aber ich hatte einfach das Gefühl, dass es eine Verbindung gibt. Wichtig sind soziale Beziehungen, weil sie Vertrauen schaffen können. Vertrauen ist ein zentraler Begriff. Ich habe Vertrauen zu dem, wo ich gerade bin, vertraue aber auch in die Zukunft.

„Aus dem freundlichen Miteinander
entstehen kleine Hilfen.“

Engagement unter Nachbarn: Ein Mann mit einem Gartenschlauch gießt die Beete seiner Nachbarn. Kleine Hilfen sorgen dafür, dass wir uns zuhause zu fühlen und uns eine Heimat zu schaffen, meint Henning von Vieregge. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: MIRAHNEVA via Twenty20

Wie entsteht daraus Engagement?
In einem Dreierschritt. Der erste Punkt ist, dass ich mich in einem Umfeld befinde, das mir freundliche Signale gibt. Ich habe einmal eine Frau gefragt, wann sie sich nach einem Umzug wieder beheimatet gefühlt hat. Der eine Moment war, als sie bei ihrem Lieblingsitaliener nach einer Reise gefragt wurde, wo sie denn die ganze Zeit gewesen wäre. Der zweite Moment war, als eine Nachbarin klingelte und sagte: „Unsere Kinder besuchen den gleichen Kindergarten. Ich wollte dich mal kennenlernen“. Zweimal sind also Leute auf sie zugegangen, als sie noch nicht angekommen war und haben Signale gesendet: „Wir freuen uns, dass du da bist und würden gerne den Kontakt vertiefen.“ Punkt zwei: Aus dem freundlichen Miteinander entstehen kleine Hilfen, die noch unverbindlich sind. Hier ist die nachbarschaftliche Hilfe besonders wertvoll, weil sie nicht wie bei der Familie oder bei Freunden vorgegeben ist. Und der dritte Punkt ist dann die institutionalisierte Hilfe. Bürgerschaftliches Engagement geht oft von Organisationen oder Vereinen aus, als verlässliche Hilfe im Nahraum.

„Es reichen eigentlich sehr wenige
Menschen, um etwas in Gang zu setzen.“


Können Sie ein Beispiel nennen, wo bürgerschaftliches Engagement geholfen hat, die Beziehungen in einer Nachbarschaft zu verbessern?
Mir fallen die „Öcher Frönnde“ ein, also die Aachener Freunde. Das ist eine Nachbarschaftshilfe auf Gegenseitigkeit. Hier sind 130 Leute engagiert, die sich gegenseitig helfen. Wer Zeit mit einem „Öcher Frönnd“ verbringt, bekommt diese Stunden gutgeschrieben. Man sammelt Bonuszeit, kann sie abrufen oder auch an andere verschenken. In einem solchen System nimmt man leichter Hilfe an. Wenn ich mir etwas erspart habe und die Leute aus dem Umfeld ein bisschen kenne, dann nehme ich die Hilfe tatsächlich an. Und auch sehr wichtig ist, dass jeder mal Helfer und mal Geholfener ist.

Vernetzte Nachbarn

Eine gute Nachbarschaft kann die Lebensqualität erheblich verbessern. Leihen, tauschen, helfen, verabreden und feiern: Digitale Netzwerke wie nebenan.de und nextdoor.de versprechen mehr Gemeinschaft und weniger Anonymität unter Nachbarn.

Wie lässt sich in einer schwierigen Nachbarschaft das Miteinander verbessern?
Das ist nicht einfach. Man kann aber unter zwei Gesichtspunkten an die Frage herangehen: In einigen Häusern gibt es so etwas wie Kümmerer. Ihre Rolle sollte man stärker hervorheben, zum Beispiel auch in Reportagen. Oft reicht eine Familie, die anfängt zu grüßen, Pakete anzunehmen und Nachbarn zu besuchen.
Der zweite Punkt sind technische Lösungen. An der TU Chemnitz wird erforscht, wie sich in Hochhäusern Nachrichten auf medialen Wegen übermitteln lassen: Herr X im dritten Stock hat heute Geburtstag oder ähnliches. Das klingt banal, aber solche elektronischen Bretter können die Atmosphäre verändern. Weil die Leute sorgfältiger mit Eigentum umgehen, sich wohler fühlen und sich mehr mit ihrer Umgebung identifizieren.

Was kann ich tun, wenn ich an einen fremden Ort ziehe und mich allein fühle?
Sie können versuchen, Augenkontakt zu Menschen herzustellen, zu grüßen und nachzufragen, wenn es passt. Eine meiner Töchter war in ein Haus mit zehn Parteien gezogen und hatte die Nachbarn zu sich eingeladen. Es meldeten sich nur zwei, einer sagte ab, einer sagte zu. Sie hat sich aber nicht entmutigen lassen. Weil sie Parterre wohnte, übernahm sie die Paketannahme-Stelle. Als sie nach einiger Zeit auszog, war im Haus ein anderes Klima entstanden, Kinder wurden gehütet und Kindersachen ausgetauscht. Es reichen eigentlich sehr wenige Menschen, um etwas in Gang zu setzen. Das war auch die Botschaft meines Buches: den bürgerschaftlich Engagierten deutlich zu machen, welche große Bedeutung es hat, wenn sie zum Beispiel einem Kind beim Lesen lernen helfen oder einen Chor unterstützen.

Nichts verpassen!

Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 9: Heimat. GB, England, 1985: Eine Gruppe junger Backpackerinnen wartet am Flughafen. Symbolbild für das Aufbrechen, Suchen und Ankommen. Heimat ist Ort, Sehnsucht und Bedürfnis. Foto: Eve Arnold / Magnum Photos / Agentur Focus

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Interview: Angelika S. Friedl
Fotos: nebenan.de, MIRAHNEVA via Twenty20