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Nach Hause gehen

Seit 30 Jahren lebt der Journalist, Autor und Dramatiker Jörn Klare in Berlin. Als er überlegt, dort eine Wohnung zu kaufen, stellt er fest, dass er sich in der Stadt nicht wirklich heimisch fühlt. Zu Fuß macht er sich auf den Weg an den Ort seiner Kindheit und Jugend: Hohenlimburg. Welche Antworten hat er gefunden auf die Frage nach der Heimat?

Lesedauer ca. 6 Minuten

Nach Hause gehen: Drohnenflug über eine Dorfstraße, links Bäume, rechts vereinzelte Hausdächer. Autor Jörn Klare ging zu Fuß von Berlin nach Hohenlimburg. Die Frage nach der Heimat ließ ihn nicht los. Ein Gespräch über sein Buch „Nach Hause gehen“. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Radu Bercan / photocase.de

Jörn Klare, 1965 in Hohenlimburg geboren und zwischen Sauerland und Ruhrgebiet aufgewachsen, lebt seit mehr als 30 Jahren in Berlin. Die Frage nach der Heimat stellt sich für den mehrfach ausgezeichneten Autor von Sachbüchern, Theaterstücken und Radiofeatures zum ersten Mal, als er 2016 plant, eine Wohnung für sich und seine Familie zu kaufen. Was ist Heimat? Was bedeutet sie? Und warum ist sie wichtig? Klare geht diesen Fragen in seinem Buch „Nach Hause gehen. Eine Heimatsuche“ nach. Zu Fuß ging er dafür quer durchs Land, zurück an das Städtchen, in dem er aufgewachsen ist. Auf seinem Weg traf er Menschen, die ihm von ihrem Heimatgefühl erzählten. Wehmütig, traurig, glücklich, amüsant. Die Erkenntnis: Es gibt viele Definitionen von Heimat. Aber wenn sie eine Zukunft haben will, dann muss sich Heimat neu entfalten. Sich öffnen und weiterentwickeln.

Für Ihr Buch „Nach Hause gehen“ sind Sie 600 Kilometer von Berlin nach Hohenlimburg gewandert. Ist Heimat ein geografischer Ort?

Am Anfang habe ich versucht, mich dem Heimatbegriff abstrakt oder wissenschaftlich zu nähern. Aber eine schlüssige Erklärung dafür, was es nun genau ist, habe ich nicht gefunden. Ich denke, es ist eine persönliche Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Natürlich hat Heimat viel mit Geografie zu tun, mit dem Ort, an dem man aufgewachsen ist. Ich habe die ersten 21 Jahre in Hohenlimburg verbracht. Diese Stadt ist für mich prägend gewesen, ein Ort gelebter Erinnerungen. Meine Kindheit, meine Jugend sind mit Hohenlimburg verbunden. Deshalb ist Heimat für mich auch stark geografisch.

Sie haben Hohenlimburg vor 30 Jahren verlassen. Geht Heimat mit dem Begriff Verlust einher?

Ehrlich gesagt, habe ich mich selbst 30 Jahre lang überhaupt nicht damit beschäftigt. Nach meiner Wanderung und den dort gesammelten Erfahrungen aber habe ich festgestellt, dass Heimat oft dann zum Thema wird, wenn man sie verlassen oder verloren hat. Aus einer Distanz heraus entsteht das Bewusstsein für die Fragen: Was ist Heimat? Was war sie einmal? Oder was ist sie noch? Aus der Entfernung heraus bekommt Heimat eine viel größere Bedeutung. Entscheidend ist, worin der Verlust der Heimat begründet liegt. Die französische Politikerin und Holocaust-Überlebende Simone Veil hat einmal gesagt: „Andere zu entwurzeln, ist das schlimmste aller Verbrechen, aber sich selber zu entwurzeln die größte Errungenschaft.“

Nach Hause gehen: Drohnenflug über Rapsfelder. Jörn Klare ging zu Fuß von Berlin in den Ort seiner Kindheit. Er stellt fest: Aus der Entfernung bekommt Heimat eine viel größere Bedeutung. Ein Gespräch über seine Heimatsuche. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Falk S. / photocase.de

Zu Fuß quer durchs Land. Aus der Entfernung bekommt Heimat eine viel größere Bedeutung.

Nach Hause gehen: Drohnenflug über grüne Felder, zerschnitten durch zwei Straßen. Jörn Klare ging zu Fuß 600 km quer durchs Land. Heimat muss man schaffen, ist er überzeugt. Ein Gespräch über seine Heimatsuche. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: U. Gernhoefer / photocase.de

Sie haben sich Ihrer Heimat zu Fuß genähert. Fünf Wochen lang waren Sie unterwegs. Warum?

Ich war einmal ein passionierter Wanderer, bin durch die Pyrenäen und die Alpen gegangen. Das ist natürlich sehr anstrengend, aber beim Gehen kommt man aus meiner Erfahrung heraus auf gute Gedanken. Man reflektiert viel mehr. Als ich 1986 Hohenlimburg Richtung Berlin verließ, fuhr ich mit dem Zug. Damals stand die Mauer noch. Nun wollte ich die Landschaften zu Fuß durchqueren, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Heimat ist ein Thema, zu dem jeder irgendwie einen Bezug hat. Ich konnte den Menschen nahekommen, habe ihre Biografien kennengelernt, die nicht alle immer nur geradlinig verliefen.

Bei Ihren Begegnungen mit Menschen sind Sie auch auf die unterschiedlichsten Definitionen von „Heimat“ gestoßen. Zum Beispiel: „Heimat ist das, was mich trägt“ oder „Heimat ist ein Schicksal, dem man nicht entkommen kann“. Gibt es denn eine Erklärung, die Ihnen besonders naheliegt?

Alle Bezeichnungen haben ihre Berechtigung. Ich möchte da niemandem etwas absprechen, denn zuletzt beruhen die Aussagen auf einer rein subjektiven, sehr persönlichen Erfahrung. Die Unterschiede zwischen den Heimatgefühlen liegen in den Generationen, in der Umgebung, in der Zeit. Nüchtern betrachtet ist Heimat eine Beziehung zwischen Mensch und Raum, zwischen Herkunft und Zugehörigkeitsgefühl. Das ist der gemeinsame Nenner. Aber jeder interpretiert diese Beziehungen dann wiederum für sich selbst. Mir gefällt auch der Spruch: „Heimat ist nicht da, wo wir geboren sind, sondern wo wir begraben werden wollen.“

»Ob Wehmut oder Glück – der Heimatverlust war im Osten viel größer. Das brüchige Heimatgefühl wird nun umso mehr verteidigt.«

Sie sagen, Herkunft und das Gefühl von Zugehörigkeit seien für das Verständnis von Heimat mitverantwortlich. Ihr Weg führte Sie durch die neuen Bundesländer. Haben Sie Unterschiede zum Westen wahrgenommen?

Ja. Wobei die Unterschiede sich nicht auf die Grundperspektive von Heimat bezogen. Mir fiel auf, dass die Menschen auf dem ehemaligen Gebiet der DDR durch die Wende einen recht eindeutigen Bruch in ihrer Historie zu verzeichnen hatten. Ob es nun Wehmut war oder Glück – in der Gesamtbeobachtung war der Heimatverlust viel größer. Auch soziale Werte sind Heimat, und nach 1990 erodierte in den neuen Bundesländern das soziale System: Viele Lebensleistungen wurden komplett abgewertet, was oftmals zu großen Unsicherheiten und Orientierungslosigkeit geführt hat. Die Menschen im Osten wurden quasi zu Migranten in einem Land, in dem die Landschaft zwar die gleiche blieb, in dem sich aber das politische und gesellschaftliche System radikal veränderte. Was blieb war ein brüchiges Heimatgefühl, das nun umso mehr und vehementer verteidigt wird.

Neben Ostdeutschen trafen Sie auf Menschen aus Albanien, Griechenland, Polen, Afghanistan. Hat sich Ihr Heimatbegriff durch die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung oder Migration verändert?

Meine Erkenntnis aus diesen Begegnungen ist vor allem die, dass ich privilegiert bin. Ich gehe 600 Kilometer, erlebe eine der schönsten Reisen meines Lebens, um mich mit dem Heimatbegriff auseinanderzusetzen. Viele Menschen, die ich traf, kommen, weil sie in ihrem Land keine Zukunft mehr sehen, weil sie vertrieben wurden, weil sie Angst haben. In diesen Fällen, in denen man die Heimat so radikal verliert, wird sie existenziell.

»Ich erlebe eine der schönsten Reisen meines Lebens. Viele Menschen, die ich traf, kommen, weil sie in ihrem Land keine Zukunft sehen.«

Was, glauben Sie, bleibt einem nach dem Verlust der Heimat noch?

Eines der beeindruckendsten Erlebnisse meiner Reise war die Begegnung mit dem Benediktiner Mönch Bruder Andreas aus dem Sauerland. Ende der 1940er Jahre wurde er als Jugendlicher aus seiner schlesischen Heimat vertrieben. Das hat sein Leben komplett durcheinander geworfen, so dass er sich entschloss, Mönch zu werden. Was bleibt nach dem Verlust von Heimat? „Glaube“, so lautete seine Antwort. Es kann traumatisch sein, seine Heimat zu verlieren. Gerade dann, wenn man keine neue findet.

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Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 9: Heimat. GB, England, 1985: Eine Gruppe junger Backpackerinnen wartet am Flughafen. Symbolbild für das Aufbrechen, Suchen und Ankommen. Heimat ist Ort, Sehnsucht und Bedürfnis. Foto: Eve Arnold / Magnum Photos / Agentur Focus

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Ist denn Heimat, so wie wir sie kennengelernt haben, unter den Bedingungen der Globalisierung und der Allgegenwärtigkeit von Kommunikationsmöglichkeiten noch möglich? Oder gibt es Heimat demnächst als Ort im Internet oder in sozialen Medien?

Für mich nicht! Aber tatsächlich habe ich einen Mann getroffen, jünger als ich, der sagte: „Heimat ist da, wo sich mein Handy automatisch ins WLAN einloggt.“ Das würde ich so nicht sagen, denn Heimat ist gerade im Zuge von Globalisierung ein spannender Begriff, der nicht ins Konzept passt. Heute hier und morgen da, London, New York, Berlin. Darum sollte es nicht gehen. Sondern darum, dass man Verantwortung übernimmt für den Raum, in dem man lebt. Dass man sich engagiert, wenn kleine Läden schließen und durch Center ersetzt werden, dass man regionale Produkte kauft und versucht, Gentrifizierung aufzuhalten. Heimat ist im Zweifelsfall ein Globalisierungshemmnis.

Nach Hause gehen: Porträt des Autors Jörn Klare. Für sein Buch lief er 600 km von Ost nach West. Er ist überzeugt: Wir sollten Heimat als Utopie denken. Als Ort, an dem wir leben möchten. Ein Gespräch über seine Heimatsuche. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: privat

Jörn Klare ist überzeugt: Wir sollten Heimat als Utopie denken. Als Ort, an dem wir leben möchten.

Nach Hause gehen: Drohnenflug über Felder und Straße. Jörn Klare traf Menschen, die ihm von ihrem Heimatgefühl berichteten. Es gehe darum, Verantwortung zu übernehmen. Heimat muss man schaffen. Ein Gespräch über seine Heimatsuche. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: BeneA / photocase.de

Sie selbst sagen, man sollte Heimat aus der Zwangsjacke der Nostalgiker befreien.

Dass früher alles besser war, ist ein Grundgedanke von Romantikern. Immer dann, wenn große Umwälzungen stattgefunden haben und die Menschen sich überfordert fühlten, war die Heimat ein Sehnsuchtsort der heilen Welt. Ob in Folge der Französischen Revolution oder der Industrialisierung. Aber dieses Denken ist rückwärtsgewandt. Man sollte Heimat als Utopie, als eine Möglichkeit denken. Es geht darum, einen Ort zu schaffen, an dem man leben möchte. An dem auch Menschen, die hinzukommen, eine Zukunft haben können. Es geht nicht um Mauern oder Zäune, nicht um Verteidigung und Sicherheit, sondern: Wer Heimat bewahren will, muss sie öffnen und selbstbewusst entwickeln.

Sie sind zurückgekehrt in Ihre alte Heimat. Was war Ihre Erkenntnis?

Hohenlimburg hat 25.000 Einwohner. Ich kam an einem regnerischen Sonntagabend an. Nach fünf Wochen und 600 Kilometern. Es war sehr melancholisch. Ich sah schöne Ecken, aber auch Trostlosigkeit. Viele Geschäfte haben dicht gemacht, Ladenlokale waren verwaist. Der Ort war noch da, aber die Zeit war einfach eine andere. Ich hatte mich nach der Zeit von vor 30 Jahren gesehnt, nach meinen Erinnerungen, die mich mit den Ort verknüpften. Mein Heimweh war letztlich auch ein Zeitweh.

»Es nützt nichts, selbstmitleidig in der Fremde herumzusitzen. Man muss auf die Straße gehen und sich mit Leuten verknüpfen.«

Neben dem bereits erwähnten Bruder Andreas: Welche Begegnung ist Ihnen auf Ihrer Reise besonders in Erinnerung geblieben?

Ich erinnere mich an ein sehr erhellendes Gespräch an der Elbe. Dort hatte ein Mann, der aus dem Westen in den Osten gezogen war, einen Heimatverein gegründet. Das fand ich schräg. Bis heute ist er dort der Vorsitzende, und er hat dazu sogar noch eine Trachtengruppe ins Leben gerufen. Seit zwölf Jahren lebt er an dem neuen Ort und seine Meinung ist: „Heimat muss man sich schaffen.“ Und dieses Zitat hat mir tatsächlich die Augen geöffnet. Es nützt nichts, selbstmitleidig in der Fremde herumzusitzen. Man muss auf die Straße gehen und sich mit Leuten verknüpfen. Das hat dieser Mann radikal umgesetzt. Von ihm kann man etwas lernen.

Ihr Buch heißt „Nach Hause gehen“. Sie sind von Berlin nach Hohenlimburg gelaufen. Sind Sie sich des Weges immer noch sicher?

Meine Frau reagierte auf den Entschluss damals ebenso entgeistert. Sie sagte: „Wenn du nach Hause gehen willst, solltest du in Hohenlimburg starten und in Berlin ankommen.“ Ja, Berlin, meine Familie und meine Freunde sind tatsächlich mein Zuhause, meine neue Heimat. Aber Hohenlimburg ist meine alte Heimat, die verbunden ist mit der Kindheit und Jugend, die mich geprägt haben, im Guten wie im Schlechten. Aber wo ich begraben werden möchte, das weiß ich noch nicht.

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Nach Hause gehen: Cover des Buches „Nach Hause gehen. Eine Heimatsuche“ von Jörn Klare, erschienen bei Ullstein. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Ullstein Verlag

Jörn Klare: Nach Hause gehen. Eine Heimatsuche. Von Berlin wandert der Autor zurück an den Ort seiner Kindheit im Ruhrgebiet. Der Weg über 600 Kilometer ist Grundlage für eine persönliche Auseinandersetzung mit der Frage: Wohin gehöre ich in einer Welt, die sich immer schneller wandelt? Erschienen bei Ullstein.

Interview: Katja Hübner
Fotos: Radu Bercan / Photocase, Falk S. / Photocase, U. Gernhoefer / Photocase, privat (Autor), BeneA / Photocase, Ullstein Verlag