Prinzip Apfelbaum - Magazin über das, was bleibt

No. 9 – HEIMAT

Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 9: Heimat. GB, England, 1985: Eine Gruppe junger Backpackerinnen wartet am Flughafen. Symbolbild für das Aufbrechen, Suchen und Ankommen. Heimat ist Ort, Sehnsucht und Bedürfnis. Foto: Eve Arnold / Magnum Photos / Agentur Focus
© Eve Arnold / Magnum Photos / Agentur Focus

Editorial

Die ersten Erfahrungen, der vertraute Raum, in dem wir laufen und sprechen lernten; die Freunde und Nachbarn, das Essen, die Feste, die Sicherheit der Familie; das Paradies der Erinnerung, aus dem wir angeblich nicht vertrieben werden können. Was Heimat wirklich bedeutet, erfahren wir oft erst dann, wenn wir sie verlassen oder verlieren.

Heimat, dieses urdeutsche Wort, in andere Sprachen schwer übersetzbar und oft missbraucht, liegt wieder im Trend. Und doch tun wir uns damit schwer. Es waren die Nazis, die mit ihrer mörderischen Ideologie dafür sorgten, dass der Begriff Heimat entwürdigt wurde. Die nachfolgenden Generationen wollten davon nichts mehr wissen. Bis heute wieder einmal die Rechten Heimat als Kampfbegriff missbrauchen.

Aber die „Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein ‚Wir gegen die‘, als Blödsinn von Blut und Boden“, sagt unser Bundespräsident. Wir sollten einen offenen Zugang finden. Denn ist es nicht so: Da, wo ich einen Wert habe, wo ich mich einbringen kann und wohlfühle, da ist Heimat. Und: Alle Menschen sollten die Chance haben, sich verankern zu können.

Mit Heimat verbinden wir das Gefühl von Ankommen, Dazugehören, Geborgenheit und Glück. Das sollten wir uns nicht nehmen lassen. Deshalb nähern wir uns diesem so schwierigen Thema in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins aus unterschiedlichen Perspektiven.

Susanne Anger

Sprecherin der Initiative
„Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum"

Menschen

Nach Hause gehen

Seit 30 Jahren lebt der Journalist, Autor und Dramatiker Jörn Klare in Berlin. Als er überlegt, dort eine Wohnung zu kaufen, stellt er fest, dass er sich in der Stadt nicht wirklich heimisch fühlt. Zu Fuß macht er sich auf den Weg an den Ort seiner Kindheit und Jugend: Hohenlimburg. Welche Antworten hat er gefunden auf die Frage nach der Heimat?

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Nach Hause gehen: Drohnenflug über eine Dorfstraße, links Bäume, rechts vereinzelte Hausdächer. Autor Jörn Klare ging zu Fuß von Berlin nach Hohenlimburg. Die Frage nach der Heimat ließ ihn nicht los. Ein Gespräch über sein Buch „Nach Hause gehen“. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Radu Bercan / photocase.de

Impulse

Wo und was
ist Heimat?

Heimat ist eine Sehnsucht und ein Bedürfnis. Doch der Begriff hat seine Unschuld verloren. Kann es eine Heimat geben, ohne andere auszuschließen? Ist Heimat ohne Ort möglich? Zeit für ein neues Heimat-Konzept. Damit lässt sich nicht weniger als die Zukunft unserer Gesellschaft aushandeln.

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Wo und was ist Heimat: Fliegende Kohlmeise auf weißem Hintergrund. Symbolbild. Heimat ist eine Sehnsucht und ein Bedürfnis. Doch kann es eine Heimat geben, ohne andere auszuschließen? Zeit für ein neues Heimat-Konzept. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Bachkova Natalia / Shutterstock.com

Wissenswertes

Ein Dorf erfindet sich neu

Das sächsische Nebelschütz ist ein blühender Ort. Eine Heimat, in der Menschen bleiben, statt abzuwandern. Es gibt einen Babyboom und eine Warteliste für junge Leute, die bauen wollen. Während andernorts die Dörfer veröden, ist die sorbische Gemeinde schon immer einen etwas anderen Weg gegangen. Mit Ideen, Tradition und Gemeinsinn.

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Heimat mit Zukunft: Der Öko-Jungbauern Ignaz Wessela hält sich ein Mohnhörnchen als lachenden Munde vor das Gesicht. Die sächsische Gemeinde Nebelschütz. Während andernorts Dörfer veröden, erlebt die sächsische Gemeinde einen Boom. Heimat durch Ideen, Tradition und Gemeinsinn. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Antonina Gern

Unsere Lieblinge

Lesetipp

Lesetipp: Cover des Buches „Was wollen die denn hier?“ von Lucas Vogelsang und Joachim Król, erschienen bei Rowohlt. In Prinzip Apfelbaum – Magazin über das, was bleibt. Ausgabe: Heimat

Zwei Wessis, der Schauspieler Joachim Król und der Reporter Lucas Vogelsang, reisen quer durch die Republik, den Kopf voller Fragen. Die neuen Bundesländer seien ihm seltsam fremd geblieben, gesteht Król gleich zu Anfang. Er und Vogelsang lassen sich die Lebensgeschichten von zwölf ganz unterschiedlichen Menschen erzählen. Da ist der Landwirt, der seinen Acker direkt an der innerdeutschen Grenze bestellte und immer wieder zwischen die Fronten geriet. Der Betriebsleiter, der das Überwachungssystem stützte, um sein Werk zu retten. Oder die „Wossies“ aus Göttingen, die im Osten eine neue Heimat fanden. Die persönlichen Geschichten erzählen im Kleinen von den Umwälzungen im Großen. Sie zeigen, wie sehr die DDR die Biografien geprägt hat – und noch nicht vorbei ist.

Lucas Vogelsang, Joachim Król: „Was wollen die denn hier? Deutsche Grenzerfahrungen“. Rowohlt Verlag, 2019. 138 Seiten. 20 Euro.

Das Zitat

Zitat: Die Schauspielerin und Schriftstellerin Erika Mann auf einem Schiff in Finnland, fotografiert von Annemarie Schwarzenbach im Juni 1937. Prinzip Apfelbaum – Magazin über das, was bleibt. Ausgabe: Heimat. Foto: Schweizerische Nationalbibliothek, SLA-Schwarzenbach-A-5-17/060
© Schweizerische Nationalbibliothek, SLA-Schwarzenbach-A-5-17/060
Die Fremde ist herrlich,
solange es eine Heimat gibt,
die wartet.

Erika Mann

1905-1969, deutsche Schauspielerin, Kabarettistin, Schriftstellerin

Berühmte Testamente: Bildnis des jungen Franz Dominic Grassi, Öl auf Leinwand, 1820. In seinem Testament hinterließ Grassi seiner Heimatstadt Leipzig fast sein gesamtes Vermögen. Zahlreiche Bauwerke konnten damit errichtet werden. Ein Erbe für den guten Zweck. Prinzip Apfelbaum – Magazin über das, was bleibt. Ausgabe: Heimat. Foto: GRASSI Museum für Angewandte Kunst, Christoph Sandig
© GRASSI Museum für Angewandte Kunst / Christoph Sandig

BERÜHMTE TESTAMENTE

Franz Dominic Grassi

Seine Familie stammte aus Italien. Seine Heimat aber war Leipzig, wo er 1801 geboren und 1829 eingebürgert wurde. Franz Dominic Grassi fühlte sich der Stadt so stark verbunden, dass er ihr am Ende seines langen Lebens fast sein gesamtes Erbe hinterließ: über 2,3 Millionen Mark. Zu diesem beachtlichen Vermögen hatte es der geschickte Kaufmann durch den Handel mit russischen Produkten, Indigo und Südfrüchten gebracht. Zu einem geachteten Bürger wurde er durch seinen Gemeinsinn: Obwohl selbst sparsam, bot er vielen Leipzigern in Notsituationen spontane Hilfe oder Darlehen an. Als der Junggeselle 1880 starb, bedachte er Patenkinder, entfernte Verwandte und Bedienstete. Mit dem größten Teil seines Vermögens machte er aber allen Leipzigern ein bleibendes Geschenk, um es für „Annehmlichkeiten und Verschönerungen unserer Stadt zu verwenden“, wie Grassi in seinem Testament formulierte. Damit konnten unter anderem das Gebäude der Stadtbibliothek, das Grassimuseum, der Mendebrunnen und das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gewandhaus in der heutigen Grassistraße errichtet werden. So ist Grassi bis heute eng mit seiner Heimat verbunden.

56 %

Die Zahl

Über die Hälfte der Deutschen leben – immer noch oder wieder – am Ort ihrer Kindheit oder in der nahen Umgebung. Das ergab eine Yougov-Umfrage im Mai 2017. Umgekehrt bedeutet das auch: Vier von zehn Deutschen leben nicht mehr an ihrem Herkunftsort. Sie haben eine neue Heimat gefunden, suchen noch oder betrachten vielleicht sogar mehrere Orte als ihre Heimat. Nicht berücksichtigt wurden in der Umfrage die rund 9,4 Menschen, die in Deutschland leben, aber keine deutsche Staatsbürgerschaft haben.

Schon gewusst?

Über Grenzen hinweg

Vererben über Landesgrenzen hinweg – eine manchmal komplizierte Situation. Ein Beispiel: Ein deutscher Staatsangehöriger lebt seit Jahren auf seinem spanischen Weingut. Als er dort verstirbt, hinterlässt er das Weingut sowie ein Haus in Köln. Welches nationale Recht gilt nun? Welches Gericht ist zuständig? Und wie lässt sich Erbenstellung nachweisen? Innerhalb der EU regelt all das die EU-Erbrechtsverordnung. Sie legt fest, dass ein und derselbe Erbfall vor den Gerichten nur eines Staates nach dem dort geltenden Recht abgewickelt werden soll. Grundsätzlich gilt das Recht des Landes, in dem der Erblasser zum Zeitpunkt seines Todes seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte. Im Fall des Weingutbesitzers wäre spanisches Recht anwendbar und spanische Gerichte wären zuständig. Aber: Der Erblasser hätte auch die Möglichkeit gehabt, in seinem Testament festzulegen, dass sein Heimatrecht angewendet wird.

Michael Beuger, Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE

Das tut gut

Das tut gut: Eine Sozialarbeiterin und Waisenkindern schaukeln gemeinsam. Im Kongo gibt das Kinderhilfswerk ChildFund Straßenkindern ein Zuhause. ChildFund ist Mitglied der Initiative

Zuhause für Straßenkinder

20 Jahre Gewalt haben im Kongo unzählige Familien zerstört und die Armut vertieft. Eine soziale Katastrophe, in der viele Kinder als Ausgestoßene auf der Straße gelandet sind, wo sie schutzlos Ausbeutung und Missbrauch ausgesetzt sind. In der Provinz Süd-Kivu gibt ihnen ChildFund ein Zuhause: Sie werden versorgt, bekommen ein eigenes Bett, saubere Kleidung und können zur Schule gehen. Wichtigstes Ziel bleibt die Zusammenführung mit den Familien: ChildFund sucht die Angehörigen und schafft behutsam eine Basis für Versöhnung.

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Das tut gut: Luftaufnahme des Kinderhauses

Kinderhaus Pusteblume

Wenn ein Kind unheilbar erkrankt, braucht die Familie Unterstützung. In Burg (Spreewald) entsteht das Johanniter-Kinderhaus „Pusteblume“. Hier werden ab Mai 2020 schwerstkranke Kinder und Jugendliche versorgt. Für die Familien wird ein vertrauensvolles Umfeld geschaffen, um in dieser schweren Situation Normalität und Geborgenheit zu erleben. Neben einem Hospiz wird es im Kinderhaus „Pusteblume“ eine ambulant betreute Wohngruppe für schwerkranke Kinder geben – ein einzigartiges Projekt, ermöglicht auch durch eine großzügige Erbschaft.

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Das tut gut: Drohnenflug über das Elbetal, Blick auf den Nebenarm großer Streng. Mit Unterstützung der Heinz Sielmann Stiftung sollen die Altarme wieder mit der Elbe verbunden werden. Die Heinz Sielmann Stiftung ist Mitglied der Initiative

Auen im Elbetal retten

Seeadler, Fischotter, Schwarzstorch und Lachs konnten sich hier ansiedeln. Sogar die Sibirische Schwertlilie gedeiht an den alten Seitenarmen der Mittelelbe zwischen Mühlberg und der Saalemündung. Doch die Altgewässer verlanden zunehmend und drohen zu verschwinden. Durch Förderung, Spenden und den Einsatz der Heinz Sielmann Stiftung sollen die Altarme Alte Elbe Bösewig, Bleddiner Riss und Klödener Riss wieder an die Elbe angebunden werden. Ufer- und Auenstrukturen werden wiederhergestellt, um die ökologischen Funktionen zu erhalten.

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Das tut gut: Famingos fliegen über Flachwasser in der Saline Ulcinj. Dank des öffentlichen Drucks durch die EuroNatur Stiftung steht das Vogelparadies endlich unter Schutz. EuroNatur ist Mitglied der Initiative

Gemeinsam für Europas Zugvögel

In die Saline in Ulcinj kommen jedes Jahr viele Tausend Zugvögel. Doch es gibt Pläne, den 1.500 Hektar großen Salzgarten in Montenegro für den Massentourismus auszubauen. Gemeinsam mit ihren Partnern und unterstützt von zahllosen Menschen weltweit kämpft die EuroNatur Stiftung hartnäckig für den Erhalt des Vogelparadieses. 15 Jahre dauerte das Ringen. Seit Juni steht die Saline in Ulcinj nun endlich unter Schutz. Ohne effektiven Schutz, kein EU-Beitritt Montenegros, stellte u.a. das EU-Parlament klar. Ein Etappensieg für die Natur.

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Ausblick Nov. 2019 LOSLASSEN

Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 10: Loslassen. England, Somerset, 1986: Frau und Kind wälzen sich im Herbstlaub. Symbolbild für das Loslassen und Verzeihen, für Abschied und Weitergeben. Foto: Stuart Franklin / Magnum Photos / Agentur Focus

Süßer als Rache. Warum sich Verzeihen lohnt und wie es gelingen kann.

In gute Hände. Beatrice Rodenstock über den Abschied vom Lebenswerk.

Wir sterben sowieso. Über einen gelassenen Umgang mit der Endlichkeit.

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