Prinzip Apfelbaum - Magazin über das, was bleibt

No. 12 – BEWAHREN

No. 12 – BEWAHREN

Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Ausgabe 12: BEWAHREN. Frankreich. Paris. Jardin des Planes. 1991: Schulkinder bestaunen ein Dinosaurier-Modell. Symbolbild. Was lohnt sich zu erhalten? Wie nutzt das Bewährte der Zukunft? Was können wir tun, damit etwas bleibt? Foto: Richard Kalvar / Magnum Photos / Agentur Focus
© Richard Kalvar / Magnum Photos / Agentur Focus

Editorial

Schaut man in ein Wörterbuch, findet man viele Bedeutungen für das Bewahren. Bewahren heißt erhalten, schützen und retten, sichern und konservieren. Bewahren heißt aber auch verteidigen. Oft benutzen wir das Wort zusammen mit „Es lohnt sich…“.

Und tatsächlich, es lohnt sich, lieb gewordene Dinge aufzuheben. Das zerfledderte Fotoalbum oder die schöne Rosentasse, aus der Oma nur am Sonntag den Kaffee trank. Was für andere nur ein belangloser Gegenstand ist, ist für uns mit Erinnerungen aufgeladen. Sie zu bewahren, stützt unsere eigene Geschichte, unsere Identität. Es lohnt sich, das zu retten und zu schützen, was unser Planet an Schönheit und Vielfalt bietet. Deshalb ist das Naturkundemuseum ein spannender Ort. Die Sammlungen bewahren nicht nur Schätze unserer Natur, sie befördern auch das Nachdenken über die Zukunft. Es lohnt sich genauso – und besonders in den gegenwärtig schwierigen Zeiten – unsere Liebe und Zuneigung zu anderen Menschen zu bewahren. Die Zuversicht zu behalten, dass es wieder besser werden wird. Und unsere Werte zu verteidigen: Gemeinsinn und Mitgefühl. Zusammenhalt. Die Achtung von Wahrheit und Meinungsfreiheit.

Ja, es lohnt sich, zu bewahren, was uns schon immer wichtig war und auch in Zukunft Bestand haben soll. Sei es die Kaffeetasse, eine vielfältige Natur oder eine solidarische Welt. Was wollen Sie bewahren? Lassen Sie sich von unserer neuesten Magazin-Ausgabe inspirieren.

Susanne Anger

Sprecherin der Initiative
„Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“

Menschen

Bewahren für die Zukunft

Johannes Vogel, 57, ist einer, der seinen eigenen Weg geht. Der Professor der Botanik leitet seit 2012 das Museum für Naturkunde Berlin. Das Museum bewahrt eine fantastische Sammlung von über 30 Millionen Objekten, darunter Tristan Otto, das Originalskelett eines T. rex. Doch Johannes Vogel will mehr: Das Museum ist für ihn der ideale Ort, um die Zukunft auszuhandeln.

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Bewahren für die Zukunft: Ein im Sprung nach einem Ara jagender Jaguar, Präparate des Museums für Naturkunde Berlin. Das Museum bewahrt eine Sammlung von über 30 Millionen Objekten und ist zugleich ein Ort, um die Zukunft auszuhandeln. Im Gespräch mit Direktor Johannes Vogel. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Carola Radke/MfN

Wissenswertes

Geschichte wird gemacht

Zeitgeschichte spiegelt sich gerade in den vermeintlich kleinen Dingen und ganz persönlichen Erlebnissen. Umso wichtiger ist es, das Erlebte weiterzutragen, in die Öffentlichkeit oder die eigene Familie. Denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und verantwortungsbewusst handeln.

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Geschichte wird gemacht: Öffnung im deutsch-deutschen Grenzzaun zwischen Ullitz (Bayern)/Blosenberg (Bezirk Karl-Marx-Stadt, heute Sachsen), November 1989. Nur wer die Geschichte kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Wie helfen Zeitzeugen dabei, die Vergangenheit zu bewahren und für heute zu nutzen? In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Hans Hermann Hoyer/CC BY-NC-ND

Impulse

Die Dinge unseres Lebens

Einen Haushalt aufzulösen, ist mehr als nur eine Sperrmüllaktion. Die Dinge des Alltags, die Lieblingssachen der Verstorbenen, die Fotos und Briefe, auf die man beim Aufräumen stößt: All das weckt Erinnerungen, auch Überraschungen sind möglich. Ein Nachlass ist immer eine Reise in die Vergangenheit – in die der Verstorbenen und oft genug auch in die eigene.

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Dinge unseres Lebens: Eine Auswahl von Vintage-Sammlerstücken. Einen Nachlass aufzulösen, ist mehr als nur eine Aufräumaktion. Beim Stöbern macht man Entdeckungen, die die eigenen Erinnerungen neu ordnen und den Blick auf die Vergangenheit verändern. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Rabie Madaci on Unsplash

Unsere Lieblinge

Lesetipp

Lesetipp: Cover des Buches „Wunderkammer der deutschen Sprache“, Hg.: Thomas Böhm, Carsten Pfeiffer, erschienen bei Das Kulturelle Gedächtnis, 2019. In Prinzip Apfelbaum – Magazin über das, was bleibt. Ausgabe: Bewahren

Dieses Wörter-Buch schwelgt in der Vielfalt und Fülle der deutschen Sprache, mal historisch, mal poetisch, mal witzig, mal alles zusammen. Eine Einladung, sich Wörter auf der Zunge zergehen zu lassen und ihrem Hintersinn zu begegnen. Kuriose Ortsnamen stehen neben Wortschöpfungen von Luther, den Namen deutscher Punkbands und Goethes Liebesbekundungen. Vom ständigen Wandel der Sprache zeugen fast ausgestorbene Wörter wie Kaltmamsell. Mancher Versuch, die Sprache von Fremdwörtern reinzuhalten, scheiterte: Aus dem Journal wurde zwar das Tagebuch, doch das Lotterbett konnte das Sofa nicht verdrängen. Die Wunderkammer ist eine Entdeckungstour – durch einen Reichtum, den es allemal zu bewahren lohnt.

Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hrsg.) Die Wunderkammer der deutschen Sprache. Sachbuch. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, 2019. Gebunden. 304 Seiten. 28 Euro.

Das Zitat

Zitat: Porträtfoto von Willy Brandt, SPD-Politiker und ehemaliger Bundeskanzler, 1983. Prinzip Apfelbaum – Magazin über das, was bleibt. Ausgabe: Bewahren. Foto: picture alliance / AP Images
© picture alliance / AP Images
Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muß verändern,
was der Erneuerung bedarf.

WILLY BRANDT

1913-1992, deutscher Politiker, 4. Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland

Berühmte Testamente: Robert Bosch mit einem Fahrrad, um 1890. Der verantwortungsbewusste Unternehmer spendete seinen Gewinn teils gemeinnützig ein und gründete die Robert Bosch Stiftung. Ein Testament für den guten Zweck. Prinzip Apfelbaum – Magazin über das, was bleibt. Ausgabe: Bewahren. Foto: Robert Bosch GmbH, Unternehmensarchiv
© Robert Bosch GmbH, Unternehmensarchiv

BERÜHMTE TESTAMENTE

Robert Bosch

Er ist seiner Zeit in vielem voraus: 1861 als eines von 12 Geschwistern auf der Schwäbisch Alp geboren, studiert Robert Bosch nie an einer Hochschule. Dennoch richtet er seine 1886 gegründete „Werkstätte für Feinmechanik konsequent auf technische Innovationen aus, unter anderem für die gerade aufkommenden Automobile. Bosch ist ein erfolgreicher ebenso wie verantwortungsbewusster Unternehmer. Schon 1906 führt er den Acht-Stunden-Tag ein und ermöglicht seinen Mitarbeitern die Aus- und Fortbildung: „Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle.“ Regelmäßig spendet der „rote Bosch“ großzügige Teile seines Gewinns für gemeinnützige Zwecke. Als Robert Bosch 1942 stirbt, widmet er seinen Nachlass, „neben der Linderung von allerhand Not vor allem auf die Hebung der sittlichen, gesundheitlichen und geistigen Kräfte des Volkes hinzuwirken.“ Die Robert Bosch Stiftung erhält 92 Prozent der Anteile am Unternehmen und fördert damit bis heute Gesundheit, Völkerverständigung, Bildung und Erziehung, Kunst und Wissenschaften.

173.876

Die Zahl

Die Biodiversity Heritage Library ist eine Schatzkiste: Hier werden naturhistorische Bücher über Tiere und Pflanzen, die weltweit verstreut in Bibliotheken stehen, digitalisiert und Forschenden zur Verfügung gestellt. Viele der Schriften sind über 100 Jahre alt, manche stammen sogar aus dem 15. Jahrhundert. Das Beste: Über 170.000 Illustrationen gibt es jetzt online zum Staunen und freien Herunterladen – beeindruckende Zeichnungen etwa von Blumen, Kraken und sogar einer Meerjungfrau. Sie helfen, die Folgen der Klimakrise zu erforschen – und zeigen, welche Vielfalt in Gefahr ist.

Schon gewusst?

Was darf in den Reißwolf?

Sie schlummern in vielen Aktenordnern: alte Kontoauszüge, Rechnungen, Verträge, Urkunden. Welche Unterlagen können weg und welche sollte man besser aufbewahren? Das fragen sich vor allem Erben, die die Dokumente genauso wie die Rechte und Pflichten des Verstorbenen übernehmen. Eine verbindliche erbrechtliche Vorgabe gibt es dafür nicht, aber Orientierung: Für private Unterlagen gelten – anders als viele meinen – so gut wie keine Aufbewahrungspflichten. Sie sollten jedoch so lange aufgehoben werden, bis die Angelegenheit erledigt bzw. die Verjährungsfrist abgelaufen ist. Nur von einigen Dokumenten wie wichtigen Urkunden sollte man sich niemals trennen. Anders sieht es aus, wenn der Erblasser z.B. ein Handelsgewerbe betrieben hat. Dann müssen Handelsbücher, Inventare, Eröffnungsbilanzen und Jahresabschlüsse zehn Jahre, Steuerunterlagen sechs bzw. zehn Jahre aufbewahrt werden. Der Rat in diesem Fall: Fallstricke vermeidet, wer sich rechtlich beraten lässt.

Michael Beuger, Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE

Ratgeber

Großeltern als Vorbilder: Ein Junge beim Holzhacken. Symbolbild. Oma und Opa sind wichtige Vorbilder für ihre Enkel. Nebenbei geben sie Werte weiter und vermitteln Identität. Wie, das erklärt Anton A. Bucher im Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: darby via Twenty20

Großeltern: Wichtige Vorbilder für die Enkelkinder

Wie lernen Kinder, was Gerechtigkeit ist? Wie bringt man ihnen bei, hilfsbereit zu sein? Entscheidend sind gute Vorbilder. Dabei können Großeltern eine wichtige Rolle spielen, meint der Anton A. Bucher, Religionspädagoge an der Universität Salzburg. Ganz nebenbei geben Oma und Opa an ihre Enkel weiter, was ihnen wichtig ist.

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Großeltern als Vorbilder: Ein Junge beim Holzhacken. Symbolbild. Oma und Opa sind wichtige Vorbilder für ihre Enkel. Nebenbei geben sie Werte weiter und vermitteln Identität. Wie, das erklärt Anton A. Bucher im Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: darby via Twenty20
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Großeltern: Wichtige Vorbilder für die Enkelkinder

Wie lernen Kinder, was Gerechtigkeit ist? Wie bringt man ihnen bei, hilfsbereit zu sein? Entscheidend sind gute Vorbilder. Dabei können Großeltern eine wichtige Rolle spielen, meint der Anton A. Bucher, Religionspädagoge an der Universität Salzburg. Ganz nebenbei geben Oma und Opa an ihre Enkel weiter, was ihnen wichtig ist.

Großeltern als Vorbilder: Großvater und Enkelsohn auf dem Traktor. Symbolbild. Oma und Opa sind wichtige Vorbilder für ihre Enkel. Nebenbei geben sie Werte weiter und vermitteln Identität. Wie, das erklärt Anton A. Bucher im Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: lietjepietje via Twenty20

Herr Professor Bucher, was bedeutet die Corona-Krise für das Verhältnis von Großeltern zu ihren Enkeln?
Das ist ein sehr, sehr tragischer Kontext, in dem unser Gespräch stattfindet. Zweimal jeden Abend wird hier in Österreich im Fernsehen ein kurzer Film mit der Aussage ausgestrahlt: „Wenn Großeltern geliebt werden, sollen sie in Zeiten wie diesen nicht besucht werden“. Das ist schmerzhaft, für Großeltern wie für Enkelkinder. Umso größer wird die Freude sein, wenn sich die drei Generationen wieder umarmen dürfen. Vieles schätzen wir Menschen erst dann so richtig, wenn wir es entbehren müssen.

»Heutige Großeltern versuchen, eine Balance zu finden zwischen eigenen Bedürfnissen und Zeit mit den Enkeln.«


Wie sehr wollen Großeltern heutzutage überhaupt noch Großeltern sein?
Zunächst muss man die demografischen Veränderungen beachten. Wenn um 1900 ein Kind auf die Welt kam, lebten vielleicht ein oder zwei Großeltern. Heutzutage haben Kinder aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung meist noch alle vier Großeltern. Das ist eine großartige Errungenschaft. Immer mehr Kinder können eine viel längere Zeit ihre Großeltern erleben. Viele Untersuchungen zeigen, dass die heutigen Großeltern versuchen, eine Balance zu finden zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und Zeit mit den Enkeln. Eine überwältigende Mehrheit will bei der Betreuung unterstützen, aber gleichzeitig nicht in die Erziehung der Enkel und Enkelinnen eingreifen.

»Großeltern können als Ausgleich zu Eltern wirken.«


Wie sieht die Unterstützung der Großeltern konkret aus?
Das ist natürlich in unserer individualistischen Gesellschaft sehr unterschiedlich. Es gibt Großeltern im einstelligen Prozentbereich, die anstelle der Eltern die Erziehung der Enkel übernehmen müssen. Auf der anderen Seite haben wir eher distanzierte Großeltern, die nur am Geburtstag und an Weihnachten an die Enkel denken. Eine schöne Studie aus der Schweiz hat aber gezeigt, dass Großeltern sehr ausgleichend wirken können. Zum Beispiel wenn Großeltern bemerken, dass ihre Kinder eine Art Laissez-faire-Erziehung praktizieren. Dann intervenieren sie mehr, versuchen Grenzen zu setzen und Werte zu vermitteln, die sich in ihrem eigenen Leben gut bewährt haben. Wenn Eltern ihre Kinder dagegen streng erziehen, was teilweise noch vorkommt, tendieren die Großeltern dazu, großzügiger zu sein.

Großeltern sind also ein bisschen gelassener im Umgang mit den Enkeln?
Ja, unbedingt. Sie können sich erinnern, ähnliche Probleme mit den eigenen Kindern erlebt und diese doch gelöst zu haben. Das Leben ist in einer guten und sinnvollen Weise weiter gegangen. Solche Erinnerungen können Gelassenheit schenken. Enkel bestätigen diese Eigenschaft ihrer Großeltern. Die Großeltern seien cooler, nicht so ernst und eben gelassener als die Eltern.

Großeltern als Vorbilder: Großeltern mit ihrer erwachsene Enkeltochter. Symbolbild. Oma und Opa sind wichtige Vorbilder für ihre Enkel. Nebenbei geben sie Werte weiter und vermitteln Identität. Wie, das erklärt Anton A. Bucher im Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: crislari27 via Twenty20

»Großeltern vermitteln Familienidentität. Sie zeigen mir, wo meine Wurzeln sind.«


Was schätzen Enkel noch an ihren Großeltern?
Eine lange Ehe zu führen. Sich eine Existenz aufgebaut zu haben. Oder die Krisen, die es ja in jedem Leben gibt, bewältigt zu haben. Und nicht zuletzt schätzen Enkel das Gefühl einer Familienidentität. Also das tiefe menschliche Bedürfnis, irgendwie und irgendwo Wurzeln zu haben, dazuzugehören. Meine Großeltern können mir einfach durch ihre Existenz zeigen, wo meine Wurzeln sind.

Welche Werte wollen Großeltern besonders vermitteln?
Viele Großeltern sind gefragt worden, welche Werte sie weitergeben wollen. Die meisten wollen das aber gar nicht bewusst tun, sondern diese eher durch ihre Lebensweise vermitteln. Es geht ihnen vor allem um Werte, die sich in ihrem eigenen Leben bewährt haben.

Welche Werte sind das?
Soziale Werte. Wohlwollen gegenüber anderen Menschen zeigen, vertrauenswürdig und verlässlich sein. Sich also nicht nur auf das eigene Ego zu konzentrieren. Dazu gehört auch ein gewisser Fleiß und Durchhaltevermögen in Krisen.

»Großeltern profitieren auch von ihren Enkeln. Das ist intergenerationelles Lernen.«


Profitieren Großeltern auch von ihren Enkeln?
Ja, natürlich. Die Rollen sind dann umgekehrt. Wenn zum Beispiel die Oma WhatsApp nutzt und dabei von den Enkelkindern angeleitet wird. Die Quote der Großeltern, die mit ihren Kindern digital kommunizieren, ist übrigens gar nicht so klein. Das ist intergenerationelles Lernen, gegenseitiges Geben und Empfangen.

Wie viele Großeltern helfen ihren Kindern und Enkeln bei finanziellen und anderen Problemen?
Den meisten Großeltern ist die bestmögliche Zukunft ihrer Enkel ein sehr großes Anliegen. Dazu gehören auch finanzielle Transferleistungen. Großeltern leisten aber auch immens viel Betreuungsarbeit bei kleineren Kindern. Teilweise verbringen sie mehr Stunden erzieherisch mit ihren Enkeln als die Lehrer in der Schule. Das ist ein bewundernswertes Engagement. Es heißt ja immer, wir würden in einer narzisstisch geprägten Gesellschaft leben. Aber Werte wie Familie, Zusammengehörigkeit, Solidarität haben immer noch einen sehr hohen Stellenwert, vielleicht einen höheren als individualistische Ideale.

»Durch die Art, wie Großeltern ihr Leben gelebt haben, übernehmen sie eine tragende Vorbildrolle.«


Fällt Ihnen ein Lied, ein Gedicht oder ein Bild ein, in dem Großeltern besonders liebevoll erwähnt werden?
Einer meiner Lieblingssongs stammt von der Austriapop Gruppe S.T.S., die mit dem Lied „Großvater“ bekannt geworden sind. Darin gibt es eine wunderschöne Formulierung, wenn der Enkel in Gedanken zu seinem Großvater sagt: „Durch die Art, wie du dein Leben gelebt hast, habe ich eine Ahnung bekommen, wie man es vielleicht schafft“. Ich glaube, prägnanter kann man die tragende Vorbildrolle vieler Großeltern nicht umschreiben.

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Großeltern als Vorbilder: Cover des Buches „Lebensernte“ von Anton A. Bucher. Großeltern sind wichtige Vorbilder für ihre Enkel. Nebenbei geben Oma und Opa Werte weiter und vermitteln Identität. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Jude Infantini/Unsplash, Springer Verlag

Anton A. Bucher: Lebensernte. Psychologie der Großelternschaft. – Heutige Großeltern begleiten ihre Enkel über eine ganze Lebensspanne. Der Religionspädagoge Anton A. Bucher lädt ein, diese Etappe als Ressource für ein gelungenes Leben zu entdecken – für sich selbst wie für die Enkel. Erschienen bei Springer, 2019.

INTERVIEW: Angelika S. Friedl
FOTOS: darby/Twenty20, lietjepietje/Twenty20, crislari27/ Twenty20, Jude Infantini/Unsplash, Springer Verlag

Werte weitergeben: Ein in einen Baum geschnitztes Herz. Symbolbild. Immer mehr Menschen wollen mit ihrem Erbe Gutes tun. Wie kann man Werte weitergeben und worauf sollte man bei Testamentsspenden und Zustiftungen achten? Ein Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: arthurbraunstein/Photocase.de

Werte bewahren: Weitergeben, was wichtig ist

Ob mit Spenden, einem Ehrenamt oder kleinen Gesten im Alltag – viele Menschen versuchen dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Immer mehr wollen auch mit ihrem Erbe Gutes tun. Wie kann man die eigenen Werte bewahren und das, was einem wichtig ist, an die nächste Generation weitergeben? Und worauf sollte man achten?

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Werte weitergeben: Ein in einen Baum geschnitztes Herz. Symbolbild. Immer mehr Menschen wollen mit ihrem Erbe Gutes tun. Wie kann man Werte weitergeben und worauf sollte man bei Testamentsspenden und Zustiftungen achten? Ein Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: arthurbraunstein/Photocase.de
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Werte bewahren: Weitergeben, was wichtig ist

Ob mit Spenden, einem Ehrenamt oder kleinen Gesten im Alltag – viele Menschen versuchen dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Immer mehr wollen auch mit ihrem Erbe Gutes tun. Wie kann man die eigenen Werte bewahren und das, was einem wichtig ist, an die nächste Generation weitergeben? Und worauf sollte man achten?

Martina Herrmann* – kleine Frau, fröhliche Augen – schaut auf den Stapel Überweisungsträger. Sie überlegt kurz, dann zuckt sie mit den Schultern. Etwas Gutes zu tun, anderen zu helfen, das sei ihr immer schon wichtig gewesen. Und so spende sie eben regelmäßig von ihrer Rente ein paar Hundert Euro im Jahr für den guten Zweck. Der 77-Jährigen aus dem Süden Brandenburgs liegen soziale Dienste und das Theater ihrer Stadt am Herzen. Sie unterstützt aber auch den Kampf gegen Krebs und hilft im Katastrophenfall. Außerdem blickt sie in die Zukunft. Sie fragt sich, was einmal werden soll, wenn sie nicht mehr ist. Mit ihrem Erbe würde sie gerne weiter helfen.

Mit diesem Wunsch ist Martina Herrmann nicht allein. Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kann sich mehr als jeder Vierte der über 50-Jährigen vorstellen, sein Vermögen oder einen Teil davon für einen guten Zweck zu hinterlassen. „Das ist bemerkenswert, vor sechs Jahren war es noch jeder Zehnte“, sagt Susanne Anger, Sprecherin der Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“. Bei denjenigen, die selbst keine Kinder haben, wäre heute sogar jeder Zweite dazu bereit.

Was bewegt Menschen wie Martina Herrmann zu so einer Entscheidung? Auch danach hat die GfK gefragt: Sie wollen ihre Werte und das, was ihnen im Leben wichtig ist, weitergeben. Das sagten mehr als 40 Prozent.

Werte weitergeben: Rückansicht eines älteren Mannes bei der Apfelente. Symbolbild. Viele Menschen wollen mit dem Erbe Gutes tun. Wie kann man Werte bewahren? Was soll bleiben? Welche Organisation ist die richtige? Ein Ratgeber. In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: mister_pretty_pictures via Twenty20

Auf das eigene Leben schauen

Allerdings ist es manchmal gar nicht so einfach herauszufinden, was einem wirklich wichtig ist. Susanne Anger erlebt auf ihren Veranstaltungen des Öfteren, dass das Publikum buchstäblich mit gespitztem Stift auf Informationen und Empfehlungen wartet. „Ich rate den Leuten immer, sich Zeit zu nehmen, in sich hineinzuhören und auf das eigene Leben zu schauen. Was hat mich geprägt? Was habe gerne gemacht? Wo wurde mir geholfen? Was vermisse ich heute vielleicht?“ So nähere man sich Stück für Stück weiteren Fragen, meint Anger. „Wem und wo will ich helfen? Möchte ich zum Beispiel, dass Kinder auf dieser Erde genug zu essen haben oder ist mir eine Krankheit wichtig, die besser erforscht werden soll? Möchte ich etwas in meinem unmittelbaren Umfeld bewirken oder anderswo auf der Welt? Nach einer solchen inneren Befragung kann man sich Stichpunkte aufschreiben, die bei der Orientierung helfen.“

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Über Hilfsorganisation, Verein oder Stiftung informieren

Im nächsten Schritt sucht man sich Organisationen, die das Anliegen teilen und die einem sympathisch sind. Eine gute Auswahl findet sich zum Beispiel beim Bundesverband Deutscher Stiftungen oder bei der Initiative „Mein Erbe tut Gutes“. Aber: „Der erste Eindruck allein ist nicht entscheidend“, betont Susanne Anger. „Informieren Sie sich über die Organisation und scheuen Sie sich nicht, nachzufragen.“

Richtig spenden

Gerade auch bei testamentarischen Zuwendungen gilt: Wer noch nicht weiß, für wen er spenden möchte, sollte sich vorher ein genaues Bild der Organisation machen. Hilfreiche Tipps hält u.a. die Stiftung Warentest in ihrem Ratgeber „Richtig spenden: Worauf Spender achten sollten“ bereit.

Beim Blick auf die Internetseiten oder in die Jahresberichte wird schnell klar, welche Ziele ein Verein oder eine Stiftung verfolgt, wem Spenden und Erbschaften zugutekommen und ob das den eigenen Vorstellungen entspricht. Ist die Organisation vertrauenswürdig? Wie auskunftsfreudig sind die Mitarbeitenden am Telefon oder im persönlichen Gespräch? Sehr zu empfehlen: den Namen der Organisation in eine Suchmaschine im Internet eingeben oder die Spenderberatung des Deutschen Zentralinstituts für Soziale Fragen (DZI) befragen. Wird vor ihr gewarnt? Gab es in der Vergangenheit Probleme beim Umgang mit den Spenden? All das findet man hier schnell heraus.

Auf Qualitätssiegel achten

Dass das Geld in gute Hände gelangt, dafür bürgen verschiedene Gütesiegel. Vielen ist das DZI-Spendensiegel bekannt. Aber auch das Spendenzertifikat des Deutschen Spendenrats oder eine Beteiligung an der Initiative Transparente Zivilgesellschaft sind gute Indikatoren für Seriosität. Zahlreiche Organisationen besitzen außerdem das Erbschaftssiegel. Sie verpflichten sich damit zu bestimmten ethischen Richtlinien. Dazu gehört, individuelle Wünsche sorgfältig und professionell zu bearbeiten und alle Informationen und Gespräche streng vertraulich zu behandeln. Bei Erbstreitigkeiten vertritt die Organisation die Wünsche der Erblasser.

In guten Händen

Die Organisationen und Stiftungen, die das Erbschaftssiegel tragen, verpflichten sich zu guten ethischen Richtlinien für das gemeinnützige Erbe: Sorgfalt und Respekt, höchste Transparenz und die Wahrung der freien Entscheidung.

Das persönliche Gespräch suchen

Im persönlichen Gespräch lassen sich individuelle Fragen und Wünsche am besten klären. Zum Beispiel, wie man auch mit kleineren Beträgen als Testamentsspende oder Zustiftung viel Gutes bewirken kann. Die richtige Ansprechperson findet man in der Regel auf den Internetseiten der Organisationen. Viele bieten regelmäßig Veranstaltungen an und informieren ganz allgemein zu den Themen Vererben und Testament. Bei Bedarf vermitteln sie fachanwaltliche Beratung. Denn das deutsche Erbrecht kann leider ganz schön kompliziert sein.

Servie und Rat

Rat und Orientierung zu einem Erbe für den guten Zweck bietet die Initiative „Mein Erbe tut Gutes“. Hier finden Sie den direkten Kontakt zu vielen Organisationen und Stiftungen. Über die Möglichkeiten der Testamentsgestaltung können Sie sich auch persönlich auf einer Veranstaltung in Ihrer Nähe informieren.

Und wenn man sich nicht für eine einzige Organisation entscheiden kann? Das sei kein Problem, betont Susanne Anger. „Natürlich ist es möglich, sein Vermögen oder einen Teil davon als Erbe oder Vermächtnis auf mehrere Organisationen zu verteilen.“ Wie man sich auch entscheidet, zu wissen, dass man auch nach seinem Tod Gutes bewirken wird, es ist eine befriedigende Aussicht.

* Name auf Wunsch geändert

TEXT: Angelika S. Friedl
FOTOS: arthurbraunstein/Photocase.de, mister_pretty_pictures/Twenty20,
Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“

 

Erlebtes erzählen: Großvater und Sohn im Gespräch. Symbolbild. Persönliche Erzählungen machen Zeitgeschichte lebendig. Es lohnt sich, das Erlebte an Jüngere weiterzugeben. Familienchronik, Zeitkapsel, Zeitzeuge: Anregungen für den Einstieg. – In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: malisunshine via Twenty20

Erlebtes erzählen: Erinnern für die Zukunft

Was Schüler heute im Geschichtsunterricht lernen, haben die Älteren oft selbst miterlebt, aktiv und mittendrin oder auch nur als Beobachter. Ihre persönlichen Erzählungen können Zeitgeschichte unmittelbar erfahrbar machen. Es lohnt sich, das Erlebte weiterzugeben, in der Familie, aber auch darüber hinaus. Anregungen für den Einstieg.

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Erlebtes erzählen: Großvater und Sohn im Gespräch. Symbolbild. Persönliche Erzählungen machen Zeitgeschichte lebendig. Es lohnt sich, das Erlebte an Jüngere weiterzugeben. Familienchronik, Zeitkapsel, Zeitzeuge: Anregungen für den Einstieg. – In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: malisunshine via Twenty20
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Erlebtes erzählen: Erinnern für die Zukunft

Was Schüler heute im Geschichtsunterricht lernen, haben die Älteren oft selbst miterlebt, aktiv und mittendrin oder auch nur als Beobachter. Ihre persönlichen Erzählungen können Zeitgeschichte unmittelbar erfahrbar machen. Es lohnt sich, das Erlebte weiterzugeben, in der Familie, aber auch darüber hinaus. Anregungen für den Einstieg.

Wir alle haben viel mehr Zeitgeschichte erlebt, als wir meinen. Ob man als Kind im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen ist, bei den Studentenprotesten der 68er dabei war, die Demos gegen atomare Aufrüstung oder das Abtreibungsverbot miterlebt hat, ob man sich noch gut an den Alltag in der DDR erinnern kann oder ob Mauerfall und Wiedervereinigung dem Leben eine neue Richtung gaben – was uns selbst noch lebhaft in Erinnerung ist, ist für viele Enkel nicht mehr als ein Kapitel in den Geschichtsbüchern. Gerade das macht die persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen so wertvoll. Wenn trockene Fakten aus Schulbüchern ein Gesicht bekommen, einen Erzähler mit eigenen Gedanken und Gefühlen, mit dem die Zuhörer mitfühlen oder sich sogar identifizieren können, dann wird Geschichte plötzlich ganz greifbar und spannend. Die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge vermischen sich mit der Lebenssituation eines Menschen, Politisches mit Emotionalem.

Erlebtes erzählen: Oma und Enkel schauen sich ein Fotoalbum an. Symbolbild. Persönliche Erzählungen machen Zeitgeschichte lebendig. Erlebtes an Jüngere weitergeben geht z.B. per Familienchronik, Zeitkapsel oder als Zeitzeuge. Anregungen für den Einstieg. – In: Prinzip Apfelbaum. Magazin über das, was bleibt. Foto: Maria_Sbytova via Twenty20

Aufschreiben bietet Orientierung

Aber wie gebe ich weiter, was ich erlebt habe? Welchen Schluss ziehe ich daraus und welche Botschaft möchte ich vermitteln, wenn ich meine Geschichte erzähle? Sich selbst darüber klar zu werden, ist der erste Schritt. Dabei kann es helfen, die eigenen Erlebnisse erst einmal aufzuschreiben.

„Wenn Sie eine ganz konkrete Phase oder Begebenheit im Kopf haben, fangen Sie am besten genau da an, ohne sich große Gedanken zu machen, in welchem Kontext das Ganze später Sinn macht“, rät Autorin Tania Konnerth, die den „Selbstlernkurs: autobiografisches Schreiben“ anbietet. „Schreiben Sie erst einmal los, das ist immer das Wichtigste.“ Insbesondere Krisen werden dabei ins Bewusstsein rücken. „Krisen stellen uns oft vor besondere Herausforderungen, weshalb es sich lohnt, auch sie genauer zu betrachten“, betont Konnerth. Das können persönliche Krisen sein oder gesellschaftliche – oft sind diese Sphären eng miteinander verbunden.

Intensiv und bildhaft erinnern

Anders als Historiker müssen Zeitzeugen sich beim Rekapitulieren nicht um Abstand und Neutralität bemühen. Im Gegenteil: „Versuchen Sie, nicht nur einen sachlichen Bericht zu schreiben, sondern schöpfen Sie aus dem, was Sie damals empfunden haben. Schreiben Sie möglichst intensiv und bildhaft“, empfiehlt die Autorin. „Dazu müssen Sie sich trauen, emotional wieder ein Stück zurück in diese Phase zu gehen. Sie können das aus der Ich-Perspektive tun. Oder Sie probieren, wie es sich anfühlt, wenn Sie über sich in der dritten Person schreiben.“

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Sich selbst interviewen

Über sich zu erzählen, heißt immer auch, sich selbst besser kennenzulernen. Da kann es, meint Konnerth, nicht schaden, sich auch einmal selbst zu interviewen: Wer bist du eigentlich und was macht dich aus? Was war die wichtigste Zeit deines bisherigen Lebens? Was würdest du heute anders machen? Was ist deine größte Sehnsucht? Wen würdest du gerne noch einmal wiedersehen und warum? Was war die schwierigste Phase in deinem Leben, und wie hast du sie gemeistert? Wer solchen Fragen nachgeht, wird nicht nur persönliche Antworten finden, sondern auch immer wieder auf Zusammenhänge mit zeitgeschichtlichen Ereignissen stoßen.

„Will man einen Kontext und die eigene Rolle darin besser erfassen, hilft ein Perspektivwechsel“, weiß Konnerth. Sie empfiehlt hierfür, ein Erlebnis in drei verschiedenen Fassungen aufzuschreiben: einmal sachlich-neutral, so wie es ein unbeteiligter Außenstehender beschreiben würde; einmal aus Sicht einer anderen Person, die damals dabei war; und einmal aus der eigene Perspektive, was man selbst erlebt, gesehen und gefühlt hat.

Erwartungen und Hoffnungen bewusst machen

Jede Erzählung, ob schriftlich oder mündlich, ist immer auch Kommunikation mit sich selbst, vor allem aber mit den Adressaten. Welche Geschichte erzähle ich wem, wie und warum? Auch darüber sollte man sich bewusst werden. Um etwa jüngeren Kindern den Zugang zu den Geschichten von früher zu erleichtern, empfiehlt es sich einen Bezug zu aktuellen Erfahrungen der Kleinen herzustellen. Und noch einen Rat hat die Expertin: „Fragen Sie sich auch, inwieweit Ihre Offenbarungen das Verhältnis zu der jeweiligen Person beeinflussen können – und ob Sie das wollen.“ Wer zum Beispiel die inzwischen alten Eltern mit frischen Erkenntnissen über seine Kindheit konfrontiert, sollte damit rechnen, dass diese damit überfordert sein können.

Familienchronik und Zeitkapseln für die Enkel

Was macht man nun mit den zutage geförderten Erinnerungen? Es gibt viele Möglichkeiten, Erlebtes an Kinder und Enkel weiterzugeben. Wer seine Erzählungen mit einem Diktiergerät oder einer Kamera aufnimmt, gibt ihnen mit seiner Stimme zusätzlich eine persönliche Note. Auch alte Super-8-Filme, Familienvideos und Fotos lassen sich digitalisieren und mit neuen Schilderungen verbinden. Und natürlich kann man eine Familienchronik schreiben.

Eine gute Hilfe für den Einstieg bieten persönliche Erinnerungsbücher wie die „Erzähl mal“-Reihe von Elma van Vlieth, gespickt mit Fragen, die Jüngere den Älteren stellen, und viel Platz zum Antworten. Und warum nicht eine Zeitkapsel an die eigenen Enkel oder Urenkel „schicken“? Luftdicht in einem stabilen Behälter verpackt überdauern aufgeschriebene Erinnerungen und Botschaften ebenso wie Dinge, die einem selbst viel bedeuten oder den Zeitgeist widerspiegeln.

Zeitzeugen machen Geschichte lebendig

Nicht nur die eigene Familie kann von den Erinnerungen älterer Generationen profitieren. Auch in Gedenkstätten und Schulen sind Zeitzeugen gefragte Gäste, die die Geschichtsvermittlung lebendig machen. Persönliche Erinnerungen und individuelle Berichte zur deutschen Geschichte sammelt unter anderem das Lebendige Museum Online in seinem LeMO-Zeitzeugenbereich. Sogenannte Zeitzeugenbörsen vermitteln Zeitzeugen zu bestimmten Themen. Dazu kommen zahlreiche Vereine und digitale Angebote wie Memoro – Die Bank der Erinnerungen, die den Austausch zwischen den Generationen fördern.

Oral History, die mündliche Überlieferung ist zu einer wichtigen Ergänzung zur Geschichtswissenschaft geworden. Denn wer seine persönliche Geschichte erzählt, gibt anderen die Möglichkeit, mit seinen Augen auf eine Zeit und ihre gesellschaftlichen Verhältnisse zu blicken, sozusagen aus nächster Nähe.

TEXT: Lars Klaaßen
FOTOS: malisunshine/Twenty20, Maria_Sbytova/Twenty20

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Das tut gut: Ausschnitt der Netzwerkkarte mit mehrsprachigen Beratungsangeboten für Menschen mit Demenz. Ein Angebot der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Die DAlzG ist Mitglied der Initiative

Info zu Demenz in Muttersprache

Wer an Demenz erkrankt, ist häufig verunsichert und fühlt sich unverstanden, vieles gelingt nicht mehr. Bei Menschen mit Migrationshintergrund sind diese Gefühle sogar noch stärker ausgeprägt. Sie empfinden oft eine „doppelte Fremdheit“. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft bietet auf ihrer Webseite Informationen für mehr Verständnis und einen besseren Zugang zu diesen Menschen sowie Wissen auf Türkisch, Polnisch und Russisch. Die frisch aktualisierte Netzwerkkarte hilft bei der bundesweiten Suche nach mehrsprachigen Beratungsangeboten.

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Das tut gut: Blick auf den Heinz-Sielmann-Weiher. Um den Artenschwund aufzuhalten, schafft die Heinz Sielmann Stiftung im Landkreis Ravensburg einen weiteren Biotopverbund. Die HSS ist Mitglied der Initiative

Korridore für Artenvielfalt

Die Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten nimmt weltweit dramatisch ab. Um den Artenrückgang aufzuhalten, schafft die Heinz Sielmann Stiftung im Landkreis Ravensburg einen weiteren Biotopverbund: natürliche Lebensräume aus Wiesen, Hecken und Gewässern, die durch grüne Korridore miteinander verbunden werden. So können Vögel, Insekten oder Amphibien wandern und sich in neuen Regionen ausbreiten. Das Modellprojekt ist ein weiterer Baustein zu einem landesweiten Biotopverbund und wird unter anderem aus Testamentsspenden finanziert.

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Das tut gut: Ugandische Frauen bei der Sirupproduktion. An den Green Colleges der Welthungerhilfe lernen Jugendliche umweltfreundliche Berufe, die Zukunft haben. Die Welthungerhilfe ist Mitglied der Initiative

Grüne Jobs mit Zukunft

In Uganda sind rund 70 Prozent der Bevölkerung jünger als 25 Jahre, die Mehrheit davon ist arbeitslos. An den Green Colleges der Welthungerhilfe erlernen junge Frauen und Männer daher umweltfreundliche Berufe, die Zukunft haben. Rund 1.500 Jugendliche und junge Erwachsene werden zu „Ökopreneuren“ ausgebildet, etwa in nachhaltigem Gemüseanbau, sensiblem Ökotourismus, in Handyreparatur oder Sirupherstellung, um reife Früchte haltbar zu machen. Die Absolvent*innen erhalten nach ihrem Abschluss ein Startpaket für das eigene Unternehmen.

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Das tut gut: Radfahren auf einer gekennzeichneten Fahrspur. In der Corona-Krise werden auf vielen Straßen temporäre Radwege eingerichtet. Die Deutsche Umwelthilfe setzt sich in über 200 Städten dafür ein. Die DUH ist Mitglied der Initiative

Mit dem Fahrrad durch die Krise

Bogotá und Berlin-Kreuzberg als Vorbild: In der Corona-Krise werden auf vielen Straßen temporäre Radwege eingerichtet. Denn viele Menschen sind von öffentlichen Verkehrsmitteln aufs Fahrrad umgestiegen. Gerade jetzt sind sichere Radwege wichtig, um Unfälle und unnötige Krankhausbehandlungen zu verhindern. Die Deutsche Umwelthilfe hat daher Vorschläge von über 4.000 Bürgerinnen und Bürgern für weitere Fahrrad-Straßen gesammelt und in 203 Städten entsprechende Anträge gestellt – gemeinsam für klimaverträgliche Mobilität und sichere Wege.

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Das tut gut: Um einer Corona-Infektion vorzubeugen, wäscht sich ein Mann an einer Handwaschstelle. action medeor verschafft Menschen in armen Regionen Zugang zu sauberem Wasser und Seife. action medeor ist Mitglied der Initiative

Corona-Hilfe – global und lokal

Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen: In der Corona-Krise hat action medeor auch das Behelfskrankenhaus in Duisburg mit medizinischer Ausrüstung unterstützt. Normalerweise beliefert das Medikamentenhilfswerk Krankenhäuser und Hilfsdienste im globalen Süden. Derzeit ist die Sorge groß, dass die Pandemie die ärmeren Länder mit aller Härte treffen wird. Umso wichtiger ist die Vorbeugung. Gemeinsam mit lokalen Partnern werden etwa Handwaschstellen errichtet, um gerade jetzt die Ärmsten der Welt nicht alleine zu lassen.

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Ausblick August 2020 STERBEN

Einmal noch ans Meer. Alexander Krützfeldt über letzte Wünsche.

So sterben wir. Erst geht der Geruch, am Ende das Hören.

Letzte Hilfe. Wie wir Sterbende begleiten können.

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