Prinzip Apfelbaum - Magazin über das, was bleibt

No. 19 – GEMEINSCHAFT

No. 19 – GEMEINSCHAFT

Wir brauchen andere Menschen. Das hat zuletzt die Corona Pandemie gezeigt.
© Mads Nissen / Picture Alliance

Editorial

Als wir nicht mehr zusammenkommen durften, spürten wir schmerzlich, wie sehr wir die Gemeinschaft mit anderen Menschen brauchen. Das hat uns Corona bitter gezeigt. Wir brauchen die Verbundenheit: das gemeinsame Frühstück mit den Liebsten, den Plausch am Arbeitsplatz oder das Treffen mit Freundinnen und Freunden, selbst die Familienfeiern brauchen wir, obwohl die ja nicht immer nur lustig sind. Denn jede Begegnung mit anderen Menschen aktiviert das Belohnungssystem in unserem Gehirn. Ohne sozialen Austausch verlieren wir unsere Lebensfreude. Ohne gemeinsame Erlebnisse werden wir trübsinnig.

Zudem funktioniert vieles nur durch gegenseitige Unterstützung: Weil eben für manche Dinge vier Hände besser sind als nur zwei. Weil ein guter Rat nicht vom Himmel fällt. Oder weil wir ganz konkrete Hilfe benötigen, wenn wir krank werden.

Unzählige Menschen zeigen Verantwortung für die Gemeinschaft, indem sie verlässlich einfach da sind, wenn Familie, Freunde oder Kollegen sie brauchen, indem sie eine Firma leiten, in der es nicht nur um Profite, sondern auch um Gemeinwohl geht, indem sie sich ehrenamtlich engagieren oder eine gemeinnützige Organisation unterstützen.

Es ist viel von Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft die Rede. Wir dagegen sprechen über Gemeinschaft!

Susanne Anger

Sprecherin der Initiative "Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum"

ZUM TITELBILD

Die erste Umarmung nach fünfmonatiger Corona-Isolation: Die 85-jährige Brasilianerin Rosa Luzia Lunardi wird von ihrer Pflegerin Adriana Silva da Costa Souza durch eine Plastikplane umschlungen. Das Foto des dänischen Fotografen Mads Nissen war das World Press Photo 2020.

Menschen

Mehr Nähe, mehr Reibung

Zu allen Zeiten waren Menschen auf Gemeinschaft angewiesen. Alleinsein bereitete den meisten sogar Angst. Heute dagegen lebt rund jeder Fünfte in Deutschland allein. Die Historikerin Prof. Eva Schlotheuber regt dazu an, sich von der Geschichte inspirieren zu lassen. Aus alten Ideen kann etwas Neues entstehen.

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Eine Menschenmenge auf einem Konzert – keine Gemeinschaft ohne Konflikte.

Impulse

Profit und Gemeinwohl

Sie nennen es Verantwortungseigentum – Unternehmer, die ihre Firma in die Hände der Belegschaft übergeben. Ihnen geht es nicht nur um Profite und Rendite, sie wollen auch etwas für das Gemeinwohl tun.

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Firmenkapital als Schirm – zum Schutz vor rein profitorientierten Investoren

Wissenswertes

Das Gehirn will Gemeinschaft

Warum haben Menschen Mitgefühl, warum suchen sie das Miteinander und verhalten sich häufig sozial, statt für sich selbst den größeren Vorteil zu suchen? Unser Gehirn ist ein soziales Organ. Es spiegelt die Handlungen der anderen und setzt Glücksbotenstoffe frei, wenn wir kooperieren. Ist das menschliche Gehirn deswegen so groß?

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Eine Gruppe trägt das Dach eines Hauses: Wir sind auf Kooperation programmiert.

Unsere Lieblinge

Lesetipp

Jeder brüllt, doch keiner hört zu. Und während man wutentbrannt übereinander herzieht, fühlen sich alle als Opfer, verletzt und beleidigt. Was darf man überhaupt noch sagen? Mit entlarvenden Geschichten, teils erfunden, teils aus seinem Bühnenalltag, beschreibt Kabarettist Florian Schröder, wie wir einem Schwarz-Weiß-Denken verfallen sind, bei dem man mit einer Äußerung schnell auf diese oder die andere Seite gestellt wird, dazwischen scheint kein Platz mehr. Und er erinnert daran, worauf es bei einem guten Streit ankommt: sich auf die Perspektive des anderen einzulassen. Ein gut gelauntes Plädoyer für die Meinungs- und Kunstfreiheit, gegen moralische Selbstgewissheit.
Florian Schröder: „Schluss mit der Meinungsfreiheit! Für mehr Hirn und weniger Hysterie.“ dtv, 2021. 368 Seiten. 16 Euro.

Mit dem Ziel neue Spielplätze zu bauen, wurde 1972 das Deutsche Kinderhilfswerk gegründet.
© Deutsches Kinderhilfswerk

Ideen, die bleiben

Deutsches Kinderhilfswerk

Sie wollten dem Trübsal aus Rutsche, Schaukel, Sandkasten etwas entgegensetzen und moderne Spielplätze schaffen, auf denen Kinder sich wohlfühlen und ausgiebig spielen können. Mit diesem Ziel gründeten drei Münchner Geschäftsleute im Februar 1972 das Deutsche Kinderhilfswerk. Zunächst wurde mit der Spendendose gesammelt. Bald folgten größere Aktionen, wie beispielsweise die mit der Bild-Zeitung initiierte Spendengala „Ein Herz für Kinder“. Auch die Tätigkeitsbereiche weiteten sich aus und das Deutsche Kinderhilfswerk setzte ab Beginn der 90er-Jahren die Kinderrechte in den Mittelpunkt seiner Arbeit, so wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben sind. Dazu gehört z.B. dass Kinder bei Fragen, die sie selbst betreffen, beteiligt werden und sie sich kindgerecht informieren können. Ein weiteres wichtiges Anliegen ist es, Kinderarmut zu bekämpfen und sozial benachteiligte Kinder zu unterstützen. Kindgerechte Spielplätze waren der Anfang. Heute, 50 Jahre später, geht es darum, kinderfreundliche Lebenswelten zu schaffen – in jeder Hinsicht.

97

Die Zahl

Eine gute Nachricht: 97 von 100 Menschen in Deutschland haben eine konkrete Bezugsperson, die sie um Hilfe bitten können, wenn es darauf ankommt. Bei einer „Leben in Europa“-Befragung gaben die Teilnehmenden an, nicht nur auf die nähere Familie zählen zu können. Auch von Freunden, Nachbarn und Verwandten konnten sie die nötige Unterstützung erwarten. Selbst wenn der Notfall niemals eintritt, ist das wichtig. Denn Menschen, die sich fremder Hilfe sicher sein können, sind gut in ihr Umfeld eingebunden und leben in Gemeinschaft.

Schon gewusst?

Zweckfrei oder zweckgebunden?

Wer sein Erbe einem gemeinnützigen Zweck zukommen lassen möchte, sollte die konkrete Verwendung bzw. Organisation in seinem Testament festhalten. Die bloße Angabe, dass das Geld „für einen guten Zweck“ gespendet wird, genügt nicht. In diesen Fällen spricht man von einer Auflage, die zwar bindend ist, bei der aber die Erben entscheiden können, welche Organisation das Geld erhält. Auch für die jeweilige Organisation kann ein konkreter Verwendungszweck festgelegt werden, der bestimmt, wie genau das Geld genutzt werden soll. Die Bedingung, mit der man die Spende verbindet, sollte dem von der Organisation verfolgten gemeinnützigen Zweck entsprechen. Der Wohltätigkeitsorganisation dagegen die freie Verwendung über das Erbe oder Vermächtnis zu überlassen, hat den Vorteil, dass es flexibel dort eingesetzt werden kann, wo es benötigt wird. Das empfiehlt sich, wenn Projekte zeitlich begrenzt sind. Denn Achtung: Ist das bedachte Projekt nach dem Tod bereits beendet und die Zweckbindung zu eng formuliert, kann das Geld nicht verwendet werden.

Ratgeber

Ein Baum vor dem Haus: Gemeinschaftliche Wohnformen

Wohnen: Ein Dorf in der Stadt

Gemeinschaftlich wohnen, ohne die Privatsphäre aufzugeben – die Idee der Mehrgenerationenhäuser, ist so gut, man könnte glatt selbst eins gründen. Stefanie Towarnicki hat es geschafft: Sie hat das passende Objekt, die Hausgemeinschaft und die Fördergelder gefunden.

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Wohnen: Ein Dorf in der Stadt

Gemeinschaftlich wohnen, ohne die Privatsphäre aufzugeben – die Idee der Mehrgenerationenhäuser, ist so gut, man könnte glatt selbst eins gründen. Stefanie Towarnicki hat es geschafft: Sie hat das passende Objekt, die Hausgemeinschaft und die Fördergelder gefunden.

„Das Herz des Hauses ist der Gemeinschaftsraum“, schwärmt Stefanie Towarnicki, „obwohl wir wegen der Corona-Pandemie gerade nur sehr eingeschränkt zusammenkommen können.“ Denn hier treffen sich nicht nur die Bewohner des Wohnprojekts, es finden auch Seminare und Kulturveranstaltungen statt.

Im Rosenhaus am Seilerweg leben 14 Menschen zwischen 30 und 81 Jahre. Die ehemalige Schule im friesländischen Varel wurde komplett umgebaut, bevor die generationenübergreifende Gemeinschaft dort einziehen konnte. Die Idee dazu hatte die heute 77-jährige Towarnicki – und sie hatte die nötige Ausdauer, sie auch umzusetzen. „Über sieben Jahre hat es von der Idee bis zum Einzug im Jahr 2015 gedauert“, berichtet sie.

Die ehemalige Krankenschwester hatte über ihre damalige Arbeit die so genannten Sozialstationen kennengelernt: „Solche gemeinsamen Wohnformen fürs Alter weckten mein persönliches Interesse.“ Auch Towarnicki wünschte sich, in einem generationsübergreifenden, gemeinschaftlichen Wohnprojekt alt zu werden. Weil sie im kleinen Varel nichts passendes fand, entschied sie sich dazu, selbst ein neues Projekt zu starten. Hilfe fand sie unter anderem beim Forum Gemeinschaftliches Wohnen (siehe Kasten).

Am Eingang zum Mehrgenerationenhaus: Laufrad und Gehwagen.

Außerdem sprach sie die Stadtverwaltung in Varel an. „Die ersten am Projekt Interessierten trafen sich einmal im Monat mit Vertretern der Kommune im Rathaus. Darüber berichtete die Zeitung, was weitere Interessierte zu uns führte.“ Eine kommunale Wohnungsbau-Gesellschaft kaufte das alte Schulhaus, um es an die Bewohner günstig zu vermieten. Es wurden Fördergelder beantragt, mit denen schließlich ein Teil der Umbaukosten finanziert werden konnte. Die Bewohnerinnen und Bewohner wiederum gründeten einen Verein, der als offizieller Mieter für den Gemeinschaftsraum eintritt.

Gemeinschaftliche Wohnformen

  • Mehrgenerationenhaus: Als Familie, Paar oder Einzelperson hat man einen eigenen Wohnbereich. In der Regel werden einige Räume gemeinschaftlich genutzt. Die Generationen können sich gegenseitig helfen, zusammen feiern oder im Garten arbeiten. Diese Art des Zusammenlebens suchen viele Menschen auch abseits von Familie und Verwandtschaft.
  • Senioren-WG: Jedes Mitglied hat ein eigenes, individuell eingerichtetes Zimmer oder eine Wohnung. Gemeinschaftlich genutzt werden etwa Küche, Bad, Esszimmer und Wohnzimmer. Die Bewohner können sich gegenseitig unterstützen. Eine besondere Form ist die Demenz-WG. Hier wohnen und leben an Demenz Erkrankte, Pfleger sowie Betreuer zusammen.
  • Betreutes Wohnen: Wer hier lebt, hat eine eigene Wohnung, oft in einer größeren Anlage. Im Idealfall sind die Bewohner im Alltag selbstständig. Im Fall von Einschränkungen kümmert sich ein Betreuungsdienst. Benötigen ältere Menschen schließlich umfassende Pflege und Betreuung, ist ein Pflegeheim die Lösung.

Ein langer Weg, der aber auch für die Gemeinschaft wichtig war. „Wir wollten wir uns gut kennenlernen und über grundsätzliche Dinge des künftigen Zusammenlebens einig werden“, sagt Towarnicki. Deshalb begannen die Mitglieder des Projekts anderthalb Jahre vor dem Einzug in ihr Haus mit einer Supervision. Dort wurde darüber gesprochen, wer welche Befürchtungen und Erwartungen mitbringt: Wie eng will man miteinander wohnen, was miteinander teilen?

Die 14 Vereinsmitglieder bewohnen jeweils eine Zweizimmerwohnung und teilen sich darüberhinaus eine Gästewohnung, eine Terrasse, den Waschkeller und natürlich den Gemeinschafsraum. Alle sechs Wochen kommen sie zu einem Treffen zusammen. „Der Gesprächsbedarf für Organisatorisches ist immer groß“, so Towarnicki. „Wir besprechen, welche Aufgaben im Haus und im Garten anfallen und wie wir sie aufteilen.“

Wege zum gemeinschaftlichen Wohnen

  • Als bundesweites Netzwerk hat sich bereits 1992 das Forum Gemeinschaftliches Wohnen gegründet. Der Verein mit Regionalstellen in 12 Bundesländern informiert über Wohnprojekte und unterstützt Interessierte dabei, die ihnen gemäße Form zu finden. Dort findet man auch Veranstaltungen und Vernetzungsangebote. In der WIN-Förderdatenbank kann nach Darlehen und Zuschüssen gesucht werden, gefiltert nach Zielgruppen, Standorten und Förderkomponenten.
  • Auch die Online-Plattform bring-together verbindet Menschen, die gemeinschaftlich Wohnen, Leben und Arbeiten wollen. Ab Frühjahr 2022 können Kommunen ihre Leerstände für gemeinschaftliches Wohnen dort inserieren. Das Unternehmen bietet auch Seminare für ein Leben in der Gemeinschaft an.
  • Speziell über Mehrgenerationenhäuser informiert das Bundesfamilienministerium auf seinem gleichnamigen Portal. Über eine Suchmaske findet man dort Projekte im gewünschten Postleitzahl-Bereich.

Füreinander da zu sein, heißt auch, dass man sich im Krankheitsfall umeinander kümmert. Dann wird geregelt, wer wann zu Besuch kommt, kocht und einkauft. Im Haus gibt es auch eine für alle zugängliche Notfall-Mappe, in der für jede Bewohnerin und jeden Bewohner die Ansprechpartner aufgelistet sind: vom zuständigen Arzt bis zu Verwandten, die benachrichtigt werden sollen. Wer einen Pflegedienst benötigt, bestellt diesen ins Haus. Doch wenn das einmal nicht mehr ausreicht – die Hausgemeinschaft kann kein Pflegeheim ersetzen.

Normalerweise kommen die Bewohnerinnen und Bewohner vom Rosenhaus regelmäßig im Gemeinschaftsraum zusammen, manchmal einfach so, manchmal zu Veranstaltungen. Zweimal im Jahr lädt der Verein die Nachbarschaft zur Cafeteria ein. Seit Corona sind solche Zusammenkünfte nur noch auf der Terrasse oder im Garten möglich. „Wir sind aber zuversichtlich“, betont Towarnicki, „dass unsere Gemeinschaft bald wieder mehr Zeit miteinander verbringen kann – für dieses Miteinander sind wir hier schließlich zusammengezogen.“

TEXT: Lars Klaaßen
FOTOS: Tommi / stocksy, willma / photocase

Testamentsspende: Der Gemeinschaft etwas zurückgeben

Etwas Sinnvolles in die Wege leiten

Viele Menschen wollen der Gemeinschaft etwas zurückgeben. Eine Möglichkeit ist, seinen Nachlass einem guten Zweck zukommen zu lassen. Um sicherzugehen, dass der letzte Wille wirklich umgesetzt wird, sollte man ein paar Dinge beachten.

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Testamentsspende: Der Gemeinschaft etwas zurückgeben
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Etwas Sinnvolles in die Wege leiten

Viele Menschen wollen der Gemeinschaft etwas zurückgeben. Eine Möglichkeit ist, seinen Nachlass einem guten Zweck zukommen zu lassen. Um sicherzugehen, dass der letzte Wille wirklich umgesetzt wird, sollte man ein paar Dinge beachten.

„Ich hatte das Bedürfnis, die Dinge zu regeln – auch weil ich im Umfeld Todesfälle erlebt habe, bei denen nichts geklärt war“, sagt Dagmar Scheid. „Dann fehlt jede Orientierung, alle sind völlig konsterniert und das Trauern wird nicht leichter.“ Ohne Kinder und Geschwister kam die gesetzliche Erbfolge für sie nicht in Frage: „In meinem Freundeskreis habe ich einzelne Personen bedacht, viele sind aber ohnehin relativ gut versorgt.“ So traf sie die Entscheidung, Amnesty International einen Teil Ihres Erbes zu hinterlassen. „Damit ist garantiert, dass nach meinem Tod mit meinem Eigentum etwas Sinnvolles geschieht. Ich finde, solange man Einfluss hat, sollte man ihn auch nutzen.“

Immer mehr Menschen entscheiden sich wie Dagmar Scheid, einen Teil ihres Nachlasses einem guten Zweck zukommen zulassen. Wenn die Entscheidung gefallen ist, welche Personen oder Organisationen bedacht werden sollen, reicht im Prinzip ein handschriftlich verfasstes Testament. „Gültig ist solch ein Testament aber nur, wenn Ort, Datum und die Unterschrift des Testierenden darauf sind“, sagt Johanna Schlüter, die sich bei der nph Kinderhilfe Lateinamerika e.V. um Projektspenden und Vermächtnisse kümmert.

Familienszene: Die Erbschaft regeln und böse Überraschungen vermeiden.

Um formale Fehler auszuschließen, empfiehlt Schlüter die Rücksprache mit einem juristischen Experten. „Dies kann etwa ein Anwalt mit Schwerpunkt Erbrecht oder ein Notar sein.“ Dort lässt sich etwa auch klären, ob nahe Verwandte Anspruch auf einen Pflichtteil des Erbes haben. Das handschriftliche Testament sollte an einem gut auffindbaren Ort aufbewahrt werden. Es beim zuständigen Amtsgericht zu hinterlegen, hat den Vorteil, dass es nicht in falsche Hände geraten kann. Die damit verbundenen Kosten sind gering.

Mit den Erben sprechen

„Es ist ratsam, mit den eigenen Kindern oder sonstigen gesetzlichen Erben darüber zu sprechen, wie man sein Testament aufsetzen möchte“, sagt Linda Drasba, die bei action medeor e.V. Spenderinnen und Spender persönlich betreut. „So lässt sich schon im Vorfeld einiges klären, was später für unerwartete Überraschungen sorgen könnte.“ Im Gespräch mit den künftigen Erben sollte man seine Wünsche darlegen: Wer was bekommen soll, warum man sich so und nicht anders entschieden hat und welchen Anteil eventuell eine gemeinnützige Organisation erhalten soll.

Gemeinnützige Organisationen als Erben

Fast genauso wichtig ist es, mit der gemeinnützigen Organisation, die bedacht werden soll, in Kontakt zu treten. „Hierdurch lässt sich am besten herausfinden, ob man zueinander passt – und dies in mehrerer Hinsicht“, sagt Rechtsanwalt Benjamin Schmitt von der Deutschen Herzstiftung. Zunächst sollte man prüfen, ob die inhaltliche Arbeit der Organisation dem entspricht, was ich fördern möchte.

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Eine andere wichtige Frage: Vertraue ich der Organisation im Hinblick auf die professionelle Abwicklung des Nachlasses? Und schließlich: Passt mein Nachlass zur Organisation oder ‚überfordere‘ ich sie damit? Vor allem größere Non-Profit-Organisationen beschäftigen Mitarbeiter, die über viel Erfahrung in diesem Bereich verfügen und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl vorgehen.

Die Verwendung nicht zu eng fassen

Beim gemeinnützigen Vererben empfiehlt es sich, „die Wünsche an die Organisation nicht zu ‚spitz‘ zu formulieren“, gibt Linda Drasba zu Bedenken. „Niemand weiß, wann es so weit ist und wie sich die Situation bis zum Zeitpunkt der Testamentseröffnung verändert hat.“ Das heißt: Man benennt besser kein konkretes Projekt, an das der Nachlass gehen soll, sondern wählt eine allgemeinere Formulierung wie zum Beispiel die „Stärkung der Gesundheitsversorgung in Afrika“. Die gemeinnützige Organisation entscheidet dann, wo der Nachlass konkret eingesetzt werden kann.

Gestikulierende Hände: Gemeinnützige Organisationen als Erben

Professionalität, um Konflikte zu vermeiden

Im Todesfall eröffnet meist ein Nachlassgericht das Testament und übersendet den Beteiligten eine Kopie. Dabei vergehen oft viele Wochen, manchmal Monate. „Deshalb sollte man sicherstellen, dass die bedache Organisation schon vorab Kenntnis erhält und im besten Fall schon etwas über die Zusammensetzung des Nachlasses und die Vorstellungen des Erblassers weiß“, so Schmitt.

„Hilfsorganisationen bieten eine professionelle, würdige und möglichst konfliktfreie Bearbeitung jedes Nachlasses“, sagt Schmitt. Dennoch können Streitfälle mit anderen Erben auftreten. Dann wird im Sinne des Erblassers nach einer Lösung gesucht. „In über zehn Jahren Tätigkeit habe ich so gut wie nie erlebt, dass ein Konflikt gerichtlich ausgetragen werden musste. Unterschiedliche Vorstellungen lassen sich meist im Gespräch klären.“

TEXT: Lars Klaaßen
FOTOS: Portra / Istock, kiwitanya / Twenty20, willma / Photocase

Nein! Doch! Keine Gemeinschaft ohne unterschiedliche Meinungen.

Miteinander statt gegeneinander sprechen

Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Klimawandel und Corona polarisieren. In sozialen Medien, in der Familie und unter Freunden kann ein Gespräch darüber leicht eskalieren. Wie finden wir wieder zu einem sachlichen Dialog? Fragen an die Argumentationstrainerin Andrea Barie.

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Miteinander statt gegeneinander sprechen

Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Klimawandel und Corona polarisieren. In sozialen Medien, in der Familie und unter Freunden kann ein Gespräch darüber leicht eskalieren. Wie finden wir wieder zu einem sachlichen Dialog? Fragen an die Argumentationstrainerin Andrea Barie.

Frau Barie, die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel hat im Dezember behauptet, auf den Intensivstationen lägen weit mehr Geimpfte als Ungeimpfte mit Corona. Im entfernten Familienkreis habe ich ähnliche Sätze gehört. Wie reagiere ich am besten in so einem Moment? Ich hab ja nicht immer gleich Fakten und Daten parat.
In dem Fall kann ich zum Beispiel nachfragen: „Oh, das überrascht mich jetzt. Ich meine, andere Zahlen gelesen zu haben. Woher hast du deine Zahlen? Kannst du mir die Quelle nennen?“ Oder: „Die Zahlen interessieren mich auch, lass uns mal gemeinsam recherchieren.“

Nicht mehr nur in rechtsextremen Kreisen wird ja mittlerweile häufig von System- und Lügenpresse geredet.
Wenn mir vorgeworfen wird, mich nur aus der Systempresse und damit angeblich falsch zu informieren, würde ich mein Gegenüber erst einmal fragen, was er oder sie denn überhaupt unter dem Begriff versteht. „Hast du den Eindruck, wir leben in einer Diktatur und die Presse muss dem Herrschenden nach dem Mund reden? Wieso denkst du, dass die renommierten Zeitungen lügen? Woher hast du deine Informationen? Es ist nicht immer gut, sich nur einseitig zu informieren. Deshalb lese, höre, sehe ich diese und jene Medien.“

Gegen Stammtischparolen

Argumentationstrainerin Andrea Barie

Wenn ihre Mutter und ihre Schwiegermutter gemeinsam über Fremde herzogen, fühlte sich Andrea Barie oft hilf- und sprachlos. Die Schulsekretärin nahm an einem Argumentationstraining teil, das sie stark motivierte. Seit 2010 gibt sie selbst Argumentations- und Zivilcouragetrainings.

Und wenn mein Gegenüber aggressiv wird? Wie bringe ich das Gespräch wieder auf eine sachliche Ebene?
Es ist immer schwer, gegen Emotionen von anderen zu argumentieren. Da werde ich schnell auch emotional und verteidige mich. Hinterher ärgere ich mich dann, dass ich selbst so unsachlich geworden bin. Eine Person, die emotional betroffen ist, will gar keine Argumente hören – in der Regel zumindest. Sie will ernst genommen werden in ihren Befürchtungen, Ängsten oder Gefühlen.

Für mich geht es immer auch um die Frage, in welcher Situation ich mich selbst befinde. Liegt mir etwas am Kontakt mit dem oder der anderen? Wenn ja, werde ich versuchen, das Gespräch am Laufen zu halten und nicht abzubrechen. Oder ich distanziere mich freundlich von der Anschauung des anderen, ohne dass es andere Themenbereiche in unserer Beziehung tangiert. „Ich sehe, wir haben hier eine grundverschiedene Meinung. Lass uns das Thema um unserer Freundschaft willen ausklammern.“

Zwei Männer brüllen aufeinander ein.

Sollte ich immer geduldig die Behauptungen des anderen anhören, auch wenn sie mir noch so krude vorkommen? Wann sollte man selbst in die Konfrontation gehen?
Es ist in Ordnung, deutlich zu sagen, dass man eine Situation anders beurteilt: „Ich sehe das anders, ich habe einen anderen Standpunkt.“ Wichtig ist, dem anderen wertschätzend gegenüberzutreten. Es kommt halt darauf an, was ich erreichen will. Stehen andere dabei, die sich nicht äußern? Dann sieht mein Schweigen wie Zustimmung aus. Wenn ich das nicht will, muss ich den Mund aufmachen.

Ist es sinnvoll, sein Gegenüber von der eigenen Meinung überzeugen zu wollen?
Dieses Ziel habe ich nie. Ich kann lediglich darum werben, einmal die Perspektive zu wechseln. Aber jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Es sei denn, die Meinung steht im Widerspruch zu unserem Grundgesetz. Sie darf also nicht diskriminierend, ausgrenzend oder beleidigend sein, anderen das Grundrecht auf Leben absprechen – siehe Flüchtlingskrise – und nicht aufhetzen.

Gibt es auch Situationen, in denen ich mich besser einfach abwende, obwohl ich anderer Meinung bin?
Es gibt sicher Situationen, wo ich mich nicht in der Lage sehe einzugreifen. Beispielsweise wenn ich mich nicht wohl fühle, unter Zeitdruck stehe oder mich überfordert fühle. Oder wenn ich in einem Abhängigkeitsverhältnis stehe, etwa wenn der Chef etwas sagt, dem ich nicht zustimmen kann. Und wie gesagt: Die anderen müssen nicht einer Meinung mit mir sein.

Wo finde ich ein Argumentationstraining in meiner Umgebung?

Worum geht es beim Argumentationstraining?
Es geht vor allem darum, diskriminierende, verletzende Äußerungen vielleicht gegen Minderheiten zu unterbinden oder geradezurücken. Ich zum Beispiel habe meiner Mutter immer sehr Kontra gegeben, wenn sie über ausländische Mitbürger geschimpft hat. Nach und nach ist das tatsächlich weniger geworden. Gleichzeitig hat sie dann betont, sie wisse ja, dass man bei mir so etwas nicht sagen dürfe. Und das ist gut: Sie kennt meine Haltung zu bestimmten Themen.

Wie läuft ein Argumentationstraining bei Ihnen ab?
Ein Argumentationstraining ist sehr interaktiv. Alle Teilnehmenden sind am Ergebnis der Gruppe beteiligt. Wir machen uns Gedanken über den Kern von Vorurteilen. In einem Rollenspiel begeben wir uns in eine typische Situation und analysieren sie anschließend. Wir erarbeiten Strategien. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass es keine Patentantworten gibt. Jede Situation ist anders. Es gibt Optionen, die liegen mir mehr, andere gar nicht. Das muss man ausprobieren. Dazu gibt es einige Übungen, bei denen wir unseren eigenen Standpunkt spontan finden und begründen sollen. Es ist eine ganz individuelle Sache, wie ich mit Vorurteilen umgehe.

Zum Weiterlesen

Klaus-Peter Hufer: Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Das Buch ist ein Klassiker, mit vielen Materialien und Anleitungen für die Bildungsarbeit, aber auch zum Selbstlernen. Es zeigt, was hinter verachtenden Äußerungen steckt und welche Gegenstrategien es gibt. Erschienen im Wochenschau Verlag, 1999.

GESPRÄCH: Kristina Simons
FOTOS: eliza / photocase, Andrea Barie / Privataufnahme, SIphotography /istock, Rohit Ranwa / Unsplash, Wochenschau Verlag

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Das tut gut

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