Editorial

„Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler, der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben“, schreibt Milan Kundera gleich zu Beginn seines Romans „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Sein Romanheld Tomas zieht aus dieser Erkenntnis ungewöhnliche Konsequenzen. „Einmal ist keinmal“ meint Tomas und lebt viele Jahre ein ausschweifendes Leben in Freiheit und Leichtigkeit.

Doch Tomas ist eine fiktive Figur. Im wahren Leben liegt die Unwiderrufbarkeit unserer Handlungen und Entscheidungen mitunter wie eine schwere Last auf uns. Wäre es nicht besser gewesen, wenn wir einen anderen Weg gewählt hätten? Hätten wir nicht lieber anders entscheiden sollen? Fragen, auf die es keine wirkliche Antwort gibt.

In dieser Ausgabe wollen wir dazu anregen, nicht zu grübeln, sondern Frieden mit dem eigenen Lebensweg zu schließen. Wir fragen, ob es überhaupt falsche Entscheidungen gibt, und erklären, warum man im Leben auch dem Zufall eine Chance geben sollte. Zudem blicken wir nach vorne, auf den Weg, der vor uns liegt. Sollten wir uns nicht einfach eine Scheibe bei Tomas abschneiden und die Zukunft mit einer ordentlichen Zusatzportion Leichtigkeit angehen?

Susanne Anger

Sprecherin der Initiative "Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum"

Menschen

„Ich überlege, welchen anderen Weg ich wählen kann.“

Verena Bentele setzt sich mit beeindruckender Energie für soziale Gerechtigkeit ein. Die Präsidentin des Sozialverbands VdK ist nicht nur halb so alt wie ihre Vorgängerinnen und Vorgänger, sie ist auch von Geburt an blind. Ihr Selbstvertrauen und ihre enorme Ausdauer hat sich die 41-Jährige als Leistungssportlerin erkämpft. Ein Gespräch über Vertrauen und den Umgang mit Rückschlägen.

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VdK-Präsidentin Verena Bentele geht ihren eigenen Weg.

Impulse

Was wäre gewesen, wenn...?

Wir müssen ständig Entscheidungen treffen. Gerade bei großen Lebensfragen sind die Zweifel groß: Habe ich den richtigen Weg eingeschlagen? Je weniger wir die Antwort kennen, desto größer ist die Reue. Wie man seinen Frieden mit dem eigenen Lebensweg schließt.

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Am Scheideweg: Wie soll ich mich entscheiden?

Wissenswertes

Das kann doch kein Zufall sein!

Unerwartete Ereignisse begleiten uns das ganze Leben lang. Eine bestimmte Begegnung, ein entscheidener Anruf, die richtige Information im richtigen Moment: Manche Zufälle sind schier unglaublich. Wenn wir die Gunst der Stunde erkennen, können wir das Unvorhersehbare nutzen.

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Ein Lichtstrahl aus der Hand Jesu oder ein zufällig vorbeifliegendes Flugzeug?

Unsere Lieblinge

Lesetipp

Christiane Hoffmann:

Ihr Vater floh 1945 aus Schlesien Richtung Westen. 75 Jahre später geht Christiane Hoffmann diesen Weg noch einmal, zu Fuß und allein. Sie hofft, ihrem verstorbenen Vater näher zu kommen, dessen Leben von der Flucht geprägt war, auch wenn er kaum darüber sprach. Unterwegs kämpft sie mit Kälte und Erschöpfung. Sie begegnet älteren Polen, die 1945 in die verlassenen Dörfer zwangsumgesiedelt wurden, und Jüngeren, die endlich angekommen sind.
Die individuellen Erfahrungen ihrer Familie mit Krieg, Heimatverlust und Schuld verwebt Hoffmann auf kluge Weise mit den großen, historischen Umbrüchen. Sie erzählt von den Narben, die geblieben sind und den gefährlichen Versuchen in Osteuropa, die Geschichte umzudeuten. So handelt ihr berührendes Buch auch davon, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt – bis zum Krieg in der Ukraine.

Christiane Hoffmann: „Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters“. C.H.Beck, 2022. 279 Seiten. 22 Euro

Die Gründerin des Bunds für Vogelschutz (heute NABU), Lina Hähnle

IDEEN, DIE BLEIBEN

Naturschutzbund Deutschland

Dass eine Frau 1899 in Stuttgart den Bund für Vogelschutz nicht nur gründet, sondern sogar selbst dessen Vorsitz übernimmt, sorgt bei vielen Zeitgenossen für Kopfschütteln. Auch Lina Hähnles Mann, der Unternehmer Hans Hähnle, ist zunächst nicht begeistert, unterstützt sie aber. Und so wird für die kommenden Jahrzehnte das Wohnhaus der Familie mit sechs Söhnen auch zur Geschäftsstelle des Vogelschutzbundes.

Mit viel Durchsetzungsvermögen gelingt es Lina Hähnle, dass 1908 das Reichs-Vogelschutzgesetz verschärft wird. Außerdem setzt sie sich für den Schutz von Silberreihern und Paradiesvögeln ein, deren Federn zu dieser Zeit die Hutmode zieren. Bis 1938 bleibt sie Verbandsvorsitzende.

Hähnle nutzt für ihre Vorhaben zum einen ihre Kontakte zu Reichstagsabgeordneten. Zum anderen stellt sie den Bund auf eine breite Basis, indem sie den Jahresbeitrag auf erschwingliche 50 Pfennig setzt, was schon früh für hohe Mitgliederzahlen sorgt. Inzwischen – mehr als 120 Jahre später – ist die Zahl der Mitglieder und Förderer auf über 900.000 gestiegen. Der heutige Naturschutzbund Deutschland (NABU) betreut bundesweit über 5000 Schutzgebiete und unterhält rund 80 Naturschutzzentren.

90

Die Zahl

Manchmal ist im Leben etwas schief gelaufen. Ein falsches Wort, ein Fehler, eine falsche Entscheidung mit gravierenden Konsequenzen. Oder ein Schicksalsschlag, der einen unerwartet getroffen hat. Schon kleinere Rückschläge können uns lange Zeit beschäftigen. Dennoch ziehen hochbetagte Menschen laut einer repräsentativen Umfrage der Universität Köln eine positive Lebensbilanz: Mehr als 90 Prozent der über 80-Jährigen sind demnach mit ihrer Vergangenheit im Reinen. Offenbar gelingt es den allermeisten Menschen, im Laufe der Jahre auch die unangenehmen, schmerzhaften Teile ihres Lebensweges zu akzeptieren.

Schon gewusst?

Neue Heirat – neues Testament

Wer im Leben noch einmal heiratet, sollte auch seinen Nachlass überdenken, zumindest wenn es Kinder aus der ersten Ehe gibt. Denn dem neuen Ehegatten bzw. der neuen Ehegattin steht ebenfalls ein Erbrecht zu. Möchte man sicherstellen, dass die Kinder aus erster Ehe das volle Erbe erhalten, kann man im Testament eine sogenannte Vor- und Nacherbschaft festlegen. Dann wird der überlebende „neue“ Ehegatte Vorerbe. Die Kinder erben als Nacherben erst nach dessen Tod. Sie sind dabei Erben des Erblassers bzw. der Erblasserin und nicht des Vorerben. Dieser kann als sogenannter nicht befreiter Vorerbe verpflichtet werden, die Erbschaft bis zum Nacherbfall ordnungsgemäß zu verwalten.

Dem Ex-Ehegatten steht infolge der Scheidung dagegen kein gesetzliches Erbrecht zu. Sollten jedoch die gemeinsamen Kinder vor dem Ex-Ehegatten sterben und ihrerseits noch keine Kinder haben, beerbt dieser die Kinder und erbt somit auch das vom anderen Elternteil vererbte Vermögen. Wer dies verhindern möchte, kann einen weiteren Nacherben einsetzen oder bestimmen, dass das übriggebliebene Erbe im Wege eines Vermächtnisses an einen Dritten herausgegeben werden muss.

Michael Beuger, Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE

Das tut gut

Unter anderem mit Testamentsspenden finanziert ChildFund jungen Menschen Stipendien für die Ausbildung.

Stiftung ermöglicht Chancen

Mwangaza aus Kenia hat es geschafft. Er hat sein Studium abgeschlossen und arbeitet als Lehrer. Ermöglicht wurde sein Erfolg durch ein Stipendium der Stiftung Child Development Fund, die unter dem Dach der ChildFund Stiftung junge Erwachsene unterstützt. Denn ohne das Stipendium hätte Mwangazas Familie kein Schulgeld bezahlen können. „Ich werde mich immer an diesen Akt der Menschlichkeit erinnern", sagt der 27-Jährige, der sich nun in seiner Gemeinde dafür einsetzt, dass auch andere Kinder ihre Träume verwirklichen können.

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Ein Beruf und ein Dreirad für eine junge Nepalesin - dank Testamentsspenden.

Inklusion ermöglichen in Nepal

Die Nepalesin Deu Kumari Tharu erkrankte als Kind an Kinderlähmung und traute sich anschließend viele Jahre nicht mehr, das Haus zu verlassen. Denn in Nepal gelten Menschen mit einer Behinderung als verflucht. Durch die Christoffel-Blindenmission und eine lokale Partnerorganisation erhielt die junge Frau ein Dreirad und eine Ausbildung zur Schneiderin. Inzwischen führt sie ihren eigenen kleinen Laden und hat sogar 12 Auszubildende. Mit Hilfe von Spenden erreicht CBM allein in Nepal jährlich fast 280.000 Menschen in inklusiven Projekten.

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Mit Hilfe von Spenden versorgt action medeor die Menschen im türkisch-syrischen Erdbebengebiet mit dem Nötigsten.

Weiterleben nach dem Erdbeben

Die Fernsehbilder werden weniger, aber die Not in dem Erdbebengebiet in der Türkei und Syrien ist weiter groß. Die Überlebenden wohnen in Zelten und haben alles verloren. Dank der großzügigen Unterstützung von Spenderinnen und Spendern und gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen versorgt action medeor die Menschen mit Nahrung, Kleidung und Hygieneartikeln. Mobile Gesundheitsteams kümmern sich um die medizinische Versorgung. Die Hilfe wird hier auch in den kommenden Monaten noch dringend gebraucht.

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Gefördert durch Spendengelder hilft Amnesty International Inhaftierten, die sich für Menschenrechte einsetzen.

Briefe gegen das Vergessen

Ein Brief kann ignoriert werden, aber nicht Hunderttausende. Seit 50 Jahren ruft Amnesty International dazu auf, sogenannte „Briefe gegen das Vergessen“ zu schreiben. Die Briefe geben den Inhaftierten Hoffnung. Regierungen zeigen sie, dass die politischen Gefangenen nicht vergessen sind. Die gute Nachricht: Die weltweiten Briefaktionen haben immer wieder Erfolg. Gerade wurde die philippinische Journalistin und Friedensnobelpreisträger Maria Ressa freigesprochen. Nützliche Infos für Briefeschreiber gibt es auf der Amnesty-Webseite.

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Auch dank zahlreicher Spenden fliegt die DRF Luftrettung 29.000 Einsätze im Jahr.

Einblicke in die Luftrettung

Vor 50 Jahren startete zum ersten Mal ein Hubschrauber der DRF Luftrettung mit einem Team aus Spezialisten an Bord. Eine schwer verletzte Frau brauchte nach einem Verkehrsunfall dringend lebensrettende Hilfe. Heute verfügt die gemeinnützige Organisation deutschlandweit über 29 Stationen und flog allein im Jahr 2022 mehr als 39.000 Einsätze: Hilfe im Notfall und Patiententransporte im Inland und aus dem Ausland. Im Jubiläumsjahr sind Interessierte eingeladen, bei bundesweiten Events die Welt der Luftretter hautnah kennenzulernen.

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Finanziert durch Spenden haben EuroNatur und Partnerorganisationen für einen Nationalpark an der Vjosa gekämpft – mit Erfolg.

Endlich ein Nationalpark!

Europas letzter großer Wildfluss, die Vjosa in Albanien, ist jetzt ein Nationalpark – ein großer Erfolg, für den EuroNatur zusammen mit lokalen und internationalen Naturschutzorganisationen 10 Jahre lang gekämpft hat. Damit sind alle Staudammprojekte an der Vjosa und ihren wichtigsten Nebenflüssen gestoppt. Die außergewöhnliche Artenvielfalt, die in den freifließenden Gewässern ohne Unterbrechungen und Uferbegradigungen lebt, bleibt geschützt. Nun geht es darum, dass im neuen Nationalpark effektive Schutzmaßnahmen umgesetzt werden.

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