Prinzip Apfelbaum - Magazin über das, was bleibt

No. 18 – ERFÜLLUNG

No. 18 – ERFÜLLUNG

Lebensfreude ist nicht vom Alter abhängig und Erfüllung kann jeden Tag, an jedem Ort passieren.
© Martin Parr / Magnum Photos / Agentur Focus

Editorial

„Sie hatte ein erfülltes Leben“, ist ein Satz, der oft auf Trauerfeiern fällt. Der Duden erklärt „erfüllt“ mit: ‚in seinen Möglichkeiten verwirklicht‘. Ein Leben also, das lang genug war, um es auszukosten und in dem vielleicht nicht alle, aber viele Wünsche wahr wurden: Liebe, Freundschaft, Freude im Beruf oder im Ehrenamt, Kinder, Enkelkinder, von allem etwas und sogar noch mehr.

Ein einfaches Rezept für Erfüllung gibt es leider nicht. Oftmals spürt man die Zufriedenheit erst, wenn man zurückblickt. Bei allem Auf und Ab, bei allen Niederlagen und Schicksalsschlägen, unterm Strich: Es war und ist doch schön, das pralle, volle Leben.

Natürlich bedeutet ein „erfülltes Leben“ für jeden Menschen etwas anderes, ganz eigenes. Und es verändert sich mit neuen Lebensphasen. Aber eines ist ziemlich sicher: Die Menschen um uns herum spielen dabei die wichtigste Rolle. Weil wir Erfüllung vor allem in guten Beziehungen finden. Und im guten Gefühl, über unseren eigenen kleinen Radius hinaus wirken zu können. Etwas zu bewegen, für andere und für uns selbst – das ist es, was erfüllt.

 

Susanne Anger

Sprecherin der Initiative
"Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum"

Zum Titelbild

Auf ein Tänzchen! Der Fotograf Martin Parr nahm das Bild 1983 in einer traditionellen Wine Lodge in Ashton Under Lyne, einer kleinen Stadt in Nordengland, auf.

Menschen

"Manches wäre einen Roman wert"

Welche Schicksalsschläge und Sternstunden habe ich durchlebt? Was ist mein Beitrag zum großen Ganzen? Und wozu bin ich überhaupt hier? Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun hat sich den großen Lebensfragen angenähert und ein Modell dafür entwickelt, welche Formen von Erfüllung wir erleben und wie sie miteinander zusammenhängen.

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Eine ältere Frau läuft lachend über den Strand - Wunscherfüllung

Impulse

Der Sinn des Gebens

Anderen zu helfen, erfüllt uns mit Zufriedenheit. Denn Wohltaten lösen ganz unmittelbar Glücksgefühle aus, langfristig geben sie uns Anerkennung und Sinn. Der Zusammenhang ist sogar messbar. Höchste Zeit also, anderen – und auch sich selbst – Gutes zu tun.

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Eine Kind hilft einem anderen – Geben erfüllt uns mit Zufriedenheit.

Wissenswertes

Ein Topf voller Leben

Welche Zutaten braucht es für ein erfülltes Leben? Glück gehört dazu, aber nicht nur. Arbeit, Familie, Freunde sind manchmal anstrengend, aber zugleich geben sie uns Kraft. Und schließlich, wie das Salz in der Suppe: die richtige Einstellung.

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Rückblick auf ein erfülltes Leben: Auf dem Herd steht ein dampfender Kochtopf

Unsere Lieblinge

Lesetipp

Auf der Suche nach dem Geheimnis eines langen Lebens haben der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und die Journalistin Samiha Shafy Hundertjährige auf der ganzen Welt besucht. Gesunde Ernährung spielt ein Rolle – das zeigt die japanische Insel Okinawa, wo die Menschen besonders alt werden. Doch nicht nur: Manche der Hundertjährigen haben eine besondere Lebensfreude, andere sind voller Disziplin. Manche beeindrucken durch ihre bewundernswerte Fürsorglichkeit, andere durch große Strenge. Die Kurzporträts sehr unterschiedlicher, sehr alter Menschen stecken vor voller Kraft, Dankbarkeit und Lebensweisheit.

Klaus Brinkbäumer/Samiha Shafy: „Das kluge, lustige, gesunde, ungebremste, glückliche, sehr lange Leben. Die Weisheit der Hundertjährigen. Eine Weltreise.“ Fischer Verlag, 2019. 448 Seiten. 13 Euro.

Mechtild Harf, Ehefrau des DKMS-Gründers Peter Harf, verstarb an Leukämie.
© DKMS

Ideen, die bleiben

DKMS

Wer an Blutkrebs erkrankt, hat oft nur eine Chance: So schnell wie möglich einen „genetischen Zwilling“ zu finden, der zu einer Stammzellspende bereit ist. Doch als 1990 bei Mechtild Harf Leukämie diagnostiziert wird, sind in Deutschland lediglich 3.000 potenzielle Spenderinnen und Spender registriert. Angesichts der fast aussichtlosen Lage nimmt ihr Ehemann Peter Harf die Suche selbst in die Hand und gründet gemeinsam mit dem Arzt Gerhard Ehninger die DKMS. Bereits im ersten Jahr steigt die Zahl der verfügbaren Spenderinnen und Spender auf 68.000. Drei Jahre später ist die DKMS die weltweit größte Datei für Stammzellspender. Für Mechtild Harf kommt dennoch die Hilfe zu spät, sie erliegt noch 1991 ihrer Krebserkrankung. Peter Harf macht weiter, das hatte er seiner Frau versprochen. Ihre Tochter Katharina gründet 2004 einen Standort in den USA, seitdem ist die DKMS auch international aktiv. Mit Erfolg: In den vergangenen 30 Jahren konnten über 95.000 Stammzellspenden und damit neue Lebenschancen in 57 Ländern vermittelt werden.

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Die Zahl

Die Positive Psychologie befasst sich mit den Grundlagen eines „guten Lebens“ und unterscheidet 24 Charakterstärken, die dazu beitragen können. Vor allem Hoffnung, Tatendrang, die Fähigkeit zu lieben, Neugier, Dankbarkeit und Ausdauer spielen für die Lebenszufriedenheit eine wichtige Rolle, hat der Schweizer Psychologe Willibald Ruch in mehreren Studien herausgefunden. Aber keine Angst, nicht alles muss man beherrschen. Schließlich hat jeder Mensch andere Stärken. Entsprechend gelangen wir über ganz unterschiedliche Wege zu einem erfüllten Leben.

Schon gewusst?

Mediation als letztes Mittel

Streit ums Erbe ist leider nicht selten. Ganze Familien können darüber zerbrechen. In manchen Fällen sollte man daher eine Mediation in Erwägung ziehen. Denn kommen die Erbstreitigkeiten vor Gericht, lösen die Richter lediglich die rechtlichen Fragen. Der Konflikt zwischen den Parteien bleibt jedoch bestehen. Dies führt oftmals dazu, dass sich die Fronten weiter verhärten. In diesem Fällen kann eine Mediation Abhilfe schaffen. Sie bietet die Möglichkeit, aktiv den Streit beizulegen und mit einem unabhängigen Mediator eine Lösung zu finden, die alle Seiten zufrieden stimmt. Voraussetzung dafür ist, dass die Parteien ergebnisoffen in das Verfahren eintreten. Neben der Mitwirkungsmöglichkeit und der Zufriedenheit der Parteien bietet die Mediation zwei weitere Vorteile: Zum einen fallen bei einer Mediation keine (außer-)gerichtlichen Kosten an. Denn bezahlt wird lediglich der Mediator. Zum anderen führt das Mediationsverfahren zu einem schnelleren Ergebnis als eine gerichtliche Entscheidung.

Ratgeber

Eine ältere Frau lächelt zufrieden.

Glückskurve: Ab 60 geht's bergauf

Ein zuverlässiger Faktor für Zufriedenheit ist das Alter. Die U-Kurve des Glücks erreicht in der Lebensmitte ihren Tiefpunkt. Aber spätestens ab dem 60. Lebensjahr geht es wieder aufwärts. Gute Voraussetzungen für eine erfüllende Lebensphase.

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Glückskurve: Ab 60 geht's bergauf

Ein zuverlässiger Faktor für Zufriedenheit ist das Alter. Die U-Kurve des Glücks erreicht in der Lebensmitte ihren Tiefpunkt. Aber spätestens ab dem 60. Lebensjahr geht es wieder aufwärts. Gute Voraussetzungen für eine erfüllende Lebensphase.

Das Alter hat keinen guten Ruf: Alle wollen alt werden, aber kaum einer will alt sein. Dabei stehen die Chancen für Glück und Erfüllung im letzten Lebensdrittel gut. Tatsächlich werden wir mit zunehmendem Alter immer zufriedener. Psychologen sprechen von der „U-Kurve des Glücks“. Sie beginnt in jungen Jahren recht weit oben, geprägt von Optimismus und Selbstüberschätzung. Ab einem Alter von 30 Jahren fällt sie dann stetig ab. Doch paradoxerweise geht es spätestens ab dem 60. Lebensjahr wieder aufwärts. Wie kann das sein?

Mit Blick auf die drei biografischen Phasen des Menschen unterscheidet Tobias Esch, Professor für Gesundheitsversorgung und -förderung an der Universität Witten/Herdecke drei Arten des Glücks: „Die jüngeren Jahre sind geprägt vom Glück des Wollens“, so Esch. „Die Jungen sind risikobereit und begeisterungsfähig, aber auch kreativ – und manchmal vorlaut.“

Irgendwann ankommen

Anschließend stehe die mittlere Lebensphase eher für das Verteidigen des bis dahin Erreichten. „Wir haben bis dahin eine Menge Zeit und Mühe in verschiedenes investiert und deshalb nun etwas zu verlieren“, so Esch. „In unserem Belohnungssystem schalten wir vermehrt in den Alarm-, Flucht- und Absicherungsmodus und sind erleichtert, wenn Gefahr und Stress eine Pause einlegen.“ Darauf folge in den späteren Lebensjahren der innere Friede des Ankommens: „eine Art inneres Lächeln oder auch tiefe Verbundenheit, generell ein Zur-Ruhe-Kommen.“Gemeint ist das Glück der Erfüllung: Wenn wir Herausforderungen und widrige Umstände gemeistert haben, wenn eine Liebesbeziehung auch nach Krisen noch Bestand hat. Reifere Menschen haben gelernt, mit ihren Gefühlen umzugehen, werden milder und gelassener.

Ältere Menschen reichen sich die Hand zum Tanz.

Für die emotionale Kurve in Laufe eines Lebens gibt es ganz handfeste Gründe, meint Hilke Brockmann, Professorin für Soziologie an der Jacobs Universität Bremen. In mittleren Lebensjahre erleben wir zahlreiche äußere Belastungen: Die anfangs vielleicht zügig aufwärtsstrebende Karriere flacht irgendwann ab, der Job frisst dennoch viel Zeit und Energie. Wer Kinder großzieht, gerät während derer Teenager-Jahre an seine Grenzen. Andererseits müssen vielleicht die eigenen Eltern betreut werden. Mit anderen Worten: Man verliert das eigene Leben aus der Hand. All das ändert sich im Alter: „Wenn das Ende des Berufslebens absehbar ist und die Kinder aus dem Haus sind, wird man von vielen Verpflichtungen entbunden. Man kann wieder zu sich selbst kommen“, sagt Brockmann.

Was bedeutet Erfüllung für mich?

Ob das Alter dann Erfüllung bringt, hängt einerseits damit zusammen, wie man bis dahin gelebt hat – aber auch, was man nun daraus macht. „Wie ich mein Leben rückblickend und aktuell beurteile, hängt vom Maßstab ab, den ich daran anlege“, sagt Brockmann. „Messe ich alles am finanziellen beziehungsweise beruflichen Erfolg? Oder sind mir soziale Bindungen wichtiger?“

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Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten, sind viele Menschen heute nach wie vor gesund und fit, wenn die beruflichen Herausforderungen sich dem Ende nähern. Wenn der Druck durch größere Karriereschritte nachlässt, tun sich Freiräume auf, die genutzt werden können, etwa für soziale Kontakte, Sport, Musik, Literatur, Ehrenamt oder andere Aktivitäten.

Während es in der Mitte des Lebens vorwiegend darum geht, eigene Ziele zu erreichen, gewinnen im Alter der soziale Austausch, Fürsorge und Verbundenheit an Bedeutung. Die Aufmerksamkeit löst sich von der eigenen Person und wendet sich verstärkt anderen zu. Brockmann plädiert dafür, den Eintritt in diese durchaus erfreuliche und vielversprechende Lebensphase zu feiern: „Ähnlich den tradierten Abi-Feiern wären Verrentungsfeste durchaus angemessen – es handelt sich ja auch um das gemeinsame Erlebnis einer Alterskohorte.“ Auch das Alter kann eine höchst soziale Lebensphase sein.

Eine neuer Blick auf unser Leben

Je reifer wir werden, desto besser kennen wir uns selbst. Das ermöglicht uns, neu auf unser Leben zu blicken: „Warum lasse ich mich auf eine Rolle festgelegen, wenn sie mir nicht gefällt? Warum sollte ich meine Persönlichkeit nicht jenseits der 60 oder 70 weiterentwickeln? Das Alter eröffnet die Chance, gegebenenfalls neu zu justieren, was wirklich wichtig im Leben ist“, so Brockmann. Dies könne auch bedeuten, Dinge loszulassen, einen Bruch zu wagen und sich auf Neues einzulassen: Durch was ist mein Lebensstandard definiert, ist das Eigenheim mir wichtig oder eher eine Last? „Es lohnt sich, darüber nachzudenken, etwa das Haus auf dem Land zu verlassen und in die Stadt zu ziehen, wo die Wege kürzer sind, die sozialen und kulturellen Angebote vielfältiger“, sagt Brockmann. Sie empfiehlt, solche Brüche nicht auf die lange Bank zu schieben, sondern bald anzugehen – solange man fit ist.

Zum Weiterlesen

Eckart von Hirschhausen, Tobias Esch: „Die bessere Hälfte“. Die Zufriedenheit nimmt für die meisten Menschen in der zweiten Lebenshälfte zu. Die beiden Ärzte gehen auf die Suche nach dem Glück, das durch Erfahrung, Weisheit und Reife wächst. Erschienen bei Rowohlt.

TEXT: Lars Klaaßen
FOTOS: Bonninstudio / stocksy, Madrugada Verde / Shutterstock, Marissa Rodr / Unsplash, Rowohlt Verlag

Erfüllung: Hände, die einen Setzling in Erde einpflanzen

Gartenarbeit: Erfüllung im Grünen

In der Erde zu wühlen, zu säen, den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen – das tut Körper und Seele gut. Fleißige Gärtner werden mit Farben, Düften und selbstgeerntetem Obst und Gemüse belohnt. Wichtig sind dabei auch etwas Risikofreude und viel, viel Geduld!

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Gartenarbeit: Erfüllung im Grünen

In der Erde zu wühlen, zu säen, den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen – das tut Körper und Seele gut. Fleißige Gärtner werden mit Farben, Düften und selbstgeerntetem Obst und Gemüse belohnt. Wichtig sind dabei auch etwas Risikofreude und viel, viel Geduld!

Als durch den Corona-bedingten Lockdown der Chor und die Sportgruppe nicht mehr stattfinden konnten, hat sich Inge Knipp (Name geändert) in die Gartenarbeit gestürzt. Singen, Turnen und vor allem der Kontakt zu den anderen — alles das, was der 74-Jährigen so wichtig ist, war plötzlich nicht mehr möglich. Es blieb der Garten. „Da hab ich meine ganze Energie reingesteckt und konnte zumindest für eine Weile meine Ängste vergessen“, sagt Knipp.

Unkraut jäten, den Boden lockern, säen, gießen und dann schaut plötzlich der erste Keimling aus der Erde. Ein paar Monate später blüht alles, jedes Jahr ein bisschen anders. Und schließlich kann man selbst angebaute Tomaten und Zucchini, Johannisbeeren und Äpfel ernten. Auch wenn viele Hobbygärtnerinnen und -gärtner gerne mal über „die viele Arbeit“ stöhnen und es ihnen im Rücken zwickt, insgeheim wissen sie, dass Gartenarbeit eine Wohltat für Körper und Seele ist.

Ein Großvater und seine Enkel ernten Obst im Garten.

Höhere Lebenszufriedenheit

Der eigene Garten oder auch öffentliche Grünanlagen waren während des Lockdowns für viele Menschen die Rettung, bestätigt eine Studie der Hochschule Geisenheim. Von März bis Mai 2020 hatte ein Forschungsteam knapp 500 Personen mit und ohne eigenen Garten befragt. Diejenigen mit eigenem Garten – 53 Prozent der Befragten, die meisten von ihnen zwischen 40 und 60 Jahren – waren im Durchschnitt zufriedener mit ihrem Leben. Für die Hälfte von ihnen war der Garten im Corona-Jahr noch wichtiger geworden als ohnehin schon. Im Schnitt haben sie acht Stunden in der Woche hier gewütet. Hinzu kommt die Zeit, in der sie sich dort einfach nur erholen.

Insgesamt verbringen Hobbygärtnerinnen und -gärtner damit etwa doppelt so viel Zeit im Freien wie diejenigen ohne eigenes Grün. Das wirkt sich positiv auf den Vitamin-D-Spiegel aus, der wichtig für die psychische Gesundheit ist. „Laut aktuellen Studien ist das Risiko, an einer Depression zu erkranken, bei niedrigem Vitamin-D-Spiegel fast verdoppelt“, erklärt Catri Tegtmeier, Chefärztin an der Stadtklinik Bad Wildungen. Auch die körperliche Aktivität verbessert das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit erheblich, wie zum Beispiel eine Studie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zeigt.

Gärten zum Mieten

Erfüllung im Garten: Blumenwiese

Auch wer keinen eigenen Garten hat, kann gärtnern: In 19 Städten bieten zum Beispiel die „Ackerhelden“ vorbepflanzte, biozertifizierte Mietbeete an. Mit der Ernte werden bis zu vier Menschen satt. 40 Quadratmeter kosten für eine Saison von Anfang Mai bis Ende November 229 Euro.

Garten als Therapie

Die Bewegung an der frischen Luft, die Freude, die Erfolge und natürlich die wunderbaren Düfte, die einen in einem Garten umgeben, können sogar therapeutisch genutzt werden. In der Gartentherapie entsteht über das Arbeiten im Grünen der Zugang zu Menschen in schwierigen Situationen. „Durch Pflanzen, Natur und Gartenaktivitäten wird das Wohlbefinden positiv beeinflusst“, betont die Gartentherapeutin Susanne Büssenschütt.

Sie unterstützt Senioreneinrichtungen dabei, Therapiegärten einzurichten. Die körperliche Betätigung trainiert zum einen Ausdauer, Koordination, körperliches Wahrnehmen und Gleichgewichtssinn. „Hinzu kommt das Gefühl, eine Sinn bringende Tätigkeit zu verrichten, für die man Anerkennung bekommt. Das steigert das Gefühl der Zufriedenheit.“ Gartentherapie helfe sogar bei akuten und chronischen Schmerzen, denn Ablenkung lasse den Schmerz vergessen. Auch das Gedächtnis wird herausgefordert, meint Büssenschütt: „Die verschiedenen Pflanzen zu erkennen und zu unterschieden, auch über den Geruch, das ist ein gutes Training für das Gehirn.“

Erfüllung im Garten: Ältere Frau mit Blumenstrauß

Egal, aus welchen Gründen man sich an die Gartenarbeit macht, wichtig ist, sich dabei nicht zu überfordern und in Stress zu geraten. So rät der Bio-Gärtner Charles Dowding in seinem Buch Gelassen gärtnern dazu, im Garten die eigene Kreativität zu entfalten und sich weniger von scheinbaren Regeln einschränken zu lassen. Sich die Freiheit zu nehmen, mit dem Garten so umzugehen, wie es einem selbst entspricht und am besten gefällt.

Mut zum Scheitern

Beim gelassenen Pflanzen und Pflegen hilft nicht nur das eigene Gefühl, sondern auch eine gewisse Risikofreude. „Gärtnern, das sollte man nie vergessen, ist ein ewiges Probieren und Studieren“, betont Frances Tophill in seinem Buch Lust auf Garten. Planen, pflanzen und entspannen. „Was in der Theorie funktioniert, kann in der Realität scheitern.“ Pflanzen seien Lebewesen, die ihren eigenen Kopf haben. „Jeder Garten ist anders, Pflanzen wachsen unterschiedlich schnell und Blüten öffnen sich manchmal zu unerwarteten Zeiten.“ Eine gute Übung in Geduld also.

Und am Ende des Tages, wenn man sich erschöpft den Staub von der Hose klopft, blickt man auf die getane Arbeit und weiß – die Mühe hat sich gelohnt.

Indoor Gardening

Grüne Erfüllung: Keimlinge im Blumenkasten zuhause

Auch in der eigenen Wohnung kann man sich einen Garten schaffen. Indoor Gardening heißt das Stichwort, unter dem man im Internet unzählige Treffer findet.

TEXT: Kristina Simons
FOTOS: Karolina Grabowska / Pexels, Nasos Zavoilis / Stocksy, J. Lee / Unsplash, SBphoto / Twenty20, Jen Theodore / Unsplash

Resonanz: im Zelt am See innehalten und Natur erleben.

Resonanz: Sich mitschwingen lassen

Höher, schneller, weiter – so ist unsere Gesellschaft getaktet. Der Soziologe Hartmut Rosa setzt dagegen auf „Resonanz“. Denn Erfüllung erleben wir, wenn wir uns auf die Menschen und Dinge um uns herum einlassen, uns von ihnen berühren und bewegen lassen.

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Resonanz: Sich mitschwingen lassen

Höher, schneller, weiter – so ist unsere Gesellschaft getaktet. Der Soziologe Hartmut Rosa setzt dagegen auf „Resonanz“. Denn Erfüllung erleben wir, wenn wir uns auf die Menschen und Dinge um uns herum einlassen, uns von ihnen berühren und bewegen lassen.

Man kann es selbst ausprobieren und zwei Metronome, die unterschiedlich ticken, auf eine bewegliche Platte stellen. Der Effekt ist verblüffend: Die Geräte nehmen den Schwung des jeweils anderen auf, schwingen mit und schon nach kurzer Zeit schlagen die beide Metronome im gleichen Takt. Für den Soziologen Hartmut Rosa ist es ein passendes Bild, wenn er seinen Begriff der Resonanz beschreibt. „Ich meine mit Resonanz eine Beziehung zur Welt, in der man einerseits offen ist, um sich berühren zu lassen, vielleicht ergreifen zu lassen, aber andererseits auch selber seine eigene Stimme entfalten kann und damit etwas oder jemanden erreichen kann in der Welt“, sagte Rosa in einem Interview.

Resonanz entsteht laut Rosa also da, wo der Mensch sich berühren, inspirieren und bewegen lässt von den Begegnungen, die er hat. Diese Begegnungen können mit Menschen sein, mit der Natur oder mit einer sinnhaften Tätigkeit. Doch um all das wirklich wahrzunehmen, brauche es eine Offenheit dafür, denn wir müssen in der Lage sein, diese Resonanz auch zu spüren.

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Tempo rausnehmen und sich öffnen

Es kann so einfach sein. So wie unser Sommer auf einem kleinen Campingplatz: unser Zweier-Zelt, ein winziger Kocher, das Fahrrad an den Baum gelehnt. Mein Sohn stapfte morgens los, um mit den anderen Kindern zu spielen. Ab und an kam er wieder, wenn er Durst hatte oder Hunger. Ich war unterdessen damit beschäftigt, mir einen Kaffee zu kochen, in den Himmel zu schauen, zu beobachten wie die Bäume sich im Wind wiegten, wie die Vögel flogen und wie die Wellen auf dem See sich kräuselten. Vielleicht las ich was, vielleicht auch nicht, ich kann mich nicht mehr erinnern.

Es war ein Müßiggang par Exzellenz. Das Smartphone hatte keinen Empfang: keine Emails, keine digitalen Verlockung. Stattdessen beobachtete ich mit wachsender Neugierde die Natur um mich herum. Ich erinnere mich an die tiefe Zufriedenheit, die mich dabei erfüllte.

Resonanz: Eine Frau blickt lachend in den Rückspiegel.

Der Soziologe Rosa sieht Resonanz als eine Voraussetzung für das gute Leben, die uns zunehmend abhanden kommt. Stattdessen leben wir in einer Welt, die sich immer weiter beschleunigt – angetrieben von einem Wirtschaftssystem, das auf permanentes Wachstum setzt, auf ständigen Fortschritt und auf Konkurrenz. Zufriedenheit sei dagegen ein Zustand, der negativ besetzt sei, weil er Stillstand suggeriere.

Ohne Plan und ohne Ziel

Ängste, Stress, extremer Zeitdruck und starker Wettbewerb – das alles halte uns davon ab, in Resonanz zu treten. Statt Muße zu suchen, versuchen wir, uns die Welt verfügbar zu machen. Wir reisen in ferne Länder, zapfen im Internet das Wissen der gesamten Welt an oder scrollen uns per Streaming durch unendlich viele Filme oder Serien. Wir erleben dabei aber keine Resonanz, sondern ein Verstummen der Welt, das Leere und Unzufriedenheit auslöse, so Rosa. Zwar könne man Resonanz nicht erzwingen. Aber man könne seine Haltung ändern und Bedingungen schaffen, unter denen Resonanz möglich werde. Es gehe darum, Platz zu schaffen für das Absichtslose, das reine Spielen und Staunen, nur so zur Freude oder zur Muße. Sich auch auf das Unkontrollierbare und Ungeplante einzulassen.

Resonanz: Ein Schwarm Kraniche fliegt in den Süden.

Als Belohnung spürt man dann plötzlich eine Gänsehaut vom kühlen Wind. Die Angeregtheit bei einer spannenden Diskussion mit Freunden. Die Ergriffenheit beim Anblick des gigantischen Sternenhimmels oder tiefe Zufriedenheit durch einen einfachen Campingtag. Und natürlich beschränkt sich Resonanz nicht auf die schönen Gefühle. Sie kann uns auch die Tränen in die Augen treiben, etwa wenn wir eine traurige Geschichte hören.

Ganz konkret setzt der Soziologe Rosa auf zwecklosen Müßiggang und empfiehlt beispielsweise, Musik zu hören. Für mich war in diesem Sommer der Sound der Natur meine Musik. Ich hörte die Stimmen der Vögel, das Rauschen des Windes, das Summen der Insekten. Danach habe ich mir wieder ein altes Mobiltelefon gekauft. Wenn ich mein Smartphone nicht unbedingt brauche, bleibt es nun zuhause. Das hilft dabei, offen zu bleiben: für die Wunder des Alltags und die Resonanz, die sie in mir auslösen.

Zum Weiterlesen

Lesetipp Erfüllung durch Resonanz

Harmut Rosa: „Resonanz“. Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. Der Soziologe Hartmut Rosa plädiert dafür, den Blick auf die Welt um uns herum zu öffnen, als Individuen und als Gesellschaft. Erschienen im Suhrkamp Verlag.

GESPRÄCH: Karl Grünberg
FOTOS: Josh Hild / Pexels, Misha Dumov / Stocksy, Secretgarden / Photocase, Tim Mosshol / Unsplash, Suhrkamp Verlag

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